Das Vorbereitungsspiel der Deutschen Fußballnationalmannschaft gegen das US-Team am 22. März 2006 war – so die eindeutige Meinung der Kommentatoren in den Medien – so wichtig wie nie ein Länderspiel zuvor, obwohl es letztlich "um nichts ging": Die erhoffte positiv Trendwende im Selbstbewusstsein der Nationalmannschaft, in der Fangemeinde, in der öffentlichen Stimmung, im Image des Teamchefs und in der Selbstdarstellung des DFB sollte hiermit eingeleitet werden, eine Niederlage wäre mehr als blamabel gewesen. Dieser erwünschte "Dortmundeffekt" – noch nie hat die Fußballnationalmannschaft in Dortmund ein Spiel verloren – scheint mit dem Sieg (4:1) eingeleitet worden zu sein. Auch im Ausland und von den ausländischen Spielern wurde dem Spiel diese Bedeutung zugeschrieben. So betonte der US-Profi Gregg Berhalter im Vorfeld in einem Interview mit einer Tageszeitung: "Es geht um den Stolz der Deutschen Nation." (Münstersche Zeitung 22.3.06) Einen solchen staatstragenden Satz hätte man eher in einem anderen Zusammenhang z.B. von einem Bundesspräsidenten oder einem Bundeskanzler erwartet, nicht aber von einem Fußballer über ein Fußballspiel. Offensichtlich muss aber vermutet werden, dass Fußball und Nation eng miteinander verflochten sind und das Selbstverständnis einer Nation nicht zuletzt vom Auftreten der "eigenen" Mannschaft geprägt wird. "Die vorgestellte Gemeinschaft von Millionen scheint sich zu verwirklichen als eine Mannschaft aus elf Spielern, die alle einen Namen tragen. Der einzelne, und wenn er nur die Spieler anfeuert, wird selbst zu einem Symbol der Nation." (Hobsbawm, Eric: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. 3. Aufl. Frankfurt [u.a.] 2005, S. 168f.) (vgl. M 01.04)
Das Spiel der Nationalmannschaften anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2006 macht eine Tendenz im Begriff der Nation deutlich: Im Fußballsport erfährt die Betonung der nationalen Mannschaft zur Zeit noch deutlich eine Aufwertung, während im politischen und wirtschaftlichen Bereich die Bezugnahme auf die (deutsche, französische, englische, italienische, …) Nation eher eine Relativierung erfährt.
Globalisierung, Kommerzialisierung und Identifikation
Die Identifikation mit der "eigenen" Fußballnationalmannschaft, verstanden als Akt der Vergegenwärtigung der nationalen Identität, scheint darüber hinaus um so wichtiger zu werden, je weiter die Entgrenzung der Welt und die Kommerzialisierung des Fußball(s)-Geschäfts voranschreiten:
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Karikatur: Klaus Stuttmann
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"Doch trotz des gewachsenen ökonomischen Gewichts der internationalen Topklubs und ihres global vermarktbaren Produkts Champions League und trotz der häufig bescheidenen fußballerischen Darbietungen konnte die WM ihren Status als das globale Fußballereignis schlechthin verteidigen. Finanzielle Mechanismen scheinen diesbezüglich eine relativ geringe Rolle zu spielen. Für viele Akteure blieb die WM die ‚ultimative Leistungsschau’, bei der man nicht fehlen mochte, auch wenn der Verein als Arbeitgeber um die körperliche Unversehrtheit bangte. Im öffentlichen Bewusstsein bildeten die WM und die Nationalmannschaft eine Erholung vom Globalisierungsprozess. Der World Cup, so das US-Magazin Time, sei vielleicht das einzige Medium, ‚in dem Nationalstolz unverhohlen ausgelebt’ werden dürfe. Der Spiegel schrieb über die Legionäre: ‚Mit ihren Klubs, die sich mit einer Hire-and-Fire-Personalpolitik oft als kalte Unternehmer verhalten, fällt die Identifikation schwer. Manche Profis wechseln das Vereinstrikot wie Handy-Nummer oder Sportcoupè. In dieser schnellen mobilen Gesellschaft ist für sie die Nationalelf oft die einzige wahre Konstante ihres Lebens – und jedes Länderspiel ein Rendezvous mit der Heimat." (Schulze-Marmeling, Dietrich, Dahlkamp, Hubert: Die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft 1930 – 2006, Göttingen 2002, S. 464.)
Schreitet die Kommerzialisierung des Fußballs allerdings weiter fort, so ist zu erwarten, dass nationale Mannschaften durch Vereinsmannschaften und vielleicht irgendwann einmal von Konzernteams abgelöst werden, die dann gegeneinander kämpfen wie z.B. im Radsport oder auch im Autosport. Die Orientierung auf nationale Mannschaften könnte dadurch an Bedeutung verlieren. Dieser Zustand ist allerdings für 2006 nicht zu erwarten.
Vor diesem Hintergrund wird die Fußball-WM 2006 zu einem medial perfekt in Szene gesetzten Großereignis, dessen Bedeutung sich weit über rein sportliche Aspekte erstreckt und vor allem für die Gastgebernation Deutschland eine emotionale Erregung auszulösen vermag, die ansonsten lediglich von Bundes- und Landtagswahlen oder den Veröffentlichungen volkswirtschaftlicher Kennzahlen wie dem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes oder der Zahl der Arbeitslosen ausgeht. Mehr noch: der Wettkampf der Fußballnationalmannschaften anlässlich der WM 2006 ist für einen Großteil der Bevölkerung darüber hinaus – zumal dieses von den Massenmedien vermittelt wird – leichter zu rezipieren und zu kommunizieren als wirtschaftliche und politische Positionierungen der eigenen Nationen in einer durch Globalisierung unübersichtlich gewordenen Welt. Im Fußballspiel, so könnte ein vorläufiges Fazit lauten, ist die Welt noch halbwegs in Ordnung.
Fußball als Forum der Nationen – Chancen und Gefahren
Ausgehend von den vorangegangen Überlegungen drängen sich unmittelbar die Fragen auf, welche Funktion das Fußballspiel in der Interaktion verschiedener Nationen einnimmt, wie die Identifikation mit der "eigenen" Mannschaft und die hiermit zusammenhängende Aktualisierung der nationalen Identität zu bewerten sind und welche Rolle einer Fußballweltmeisterschaft als Plattform aller Nationen zufällt. Die möglichen Antworten hierauf oszillieren zwischen friedensstiftend/völkerverbindend und Vorurteile fördernd/Aggressionen schürend:
Fußball ist – so die optimistische Sichtweise des Soziologen Norbert Elias – ein hervorragendes gesellschaftliches Spiel, um das latent vorhandene Gewaltpotential und die auch in zivilisierten Gesellschaften vorhandene Lust, zu kämpfen und zu töten, zu kanalisieren und zu zivilisieren. "Sport besteht nach Elias und Dunning aus Kämpfen und Wettkämpfen nicht gewalttätiger Art, die durch körperliche Kraft und Geschicklichkeit gekennzeichnet sind. Kämpfe und Wettkämpfe sind das konstituierende Element des modernen Sports, wobei die damit verbundene körperliche Gewalt auf spezifische Weise kontrolliert wird." (Krüger, Michael: Fußball im Prozess der Zivilisierung und Nationalisierung des Sports und der Deutschen, in: H. Jütting, Dieter (Hrsg.): Die lokal-globale Fußballkultur-wissenschaftlich beobachtet, Münster 2004, S. 121-136.) (vgl. M 04.21)
Fußball lässt sich aber nicht nur für die Einhegung vorhandener Gewaltpotentiale in Anspruch nehmen; dem Fußballspiel wird darüber hinaus auch eine friedensstiftende und völkerverbindende Funktion beigemessen. Dieses geschieht meist mit dem Verweis auf den globalen Charakter von Fußball: Fußball wird überall in der Welt gespielt und verstanden und bildet daher einen idealen Anlass für friedliche – im Sinne des Sports faire - Begegnungen zwischen den Nationen. (vgl. M 01.02, M 04.06, M 04.25, M 04.26)
Schließlich könnte durch den Fußball oder genauer die Nationalmannschaft auch die innergesellschaftliche Integration vorangetrieben werden, was eindrucksvoll durch das Beispiel der Elfenbeinküste illustriert wird. (vgl. M 04.14
– M 04.17) In Deutschland stört es kaum jemanden, wenn die Nationalmannschaften - was nur bei genauer Betrachtungsweise auffällt - aus Spielern unterschiedlicher nationaler Herkünfte zusammengesetzt sind. Hier wird der nominalistische Grundsatz bei der Konstruktion von sozialer Wirklichkeit praktiziert: Nationalspieler ist, wer in der Nationalmannschaft mitspielt. (vgl. M 02.11
– M 02.15, M 02.17, M 02.18)
Neben diesen positiven Effekten, welche durch das Fußballspiel gezeitigt werden können, besteht zumindest grundsätzlich die Gefahr, dass durch den Wettkampf der Nationalmannschaften alte und vielleicht unverarbeitete (politische, regionale und mentale) Rivalitäten hochgespielt und aufgebauscht werden. Diese Gefahr dürfte jedoch eher gering sein, wenn nicht (innen)politische Interessen oder die Eigendynamik der auf Einschaltquoten und kommerziellen Erfolg ausgerichteten Medien Polarisierungstendenzen unterstützen, um Aufmerksamkeit und Einschaltquoten zu erzielen. Anlässlich der bevorstehenden WM in Deutschland bestätigt ein Blick in die ausländische Presse bisweilen diesen Eindruck: Auflage fördernd werden von einigen wenigen Medien die vorhandenen Ressentiments bedient. (vgl. M 01.10
, M 01.12
– M 01.17) Der Großteil der Medienlandschaft sowie die mit dem Fußball befassten Personen distanzieren sich von einem solchen Vorgehen. (vgl. M 01.11)
Fußball-WM und was dann?
Am Ende der Fußballweltmeisterschaft wird das Tagesgeschäft und die damit verbundene Ernüchterung schneller einsetzen als dies einigen lieb ist. "Wenn die letzten elf Meter [sic!] geschossen, die siegreichen Helden in ihren Hauptstädten gefeiert sind, wenn die gewaltige Medien- und Vermarktungsmaschinerie sich einem neuen Ziel zuwendet, dann bleiben ein paar
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Karikatur: Erich Paulmichl
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modernisierte Stadien, die eine oder andere zusätzliche Autobahnspur, die Erinnerungen hat an Lattenknaller und fatale Torwartfehler. Es bleiben hohe Arbeitslosenzahlen und all die anderen Probleme, die eine alternde Gesellschaft hat, wenn sie die Lasten gerecht verteilen will. Bei diesen Verteilungskämpfen wird dann schnell vergessen sein, wie vereint die Nation einmal war, als sie ihrer Fußballmannschaft die Daumen drückte." (Roth, Wolfgang: Weltmeister im Geiste, Süddeutsche Zeitung, 18.3.2006)
Die weiterführenden Fragen, welche Vorstellungen und Impulse nun von diesem gesellschaftlichen Großereignis "Fußballweltmeisterschaft" bleiben und was die Gesellschaft aus diesem Ereignis lernen kann, stellten sich Wirtschaftswissenschaftler auf einem Zeit Forum der Wirtschaft am 23. März 2006 in der Ruhr-Universität Bochum unter dem Titel : "Kick off – Was können Banker vom Fußball lernen?" Hier werden im Erläuterungstext die relevanten Stichworte wie und wo auch im Fußball betriebswirtschaftlich (keineswegs national) Mehrwert gewonnen werden kann, geliefert: „ Ob auf dem Stadionrasen oder im Kundengespräch, es zählen die gleichen Eigenschaften: Durchsetzungsvermögen, Reaktionsgeschwindigkeit, Flexibilität, Instinkt, die richte Mischung aus Teamgeist und Einzelkämpfertum, aus Aggressivität und Fairness. Banken kämpfen national wie international genauso um den Aufstieg oder gegen den Abstieg wie Fußballvereine, wollen an die Tabellenspitze. Dafür müssen die einzelnen Spieler (= Mitarbeiter) fit und mit einem neuen Spielsystem (=Geschäftsstrategie) vertraut gemacht werden.“ Alles was ein Banker für sein Handwerk braucht, kann am Beispiel des Fußballs deutlich gemacht werden (vgl.: http://www.zeit.de/veranstaltungen und http://www.rub.de/ikf):
„Mitarbeiterpotenziale erkennen und abrufen
Innovationen entwickeln und Innovationsblockaden überwinden
Mitglieder und Kunden zu Fans machen
Emotionen wecken
Die Öffentlichkeit begeistern
Kondition(en) erhöhen.“
Hier wird erkennbar, wie ein nationales Großereignis, das oberflächlich betrachtet mit nationalen Emotionen und mit Nationalstolz in Verbindung gebracht wird, Metaphern, Bilder und Handlungsimpulse liefert, die für die Personalabteilungen in Betrieben genutzt und geschickt klein gearbeitet werden können. "Fairer" Wettbewerb wird so zum nachhaltigen Funktionsprinzip unserer Gesellschaft.
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