Pressekonferenz Wahl-O-Mat

25.5.2011

Bildung gerecht gestalten

Eröffnungsrede zum Kongress "Chancen eröffnen - Begabungen fördern: Bildung gerecht gestalten" vom 19. - 20.05.2011 in Berlin

Bildung ist ein Menschenrecht und Bildungsgerechtigkeit ein Ziel, das jeden Einzelnen, aber auch die Gesellschaft insgesamt betrifft und herausfordert. Die Politik muss mit Handlungsentschiedenheit ihre Anstrengungen verstärken, um allen die Chancen auf Bildung zu ermöglichen.

Sehr geehrter Herr Senator Professor Zöllner,
Sehr geehrter Herr Dr. Meyer-Guckel,
Sehr geehrter Herr Professor Baumert,
Sehr geehrte Frau Professor Knauer,
Sehr geehrte Frau Professor Thurn,
Sehr geehrte Damen und Herren,

"Chancen eröffnen – Begabungen fördern: Bildung gerecht gestalten", der Titel dieses Kongresses, den ich die Freude habe zusammen mit Herrn Dr. Meyer-Guckel als Vertreter unseres Kooperationspartners Bildung & Begabung zu eröffnen, ist Programm: Bildung ist ein Menschenrecht und Bildungsgerechtigkeit ein Ziel, das jeden Einzelnen, aber auch die Gesellschaft insgesamt betrifft und herausfordert.

Nach Immanuel Kant ist Bildung der Weg zur Erlangung von Mündigkeit, nach Wilhelm von Humboldt ist sie die Voraussetzung zur Entfaltung vollständiger Humanität. Bildung ist somit Bedingung für die innere und äußere Freiheit des Menschen. Sie schafft geistige Selbständigkeit, Urteilsvermögen und Wertebewusstsein. Bildung hilft uns, das zu entwickeln, was in jedem einzelnen von uns steckt, unsere Talente und Begabungen, unsere Interessen und Fähigkeiten.

Aber auch für die Gesellschaft sind Wissen, Kreativität und Einfallsreichtum der Bürgerinnen und Bürger die wichtigsten Ressourcen. Aus ihnen speist sich die Lebendigkeit und Stärke eines Gemeinwesens, sie sind Grundlage für den Zusammenhalt der Menschen in Freiheit, die Voraussetzung für Fortschritt und Wohlstand. Und sie sind ein wichtiges Fundament unserer Demokratie. Denn sie braucht den mündigen Bürger, der um Zusammenhänge weiß, der Urteilskraft besitzt und zur politischen Partizipation befähigt ist. Ohne Bildung gibt es keine Demokratie, ohne mündige und wissende Bürgerinnen und Bürger keine lebendige Gestaltungskraft für unser Gemeinwesen!

Spätestens seit der ersten PISA-Studie wissen wir, dass Bildungsarmut keineswegs ein Problem der wirtschaftlich abgehängten Welt ist. Bildungsarmut betrifft auch hier in Deutschland viele Menschen ganz direkt. Zwar hat es in den letzten zehn Jahren viele Reformen und auch manche Verbesserungen im Bildungsbereich gegeben. Doch was die Chancen für Jugendliche aus bereits sozial benachteiligten Elternhäusern betrifft, sind die Befunde nach wie vor bedrückend.

Fast jedes dritte Kind unter 18 Jahren wächst in unserem Land in sozialen, finanziellen oder kulturellen Risikolagen auf. Im Jahr 2008 lebten etwa 29 Prozent der 13,6 Millionen Kinder in mindestens einer Risikolage, seit 2000 sind nahezu gleichbleibend 3,5 Prozent der Kinder von allen drei Risikolagen gleichzeitig betroffen, so der Bildungsbericht 2010.

Bildungsbenachteiligung trifft insbesondere Jugendliche mit Migrationshintergrund. Sie erreichen immer noch schlechtere Schulabschlüsse als ihre deutschen Altersgenossen, auch wenn sie in den vergangenen Jahren etwas aufgeholt haben. Nach dem Integrationsbericht der Bundesregierung 2010 haben 2007 10 Prozent der 15- bis 19-jährigen Migrantenkinder die Schule ohne einen Abschluss verlassen, 2008 waren es sogar 13,3 Prozent. Aber auch bei den gleichaltrigen deutschen Jugendlichen ist die Zahl der Schulabbrecher deutlich angestiegen, von 5,4 Prozent im Jahr 2007 auf 7 Prozent im Jahr 2008. Die Probleme haben also nicht in erster Linie einen migrationsspezifischen Hintergrund, sondern einen sozialen. Dies ist aus vielen Gründen ein schlechter Befund für die Einzelnen aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Den Jugendlichen werden Lebenschancen verbaut, Fähigkeiten und Talente verkümmern. Wer nicht in ein selbstverantwortetes Arbeitsleben findet, läuft immer Gefahr, auf staatliche Hilfen angewiesen zu bleiben. Auf Dauer kann eine demokratische Gesellschaft sich nicht leisten, einer wachsenden Bevölkerungsgruppe die Teilhabe an Bildung und damit an Wohlstand vorzuenthalten. Denn Ausgrenzung führt bei den einen zum Rückzug, bei anderen zu Widerstand gegen diese Ungerechtigkeit, in jedem Fall aber zu kritischer Distanz gegenüber der Gesellschaft und dem politischen System, auf das diese sich gründet.

Das Vertrauen darauf, dass das staatliche Bildungssystem hier gegensteuern kann, scheint nicht sehr verbreitet. Wie die Allensbach-Studie zur Schul- und Bildungspolitik in Deutschland vom März diesen Jahres zeigt, ist die Erwartung an Lehrerinnen und Lehrer sehr groß, neben der Allgemeinbildung auch soziale Fähigkeiten und Werte zu vermitteln. Die gezielte Förderung von Kindern nach ihren Begabungen wird neben einer verbreiteten allgemeinen Kritik von drei Vierteln aller Lehrerinnen und Lehrer als sehr wichtig beurteilt. Allerdings sehen nur 24 Prozent von ihnen das in der eigenen Schule auch umgesetzt. Gleiches gilt für spezielle Förderkurse für benachteiligte Kinder: der Großteil der Lehrer sieht sie als wichtig an, aber nur 36 Prozent der Befragten findet sie in ihren eigenen Schulen vor. Auch in Bezug auf die Durchlässigkeit wird dem Schulsystem kein gutes Zeugnis ausgestellt. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat Zweifel an der Durchlässigkeit des Schulsystems insgesamt. 60 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer an Hauptschulen schätzen die Chancen ihrer Schülerinnen und Schüler sogar noch schwieriger ein als in früheren Jahren.
Die Politik muss sich mit noch größerem Engagement, mit Handlungsentschiedenheit diesen Befunden stellen und die Anstrengungen verstärken, um allen die Chancen auf Bildung zu ermöglichen.

Denn es ist keine Frage: Talente und Begabungen besitzt jeder und jede, der Hauptschüler wie die Gymnasiastin. Jeder kann etwas. Doch jeder braucht auch die Chance, seine Fähigkeiten kennenzulernen, sie zu entwickeln und zu entfalten. Der Sozialwissenschaftler und Bildungsforscher Rainer Geißler spricht deshalb präzisierend von meritokratischer Bildungsgerechtigkeit. Veränderte Schulstrukturen machen nicht automatisch aus jedem Hauptschüler einen Gymnasiasten. Es geht darum, das eigene Potential auszuschöpfen.

Die Bildungswege in Deutschland hängen aber noch immer in vielen Fällen eng mit der sozialen Herkunft zusammen. Und weil die bestmögliche Förderung der Kinder und Jugendlichen sowohl für die individuelle Wahrnehmung von Lebenschancen, für Anerkennung und berufliches Fortkommen, aber auch für die Entwicklung unseres Landes so entscheidend ist, müssen sich Lernerfolge von der sozialen Herkunft emanzipieren. Unsere Gesellschaft sollte ihr Aufstiegsversprechen, das sie mit Bildung verbindet, halten! Gelingt dies nicht, wird unter Umständen auch der demokratische Anspruch unseres Gemeinwesens beschädigt, dessen Grundprinzip eben die Teilhabe aller an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist. Die Exklusionsforschung weist heute schon darauf hin, dass eher die Bildungserfolgreichen politische Teilhabe praktizieren. Da darf man sich nicht wundern, wenn in Hamburg das Bildungsbürgertum eine Abstimmung mit sich selbst darüber durchführt, ob die Selektion im Schulsystem beibehalten werden soll.

Gute Bildung muss früh beginnen. Das Bewusstsein dafür, dass Kindertagesstätten Bildungschancen verstärken, ist gestiegen. Die Bildungsbeteiligung der 4- bis 5-Jährigen liegt seit 2008 bei über 95 Prozent. In den Kindertagesstätten werden vielfältige Anstrengungen unternommen, um die ersten Schritte zur gemeinsamen Erkundung der Welt fördernd zu unterstützen und zu begleiten. Wir werden auf diesem Kongress von verschiedenen Modellen hören, wie bereits bei den Jüngsten Neugier angeregt, wie Fähigkeiten sichtbar und Talente entwickelt werden, die eine gute Grundlage für den weiteren Bildungsweg sind.


bpb:magazin 2/2019
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