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Informationen zur politischen Bildung (Heft 273)

Tausend Jahre wechselvoller Geschichte


Dieter Bingen
Inhalt

Einleitung

Aufstieg zur Großmacht

Staatlicher Zerfall

Wiedererstehung zwischen den Weltkriegen

Zweiter Weltkrieg

Zeit der Volksdemokratie

Vorreiter des Umbruchs im Ostblock

Wiedererstehung zwischen den Weltkriegen
Polen war nun selbstständig, aber weder Staatsform noch Grenzen waren festgelegt. Nach Kongresspolen und Westgalizien besetzten polnische Militärverbände im Januar 1919 den Großteil der Provinz Posen sowie im Frühjahr auch Ostgalizien und die nordöstlichen Distrikte bis Wilna. Im Versailler Vertrag wurden Polen fast ganz Posen und weite Teile Westpreußens (Pommerellen) links der Weichsel zugesprochen. In strittigen Gebieten um Allenstein, Marienwerder und in Oberschlesien sollten Volksabstimmungen abgehalten werden.

Auch der letzte der drei polnischen Aufstände (August 1919, August 1920, Mai 1921) gegen die deutschen Behörden konnte die Aufteilung Oberschlesiens durch den Völkerbundrat nicht verhindern, die von Deutschen und Polen gleichermaßen als ungerecht verurteilt wurde. Polen erhielt schließlich fast ganz Posen und 70 Prozent Westpreußens (den sogenannten Korridor) sowie den Ostteil Oberschlesiens mit Kattowitz und Königshütte, obwohl in ganz Oberschlesien 1921 60 Prozent der Bevölkerung für den Verbleib bei Deutschland gestimmt hatten. Südliche Teile Ostpreußens und westpreußische Plebiszitgebiete blieben bei Deutschland. Dort hatten 1920 nur 2,2 bzw. 7,6 Prozent der Stimmberechtigten für Polen votiert. Die Erklärung Danzigs zur „Freien Stadt“ unter dem Protektorat des Völkerbundes trug weiter zur Belastung des deutsch-polnischen Verhältnisses bei. Im Streit mit der Tschechoslowakei wurde das Teschener Gebiet entlang der Olsa geteilt.

Pilsudski versuchte angesichts der militärischen Schwäche Sowjetrusslands an der Ostgrenze vollendete Tatsachen zu schaffen und löste mit einer Offensive im April 1920 den Polnisch-Sowjetischen Krieg aus. Er lehnte die so genannte Curzon-Linie (von dem britischen Außenminister Lord George Curzon im Juli 1920 vorgeschlagene polnisch-sowjetische Demarkationslinie), die ungefähre Grenze geschlossener polnischer Siedlung am Bug, als polnische Ostgrenze ab. Im Frieden von Riga (März 1921) wurde die polnisch-sowjetrussische Grenze rund 150 Kilometer östlich der Curzon-Linie festgelegt. Das Wilnaer Gebiet kam mit einer Militäraktion (1920) gegen das ebenfalls unabhängig gewordene Litauen unter polnische Hoheit. Polen umfasste nunmehr ein Gebiet von rund 388000 Quadratkilometern mit über 27 Millionen Einwohnern, darunter jedoch nur 19 Millionen polnischer Volkszugehörigkeit.

Die häufig wechselnden Regierungen Polens standen vor der Aufgabe, drei unterschiedliche Verwaltungs-, Rechts-, Verkehrs- und Bildungssysteme zusammenzuführen, die wirtschaftlichen und sozialen Unausgewogenheiten zu beseitigen und die ethnischen Minderheiten zu integrieren. Die am 17. März 1921 verabschiedete Verfassung sah ein nach dem Verhältniswahlrecht gewähltes Zweikammerparlament, den Sejm (444 Mitglieder) und den Senat (111 Mitglieder), vor. Beide Kammern unterschieden sich in der Zusammensetzung nur dadurch, dass das aktive wie das passive Wahlalter für den Senat wesentlich höher (30 bzw. 40 Jahre) war als für den Sejm (21 bzw. 25 Jahre). Pilsudski kandidierte nicht für das Präsidentenamt, da dem Staatspräsidenten nach der Verfassung nur wenige Rechte verblieben.

Die Politik gegenüber den nationalen Minderheiten, die ungefähr ein Drittel der Bevölkerung ausmachten, blieb ungeachtet der minderheitenfreundlichen Märzverfassung von 1921 restriktiv. Dies verschlechterte das Verhältnis Polens zu seinen westlichen und östlichen Nachbarn, das schon durch die Grenzziehungen nach 1918 arg belastet war. Vor dem Hintergrund wachsender Korruption und Ämterstreitigkeiten unter den häufig wechselnden, instabilen Regierungen, vor allem aber angesichts einer seit 1925 bedrohlicher werdenden Wirtschaftskrise mit steigender Arbeitslosigkeit und staatlicher Finanznot, führte Pilsudski am 12. Mai 1926 einen Staatsstreich durch. Gestützt auf seine außerordentlich große Autorität bei der Bevölkerung und auf die Loyalität der Streitkräfte, begann er unter formaler Beibehaltung der Verfassung eine „moralische Diktatur“, die zu einer „Gesundung“ (sanacja) des politischen Lebens nach dem anscheinenden Versagen des von Pilsudski verachteten parlamentarischen Systems führen sollte.

Im Winter 1929/30 wurde Polen gänzlich von der Weltwirtschaftskrise erfasst. Arbeitslosigkeit und Teuerung führten zur Radikalisierung. Sozialisten und Bauernparteien schlossen sich zur oppositionellen Centrolew (Zentrumslinken) zusammen. Im Herbst 1930 wurde die Opposition unter Rechtsbrüchen und nach Verhaftungen zerschlagen; ihre Führer sahen sich zur Emigration gezwungen. Im April 1935 wurde mit Hilfe des Ermächtigungsgesetzes vom März 1933 eine auf Pilsudski zugeschnittene autoritäre Verfassung verabschiedet. Doch mit seinem Tod am 12. Mai 1935 verfiel das bisher von Pilsudskis unangefochtenem persönlichem Prestige geprägte System.

Polen war infolge der umstrittenen Grenzziehung mit allen Nachbarn mit Ausnahme Rumäniens und Lettlands verfeindet. Durch das Bündnis mit Frankreich von 1921 war Polen wichtigstes Glied in der zwischen der Sowjetunion und Deutschland gelegenen Staatenkette, die von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte. Die Kräfte Polens waren jedoch mit der Aufgabe, die beiden Nachbarn zu neutralisieren, überfordert. Die UdSSR und das nationalsozialistische Deutschland nutzten die Nichtangriffsverträge mit Polen (25. Juli 1932 bzw. 26. Januar 1934) nur als Atempause auf dem Weg zur Revision der Versailler Friedensordnung. Mit der ultimativen Nötigung Litauens, die bestehende litauisch-polnische Grenze und damit den Verlust Wilnas anzuerkennen, und der Beteiligung an der Amputation der Tschechoslowakei nach dem Münchner Abkommen durch die Annexion des Olsa-Gebiets im Oktober 1938 hatte Polen die Beziehungen zu zwei Nachbarn weiter vergiftet und seine moralische Position als östlicher Eckpfeiler des Westens zwischen den beiden totalitären Diktaturen Deutschland und Sowjetunion stark geschwächt.

Gleichzeitig drängte der deutsche Diktator Adolf Hitler nach dem „Anschluss“ Österreichs und der Zerstückelung der Tschechoslowakei nunmehr auf eine Regelung der Danzig- und Korridorfrage zugunsten Deutschlands als Ausgangspunkt für eine Politik, die Polen zu einem Vasallenstaat des Dritten Reichs degradieren sollte. Die Zurückweisung einer so genannten Globallösung (Danzig deutsch, exterritoriale Eisen- und Autobahn durch den Korridor zwischen Ostpreußen und dem übrigen Reichsgebiet, Beitritt Polens zum Antikominternpakt) und die britische Garantieerklärung für die „nationale Integrität“ Polens am 31. März 1939 nahm Hitler zum Anlass, im April den Befehl zur Vorbereitung eines Angriffskrieges zu geben und am 28. April den Nichtangriffspakt aufzukündigen. Ein am 23. August unterzeichneter deutsch-sowjetischer Nichtangriffsvertrag („Hitler-Stalin-Pakt“) sah in einem geheimen Zusatzprotokoll die Aufteilung Polens zwischen dem Dritten Reich und der Sowjetunion vor. Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 löste Hitler den Zweiten Weltkrieg aus.

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20. März 2010
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Polen
Zu diesem Heft
Tausend Jahre wechselvoller Geschichte
Ausgestaltung der Demokratie
Wirtschaftssystem und Wirtschaftspolitik
Gesellschaftliche Strukturen
Bildungssystem im Übergang
Kultur und Kulturpolitik nach 1989
Grundzüge der Außenpolitik
Weg in die Europäische Union
Deutsch-polnische Beziehungen
Literaturhinweise
Redaktion
Aus Politik und Zeitgeschichte (B 19-20/2002)
EU-Außenpolitik
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Die Außenpolitik der Europäischen Union befindet sich in einer merkwürdigen Lage: Es werden immer größere Anforderungen an sie gestellt, sie sieht sich vor immer weiter gehenden Erwartungen - aber eigentlich gibt es sie kaum, oder nur in Ansätzen.
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