Pressekonferenz Wahl-O-Mat

"Wertediskurs in der politischen Bildung" (7. Juni 2017, phil.cologne, Köln)

Thomas Krüger auf der Fachtagung: "Demokratie und der Streit um Werte" im Rahmen der 5. phil.cologne, Mittwoch, 7. Juni 2017, 10:00 bis 16:30 Uhr im COMEDIA Theater in Köln

16.6.2017
Um welche Werte soll es gehen? Wie lassen sich diese als Bildungsziele legitimieren? Welche politischen Interessen sind mit bestimmten Werten verbunden?[1] Die Haltung zum Thema Wertevermittlung ist in der politischen Bildung mindestens ambivalent: eine Werteerziehung "von oben" mit dem Ziel der Verordnung von bestimmten Werten, wie dies in den totalitären Vorgängersystemen der Bundesrepublik geschehen ist, kommt selbstverständlich für die politische Bildung genauso wenig infrage, wie für die Schule im Allgemeinen. Dennoch ist die politische Bildung im normativen Sinne auf die mit Demokratie und Menschenwürde verbundenen Normen und Werte festgelegt. Die Würde des Menschen gilt als Meta-Wert, der in Deutschland über jeden Interpretationsstreit erhaben ist und als unverhandelbar eingestuft wird.[2] Deshalb gehört ihr der erste Platz bei der Listung der Grundwerte im GG. Aus ihr leiten sich die politischen Grundwerte der Demokratie ab, die die Menschenwürde konkretisieren bzw. operationalisieren. Über die Deutung und Gewichtung der Grundwerte wird im politischen Prozess gestritten, woraus sich ein Bildungsauftrag für die politische Bildung ableitet: Das, was in Politik, Gesellschaft und beispielsweise auch im Feld der Kunst kontrovers diskutiert wird, wird im Rahmen der politischen Bildung auch kontrovers präsentiert. Werteentscheidungen werden per definitionem nur dort getroffen, wo es um die Spielregeln der Aushandlung des sozialen Miteinanders in einer pluralistischen Demokratie geht: Minderheiten müssen geschützt, (Grund-)Rechte garantiert, Grenzen gewahrt werden. Rivalisierende Konzeptionen dessen, was der liberale Theoretiker John Rawls das "persönliche Gute" nennt - Konzeptionen der persönlich-privaten Selbstverwirklichung unter den Bedingungen der Freiheit – müssen reguliert und vereinbart werden. Der Prozess der Aushandlung dieser demokratischen Spielregeln ist voraussetzungsvoll und wird von der politischen Bildung begleitet und mit Impulsen versorgt.

Wie kann ein solcher Impuls aussehen? Ist politische Bildung auf dass Abbilden von kontroversen Wertediskursen im politischen Prozess beschränkt oder kann bzw. soll sie auch Themen setzen, die die Protagonist/innen der Bildung für zukunftsrelevant erachten? Ist es legitim, gesellschaftliche oder politische Positionen zu ignorieren, wie dies Jürgen Habermas unlängst im Rahmen eines Interviews in den Blättern für deutsche und internationale Politik im Umgang mit der "rechten Revolte" bzw. der "politischen Irrationalisierung des Westens" vorgeschlagen hat? "Nur die Dethematisierung könnte dem Rechtspopulismus das Wasser abgraben."[3] Bereits Niklas Luhmann hatte 1975 mit seinem Beitrag "Die Welt als Wille ohne Vorstellung" viel Unmut erregt, als er vorschlug – allerdings in einem völlig anderen Zusammenhang -, bestimmte Phänomene nicht zu thematisieren, um nach seiner Auffassung "unnötige Aufregungsschäden" zu vermeiden. Das kann zwar hochmütig, aber auch vernünftig erscheinen, wenn durch Thematisierung antipolitische Positionen gestärkt und der öffentliche Fokus auf falsche Spielwiesen gelenkt wird. Für Habermas hat die Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus z.B. von der Frage abgelenkt: "Wie erlangen wir gegenüber den zerstörerischen Kräften einer entfesselten kapitalistischen Globalisierung wieder die politische Handlungsmacht zurück?". Die Protagonist/innen der Bildung entscheiden mit über Thematisierungsstrategien und tragen in dieser Hinsicht eine hohe Verantwortung, die sie wahrnehmen sollten, denn es kann auch sein, dass Nicht-Thematisierung Faschismus als antipolitische Alternative stärkt. Thematisierung in der Bildung hat nicht dieselbe Qualität wie Thematisierung in Medien und Politik.

Ein Zukunftsthema für die politische Bildung, die Philosophie und die Schule im Allgemeinen wird die Entwicklung einer transkulturellen Bildung sein, die den Gedanken des Austauschs fluider Gesellschaften in den Mittelpunkt stellt. Transkulturelle Bildung unterscheidet sich fundamental von einer interkulturellen Bildung, die von weitgehend geschlossenen und miteinander interagierenden Kulturen ausgeht. Die Geflüchteten, aber auch der weltweite Austausch mit Kulturakteuren und die Präsenz von Menschen vielfältigster Herkunft vor Ort geben uns Gelegenheit, eigene Lebensweisen und Selbstverständlichkeiten zu relativieren. Hinsichtlich der globalen Rezeption und Erfahrung von Gegenwart dürfen wir uns nicht mehr auf unsere vier Wände beschränken und auf hergebrachte Wahrnehmungsschemata verlassen. Abschottung, Ausschlüsse und neue Mauern können bestenfalls als dumm und kurzsichtig interpretiert werden. In Wirklichkeit bestehen sie auf globaler Ungleichheit, Ausbeutung und Rassismus als legitimen Lebensentwurf. Davon sollten wir uns in aller Deutlichkeit verabschieden. Einer der Bausteine einer neuen Pädagogik besteht dann darin, Rahmen der Bildungsansätze die eigenen demokratischen Werte in entschiedener Solidarität in den globalen Kontext zu stellen und Dekolonisierung zum zentralen Prinzip zu erheben. Paul Mecheril, Direktor des Center für Migration, Education and Cultural Studies an der Universität Oldenburg, schlägt als Zielstellung von Bildung vor, "sich zu den epochaltypischen Schlüsselproblemen globaler Ungleichheit in ein Verhältnis zu setzen". Bildung impliziert nach seiner Auffassung "sich selbst durch Wissen in Frage stellen zu lassen". Als Bildungsziel für das 21. Jahrhundert nennt er "Solidarität unter einander Unvertrauten", wobei Fremdheit nicht durch das Auftauchen von Migrant*innen entstehe, sondern "konstitutiver Teil pluraler, demokratischer Gesellschaften" sei.[4]

Unerlässlich erscheint zudem ein selbstkritisches Nachdenken über asymmetrische Beziehungen. Wer wen bildet, wer wen woran teilhaben lässt oder nicht, wer Inhaber "legitimer" Positionen ist und wer diese infrage stellt, hat schon immer und zu Recht zu heftigen Auseinandersetzungen über Machtverhältnisse geführt. Die bisherigen Bildungsansätze und Bildungsanbieter laufen Gefahr, mit ihren Prak-tiken Menschen oder "Zielgruppen" als Nicht-Gleiche, Andere und unter Umständen defizitäre Subjekte hervorzubringen. Bildungsangebote generieren demnach Machtverhältnisse dergestalt, dass Angehö-rige von Mehrheitskulturen Minoritäten identifizieren, markieren und gleichzeitig abwerten, indem sie im Rahmen ihrer Bildungspraxis identitäre Zuschreibungen vornehmen.

Lehrer/innen wissen aus ihrer pädagogischen Erfahrung heraus, dass es insbesondere die Methoden der Bildung und Vermittlung sind, die die unterschiedlichsten Abstufungen von "Othering" einschließen. Andere werden dabei meist nicht nur als "anders" betrachtet, sondern das Spektrum der Zuweisungen an Anders-Sein reicht nicht selten von exotisch bis barbarisch. Transkulturelle Bildung zielt demgegenüber auf die Vermeidung von Diskriminierung und Ausschluss in Bildungseinrichtungen. Es geht darum, Asymmetrien und Machtverhältnisse nicht nur zu reflektieren, sondern hinter sich zu lassen. Das Bildungsziel lautet demnach: Eine andere Welt ist möglich!

Die zurzeit in diesem Zusammenhang vieldiskutierten Diversity-Ansätze reichen nicht aus. Wer Vielfalt leben und als Ziel verfolgen will, muss Ungleichheit bekämpfen und hinter sich lassen. Dekolonisierung dagegen ist Voraussetzung gelebter Diversität und muss in der Bildung als Prinzip und Methode zum Tragen kommen. Bildung in der globalisierten Welt ist keine Hoheitsaufgabe mehr, sondern eine Lernaufgabe für alle Beteiligten. Dabei ist es wichtig, dass wir Position beziehen.

Wie verträgt sich das mit unserem Bildungsauftrag? Meine sehr verehrten Damen und Herren, dies ist Gegenstand unseres Bildungsauftrags, denn eine Menschenrechtsbildung, die den Namen verdient, kann nicht auf Prinzipien globaler Ungerechtigkeit aufbauen. Und diese Menschenrechtsbildung orientiert in einem sozialen und politischen Kontext, der Menschen heute permanent neue Bedingungen liefert. Die eingangs erwähnte, ständig neu abzuschließende Verabredung der Gesellschaftsmitglieder, auf der das Konstrukt der Demokratie beruht, findet unter natürlichen, kulturellen, ökonomischen, technischen und ästhetischen Rahmenbedingungen statt. Dazu gehört beispielsweise das genauso, was mit dem Begriff der Digitalisierung gefasst wird, wie die Auswirkungen der allumfassenden Kulturalisierung. Die Aufgabe, den demokratischen Strukturen unter diesen Bedingungen Substanz einzuhauchen, die sich uns im Feld der Bildung stellt, ist nicht (nur) durch Affirmation der demokratischen Werte zu haben, sondern insbesondere durch Kritik, Konflikt und Reform. Demokratie lebt von kritischer Aneignung. Sie ist das Ergebnis von Aushandlungen und es wird in Zukunft wieder vieles ausgehandelt werden müssen, was einigen schon als Gewissheit galt. Die Beteiligung an solchen Aushandlungsprozessen verlangt mehr als ‚Durchblick‘, welcher durch Wissenserwerb begünstigt wird. Die Herstellung eines politischen Selbstverständnisses sowie das Vermögen, die eigene Interessenlage vertreten zu können, verlangen zusätzlich Konflikt- und Utopiefähigkeit. Dort, wo politische, religiös, kulturell unterschiedliche Vorstellungen aufeinander treffen, hilft keine Vertuschung und Tabuisierung, sondern die Kompetenz, Konflikte konstruktiv auszutragen und/oder Unvereinbarkeiten zu akzeptieren.

Unlängst diskutierte der über 80-jährige Sozialphilosoph Oskar Negt in der Sendung von Jürgen Wiebicke seinen früheren Buchtitel "Nur noch Utopien sind realistisch". Was könne dieser Satz heute heißen? Es sei ein provokativer Satz der besage, dass Utopien die Erkenntnis- und Handlungsquelle von Veränderung sind. Die großen Entwicklungen würden mit Utopien, mit Vorstellungszusammenhängen, beginnen die weit über die Gegenwart hinausreichen. Utopien seien nicht das Nirgendwo, sondern eine Kraftquelle der Vergesellschaftung der Menschen. Negt sagte auch, die Veränderung der Gesellschaft fange im Alltag an. Bei den Lehrern, in der Schule. Die Veränderung sei nicht mit einer Erlösungserwartung an einzelne substanzialisierte Subjekte verknüpft, sondern sei eine Anforderung an jeden dort wo er geht und steht, etwas zu verändern. Das möchte ich an dieser Stelle gerne stehen lassen.

- Es gilt das gesprochene Wort -


Fußnoten

1.
vgl. Wolfgang Sander, "... erkennen, als jemand, der einmalig ist auf der Welt!" – Werteerziehung als Aufgabe der Schule, in: Gotthard Breit/Siegfried Schiele (Hrsg.), Werte in der politischen Bildung, Schwalbach/Ts. 2000, 184-201, S. 185
2.
Vgl. insg. Markus Gloe, Werte und Menschenrechte, 2015, bpb.de
3.
Für eine demokratische Polarisierung. Wie man dem Rechtspopulismus den Boden entzieht, in: Blätter für deutsche und Internationale Politik, 11/2016, S. 35-42
4.
s. u. vgl. Paul Mecheril: Es bleibt anders. Kämpfe um die (Pädagogik der) Migrationsgesellschaft, in: Maren Ziese/Caroline Gritschke (Hrsg.): Geflüchtete und kulturelle Bildung. Formate und Konzepte für ein neues Praxisfeld, Bielefeld 2016, S. 101-106, hier S.104f.

 
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