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Informationen zur politischen Bildung (Heft 262)

Entwicklung Großbritanniens seit 1945


Roland Sturm
Inhalt

Einleitung

Nachkriegskonsens

Thatcherismus

Blairs "Dritter Weg"

Nachkriegskonsens
Die Kriegsanstrengungen hatten 1945 das Land zwei Drittel seines Außenhandelsvolumens gekostet und die Staatsverschuldung verdreifacht. Großbritannien war von amerikanischer Finanzhilfe abhängig, und die Währung des Landes verlor stetig an Wert. Ein Zurück zur früheren Weltmachtrolle war aus wirtschaftlichen Gründen ebensowenig möglich wie aus politischen. Viele der britischen Kolonien verlangten nach Selbstbestimmung. Auch zuvor gesellschaftlich benachteiligte Gruppen forderten ihre Rechte ein. Ihr Selbstbewußtsein war gestiegen, da der Krieg in bisher nie gekanntem Maße die Bevölkerung als Ganzes mobilisiert, die Frauen in den Produktionsprozeß einbezogen und Vollbeschäftigung hergestellt hatte.

Innenpolitisch standen daher für alle Nachkriegsregierungen zunächst die Versorgung der Bevölkerung und später die Verbesserung des Lebensstandards sowie die Wiederherstellung der internationalen Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft im Vordergrund. Auch wenn die großen Parteien des Landes, die Arbeiterpartei (Labour Party) auf der politischen Linken und die Konservative Partei (Conservatives) auf der politischen Rechten, nicht in allen Einzelheiten übereinstimmende Strategien zum Erreichen dieser Ziele verfolgten, so läßt sich dennoch von einem Nachkriegskonsens in der britischen Politik sprechen.

Grundlage der gemeinsam verfolgten Politik, die ihre theoretische Begründung in den Schriften des britischen Nationalökonomen John Maynard Keynes (1883– 1946) fand, war der Ausbau des Wohlfahrtsstaates. Das heißt konkret, der Aufbau eines alle Bürger einbeziehenden staatlich finanzierten Systems der sozialen Sicherung und die Übernahme staatlicher Verantwortung für die Wirtschaft. Der Staat versuchte nicht nur, durch Konjunkturpolitik Wirtschaftskrisen zu vermeiden, sondern engagierte sich auch durch entsprechende Vorgaben und Kontrollen bei der Gestaltung der Preise und der Löhne.

Vor allem in Regierungszeiten der Labour Party übernahm der Staat zudem Schlüsselsektoren der Wirtschaft wie die Elektrizitätswirtschaft, die Fluglinien, das öffentliche Transportwesen, die Gasversorgung oder die Eisen- und Stahlindustrie. Die britische Wirtschaftsordnung war bis in die Mitte der achtziger Jahre eine Mischwirtschaft ("mixed economy"): Sie beruhte auf dem Zusammenspiel von in Staatsbesitz und in Privatbesitz befindlichen Unternehmen.

Der Lebensstandard der britischen Bevölkerung verbesserte sich bis Anfang der siebziger Jahre merklich. Es gelang aber nicht, die Wirtschaftskraft des Landes im internationalen Vergleich entscheidend zu stärken. Die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der britischen Wirtschaft ließ selbst deren weniger bedeutende Exporte in die Länder ihres untergegangenen Kolonialreiches schrumpfen. Großbritannien galt in den siebziger Jahren als der "kranke Mann Europas", der von der "britischen Krankheit" geschüttelt wurde. Als Sym- ptome dieser Krankheit wurden hohe Inflationsraten, ein Dauerdefizit im Außenhandel, zu hohe Löhne (gemessen an der wirtschaftlichen Produktivität), häufige Arbeitsniederlegungen, veranlaßt durch die mächtigen Gewerkschaften sowie eine generelle Feindseligkeit gegenüber wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Neuerungen angesehen. Die Labour-Regierungen der siebziger Jahre versuchten vergeblich, durch die Einbindung der Gewerkschaften in wirtschaftspolitische Entscheidungen die Anzahl der Streiks zu begrenzen und die Effizienz staatlicher Lohn- und Preispolitik zu erhöhen.
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10. Februar 2012
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