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Informationen zur politischen Bildung (Heft 163)
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Nationalismus - Imperialismus - Erster Weltkrieg |

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Einleitung
1879 Zweibund Deutschland - Österreich/Ungarn
1881 Tunesien französische Kolonie
1882 Englische Oberherrschaft über Ägypten
1884/85 Erwerbung deutscher Kolonien in Afrika und in der Südsee
1892 Russisch-französische Militärkonvention
1898 Erstes deutsches Flottengesetz: Verstärkung der Kriegsflotte
1904 Entente Cordiale (Vertrag über die Abgrenzung der kolonialen Interessensphären) zwischen Frankreich und Großbritannien
1907 Britisch-russische Verständigung über Persien
1914 28. 6. Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo
Aug. Deutsche Kriegserklärungen an Russland und Frankreich; deutscher Einmarsch in das neutrale Belgien; britische Kriegserklärung an Deutschland
Nationalismus
Die Erwartung der frühen nationalen Bewegung, die Befriedigung der nationalen Einheits- und Unabhängigkeitswünsche werde ein Zeitalter des Friedens heraufführen, erfüllte sich nicht. Stattdessen gerieten die alten und neuen Nationalstaaten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in den Sog der nationalen Rivalität und wirtschaftlichen Konkurrenz. Die Sicherung der nationalen Existenz, die Wahrung der nationalen Interessen, der "Platz an der Sonne" wurden zu Parolen der Außenpolitik, die fast jedermann überzeugten. Der "sacro egoismo" (italienisch: heiliger Egoismus) verdrängte das Bewusstsein internationaler Solidarität. Erbfeindschaften wurden beschworen - Deutsche und Franzosen, Polen und Russen, Italiener und Österreicher -, das Nachbarvolk als Feind von morgen verdächtigt. Nationale Vorurteile fanden großen Anklang: das "sittenlose Frankreich", die "polnische Wirtschaft", das "tatarische Russland".
Solche Zerrbilder dienten nicht nur der Herabsetzung des Widersachers, sie erfüllten auch die wichtige Funktion, die eigene Vortrefflichkeit um so glänzender hervortreten zu lassen: das deutsche "Volk der Dichter und Denker", die Tiefe der russischen Seele, der französische Esprit.
In solchem Klima gedieh der Antisemitismus vortrefflich. Seine Anhänger fand er besonders im Kleinbürgertum und alten Mittelstand, die sich von der rasanten sozial-ökonomischen Entwicklung überrollt fühlten und einen Sündenbock suchten, dem sie die Schuld daran aufbürden konnten. Der soziale Neid wurde mit rassistischen Theorien bemäntelt, die die Unterschiede zwischen den Völkern und Kulturen auf biologisch-rassische Wesensverschiedenheiten zurückführten und sie damit für naturgegeben, d. h. durch politische Verständigung nicht überbrückbar erklärten.
Man gewöhnte sich an den Gedanken, dass der Fortbestand und Aufstieg der eigenen Nation letztlich nur durch die Zusammenfassung aller Kräfte des eigenen Volkes gesichert werden könne. Das um sich greifende Freund-Feind-Klischee ließ die Nation als eine Schicksals-, Schutz- und Kampfgemeinschaft erscheinen, die in ihrem permanenten Ringen um Selbstbehauptung keine Abtrünnigen, ja nicht einmal Außenseiter dulden könne. In den "nationalen Kreisen" geriet jegliche Form von Opposition in den Verdacht, das Vaterland zu gefährden.
Der Nationalismus entwickelte sich zu einer Ideologie, die die bestehende Ordnung um jeden Preis erhalten wollte, weil er Zwietracht und Konflikt als Übel ansah, die für den nationalen Machtstaat lebensbedrohlich seien. So nahm der Nationalismus, der in seinen Anfängen eine durchaus emanzipatorische Bewegung gewesen war, zumindest in den entwickelten Gesellschaften West- und Mitteleuropas, aber auch in Russland autoritäre, undemokratische Züge an. Er leistete einer konservativen Festschreibung der gegebenen innenpolitischen Machtverhältnisse Vorschub und entsprach insoweit den Interessen der herrschenden Schichten. Das erklärt auch die gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer stärker zutage tretende antinationale Einstellung der Arbeiterparteien, die sich von einer nationalistischen Politik keine Verbesserung ihrer Lage versprechen konnten.
Militarismus
Die starke Betonung der Kriegs- und Kampfbereitschaft, die dem nationalen Machtstaat eigen war, führte zu einer Militarisierung des gesamten Lebens. Ein verbissener Rüstungswettlauf setzte ein und gewann bald eine gewisse Eigendynamik. Die Anforderungen an die eigene militärische Sicherheit wurden immer größer, aber zugleich wuchs auch die Kriegspsychose. Kriegsfurcht und die fatalistische Bejahung des Krieges als eines unvermeidlichen Schicksals gingen eine unheimliche Verbindung ein.
Imperialismus
Die Verschärfung der internationalen Gegensätze fand ihren Höhepunkt im Imperialismus, dem sich alle großen Staaten auf die Dauer zuwandten. Imperialismus - das war die Ausweitung der Machtsphäre eines Staates über seine Grenzen hinaus, sei es in Form kolonialer Gebietsherrschaft oder durch Wirtschaftseinfluss. Eine solche direkte oder indirekte Expansionspolitik hatte eine Reihe von Gründen:
- das Drängen des im Inland angesammelten, nicht mehr optimal verwertbaren Anlagekapitals in Länder mit besseren Rentabilitätschancen;
- die Erschließung und Sicherung neuer Rohstoffgebiete zur krisenunabhängigen, kontinuierlichen und preisgünstigen Versorgung der inländischen Verarbeitungsindustrie;
- die Öffnung neuer Märkte zum profitablen Absatz des eigenen Produktionsüberschusses und zur Vorbeugung gegen Überproduktionskrisen;
- das Bestreben, die sozialen und ökonomischen Konflikte im eigenen Land durch die Schaffung neuer Produktionskapazitäten und Absatzchancen zu entschärfen (Sozialimperialismus);
- die Sicherung von Faustpfändern, Tauschobjekten und Machtbasen im Kampf um die weltpolitische Führungsstellung;
- schließlich ein Nationalismus, dessen Ehrgeiz und Energien nach emotionaler Befriedigung und kollektiver Selbstbestätigung im Überlegenheitsgefühl großer über kleiner, "zivilisierter" über "primitive" Völker verlangten.
Kolonialismus
Mit dem Beginn der 80er Jahre beschleunigte sich die koloniale Expansion auffallend. Es begann ein wahrer Wettlauf um die Verteilung der noch nicht kolonialisierten Gebiete (insbesondere in Afrika, Zentral- und Südostasien, Ozeanien) oder die Sicherung des wirtschaftlichen Einflusses (China, Persien, Osmanisches Reich). 1914 kontrollierten die europäischen Staaten oder ihre frühkolonialen Abkömmlinge (USA) 84 % der bewohnten Erdoberfläche. Diese Machtausdehnung war möglich, weil die unterworfenen Völker den Europäern technisch und militärisch nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatten. Nur Japan war wendig genug, sich dem europäischen Erfolgsstil anzupassen und selbst Großmachtpolitik zu betreiben.
Die Kolonien erfüllten recht unterschiedliche Zwecke: sie nahmen die überschüssige, auswanderungswillige Bevölkerung der Mutterländer auf (Algerien, Südafrika, Neuseeland, Niederländisch-Indien), dienten als Rohstofflieferanten (Zentralafrika, Java), als Flotten- und Seeverkehrsstützpunkte (Malta, Aden, Singapur), als Handelszentren (Hongkong) oder als willkommene Einnahmequellen überhaupt (Indien, Ägypten). Manche Kolonien entsprachen so recht keinem dieser Zwecke und waren in Besitz genommen worden, um die Mutterländer nicht abseits stehen zu lassen (Italienisch-Libyen, Deutsch-Südwestafrika).
Der Sinn und Widersinn der Kolonialpolitik blieb bis heute umstritten. Es gab die gedankenlose Zerstörung der einheimischen kulturellen und gesellschaftlichen Lebensformen (Schwarz-Afrika), aber auch die behutsame Schonung der vorgefundenen Verhältnisse (Britisch- und Niederländisch-Indien). Die Geschichte des 19. Jahrhunderts verzeichnet die beschämend brutale Ausbeutung der eingeborenen Bevölkerung (Opiumkrieg gegen China, Kongogreuel) aus nackter Erwerbsgier, daneben jedoch auch die zivilisatorische Förderung durch Krankenhäuser, Schulen, Eisenbahnen oder die Durchsetzung von Rechtssicherheit (man sprach z. B. von der "Pax Britannica", das ist der Friede, der in dem von Großbritannien befriedeten Machtbereich herrschte, analog der "Pax Romana" im Römischen Weltreichdes Altertums).
Im ganzen überwogen die Versäumnisse der Kolonialmächte. Der Aufbau von Monokulturen (Bananen, Kaffee, Zucker, Baumwolle) brachte viele Kolonien in eine fatale Abhängigkeit von den stets unsicheren Ernten und den schwankenden Weltmarktpreisen. Die Kolonialbehörden stützten sich in der Verwaltung zumeist auf die einheimischen, größtenteils feudalen Herrschaftseliten und zeigten wenig Interesse an sozialen Reformen. Es war ihnen selbstverständlich, die Bevölkerung in der traditionellen Rückständigkeit zu halten, der Gedanke, sie auf eine künftige politische Selbstständigkeit vorzubereiten, war in dieser Zeit noch fremd.
Im Durchschnitt war der wirtschaftliche Nutzen, den die Kolonien ihren Mutterländern brachten, überraschend gering. Nicht wenige Kolonialgebiete bleiben von Anfang bis Ende auf Zuschüsse angewiesen. In den Handels- und Zahlungsbilanzen der Mutterländer tauchten die meisten Kolonien nur an untergeordneter Stelle auf. Sie waren für die ökonomisch entwickelten Länder durchweg wenig ergiebige Partner; darum erhielten sie nur einen kleinen Teil im Verhältnis zu denjenigen Investitionen, die in die wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder der nördlichen Halbkugel flossen. Das schloss einzelne erhebliche Profite nicht aus (der USA in Lateinamerika, Großbritanniens in Indien). Unter dem Gesichtspunkt der ökonomischen Rationalität und Rentabilität betrachtet, war der Kolonialismus eine Fehlspekulation. Vieles spricht dafür, dass er die Fortsetzung der Rivalität der europäischen Mächte in Übersee war und dazu dienen sollte, die Mutterländer in Europa stark und unangreifbar zu machen. Dennoch blieb letztlich Europa das Kraftzentrum, in dem die weltpolitische Auseinandersetzung ausgetragen werden musste.
Internationale Politik vor 1914
Für diesen Ernstfall wollte jede der europäischen Großmächte Bundesgenossen finden. Jede stand dabei vor dem Problem, den unerlässlichen Preis für das Bündnis in einem richtigen Verhältnis zum Bündniswert zu halten, sich nicht mit dem falschen Partner zu verbünden oder es zu vermeiden, sich für fremde Interessen einspannen zu lassen. Einzig die USA beteiligten sich nicht an diesem Spiel.
Es gab einige scheinbar unverrückbare Konstanten im europäischen Mächtekonzert:
- die deutsch-französische Feindschaft wegen Elsass-Lothringen;
- die russisch-österreichische Rivalität auf dem Balkan;
- der österreichisch-italienische Streit um das Trentino;
- die deutsch-österreichische Freundschaft seit dem Zweibund von 1879.
Alles übrige war lange Zeit im Fluss. Das gute deutsch-russische Einvernehmen, auf das Bismarck stets besonderem Wert gelegt hatte, verfiel seit seinem Abgang: Seine Nachfolger hielten den "Rückversicherungsvertrag" für unvereinbar mit der deutsch-österreichischen Partnerschaft, und im Zusammenhang mit der von Agrariern und Schwerindustriellen durchgesetzten Schutzzollpolitik verschlechterten sich die deutsch-russischen Handelsbeziehungen. Frankreich nutzte diese Entfremdung und machte sich dem Zarenreich durch Kapitalhilfe und Militärkonvention bald unentbehrlich. Die guten Chancen, zu einer Allianz mit Großbritannien zu kommen, verspielte die deutsche Diplomatie durch Unentschlossenheit und die Illusion, England sei auf das deutsche Bündnis angewiesen. Unterdes arrangierten sich die Briten mit Frankreich in Ägypten und im Sudan und mit Russland in Persien.
So war das Aneinanderrücken der späteren Ententemächten Großbritannien, Frankreich und Russland nicht nur die Bereinigung ihrer kolonialen Streitigkeiten zu verdanken, sondern auch der seit Bismarcks Abgang wankelmütigen, wenig Vertrauen erweckenden deutschen Außenpolitik, die sich forscher und aggressiver gab, als sie es meinte und verantworten konnte. In seiner wachsenden Isoliertheit klammerte sich das Deutsche Reich an den Zweibund, ohne wahrhaben zu wollen, dass der habsburgische Vielvölkerstaat in Anbetracht seiner innenpolitischen Labilität eher eine Belastung darstellte. Auch der zweite Verbündete, Italien, war wenig zuverlässig: Er konnte eine Unterstützung seiner Absichten auf Südtirol und ein mittelmeerisches Kolonialreich mehr von den West- als von den Mittelmächten erhoffen.
In Deutschland verbreitete sich das Gefühl, eingekreist zu sein, wobei die Angst vor der ständig wachsenden Stärke Russlands besondere Beklemmungen verursachte. Insbesondere für Deutschland, für Österreich und für Russland wuchs die Versuchung, sich aus einer scheinbar misslichen Lage durch einen im rechten Moment ausgelösten Krieg zu befreien.
Der Weg in den Ersten Weltkrieg
Mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo am 28. Juni 1914 war die Krise da. Dass sie schließlich in die Katastrophe des Kriegsausbruches mündete, hatte mehrere Gründe:
- Der deutsche Plan, die Auseinandersetzung auf Serbien und Österreich zu lokalisieren und dem Wiener Verbündeten durch einen schnellen militärischen Erfolg Befreiung vom südslawischen Druck und eine allgemeine Festigung seiner Position zu verschaffen, scheiterte, weil Österreich zu lange zögerte und dadurch die russische Intervention provozierte.
- Die deutsche Reichsleitung baute zu lange auf die englische Neutralität, war ratlos, als diese nicht zugesichert wurde, und machte sich England zum Kriegsgegner, als sie die belgische Neutralität missachtete.
- Dieser Angriff auf Belgien lag in der Logik der militärischen Planung, genau so wie die strategische Notwendigkeit, den künftigen Gegnern mit der Mobilmachung zuvorzukommen; der deutsche Generalstab schrieb der politischen Führung im letzten Stadium der Krise das Gesetz des Handelns vor und trug zu seinem Teil dazu bei, dass nicht alle Möglichkeiten einer friedlichen Konfliktregelung ausgeschöpft wurden.
- Kriegsauslösend war schließlich auch die russische Mobilmachung. Sie erfolgte ohne militärische Not, nach einem kaltblütigen Kalkül der zaristischen Regierung, die sich vom Krieg einen Ausweg aus den innenpolitischen Schwierigkeiten erhoffte.
Der Krieg brach aus, weil auf fast allen Seiten eine fatalistische Bereitschaft zum Waffengang bestand. Man hatte gerüstet und Eventualbündnisse geschlossen - nun sollten sie ihren Wert erweisen. Die seit Jahren hochgeputschten nationalen Emotionen und Ängste hatten ein politisches Klima geschaffen, dem sich auch die Bedächtigen nur schwer entziehen konnten. Von vielen Mitlebenden wurde der Krieg wie eine Befreiung empfunden. Die pazifistischen Kräfte, insbesondere die Sozialisten, waren selbst zu sehr verunsichert, als dass sie die Entwicklung aufhalten konnten. Der von den Sozialistischen Internationale vorgesehene Generalstreik kam nicht zustande - auch die Arbeiter rückten ins Feld, um das bedrohte Vaterland zu verteidigen.
Der Erste Weltkrieg war die Folge und Katastrophe des Nationalismus, Imperialismus und Militarismus. Er beendete die Vormachtstellung Europas, die Autorität der monarchischen Regierungsform und das bürgerliche Zeitalter. Mit ihm ging das 19. Jahrhundert endgültig zu Ende. |
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14. März 2010
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Informationen zur politischen Bildung |
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Das 19. Jahrhundert 2
Im Blickpunkt dieser Ausgabe steht die wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Entwicklung, die durch die Industralisierung Europas im 19. Jahrhundert angestoßen wurde. |
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