Die bpbBestellenNewsletterPressePartnerImpressumKontakt

Home
   
FAQ Index
Suche

Themen
Publikationen
Arbeitsmaterialien Medien
Aus Politik und Zeitgeschichte
AV-Medienkatalog
CD-ROM/ CD/ DVD
Einzel-
publikationen
Filmhefte
fluter
HanisauLand
Informationen zur politischen Bildung
Info aktuell
Internet-Angebote
Mobile Angebote
Karten
Das Parlament - Themenausgaben
Pocket
Rechtsreihe
Schriftenreihe
Die Schulstunde als Talkshow
Thema im Unterricht
Themenblätter im Unterricht
Themen und Materialien
Zeitbilder
Sonstige
Was geht?
Suche
Neuerscheinungen zur Leipziger Buchmesse
Veranstaltungen
Wissen
Lernen


Informationen zur politischen Bildung (Heft 273)

Tausend Jahre wechselvoller Geschichte


Dieter Bingen
Inhalt

Einleitung

Aufstieg zur Großmacht

Staatlicher Zerfall

Wiedererstehung zwischen den Weltkriegen

Zweiter Weltkrieg

Zeit der Volksdemokratie

Vorreiter des Umbruchs im Ostblock

Zweiter Weltkrieg
Nach dem schnellen Vorstoß der deutschen Truppen und dem Einfall der Roten Armee in Ostpolen am 17. September kapitulierten die letzten polnischen Verbände am 5. Oktober 1939. Deutsch-sowjetische Verhandlungen führten am 28. September zu einem Grenz- und Freundschaftsvertrag, der die Demarkationslinie der Invasoren entlang dem Bug festlegte. In den polnischen Ostgebieten, die der Weißrussischen und der Ukrainischen Sowjetrepublik eingegliedert wurden, lebten unter den 13 Millionen Einwohnern – zumeist Weißrussen, Ukrainer und starke jüdische Minderheiten – über fünf Millionen Menschen mit polnischer Muttersprache, die sogleich Terrormaßnahmen zum Opfer fielen. Die Deportationen von April bis Juni 1940 erfassten vor allem die staatlichen, religiösen und kulturellen Repräsentanten des Polentums. Von den rund 300000 Kriegsgefangenen überlebten nur 82000. Vor allem die Leugnung der Ermordung von über 12000 Offizieren in sowjetischen Lagern (Katyn, Kozielsk, Starobielsk) hat das polnisch-sowjetische Verhältnis über Jahrzehnte belastet.

Der Westen Polens war seit September 1939 ganz in deutscher Hand. Hitler begann hier ohne Rücksichten mit der Umsetzung der nationalsozialistischen Lebensraum-Politik. Der Westen des von deutschen Truppen besetzten Teils des polnischen Staatsgebietes wurde unter der Bezeichnung „Eingegliederte Ostgebiete“ unmittelbar mit dem Reich vereinigt, während der östliche Teil, das heißt die Mitte Polens, als „Generalgouvernement“ ein „Nebenland“ des Deutschen Reiches wurde. Die Eingegliederten Ostgebiete umfassten 95000 Quadratkilometer mit 9,9 Millionen Einwohnern (87 Prozent Polen, 6,5 Prozent Deutsche, 6,4 Prozent Juden); das Generalgouvernement zählte 94000 Quadratkilometer mit 12,1 Millionen Einwohnern.

Eingegliederte Ostgebiete

Die NS-Politik hatte sich zum Ziel gesetzt, die Eingegliederten Ostgebiete innerhalb eines Jahrzehnts in völlig deutsch besiedeltes Land zu verwandeln. Vollstrecker der Lebensraum-Politik war der „Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums“, Chef der deutschen Polizei und Reichsführer SS, Heinrich Himmler. Erste Todesopfer deutscher Volkstumspolitik waren noch im Herbst 1939 zehn- bis 20000 Polen, die zur Führungsschicht gezählt werden konnten, darunter zahlreiche katholische Geistliche. Himmlers Behörde, das Reichssicherheitshauptamt, begann sofort damit, Polen in das Generalgouvernement abzuschieben und an ihrer Stelle die 1939/40 aus den baltischen Ländern, dem sowjetischen Ostpolen, dem Generalgouvernement und Rumänien (Bessarabien, Bukowina) umgesiedelten Volksdeutschen anzusiedeln.

Bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion (22. Juni 1941) wurden 365000 Polen aus den Eingegliederten Ostgebieten deportiert. Danach endeten wegen Mangels an Transportmitteln und der unentbehrlichen Arbeitskraft der Polen die Deportationen. Wenn aus diesem Grunde auch die große Mehrheit der Polen in den Eingegliederten Ostgebieten verblieb, so wurden sie doch völlig entrechtet. Alles Grundeigentum büßten sie durch die „Polenvermögensverordnung“ vom September 1940 ein. Die polnische Sprache wurde aus dem öffentlichen und kirchlichen Leben völlig verbannt, nahezu jeder Schulunterricht für Polen eingestellt und die katholische Kirche weitgehend unterdrückt.

Hunderttausende Polen mussten zur Zwangsarbeit in das Altreich gehen, aus dem Wartheland allein bis 1943 mehr als 400000. Eine „Deutsche Volksliste“ definierte nach willkürlich gewählten Kriterien abgesehen von der in Polen lebenden deutschen Minderheit (Gruppe I und II) in den Gruppen III und IV „eindeutschungsfähige“ polonisierte Deutsche und Polen. Dabei ging es den nationalsozialistischen deutschen Behörden insbesondere auch um die Rechtfertigung von Rekrutierungen für die Wehrmacht.

Generalgouvernement

Das Generalgouvernement (Generalgou-verneur mit Sitz in Krakau: Hans Frank) sollte als Nebenland des Reiches eine Art deutscher Kolonie sein, in der die Polen ohne politisches und kulturelles Eigenleben für das nationalsozialistische Deutschland zu arbeiten hatten. Himmlers Deutsche Polizei versuchte, durch Terror und willkürliche Massenverhaftungen die Bevölkerung in Furcht zu halten. Die Produktion des Generalgouvernements wurde ganz in den Dienst der deutschen Kriegswirtschaft gestellt. Etwa eine Million Polen gingen, teils um weiterer wirtschaftlicher Verelendung zu entgehen, teils gezwungen, als „Fremdarbeiter“ nach Deutschland.

Nach der Eroberung der bisher sowjetisch besetzten ostpolnischen Gebiete im Sommer 1941 wurde auch dort (beispielsweise in Zamosc) mit einem Vertreibungs- (Polen) und Ansiedlungsprogramm (Volksdeutsche) begonnen, das aber wegen des starken Widerstandes der polnischen Landbevölkerung Ende 1943 aufgegeben werden musste.

Judenverfolgung

Die Juden in den Eingegliederten Ostgebieten und im Generalgouvernement wurden sofort völlig entrechtet und in zahlreichen Ghettos zusammengepfercht. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung im Generalgouvernement erhöhte sich fortlaufend nicht nur durch die aus den Eingegliederten Ostgebieten Deportierten, sondern auch durch die Deportationen aus dem Altreich. Im Warschauer Ghetto vegetierten unter furchtbaren Bedingungen auf engstem Raum zeitweise 400000 Menschen dahin, bevor sie zur Ermordung in die Konzentrationslager verschickt wurden.

Die von den Nationalsozialisten geplante vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Europa wurde durch das System der Konzentrations- und Vernichtungslager, die vor allem im besetzten Polen eingerichtet wurden, nahezu erreicht. Nachdem die Juden 1941 in Ostpolen bereits zu Hunderttausenden von Einsatzgruppen der SS umgebracht worden waren, entstanden 1941/42 in den Eingegliederten Ostgebieten (Chelmno, Auschwitz-Birkenau) sowie im Generalgouvernement (Belzec, Majdanek, Sobibór, Treblinka) Konzentrations- und Vernichtungslager. Allein in ihnen wurden nach neueren Untersuchungen circa 4,5 Millionen Juden aus dem deutschen Machtbereich ermordet.

Widerstand

Gestützt auf eine Exilarmee bildete sich, zunächst in Paris, dann in London, eine Exilregierung unter Präsident Wladyslaw Raczkiewicz (1885–1947), der mehrfach Innenminister gewesen war, und Ministerpräsident Wladyslaw Sikorski (1888–1943), der bereits 1922/23 kurzzeitig als Regierungschef amtiert hatte.

Josef W. Stalin brach am 25. April 1943 die diplomatischen Beziehungen mit der Exilregierung ab, da diese eine Erklärung für die kurz zuvor entdeckten Massengräber von KatyÒ forderte, und begann sofort mit der massiven Unterstützung kommunistisch-linkssozialistischer Kräfte. Außerdem weigerte sich die polnische Regierung, den sowjetischen Annexionen und der Westverschiebung Polens in dem von den Alliierten vorgeschlagenen Ausmaß zuzustimmen.

Die brutale deutsche Besatzungspolitik löste eine immer weitere Bevölkerungskreise erfassende Bereitschaft zum Widerstand im Untergrundkampf aus. Dessen bewaffneter Arm, die „Heimatarmee“ (Armia Krajowa), wuchs bis Ende 1943 auf 350000 Mann. Die militärische Bedeutung der kommunistischen „Volksgarde“ (Gwardia Ludowa) blieb gering. Im April 1943 schlug die deutsche Besatzungsmacht den verzweifelten Aufstand im Warschauer Ghetto, der den Abtransport der letzten 60000 Juden aus Warschau in die Vernichtungslager aufhalten sollte, blutig nieder.

Am 22. Juli 1944 (Nationalfeiertag bis 1989) bildete sich, nachdem die Rote Armee den Grenzfluss Bug überschritten hatte, ein von moskautreuen Kräften gebildetes „Polnisches Komitee der Nationalen Befreiung“ (Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego, PKWN), das drei Tage später nach Lublin („Lubliner Komitee“) umsiedelte und mit dem Aufbau einer kommunistisch orientierten Verwaltung begann. Daraufhin löste die Heimatarmee am 1. August 1944 einen Aufstand in Warschau aus, um die sowjetischen Truppen als legitime polnische Macht empfangen zu können. Der Aufstand wurde bis zum 2. Oktober von der deutschen Besatzungsmacht niedergeschlagen, Warschau in Schutt und Asche gelegt. Damit war der letzte militärische Versuch gescheitert, eine von der Sowjetunion unabhängige Regierung und demokratische Staatsform nach der absehbaren Befreiung von der deutschen Herrschaft zu etablieren.

Folgenreiche Grenzverschiebungen

Das am 1. Januar 1945 in „Provisorische Regierung“ umbenannte Lubliner Komitee übernahm nach der Befreiung Polens die Herrschaft und zugleich die Verwaltung im südlichen Ostpreußen, in Danzig, Pommern, im östlichen Brandenburg und in Schlesien. Pläne zur Abtretung Ostpolens und zur Entschädigung durch deutsche Ostgebiete lösten Spannungen zwischen der Exilregierung und den Westalliierten aus. Des ungeachtet wurde auf der Jalta-Konferenz (Februar 1945) die leicht modifizierte Curzon-Linie als polnische Ostgrenze festgelegt und Polen „ein beträchtlicher Gebietszuwachs im Westen und Norden“ in Aussicht gestellt. Die Potsdamer Konferenz (17. Juli – 2. August 1945) unterstellte die deutschen Ostgebiete jenseits der Oder und Lausitzer Neiße sowie das südliche Ostpreußen und Danzig (103000 Quadratkilometer) polnischer Verwaltung. Dafür musste Polen auf 180000 Quadratkilometer östlich der Curzon-Linie zugunsten der Sowjetunion verzichten.

Die Folgen der territorialen und politischen Neuordnung waren Flucht, Vertreibung und Umsiedlung von Millionen Deutschen aus den Ostprovinzen östlich der Oder und Lausitzer Neiße und von rund 1,5 Millionen Polen aus den sowjetisch gewordenen polnischen Ostgebieten. Nach einer Berechnung von 1950 waren sieben Millionen Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten in der Bundesrepublik und in der DDR registriert. Innerhalb der folgenden 50 Jahre kamen, nach Berechnungen des Bundesverwaltungsamtes Köln und des Aussiedlerbeauftragten aus dem Jahr 2000, rund 1,5 Millionen weitere Umsiedler aus Polen nach. Im Zuge der Vertreibung hatten etwa 1,6 Millionen deutsche Einwohner der Gebiete östlich von Oder und Neiße ihr Leben verloren. Die genaue Zahl der Vertriebenen lässt sich bis heute nicht ermitteln und wird in der Literatur unterschiedlich angegeben. In jedem Fall gehörten Vertreibung und Flucht zu den größten erzwungenen „Bevölkerungsverschiebungen“ des 20. Jahrhunderts, die für die Betroffenen ungeheuere Opfer und unermeßliches Leid bedeuteten. Am Ende des Jahrhunderts sollte eine solche Politik mit dem äußerst umstrittenen Begriff „ethnische Säuberung“ bezeichnet werden.


 

Quellentext
Flucht und Vertreibung
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges begann im Herbst 1939 in Europa eine der größten Umsiedlungs-, Emigrations- und Vertreibungswellen, die die Geschichte kennt. Die erste Phase der riesigen Bevölkerungsbewegung erfasste über neun Millionen Menschen, die in einem Raum, der von Finnland im Norden, der Ukraine im Osten, Griechenland im Süden und Frankreich im Westen begrenzt war, rückgesiedelt, umgesiedelt, „eingedeutscht“, „umgevolkt“ oder verschleppt wurden. [...] Rund 1,2 Millionen Polen mussten ihre Heimat in den neuen „Reichsgauen“ Wartheland und Danzig-Westpreußen verlassen und in das sogenannte Generalgouvernement übersiedeln. [...]

Dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches im Frühjahr 1945 folgte auf die Ostbewegung in Mittel-, Südost- und Osteuropa eine ebenso gewaltsame Westbewegung [...].

Die Vertreibung der Deutschen sollte, so hatten es die Alliierten auf ihren Kriegskonferenzen in Teheran (1943) und Jalta (1945) erörtert und in Potsdam besiegelt, innerhalb der neuen Grenzen Frieden stiften und die Minderheitenprobleme ein für allemal bereinigen [...]

Zum Mitleid mit den Millionen betroffener Deutscher neigte kaum jemand, zu groß waren bei den östlichen Nachbarn Deutschlands die Leiden, die ihnen nationalsozialistischer Germanisierungswahn und deutsche Besatzungspolitik in den Jahren des Zweiten Weltkriegs zugefügt hatten. Andererseits – das galt vor allem für die Westmächte – hielt man es aber auch für möglich, den gigantischen Bevölkerungstransfer in einigermaßen humaner Form durchzuführen. Das war, wie die Leiden und Verluste der Flüchtlinge und Vertriebenen bewiesen, aus vielen Gründen eine irrige Annahme.

Der Alliierte Kontrollrat [...] beschloss am 20. November 1945 die Aufnahme von 3,5 Millionen Deutschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in der sowjetischen (2 Millionen) und britischen (1,5 Millionen) Besatzungszone und von 2,5 Millionen Deutschen aus der Tschechoslowakei, 500000 aus Ungarn und 150000 aus Österreich in der sowjetischen (750000), der amerikanischen (2,25 Millionen) und der französischen (150000) Besatzungszone. Nach den Ergebnissen der ersten Volkszählung (29. Oktober 1946) befanden sich in den vier Besatzungszonen über 9,5 Millionen aus ihrer Heimat vertriebene Deutsche, [...]. Bis zur nächsten Volkszählung vom 1. September 1950 hatte sich diese Zahl allein für das Bundesgebiet [...] noch einmal um über zwei Millionen auf einen Anteil von 16,5 Prozent (1946: 13,1 Prozent) der Gesamtbevölkerung erhöht. [...]

Wolfgang Benz (Hg.), Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, Frankfurt/Main 1985, S. 7 f.

Themen | Wissen | Veranstaltungen |
Publikationen | Lernen |
Die bpb | Bestellen | Newsletter | Presse | Partner |
Impressum | Kontakt | Home
14. März 2010
Druck-Version
Artikel versenden
Inhalt
Bild vergrößern
Polen
Zu diesem Heft
Tausend Jahre wechselvoller Geschichte
Ausgestaltung der Demokratie
Wirtschaftssystem und Wirtschaftspolitik
Gesellschaftliche Strukturen
Bildungssystem im Übergang
Kultur und Kulturpolitik nach 1989
Grundzüge der Außenpolitik
Weg in die Europäische Union
Deutsch-polnische Beziehungen
Literaturhinweise
Redaktion
Aus Politik und Zeitgeschichte (B 19-20/2002)
EU-Außenpolitik
EU-Außenpolitik
Die Außenpolitik der Europäischen Union befindet sich in einer merkwürdigen Lage: Es werden immer größere Anforderungen an sie gestellt, sie sieht sich vor immer weiter gehenden Erwartungen - aber eigentlich gibt es sie kaum, oder nur in Ansätzen.
EU-Außenpolitik