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Wettbewerb und Wettbewerbspolitik

29.6.2006
Allgemein lässt sich Wettbewerb definieren als Ordnungsprinzip zur Koordination und Steuerung des Verhältnisses zwischen Individuen und Gruppen, die das gleiche Ziel anstreben.

Allgemein lässt sich Wettbewerb definieren als Ordnungsprinzip zur Koordination und Steuerung des Verhältnisses zwischen Individuen und Gruppen, die das gleiche Ziel anstreben.



Auszug aus:
Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik - Wettbewerb/Wettbewerbspolitik

1. Begriff und Elemente



Wettbewerb ist ein zentrales Element, das das gesellschaftliche Geschehen in der BRD bestimmt. Es ist im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich als Prinzip anerkannt, das neben Vorteilen für das Individuum umfassende gesellschaftlich positive Wirkungen zeitigt. Diese werden zum einen in der Steigerung der allgemeinen Wohlfahrt, zum anderen in der Förderung der allgemeinen Freiheitsidee gesehen. Ursprünglich als konstituierendes Prinzip für die Wirtschaft gedacht, gilt der Gedanke des Wettbewerbs im Zeitalter der Globalisierung als zentrale Herausforderung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Definieren lässt sich Wettbewerb allgemein als Ordnungsprinzip zur Koordination und Steuerung des Verhältnisses zwischen Individuen und Gruppen, die das gleiche Ziel anstreben (vgl. Abromeit 1973: 466). Wettbewerb kann für eine Vielzahl von Bereichen menschlichen Zusammenlebens "veranstaltet" werden. Die unterstellten positiven Wirkungen sind aber nur zu erreichen, wenn das Merkmal der Konkurrenz mit den Kriterien "Vernunft" und "Solidarität" gekoppelt wird.

Unverzichtbare Elemente eines jeden Wettbewerbs sind die Orientierung auf ein Ziel - z.B. Leistungssteigerung, Gewinnoptimierung, Stimmenmaximierung (, das Vorhandensein von mindestens zwei Wettbewerbern, die Sicherstellung des Leistungsanreizes, die Existenz von Handlungsalternativen sowie die Ungewissheit über den Ausgang des Konkurrenzvorgangs.

2. Wettbewerb im Kapitalismus und Sozialismus



Die Funktionen des Wettbewerbs werden nicht in allen Gesellschaftssystemen übereinstimmend gesehen.

In der ehemaligen DDR galt Wettbewerb lediglich als Mittel zum Zweck, nämlich als "die umfassendste Form der Masseninitiative der Werktätigen zur Durchsetzung des Fortschritts in der sozialistischen Gesellschaft" (Eichhorn 21971: 513). Die in der kapitalistischen Gesellschaft herrschende Art der Konkurrenz wurde im Gegensatz dazu als Instrument der Ausbeutung der arbeitenden Klasse verurteilt.

In der BRD galt und gilt Wettbewerb in Verbindung mit Privateigentum an Produktionsmitteln als entscheidende Grundlage der Sozialen Marktwirtschaft. Diese wiederum gilt als sinnvolle Ergänzung, ja als Voraussetzung für Legitimität und Stabilität der liberal-pluralistischen Demokratie. Die Freiheit auf dem Markt, so heißt es, führe nicht nur zu einer optimalen Allokation von Ressourcen, nicht nur zu einer hohen Produktivität, sondern auch zu sozial gerechten Tauschbeziehungen nach dem Prinzip "Leistung für Gegenleistung" (vgl. Prosi 1988: 36). Im Übrigen werde mit dem Wettbewerb der Beseitigung der "eigentlichen Sozialkrankheit unserer Zeit", der Konzentration von Macht in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, entgegengewirkt (vgl. Röpke 41966: 55).

3. Wettbewerbstheorie



Erkenntnisziel, Objekt und Methoden der Wettbewerbstheorie weichen stark voneinander ab. Die nichtmarxistische sozialwissenschaftliche Theorie in der BRD hat sich mit dem Wettbewerb vor allem unter den Aspekten "Sozialwahlmechanismus" und "Interdependenz von Politik und Wirtschaft" auseinandergesetzt. In jüngster Zeit hat sie sich darüber hinaus dem Verhältnis von Wettbewerb, Globalisierung und Nationalstaat zugewandt. Im Unterschied dazu hat die marxistische politische Ökonomie das Schwergewicht ihrer Analyse stets darauf gelegt, innere Widersprüche des marktwirtschaftlich-kapitalistischen Systems aufzudecken und im Zusammenhang damit historische Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung herauszuarbeiten. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und dem Zerfall der Sowjetunion ist es um diesen Theorieansatz still geworden. Fast scheint es so, als werde die weltweite Entgrenzung und Verflechtung des Wettbewerbs bestenfalls noch als "Kapitalmarxismus ohne Marx" interpretiert (vgl. Beck 1998: 9).

Ihre theoretische Grundlegung hat die Soziale Marktwirtschaft zu einem erheblichen Teil durch die Nationalökonomie erfahren. Diese unterscheidet zwischen dem Konzept der vollständigen und dem Konzept der funktionsfähigen bzw. wirksamen Konkurrenz.

Zentrale Idee der vollständigen Konkurrenz ist der Zusammenfall von Einzel- und Gesamtinteresse nach Art einer "unsichtbaren Hand". Der preislich bestimmte Ausgleich von Angebot und Nachfrage führt zu einer optimalen Erfüllung von Konsumentenwünschen, sorgt dafür, dass die Produktionsfaktoren effizient eingesetzt werden, der technische Fortschritt gewährleistet ist und eine "gerechte" Einkommensverteilung stattfindet. Als wesentliche Voraussetzungen für einen derartigen Wettbewerb gelten Stabilität des Geldwerts, offene Märkte, Privateigentum an Produktionsmitteln, Vertragsfreiheit, Haftung sowie Konstanz der Wirtschaftspolitik (vgl. Eucken 1967: 160 ff.).

Dem Konzept der vollständigen Konkurrenz ist vorgeworfen worden, über der Theorie die Praxis vernachlässigt zu haben. Gegenmodell ist der Versuch, einen allgemein gültigen Katalog von Kriterien bezogen auf Marktstruktur, Marktverhalten und Marktergebnis zu erarbeiten, mit dessen Hilfe sich prüfen lässt, ob der Wettbewerb auf bestimmten Märkten funktionsfähig ist oder nicht. Dieser Versuch hat ebenso wenig zu einem abschließenden zufriedenstellenden Ergebnis geführt wie die Bemühungen um die Formulierung eines allgemeinen, abstrakten Leitbilds der funktionsfähigen Konkurrenz (vgl. Olten 21998: 85 f.).

Daran ändert auch das von Erhard Kantzenbach entwickelte Leitbild der "optimalen Wettbewerbsintensität" nichts. Es sucht den dynamischen Funktionen des Wettbewerbs, Anpassungsflexibilität und rasche Durchsetzung von Produkt- und Prozessinnovationen (vgl. Kantzenbach 1966: 17), zum Durchbruch zu verhelfen. Der Vorstellung eines weiten Oligopols mit mäßiger Produktdifferenzierung und unvollkommener Markttransparenz ist von Erich Hoppmann entgegengehalten worden, Wettbewerbsfreiheit und ökonomische Vorteilhaftigkeit seien keine Gegensätze, deshalb lasse sich letztere auch nicht durch einen partiellen Verzicht auf erstere erkaufen (vgl. Olten 21998: 97). Mit der Wende zu einem liberal-konservativen Leitbild der Wirtschaft in den 1980er Jahren wurde die Theorie des funktionsfähigen Wettbewerbs zudem von den Vertretern der sog. Chicago-School als überflüssig und wettbewerbspolitisch irrelevant abgetan. Unter Rückgriff auf ordnungspolitische Vorstellungen der klassischen Nationalökonomie wurde stattdessen die Maximierung der Konsumentenwohlfahrt zum alleinigen Kriterium der Wettbewerbspolitik erklärt. Sicherlich hat hier auch die enttäuschende "Performance" der Wettbewerbspolitik der vorangegangenen Jahrzehnte eine Rolle gespielt.

Trotz aller Kontroversen zeichnet sich in der Wettbewerbstheorie zwischenzeitlich eine Art Minimalkonsens über Prinzipien ab, die der Wettbewerbspolitik zugrunde zu legen sind (vgl. Olten 21998: 107). Dazu gehören die Erkenntnis, dass die Wettbewerbsbedingungen auf solchen Märkten günstig erscheinen, auf denen

  • ein geringer Konzentrationsgrad, aber keine atomistische Struktur herrscht,
  • niedrige Marktzutrittsschranken oder Marktaustrittschranken bestehen,
  • Produkte angeboten werden, die sich in der Expansionsphase befinden.



 

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