Ein Containerschiff verlässt den Hafen von New York.

Unternehmensleitbilder - nur eine Mode?

Dr. Martin Büscher


27.1.2005
Je höher das vorherrschende "Skandalniveau", desto größer ist die Sensibilität von Unternehmen für Fragen der Ethik. Doch die Herausforderung besteht darin, so Dr. Martin Büscher, ethische Werte tatsächlich im Unternehmensalltag zu verankern.



Textversion des Video-Interviews

Es ist durchaus modisch geworden für Unternehmen, ein Leitbild zu haben und da auch bestimmte Grundsätze von Mitarbeiterführung, von Nachhaltigkeit, von Unternehmensgrundsätzen, Vertrauen, Offenheit, guter Kommunikation usw. festzuschreiben. Aber häufig ist es auch das, was man sein will, aber nicht unbedingt das, was man ist.

In der Bauindustrie gibt es oft Codes of Conduct, gerade weil bisher so viel Korruption festzustellen war. Je stärker das Skandalniveau – also bei Shell damals oder bei bestimmten Korruptionsfällen – desto höher ist die Sensibilität, die plötzlich durch Ereignisse geschaffen wird. Und damit steigt auch die Bereitschaft, bestimmte Probleme überhaupt erst einmal richtig wahr zu nehmen. Aber die Herausforderung einer modernen Unternehmensethik ist es gerade, das im Unternehmensalltag zu verankern – also nicht nur in der Hochglanzbroschüre, sondern im Unternehmen selbst Managementsysteme zu entwickeln, so dass so etwas wie Werteorientierung Alltagsgeschäft wird und eben nicht nur die Werte aufgegriffen werden, von denen man denkt: Das sieht schick aus und klingt immer gut, wenn man für Freiheit, Verantwortung und sozialen Ausgleich ist.

Öffentliche Verständigung ist immer sehr schwierig. In der Regel ist das so, wie Herr Thierse das heute nannte: Vorwurfsrethoriken, die da ausgetragen werden. Meine Erfahrung ist: Je vertrauter die Atmosphäre ist, je neutraler ein Forum, desto mehr kann man auch über eine zweite, eher versteckte Dimension, ein zweites Gesicht sprechen. Ich nenne das immer "die Hermeneutik des dritten Bieres": Wenn man nett und gemütlich zusammen sitzt und dann das, was man auf dem Podium nicht bereit zu sagen war, plötzlich doch sagt. Das kann meinetwegen ein Zielkonflikt eines Vaters, Ehemanns und Bürgers im Bezug auf Umweltinteressen sein, der in der chemischen Industrie tätig ist, wo eine bestimmte Etikette gelten mag. Da können durchaus in einzelnen Personen solche Zielkonflikte präsent sein. Aber andererseits gibt es natürlich auch bestimmte wirtschaftliche Kriterien, die als Sachzwänge hervorkommen: Harter Wettbewerb, Kostendruck, usw., wo ich nachvollziehen kann, dass auch Unternehmer in Entscheidungsnöte geraten können. Um so mehr, glaube ich, ist es nötig zu fragen: Wie kann man Rahmenbedingungen – sozialökologische, lebensweltliche, kulturelle Kriterien – so gestalten, dass hoher Konkurrenzdruck nicht das einzige Kriterium für unternehmenspolitische Entscheidungen ist?

06. Mai 2004

Das Interview führte Sebastian Kauer
Kamera: Moritz Siebert
Schnitt: Steffi Niederzoll
 
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