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Informationen zur politischen Bildung (Heft 267)

Die Deutschen in Polen


Joachim Rogall
Inhalt

Einleitung

Unsichere Identität

Schicksal nach 1945

Zugeständnisse 1950–1960

Entwicklung bis 1989

Gegenwart

Rolle der Minderheit

Rolle der Minderheit
Die Gesamtzahl der Deutschen in Polen kann auch nach der Entstehung deutscher Organisationen noch nicht genau angegeben werden. Anders als in Rumänien, Ungarn oder den Staaten der GUS waren und sind im deutsch-polnischen Grenzbereich die nationalen Übergänge fließend.

Polnischen Schätzungen zufolge leben in Polen derzeit etwa 300000 bis 400000 Personen, welche sich als Deutsche bezeichnen. Deutsche Schätzungen gehen von mindestens 600000 Deutschen in Polen aus. Die deutsche Minderheit in Polen hat auch nach der politischen Wende mit organisatorischen, politischen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, insbesondere dort, wo die Deutschen in großer Zerstreuung leben. So sind die Deutschen außerhalb von Oberschlesien kaum in der Lage, ein deutsches Schulwesen aufzubauen. Ihre Akzeptanz in der polnischen Bevölkerung ist teilweise noch gering.

Bei den Mitgliedern deutscher Minderheitenorganisationen ist eine starke Überalterung festzustellen. Aktiv sind derzeit vor allem diejenigen, welche zumindest als Jugendliche noch die deutsche Zeit vor 1945 bewusst erlebt haben. Naturgemäß sind deshalb die Vorstellungen und Ziele der Mitglieder häufig noch an den Verhältnissen von vor 1945 orientiert.

Jugendliche sind in den Gruppen nur schwach vertreten. Wo eigene Jugendgruppen existieren, zeigen sich Generationskonflikte. Die Vorstellungen und Aktivitäten der älteren Generation finden bei den Jugendlichen kaum Widerhall. Dabei spielen nicht nur sprachliche Probleme eine Rolle, sondern vor allem unterschiedliche Interessen. Während die mittlere und ältere Generation der Minderheitenangehörigen ähnlich wie landsmannschaftliche Gruppierungen in Deutschland den Schwerpunkt auf die Pflege heimatlichen Brauchtums und geselliges Beisammensein legt, wird die junge Generation dadurch nicht angesprochen. Sie wollen vor allem im beruflichen Bereich eine Perspektive haben. Dass in dieser Lage in der ersten Zeit nach der Wende die Aussiedlung nach Deutschland, wo die meisten Verwandte besaßen, als attraktive Möglichkeit erschien, ist verständlich.

Die meisten Deutschen haben sich jedoch unter den neuen demokratischen Bedingungen und ihrer Anerkennung als nationale Minderheit in Polen zum Bleiben entschieden. Sie können ihre kulturellen Traditionen und die Verbindungen nach Deutschland pflegen und werden aus Deutschland unterstützt. Sie tragen heute ihren Teil zum Auf- und Umbau Polens und seiner Gesellschaft bei. Von Deutschland wie von Polen wird dabei stillschweigend geduldet, dass viele Deutsche in Polen faktisch eine Doppelstaatsbürgerschaft und neben ihrem polnischen Pass auch einen deutschen Pass besitzen. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 200000 Personen eine doppelte Staatsbürgerschaft haben.

Politische Vertretung

Mit ihrer Legalisierung wurde die deutsche Minderheit in ihrem geschlossenen Siedlungsgebiet Oberschlesien auch zu einer politischen Kraft. Dies zeigte sich bei den Wahlen, die seit 1990 in Polen stattgefunden haben. Zahlreiche Gemeinden im Oppelner Schlesien haben seither einen deutschen Bürgermeister, deutsche Vertreter sitzen in vielen Gemeinderäten und im Oppelner Landtag.

Bei den Parlamentswahlen im Jahre 1991 konnte die deutsche Minderheit sieben Abgeordnetenmandate und einen Senatssitz erringen, bei den Wahlen im September 1993 dagegen bei geringerer Wahlbeteiligung nur vier Abgeordnetenmandate und einen Sitz im Senat. Nach der Wahl 1997 hat die Minderheit ihren Senatssitz verloren, obgleich die Zahl der Stimmen für den deutschen Kandidaten gleich blieb. Sie wird im Parlament noch durch zwei Abgeordnete vertreten. Eine Erklärung für die schwindende Zahl der deutschen Vertreter wird in einem generellen Desinteresse der Minderheit an polnischer Politik gesehen. Ein weiterer Grund ist die zunehmende Integration der jüngeren Angehörigen der Minderheit in Polen, die ihre wichtigsten kulturellen Belange gesichert sehen und keine spezielle deutsche Lobby im Parlament mehr für notwendig halten.

Die sachliche, um Verständigung bemühte und von Loyalität zum polnischen Staat geprägte Tätigkeit der Minderheitspolitiker wird in Polen wie in Deutschland anerkannt. Für die Deutschen in Polen bedeutet ihre Parlamentsvertretung neben der politischen Aufwertung auch die Gewissheit, dass ihre Probleme auf höchster politischer Ebene zur Sprache gebracht werden können.

Aus der Bundesrepublik Deutschland wurde die deutsche Minderheit in Polen in den vergangenen Jahren nachhaltig, vor allem auch finanziell, unterstützt. Die Bundesregierung stellte für die Kulturarbeit der deutschen Minderheitenorganisationen seit Beginn der neunziger Jahre jährlich rund 25 Millionen Mark zur Verfügung. Dabei achtete man darauf, durch die Zuwendungen aus Deutschland die Trennung zwischen den Deutschen und ihren polnischen Nachbarn nicht unnötig zu vertiefen. Der größte Teil der Hilfsmaßnahmen kommt allen Bewohnern der jeweiligen Orte oder Regionen zugute. So wurden beispielsweise Krankenhäuser mit Geräten und Medikamenten ausgestattet oder die Wasserversorgung bestimmter Gebiete durch entsprechende Baumaßnahmen verbessert. Die Minderheitenorganisationen wurden durch Auf- und Ausbau von Begegnungszentren, Büchereien, Kultur- und Sprachlehrinstitutionen unterstützt.

Neben staatlichen Stellen erfährt die deutsche Minderheit durch zahlreiche Wohlfahrtsverbände, Organisationen und Privatpersonen weitere Unterstützung für ihre Arbeit. Hierbei ist in Deutschland wie in Polen die Tätigkeit deutscher landsmannschaftlicher Organisationen wie des Bundes der Vertriebenen, die auch politische Forderungen artikulieren, nicht unumstritten.

Die der deutschen Minderheit nach Abschluss des Grenzvertrages zugedachte Rolle einer Brücke zwischen Deutschland und Polen ist heute noch eine Zukunftsvision. Für viele Angehörige der Minderheiten geht es heute in erster Linie darum, das ihnen nach 1945 zugefügte Unrecht wiedergutzumachen und ihre nationale Identität zu sichern. Das ist ein langwieriger Prozess, bei dem allen Seiten Kompromisse abverlangt werden. In den Kreisen der deutschen Minderheit hatte man teilweise auch besonders hohe Erwartungen bezüglich der Hilfe aus der Bundesrepublik, die sich in der Praxis als unerfüllbar erwiesen. So wird von staatlicher deutscher Seite nichts unterstützt, was der Integration der deutschen Minderheit in der polnischen Gesellschaft – bei aller Förderung ihrer kulturellen Eigenart – zuwiderläuft. Auf der anderen Seite befürchteten viele Polen in Oberschlesien, bei Erfüllung aller Forderungen der deutschen Minderheit schließlich zu Fremden im eigenen Land zu werden. Diese heiklen Probleme können nur durch gemeinsame Anstrengungen aller Beteiligten, der deutschen Minderheit, ihrer polnischen Nachbarn, des polnischen und des deutschen Staates, zu einem friedlichen und für alle Seiten akzeptablen Ende geführt werden.

Die Zeichen dafür sind günstig. So steht ein polnisches Minderheitenschutzgesetz kurz vor dem Abschluss, das eine besondere Behörde für Minderheitenbelange beim Ministerrat vorsieht. Dieser wird voraussichtlich ein beratendes Gremium aus Vertretern der Minderheiten zur Seite gestellt werden. Zahlreiche Probleme wie die Frage zweisprachiger Ortsschilder in den Siedlungsgebieten der Minderheiten oder das Recht zur Benutzung der Muttersprache im Behördenverkehr sollen ebenfalls zugunsten der Minderheiten entschieden werden.

Ein Vergleich der Aussiedlerzahlen der letzten Jahre zeigt deutlich, wie sehr aufgrund der offiziellen Anerkennung und der Entwicklung der deutschen Minderheitenorganisationen der Aussiedlungsdruck in Polen abgenommen hat.

Die deutsche Minderheit in Polen bietet heute ein heterogenes Bild. Die ältere Generation hat sich wohl oder übel mit ihrer Existenz in Polen abgefunden, ist aber nicht wirklich in die polnische Gesellschaft integriert. Sie pflegt ein Heimat- und Kulturbewusstsein, das sich an der deutschen Vorkriegszeit orientiert. Für sie ist Deutsch noch die Muttersprache, auch wenn sie es teilweise nur in oberschlesischer oder masurischer Färbung spricht, und Deutschland der kulturelle Bezugspunkt. Die jüngere Generation dagegen ist ein integrierter Teil der polnischen Gesellschaft, sprachlich und kulturell ganz überwiegend polnisch geprägt, für die der Bezug zu Deutschland allenfalls noch eine mehr oder weniger ausgeprägte Familientradition darstellt.
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10. Februar 2012
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Inhalt
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Aussiedler
Einführung
Die Deutschen in Polen
Geschichte der Deutschen in Rumänien
Die Entwicklung in Russland und in der Sowjetunion
Die Situation in der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS)
Zuwanderung und Integration in der Bundesrepublik Deutschland
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Das Dossier Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg bietet einen umfassenden Überblick vom Aufstieg der NSDAP in der Weimarer Republik bis zum Weltkriegsende 1945. Es beschäftigt sich zudem mit Fragen des Wiederaufbaus und der Erinnerung an diese Zeit.
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