Emma Maersk Klasse

Wirtschaftswachstum ohne Jobs

Ein steigendes Bruttoinlandsprodukt ist zu wenig, um das Problem der Arbeitslosigkeit zu bekämpfen


4.10.2005
Die deutsche Volkswirtschaft wächst. Trotzdem verschärft sich das Problem der Arbeitslosigkeit. Ökonomen gehen davon aus, dass erst ab einem Wachstum von zwei Prozent plus X die Arbeitslosigkeit dauerhaft sinken könnte.

(© Mick Vincenz)
    "Wir wollen uns jederzeit daran messen lassen, in welchem Maße wir zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit beitragen."
    Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner ersten Regierungserklärung im November 1998 vor dem Deutschen Bundestag
Die Ampel für die Wirtschaft steht auf "grün", doch keiner gibt Gas und es fehlt an Jobs. 2004 wuchs die deutsche Volkswirtschaft um 1,6 Prozent, für eine entwickelte Ökonomie durchaus ein respektabler Wert, und trotzdem verschärfte sich das Problem der Arbeitslosigkeit. 2005 waren es dann nur noch 0,9 Prozent. Ökonomen gehen jedoch davon aus, dass erst ab einem Wachstum von zwei Prozent plus X die Arbeitslosigkeit dauerhaft sinken könnte.

Unter Kanzler Helmut Schmidt übersprang 1981 die Zahl der Erwerbslosen in der Bundesrepublik erstmals dauerhaft die Millionen-Marke. Seither mangelt es grundsätzlich an bezahlter Beschäftigung. Während beispielsweise mehr als 75 Prozent der Dänen zwischen Schule und Rente ihr Geld mit einer bezahlten Tätigkeit verdienen, sind es hierzulande nur etwa 65 Prozent. Aber immerhin, zuletzt zählte das Statistische Bundesamt 38.777 Millionen abhängige und selbständige Erwerbstätige, vom Full-Time-Job bis zur geringfügigen Beschäftigung. Für eine tatsächliche Vollbeschäftigung fehlen allerdings mindestens fünf Millionen volle Stellen in Wirtschaft und Verwaltung.


Das Arbeitsloch würde selbst eine anziehende wirtschaftliche Entwicklung nicht stopfen können, da sind Sachverständigenrat und Nürnberger Arbeitsverwaltung einer Meinung. Erst ab zwei Prozent Wirtschaftswachstum sei an Job-Wachstum zu denken. Auch die Konjunkturexperten vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zeichnen ein tristes Zukunftsbild. "Für mehr Jobs benötigen wir ein jährliches Wirtschaftswachstum von ungefähr zwei Prozent", heißt es beim Berliner DIW. Diese Zahl ergebe sich aus den Erfahrungen der Konjunkturforscher und spiegle den Produktivitätsfortschritt plus die steigenden Preise wider. Da sich an diesen beiden Punkten ebenfalls die Gewerkschaften mit ihren Lohnforderungen orientieren, ergebe sich bei zwei Prozent ein Null-Summen-Spiel am so genannten Arbeitsmarkt. DIW und Sachverständigenrat appellieren daher an die Gewerkschaften, "den Produktivitätsspielraum nicht voll auszunutzen".

Selbst fünf Prozent Wachstum schafft kaum neue Arbeit



Selbst wer einen solchen Verzicht für politisch realistisch oder ökonomisch wünschenswert hält - was die Memorandums-Gruppe um Rudolf Hickel, die jährlich das Gegengutachten zum Sachverständigenrat erstellt, bestreitet, die Massenarbeitslosigkeit wird sich auf diesem Wege jedenfalls nicht beseitigen lassen. DIW-Experte Victor Steiner rechnet vor, dass wir drei Jahre lang ein Wirtschaftswachstum von vier bis fünf Prozent benötigen, um wenigstens die "konjunkturelle" Lücke von 500.000 bis 800.000 Arbeitslosen zu schließen. Millionen Menschen würden dann trotzdem weiterhin vergeblich nach Arbeit suchen, und die nächste Konjunkturdelle kommt bestimmt.

Seit dem Ende des "Wirtschaftswunders" in den Sechzigerjahren, mit einem preisbereinigten Wachstum im Jahresdurchschnitt von acht Prozent sind forsche Anstiege des Bruttoinlandsproduktes rar geworden, in den Achtzigern reichte es nur noch zu rund zwei Prozent, und nach dem Ende des zwischenzeitlichen Vereinigungs-Booms ist der Schnitt weiter deutlich gesunken - und eine grundlegende Wende ist realistischerweise nicht zu erwarten. So wird in der Studie "Deutschland 2020", die von der renommierten Prognos AG erstellt wurde, ein durchschnittliches Wachstum des Bruttoinlandsproduktes bis 2020 von 1,9 Prozent im Jahr erwartet. Schön wär's, aber doch zu wenig, um neue Jobs zu schaffen.

Für die Kluft zwischen Wachstum und Arbeit gibt es eine Reihe von Gründen. Zunächst, "Arbeitslosigkeit" ist nicht deckungsgleich mit "Beschäftigung". Hier spielen - sehen wir von den aktuellen Hartz-IV-Arbeitslosen einmal ab - vor allem demografische Entwicklungen eine Rolle. Aber auch die "Beschäftigung" läuft nicht parallel zur Wirtschaftsentwicklung. Schuld daran ist der technische Fortschritt und damit die zunehmende Produktivität im Lande, mit immer weniger Menschen können immer mehr Waren (oder Dienstleistungen) produziert werden.

Die Konsequenz ist bitter. Realistischerweise kann ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von mehr als zwei Prozent nicht erwartet werden, die Politik darf also bei ihrer Arbeitsmarktpolitik nicht allein auf den nächsten Konjunkturaufschwung hoffen. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte Erfolg oder Misserfolg seiner Regierung an die Entwicklung der Arbeitslosigkeit geknüpft. Insofern sind die Ideen hinter den Arbeitsmarktreformen "Hartz" nachvollziehbar. Aber: Die Job-Vermittlung zu verbessern, schafft noch keine neuen Jobs. Daran werden auch die sozialpolitisch heiklen Ein-Euro-Jobs und die neuen Ich-AG's nicht wirklich etwas ändern.

Wirtschaftswissenschaftler fordern daher - je nach wirtschaftspolitischer Orientierung - eine weitere Liberalisierung des Arbeitsmarktes sowie mehr Billigjobs, nach britischem Vorbild, oder staatliche, keynesianische Konjunkturprogramme, die notfalls auch per Kredit finanziert werden, wie es die USA vormachen. "Ich hinterlasse meinen Kindern dann nicht nur Schulden, sondern auch ein fertiges Haus", hält Starökonom Wilhelm Hankel einen weiteren Schuldenberg für tragbar.

Chancen auf ein Job-Plus sehen fast alle Ökonomen in neuen Innovationen. Bestseller-Autor Jeremy Rifkin empfiehlt zudem, den größten internen Markt der Welt schnell zu vereinheitlichen: Europa könne Deutschlands "goldene Gans" werden. Ansonsten heilt auch in diesem Fall die Zeit manche Wunde: Die Arbeitslosigkeit wird aufgrund der Veralterung sinken. Heute sind weniger als ein Drittel der Bürger älter als 65 Jahre, in 20 Jahren werden es schon fast 40 Prozent sein.



 

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