Quellentext
Beziehungen USA - DDR
Im globalen Koordinatennetz der Vereinigten Staaten fiel die DDR zweifach durch: Einerseits galt im Rahmen der Ost-West-Beziehungen die Sowjetunion als die eigentliche Partnerin und Konkurrentin der USA; die DDR wurde als Satellit Moskaus ohne eigenständige Politik betrachtet, und für die US-Regierungen war somit im Rahmen der Vier-Mächte-Verantwortung nicht Ost-Berlin, sondern einzig die sowjetische Seite legitime Ansprechpartnerin. Andererseits nahm Washington Rücksicht auf die Deutschlandpolitik des mit ihm verbündeten westdeutschen Staates. Die amerikanische DDR-Politik wurde weitestgehend mit Bonn abgestimmt, jegliche politische Aufwertung Ost-Berlins vermieden und die Deutsche Frage zumindest offen gehalten. So blieb die DDR stets im Schatten Moskaus und Bonns.

Mit ihrer Gründung im Jahre 1949 und der allmählichen Durchsetzung des sowjetgestützten kommunistischen Regimes geriet die DDR insofern ins Blickfeld amerikanischer Außenpolitik als es galt, diese Ausweitung des sowjetischen Einflusses zurückzudrängen. Das amerikanische Dilemma bestand jedoch darin, einerseits das nicht hinnehmbare ostdeutsche Regime destabilisieren zu wollen, um es schließlich aus dem sowjetischen Machtbereich herauszulösen. Andererseits war Washington bemüht, keine unkontrollierten Massenunruhen auszulösen oder gar Moskau zu unübersehbaren Handlungen zu provozieren. Diese ambivalente Haltung zeigte sich deutlich während des Aufstandes vom 17. Juni 1953: Der amerikanische Rundfunksender in West-Berlin, RIAS, hatte sich anfänglich mit den Streikenden in Ost-Berlin solidarisiert und erheblich zur Ausbreitung der Unruhen beigetragen. Als aber dann sowjetische Panzer auffuhren, hielt er sich auf höchste Anweisung aus Washington merklich zurück.

Bei aller Sympathie für die in ihrer Freiheit eingeschränkten Ostdeutschen setzte sich in den Folgejahren in Washington die Meinung durch, dass die DDR fest zum sowjetischen Machtbereich gehörte und ein Herauslösen aus diesem Block zu große Risiken in sich barg und daher auf absehbare Zeit aussichtslos war.

Politische Beziehungen
Der Grundlagenvertrag zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland von 1972 eröffnete der DDR einen Weg aus ihrer diplomatischen Isolierung gegenüber dem Westen. Am 4. September 1974 kam es zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den USA und der DDR. Dieser Schritt der Führungsmacht des Westens bedeutete einen enormen Prestigegewinn für den ostdeutschen Staat. Von einer Normalisierung des Verhältnisses konnte trotzdem nicht die Rede sein. Die bilateralen Beziehungen kamen über gewisse Ansätze und sporadische Kontakte nicht hinaus.

Die politischen Beziehungen zwischen den USA und der DDR wurden immer wieder durch die folgenden Aspekte belastet:

  • Die DDR-Regierungen versuchten ständig, die alliierten Rechte der USA, die faktisch die volle Souveränität des ostdeutschen Staates infrage stellten, zu unterminieren und damit Washington zu provozieren.
  • Die USA machten eine Verbesserung des wechselseitigen Verhältnisses von der Menschenrechtssituation in der DDR abhängig. Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl stellten hierfür unüberwindbare Hindernisse dar.
  • Die DDR weigerte sich, für den in der Zeit des Nationalsozialismus enteigneten amerikanischen Besitz und auch für die Ansprüche jüdischer in die USA emigrierter Bürgerinnen und Bürger Entschädigungen zu zahlen.
  • In den staatsgesteuerten Medien der DDR wurde ein offizieller Anti-Amerikanismus propagiert.
Zusätzlich erschwert wurden die gegenseitigen Beziehungen durch eine fehlende Lobby der DDR - etwa deutsche Emigrantinnen und Emigranten - in den USA. Im Verständnis der amerikanischen Bevölkerung wurde mit "Germany" meist allein die Bundesrepublik gleichgesetzt.

Erst 1983/84 wurde der DDR wieder mehr Aufmerksamkeit zuteil. Zu diesem Zeitpunkt gaben die USA mit einer veränderten Außenpolitik den Ländern des Ostblocks ein größeres und differenzierteres Gewicht und Honecker machte mit seiner Dialogpolitik sowie einer entspannteren Kirchenpolitik anlässlich der Gedenkfeiern zum 500. Geburtstag Martin Luthers auf sich aufmerksam. So besuchten 1984 sowohl eine Kongressdelegation als auch Richard Burt, damals Unterstaatssekretär im State Department die DDR. 1987 und 1988 reiste John C. Whitehead, erster stellvertretender Außenminister, nach Ost-Berlin, um die Eigenständigkeit und den Reformwillen der DDR-Führung zu prüfen. Als ranghöchster DDR-Vertreter weilte das Politbüromitglied Hermann Axen im Mai 1988 in den USA. Da er bei seinen Gesprächen unter anderem mit dem damaligen Außenminister George Shultz, jegliches Entgegenkommen in der Entschädigungsfrage und innenpolitischen Reformwillen vermissen ließ, kühlten die Beziehungen rasch wieder ab. Der Wunschtraum Erich Honeckers, einmal im Oval Office empfangen zu werden, ging nicht in Erfüllung. Erst Lothar de Maiziere, dem ersten freigewählten Ministerpräsidenten der DDR, war im Juni 1990 ein Empfang im Weißen Haus vergönnt.

Handelsbeziehungen
Obwohl amerikanische Firmen seit 1975 auf der Leipziger Messe vertreten waren und ein gemeinsamer Wirtschaftsausschuss gebildet werden konnte, machte der Handel mit den USA - je nach politischer Großwetterlage - nur zwischen ein und neun Prozent des DDR-Westhandels aus. Einer Erweiterung der Wirtschaftsbeziehungen standen schwer überwindbare Hindernisse im Wege: Die USA hatten der DDR aufgrund von Menschenrechtsverletzungen stets die Meistbegünstigung verweigert. Hinzu kam, dass der ostdeutsche Staat als Mitgliedsland des Warschauer Pakts für High-Tech-Produkte Exportlizenzen beim amerikanischen Handelsministerium beantragen musste. Schließlich verhinderte die so genannte COCOM-Liste, die ein Exportverbot von sensiblen Gütern in kommunistische Länder vorsah, die Ausfuhr bestimmter amerikanischer Waren. Nicht zuletzt litt die DDR permanent an Devisenknappheit.

Kultur- und Wissenschaftsbeziehungen
Kulturelle Kontakte zu den USA entwickelten sich bereits in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre. Zu den ersten namhaften DDR-Künstlerinnen und Künstlern, die Anfang der siebziger Jahre die USA besuchten, gehörten der Schriftsteller Günter Kuhnert und die Autorin Christa Wolf, die Brechtinterpretin Gisela May, sowie das Leipziger Gewandhausorchester unter der Leitung von Kurt Masur. Der wohl wichtigste kulturelle Beitrag Ostdeutschlands in den Vereinigten Staaten war die glanzvolle Kunstausstellung "Die Pracht Dresdens", die 1978/79 in Washington, New York und San Francisco von circa. 1,5 Millionen Kunstinteressierten bestaunt wurde. Obwohl die DDR diese Ausstellung nutzen wollte, um sich als erfolgreicher und weltoffener deutscher Staat zu präsentieren, wurde dieses Ereignis ironischerweise von einem Großteil des amerikanischen Publikums mit Germany, also mit der Bundesrepublik Deutschland, assoziiert.

In amerikanischen Akademikerkreisen entwickelte sich seit Mitte der sechziger Jahre, als die DDR sich dauerhaft zu etablieren schien, ein gewisses Interesse an diesem anderen deutschen Staat. Vor allem interessierte die DDR-Literatur, die Bildungs-, Sozial- und Kirchenpolitik sowie die Effektivität der Planwirtschaft. Seit 1974 wurden in Conway, New Hampshire, alljährlich Symposien zur DDR durchgeführt. 1983 folgte die Gründung der German Studies Association, des größten Fachverbands von Deutschland-Experten, sowie die Einrichtung des American Institute for Contemporary German Studies in Washington, die beide auch den ostdeutschen Staat zum Forschungsgegenstand hatten. Obwohl nie ein Kulturabkommen zwischen beiden Ländern zustande kam, gehörten die Kultur- und Wissenschaftsbeziehungen zum intensivsten Feld im Verhältnis USA - DDR.

Heinrich Bortfeldt