Ein Containerschiff verlässt den Hafen von New York.

Loyalität: Auf beiden Seiten

Dr. Michael Aßländer


27.1.2005
In Zeiten steigender Arbeitslosenzahlen erwarten Unternehmen zunehmend die flexible Arbeitnehmerin bzw. den flexiblen Arbeitnehmer. Doch die oft geforderte Flexibilität darf von den Unternehmen nicht einseitig ausgenutzt werden, so Dr. Michael Aßländer.



Textversion des Video-Interviews

Wir haben heute internationale Produktionsstandards. Wir haben eine Verlagerung von Betrieben – gerade jetzt, mit der Osterweiterung in die tschechisch-polnischen Nachbarstaaten. Wir haben das Phänomen, dass sehr viele lohnintensive Produktionen in Ländern der Dritten Welt stattfinden. Wir sind nicht mehr in der Lage, durch nationales Recht einzugreifen. Das heißt, Unternehmen haben schon lange erkannt, dass sie generell allgemeine Verhaltensstandards in ihrer Branche, in ihrem Unternehmen, für Subunternehmer innerhalb der Lieferkette usw. durchsetzen müssen. Das ist eine neue Debatte innerhalb der Wirtschaftsethik: Es geht nicht mehr ausschließlich nur um unternehmerische Verantwortung, um Arbeitsplatzsicherheit, es geht letztendlich um global wirksame Selbststeuerungsmechanismen innerhalb der Unternehmen.

Verantwortung im Bereich der Unternehmen geistert als Begriff häufig durch die Medien. Was andererseits wenig betont wird, ist die Verantwortung des einzelnen Konsumenten, die Verantwortung des einzelnen Mitbürgers – wobei es auch um Aufklärungsarbeit im Bereich der politischen Bildung ginge. Ich nenne ein einfaches Beispiel: Konsumentenentscheidungen in der Textilindustrie. Da gibt es Schwierigkeiten, es geistern Schlagworte durch die Medien: Kinderarbeit, Sozialstandard, Produktionsstandards, umweltgefährdende Stoffe u.ä. Diese Kaufentscheidungen werden aber vom Konsumenten mit getroffen. Die Schwierigkeit besteht hier, dass man einerseits mit moralischen Maßstäben misst, andererseits aber auch als Konsument nicht bereit ist – in Anführungszeichen – den Preis dafür zu bezahlen.

Ich glaube, das Grundproblem in der Mannesmann-Debatte war, dass man in der Öffentlichkeit nicht sauber unterschieden hat zwischen der rein juristischen Fragestellung – also der Frage nach der Legalität dessen, was passiert ist, was vielleicht momentan erlaubt ist, vielleicht aber in Zukunft auch nicht mehr erlaubt sein wird, auf der einen Seite, also aktienrechtliche Fragen –, auf der anderen Seite aber dem moralischen Aspekt, nämlich der Frage: Wie weit ist es zulässig, Herrschaftswissen einseitig auszunutzen? Wie weit ist es zulässig, wohl wissend, dass eine Unternehmung sterben wird oder zumindest in einer Fusion aufgelöst wird, sich hierfür sozusagen noch Gehälter zahlen zu lassen?

Was die moralische Seite anbelangt, ist es natürlich immer auch sehr schwer, in einer aufgeheizten Debatte von vornherein Stellung zu beziehen. Andererseits glaube ich, dass man, wenn man weiterhin ein Mandat der Öffentlichkeit haben will, als Unternehmen sehr vorsichtig sein muss mit dem, was man tut. Und hier sind, glaube ich, Unternehmen aufgerufen – wenn sie Verantwortung wahrnehmen wollen – auch darüber nachzudenken, was tatsächlich durch ein öffentliches Mandat gedeckt sein kann und was nicht.

Auf der einen Seite erwartet man einen selbständigen Arbeitnehmer, man erwartet die Ich-AG, man erwartet jemanden, der seine Arbeitskraft als Freelancer beliebig zur Verfügung stellt, der flexibel ist. Auf der anderen Seite nutzt man die Flexibilität aber für seine eigenen unternehmerischen Interessen. Ich glaube, wenn es eine Art sozialen Vertrag geben soll, zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, dann ist dieses Maß an Loyalität, dieses Maß an Sicherheit, das man einem Arbeitnehmer gewährt, auch von den Unternehmen gefordert.

06. Mai 2004

Das Interview führte Sonja Ernst
Kamera: Moritz Siebert
Schnitt: Steffi Niederzoll
 
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