Emma Maersk Klasse

Konjunktur und Konjunkturprognosen


2.4.2007
Kaum eine Wirtschaftsnachricht kommt ohne einen Bezug auf die Konjunktur aus. Sie scheint den Zustand der Wirtschaft zu beschreiben. Doch was sagen uns die zahlreichen "Konjunkturbarometer" von Ifo bis ZEW wirklich?

(© Mick Vincenz)

Konjunktur



    "Es ist eine Rezession, wenn Dein Nachbar seinen Job verliert; es ist eine Depression, wenn Du Deinen eigenen Job verlierst." – Harry S. Truman, US-Präsident (1945-1953)
Kaum eine Wirtschaftsnachricht kommt ohne einen Bezug auf die Konjunktur aus. Generell scheint sie den Zustand der Wirtschaft zu beschreiben: Läuft die Konjunktur gut, so gibt es mehr Jobs, höhere Gehälter und der allgemeine Wohlstand erhöht sich. Läuft die Konjunktur nicht gut, ist es umgekehrt.

In der Wirtschaftswissenschaft ist die Konjunktur enger gefasst: Hier zeigt sie den kurzfristigen Zustand der Wirtschaftsleistung, also die Summe all dessen, was neu produziert wird, an, den langfristigen Trend hingegen erfasst der Begriff des Wachstums, welches positiv und negativ sein kann. Wirtschaftsdaten sind konstantem Wandel unterworfen. Dies liegt an der Natur der Sache: Wirtschaft, Konjunktur und Wachstum sind das Ergebnis von weltweit Milliarden individuellen menschlichen Entscheidungen. Es wäre also ein reiner Zufall, wenn alles sich immer stetig entwickeln würde. Daher gibt es den langfristigen Trend, auch der Wachstumspfad genannt, die Schwankungen hingegen bezeichnet die Konjunktur.

Wissenschaftler haben in der bisherigen Wirtschaftsentwicklung unterschiedliche Frequenzen von Zyklen in der Wirtschaft ausgemacht, doch der Konjunkturzyklus bezeichnet zwei je einige Jahre andauernde, sich abwechselnde Phasen, und zwar Aufschwung (= Beschleunigung des Wachstums der jährlichen Wirtschaftsleistung) und Rezession (= Absinken des Wachstums der jährlichen Wirtschaftsleistung, aber immer noch positive Wachstumsraten). In extremen Fällen kommt es sogar zu einem Boom (sehr hohe Zuwachsraten in der Wirtschaft) oder einer Depression (die Wirtschaft schrumpft, also negative Wachstumsraten).

Wichtig ist auch die Unterscheidung zweier Komponenten in der Konjunktur- und Wachstumsentwicklung. Einerseits gibt es Veränderungen der realen Wirtschaftsdaten und Produkte (es werden z.B. mehr Autos produziert), andererseits die Veränderungen ihrer Preise (dieselbe Anzahl an Autos kostet mehr). Steigen die Preise generell im Durchschnitt, so gibt es eine Inflation, im selteneren Fall sinkender Preise eine Deflation. Meistens spielen beide Größen – reale Produktion und Preise – in der Konjunktur eine Rolle und bedingen einander. In den siebziger Jahren gab es sogar ein Phänomen der "Stagflation"d.h. es wurde weniger produziert, aber zu höheren Preisen, was natürlich eine sehr schlechte Konjunkturlage darstellt.

Wie oben erwähnt ist die Konjunktur das Ergebnis vieler individueller Entscheidungen. Die Wirtschaftswissenschaft versucht, Ursachen und Wirkungen der Konjunktur zu analysieren und Gesetzmäßigkeiten zu entdecken. Manchmal helfen benachbarte Wissenschaften: Sonnenflecken-Phänomene, die Astrophysiker identifizieren und Jahrhunderte weit zurück berechnen können, können schlechte Erntejahre hervorgerufen haben, und somit Wirtschaftskrisen in den Zeiten erklären, in denen der Agrarsektor bedeutender als heute war. Beobachtungen aus der Biologie und Psychologie zum Verhalten von sozialen Gruppen können den an der Börse oft zu beobachtenden Herdentriebs erklären, der dort Kurseinbrüche, und (in moderneren Wirtschaften) sogar eine Konjunkturkrise verursachen kann – bis hin zu einer Depression. Die "Große Depression" in den USA von 1929-1933 hat hierin eine ihrer Ursachen.

Von zentralem Interesse der Konjunkturforschung sind zwei Bereiche. Zum einen die Wirtschaftspolitik, die sich zum Teil bemüht, Konjunkturschwankungen möglichst gering zu halten - vor allem, um die negativen Trends und Rezessionen zu mildern. Dies ist jedoch auch riskant, denn gerade durch dieses Bemühen kann sie ihrerseits zu den Schwankungen beitragen: Anders als bei Millionen individuellen Entscheidungen können Politiker auch durch einzelne Entscheidungen sehr viele wirtschaftliche Größen auf einmal bewegen, z.B. durch Subventionen oder Steuern. Auch eine Zentralbank, die über die Geldpolitik entscheidet, steuert über den Zins einen wesentlichen Bestandteil der Konjunktur. Der zweite zentrale Bereich ist das Prognostizieren des künftigen Konjunkturverlaufs, was sowohl für die Wirtschaftspolitik als auch für private Zwecke (z.B. Vermögensanlage) nützlich sein kann.

Konjunkturprognosen


    "Es gibt drei Arten von Lügen: Lügen, verdammte Lügen, und Statistiken." – Benjamin Disraeli, britischer Premierminister im 19. Jhd., nach Mark Twain
Sehr hilfreich im Umgang mit der Konjunktur wäre es zu wissen, wohin sie sich in nächster Zeit bewegt. Würden wir z.B. wissen, ob die Wirtschaftsleistung weiter steigt, könnten wir auf steigende Aktienmärkte setzen und Aktien kaufen, Politiker würden in der Haushaltsplanung höhere Steuereinnahmen berücksichtigen, und so weiter. Das Problem ist: Eine Konjunkturprognose ist, wie jede Aussage über die Zukunft, ungewiss. Die Probleme fangen bereits in der bloßen Feststellung an, wo wir uns aktuell in der Konjunktur befinden. Wirtschaftsdaten müssen erst gesammelt, aufgearbeitet und normiert werden, was bedeutet, dass wir erst dann erste Schätzungen zur Konjunktur haben, wenn schon einige Monate des entsprechenden Jahres vergangen sind. Diese Schätzungen werden für vergangene Jahre immer wieder revidiert, je mehr Daten dazu zur Verfügung stehen.

Dies gilt auch für die Konjunkturprognosen der großen Forschungsinstitute, Zentralbanken, aber auch privater Finanzinstitute und Verbände. Im besten Fall können sie Aussagen über kurzfristige Trends machen; genaue Zahlen jedoch treffen sie eher zufällig. Für die Ermittlung der aktuellsten Daten und Prognosen bedienen sich die Forscher der Umfragen bei Unternehmen und Wirtschaftsverbänden, sowie mathematischer Methoden der Statistik. Umfrageergebnisse zu Stimmungen und Konjunkturmeinungen werden dann in Konjunkturindizes (manchmal auch "Konjunkturbarometer") numerisch umgesetzt, so z.B. durch das ifo-Institut in München oder das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, die monatlich Berichte zur aktuellen Konjunkturlage und zu kurzfristigen Trends veröffentlichen.

Konjunkturprognosen haben meistens einen Horizont von höchstens zwei Jahren. Alles darüber hinaus sind langfristige Prognosen zum Wachstum und generellen strukturellen Entwicklungen, die zunehmend unsicherer werden. Zu dieser Kategorie gehören dann beispielsweise Aussagen zur demographischen Entwicklung bis 2050.

Letzten Endes sind Konjunkturprognosen zwar begrenzte, aber häufig durchaus hilfreiche Mittel zur Orientierung in der Wirtschaftspolitik und Konjunkturforschung. Oft reicht es eben schon zu wissen, ob die Konjunktur weiter expandiert oder aber eine Rezession droht, so dass entsprechende Maßnahmen ergriffen werden können, von Seiten der Wirtschaftspolitik bis hin zur privaten Anlageentscheidung und Unternehmensstrategien. Und Börsen reagieren bekanntermaßen ja stets neben wirklichen Ereignissen auch auf Meinungen. Konjunkturprognosen – selbst wenn sie falsch liegen – können damit in einer Art "selbst erfüllender Prophezeiung" dann genau die Konjunkturwirkung auslösen, die sie erwarten.



 

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