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Informationen zur politischen Bildung (Heft 267)

Die Situation in der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS)


Ute Heinen
Inhalt

Einleitung

Staatenbildung und Migration

Aussiedlung und Bleibehilfen

Schwierige Lage

Autonomiebestrebung

Nationale Rayons in Westsibirien

Kirchengemeinden

Bildung

Kulturelles Leben und Identität

Schwierige Lage
Die Lage der deutschen Minderheiten in den einzelnen Staaten der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) ergibt kein einheitliches Bild. Ihre Zahl kann nur geschätzt werden. Die letzte Volkszählung der Sowjetunion fand im April 1989 statt, wobei davon auszugehen ist, dass viele Russlanddeutsche sich aus Angst vor Diskriminierung nicht zu ihrer deutschen Volkszugehörigkeit bekannten. Lediglich in Kasachstan und Kirgisistan fanden 1999 Volkszählungen statt. In Russland wurde sie auf das Jahr 2002 verschoben.

Insgesamt, bilanziert Alfred Eisfeld für das Jahr 1998, „hat sich in allen GUS-Staaten der wirtschaftliche Niedergang und der Verlust an Zukunftsperspektiven fortgesetzt. Dazu schlug die unübersehbare Lähmung Russlands in allen Bereichen des politischen und gesellschaftlichen Lebens durch. Sie fand ihren Ausdruck in dem Wechsel zweier Regierungen und einem fortschreitenden Verfall des Rubelkurses.“

Im Folgenden wird die Situation der deutschen Minderheiten in Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, der Ukraine und in Russland schlaglichtartig skizziert (zu den einzelnen Mitgliedsstaaten der GUS vgl. auch „Informationen zur politischen Bildung“ Nr. 249 zum Thema „Gemeinschaft unabhängiger Staaten“, S. 14 ff.). Des weiteren leben kleine deutsche Minderheiten in Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Moldawien, Turkmenistan, Usbekistan, Weißrussland sowie in den Baltischen Staaten, die nicht zur GUS gehören.

Bei der Bewertung der Entwicklung sind auch die Folgen zu berücksichtigen, die durch die Aussiedlungsbewegung für die verbliebenen Angehörigen der Minderheiten entstehen. Fast jede Familie hat Verwandte in Deutschland, was Ausreisewünsche zur Familienzusammenführung nach sich zieht. Durch zahlenmäßige Reduktion des deutschen Bevölkerungsanteils sinken die Chancen auf Erhalt eines deutschen kulturellen Umfelds und muttersprachliche Bildung.

Mit dem Ziel einer breiteren Interessenvertretung forcierten die „Wiedergeburt“-Gesellschaften (s. S. 24, 30f.) verschiedener GUS-Staaten die Schaffung eines umfassenden Volkstages als Gremium, das im Namen der Russlanddeutschen mit allen Regierungen der GUS verhandeln könnte. Als Interimsorgan wurde der „Zwischenstaatliche Rat der Russlanddeutschen“ gewählt. Uneinigkeit unter den Verbänden und fehlende Finanzierungsmöglichkeiten verhinderten jedoch die Einsetzung des Volkstages.

Republik Kasachstan

Von den bei der Volkszählung im Jahr 1989 registrierten über 957000 Russlanddeutschen (und damit der größten deutschen Bevölkerungsgruppe in einer Sowjetrepublik) siedelten zwischen 1992 und 1999 insgesamt 732950 Personen nach Deutschland aus. Weitere wanderten in die Siedlungsschwerpunkte Russlands. Nach den Ergebnissen der Volkszählung vom Februar/März 1999 haben sich noch 353400 Personen in Kasachstan als deutsche Volkszugehörige bekannt, allerdings bei anhaltender Ausreisetendenz. Siedlungsschwerpunkte in Kasachstan sind der Norden der Republik mit den Gebieten Karaganda, Akmola, Pawlodar und Kustanay sowie in Almaty im Süden.

Die wirtschaftliche Lage Kasachstans ist so schwierig, dass die Migration aus dem Land zunehmend durch die sozialen Bedingungen begründet scheint. So stand zum Beispiel einem Anstieg der Konsumentenpreise um 335,9 Prozent in den Jahren 1993–1997 ein Rückgang der Reallöhne von 10,9 Prozent gegenüber. Erst 1996 setzte eine schwache Trendwende ein. Das staatliche Gesundheitswesen ist weitgehend zusammengebrochen. Die Aussiedlungsmotive sind jedoch auch ethnisch bedingt: Durch die Einführung von Kasachisch als Staatssprache und die damit verbundene Notwendigkeit des Erlernens einer weiteren Sprache befürchten viele Russlanddeutsche, sich noch weiter von der deutschen Kultur zu entfernen. Hinzu kommt ein spürbarer Druck gegenüber Minderheiten in dieser Umbruchphase, der von unten aus nationalistischen und islamisch fundamentalistischen Parolen gespeist ist. „Selbst Hochqualifizierte werden immer häufiger bei der Vergabe von Arbeitsstellen zugunsten kasachischer Bewerber übergangen“ (Info-Dienst 35/1999, S. 6).

Die kasachische Regierung betont ihr Interesse am Verbleib der Deutschen im Lande. 1992 wurde die deutsch-kasachische Regierungskommission ins Leben gerufen, die in den Folgejahren ein umfangreiches Förderungsprogramm beschloss. Dazu zählte 1996 die Einrichtung eines Sozialfonds zur Unterstützung insbesondere von ehemaligen Angehörigen der Arbeitsarmee. Die Umsetzung erweist sich auf kasachischer Seite infolge der Finanznot als schwierig. In Sozialstationen werden kostenfreie Arzneimittel an bedürftige Deutsche und ihre Nachbarn ausgegeben. Die kasachischen Behörden wollen die aufwendigen Zollformalitäten kurzfristig abbauen, die derzeit die Einführung humanitärer Güter erschweren.

Das Deutsche Haus in Almaty hat sich zum Zentrum für die deutsch-kasachische Zusammenarbeit entwickelt. Hier ist auch der 1992 gegründete Rat der Deutschen Kasachstans ansässig, ein bei der kasachischen Regierung registrierter Zusammenschluss von 14 Gebietsorganisationen der Russlanddeutschen.

Gefördert werden ferner der außerschulische Sprachunterricht sowie rund 50 Begegnungszentren. Die Jugendarbeit und verschiedene Ausbildungsprojekte sind weitere Schwerpunkte.

In Almaty erscheint die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ (ehemals „Freundschaft“; gegründet 1966). Im staatlichen kasachischen Radio sind deutsche Fenster eingerichtet, in denen neben allgemeinen Themen auch über die Lebensbedingungen der Deutschen in Kasachstan berichtet wird. Allerdings ist das Radioprogramm nur mit neuen Radiogeräten zu empfangen, über die viele der Adressaten nicht verfügen. Deshalb plant der Rat der Deutschen Kasachstans die Etablierung eines eigenen Programms. Im Fernsehen wird 60 Minuten wöchentlich die Sendung „Guten Abend“ ausgestrahlt. In Almaty hat auch das einzige deutsche Theater in der ehemaligen Sowjetunion seinen Sitz, das auch Gastspielreisen in der GUS und nach Deutschland unternimmt. Eine angeschlossene Theaterakademie wurde 1998 geschlossen. Rückläufige Deutschkenntnisse der Zuschauer bewirken, dass die Aufführungen heute simultan übersetzt werden müssen.

Kirgisische Republik

Die Situation in Kirgisistan ist durch die starke Abwanderung nichtkirgisischer Bevölkerungsteile gekennzeichnet. Zu den Ursachen dieser Entwicklung gehören der wirtschaftliche Niedergang des Landes seit Beginn der Wirtschaftstransformation verbunden mit einem erheblichen Absinken des Lebensstandards und hoher Arbeitslosigkeit, ein wachsendes Nationalbewusstsein sowie eine damit einhergehende Benachteiligung nichtkirgisischer Bevölkerungsteile. Von den über 100000 Angehörigen der deutschen Minderheit 1989 sind nach der Volkszählung 1999 lediglich 21500 deutschstämmige Bürgerinnen und Bürger im Lande verblieben, die überwiegend in der Hauptstadt Bischkek oder in der Umgebung leben. Auch die kirgisische Regierung bedauert den Weggang der Deutschen. Präsident Askar Akajew hat ihn in einem Interview in der in Moskau erscheinenden Zeitung „Neues Leben“ vom 7. April 1998 als „volkswirtschaftlichen Schaden“ bezeichnet, dem sein Land entgegenzuwirken sucht. So wurde zum Beispiel die Benachteiligung von Arbeitnehmern, die nicht Kirgisisch sprechen, gesetzlich untersagt.

1992 wurde die deutsch-kirgisische Regierungskommission gegründet. Am 29. Januar 1992 unterzeichnete Präsident Akajew den Erlass „über die Bildung deutscher nationaler Kulturbezirke sowie nationaler Produktionsstrukturen und kommerzieller Einrichtungen in der Republik Kirgistan“. Das Parlament wurde daran nicht beteiligt. Auf der Basis des Erlasses sollen in den Orten Sokuluk und Tschuj der muttersprachliche Unterricht in Schulen und Vorschulen sowie Kulturhäuser aufgebaut und Zusammenschlüsse von Landwirten und Unternehmern geschaffen werden. Der Interessenvertretung der Russlanddeutschen in Kirgisistan, dem „Volksrat der Deutschen“, haben sich auch elf Unternehmen angeschlossen. Er hat seinen Sitz im 1998 eröffneten Kirgisisch-Deutschen Haus, das auch eine Sozialstation, ein Begegnungszentrum sowie ein Zentrum für Jugendarbeit beherbergt.

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Ausreisen beschloss die Deutsch-Kirgisische Regierungskommission 1998 die Konzentration auf soziale Hilfen. So werden die Einrichtung von Sozialstationen sowie die Lieferung von Medikamenten und medizinischen Präparaten unterstützt. In Bischkek bildet ein deutscher Automobilkonzern Jugendliche zu Kfz-Mechanikern aus. Die Ausbildung wird auch in Deutschland anerkannt.


Auf in die Zukunft

Republik Tadschikistan

Von circa 32000 im Jahr 1989 in Tadschikistan lebenden Deutschen sind im Jahr 2000 lediglich noch etwa 1000 bis 2000 im Lande verblieben. In Tadschikistan entbrannte 1992 (bis 1993), vornehmlich in den südlichen Landesteilen, ein äußerst gewaltsamer Bürgerkrieg, der große Flüchtlingsströme nach sich zog. Um der Kriegsgefahr zu entgehen, verließen deutsche Familien Hals über Kopf das Land und versuchten über Moskau nach Deutschland zu gelangen. Am 23. August und am 10. November 1992 wandten sich die Russlanddeutschen an Bundeskanzler Kohl mit der Bitte um „Sofortmaßnahmen zur dringlichen Evakuierung aller Russlanddeutschen aus Tadschikistan“. Eine pauschale, ungeprüfte Übernahme aller Flüchtlinge aus Tadschikistan wurde von der Botschaft jedoch unter Hinweis auf geltendes Recht (ein geregeltes, mit einer Einzelfallprüfung verbundenes Aufnahmeverfahren) abgelehnt. Die Bundesregierung sah die Deutschen nur im gleichen Maße betroffen wie die übrige Zivilbevölkerung. Jedoch wurde das Aufnahmeverfahren beschleunigt. Die vorrangige Behandlung der Ausreiseanträge durch die Deutsche Botschaft in Taschkent ermöglichte 1992 und 1993 insgesamt 8106 Deutschen, Tadschikistan zu verlassen.

Die noch im Lande verbliebenen Russlanddeutschen werden vorrangig durch Paketsendungen für besonders bedürftige Familien unterstützt. Es bestehen zwei Begegnungszentren; über die deutsche Botschaft werden Sprachkurse für die deutsche Minderheit und Mitglieder anderer Nationalitäten in Tadschikistan organisiert.

Ukraine

Nach der Volkszählung aus dem Jahr 1989 lebten in der Ukraine 37849 Russlanddeutsche. Sie siedelten vornehmlich verstreut im Süden bei Odessa und im Gebiet des Dnepr-Deltas sowie kompakt in der Karpato-Ukraine. Die Karpato-Ukraine war in der Zwischenkriegszeit Teil der Tschechoslowakei sowie in der Kriegszeit Teil Ungarns und kam erst 1945 zur Sowjetunion. Bei den Deutschen dort ist ein starker Auswanderungstrend festzustellen.

Offenbar als Reaktion auf die russische Politik im Zusammenhang mit der Wiederherstellung der Staatlichkeit der Deutschen an der Wolga lud der damalige Präsident der Ukraine, Leonid Krawtschuk, am 23. Januar 1992 Deutsche aus Sibirien, Kasachstan und Mittelasien zur Umsiedlung in die Ukraine ein, unabhängig davon, ob sie oder ihre Familie aus der Ukraine stammten. Zur Betreuung der Umsiedler wurde der Ukrainisch-Deutsche Fonds gegründet, der neben den von der Ukraine bereitgestellten fünf Millionen Rubel auch mit Mitteln aus Deutschland unterstützt werden sollte.

Obwohl die politischen Rahmenbedingungen gut waren und auch die Bereitschaft zur Wiedergutmachung von Kriegsunrecht innerhalb der Bevölkerung hoch einzuschätzen war, erwies sich die Ansiedlung der Deutschen als problematisch: Diejenigen Russlanddeutschen, die nicht nachweisen konnten, dass ihre Vorfahren aus der Ukraine deportiert worden waren, konnten frühestens nach fünf Jahren die ukrainische Staatsbürgerschaft beantragen. Sie stellte eine Voraussetzung für den Landerwerb dar, der auch danach aufgrund des Fehlens eines Bodenerwerbsgesetzes erschwert, wenn nicht sogar unmöglich war. Viele Russlanddeutsche, unter ihnen auch Umsiedler aus Kasachstan und Mittelasien, kehrten daher oft nach jahrelangem Wohnen in einem nur als Übergangsunterkunft gedachten Container der Ukraine den Rücken und siedelten nach Deutschland aus.

Zur Lösung dieser Problematik wurde am 3. September 1996 ein Abkommen zwischen den Regierungen der Ukraine und der Bundesrepublik Deutschland über die Zusammenarbeit bei der Förderung der deutschen Minderheit geschlossen. Es formuliert in Artikel acht ausdrücklich die Verpflichtung Deutschlands zur Unterstützung der deutschen Minderheit in der Ukraine. In der Folge vereinbarte im Februar 1998 die Deutsch-Ukrainische Regierungskommission, die bisherigen Fördermaßnahmen in der Südukraine, vor allem im Gebiet Odessa, fortzusetzen. In der Stadt Odessa wurde 1993 mit Hilfe des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales und der Bayerischen Lutherischen Landeskirche ein Kulturzentrum, das Bayerische Haus, eingerichtet. Es verfügt über ein umfassendes kulturelles Angebot (zum Beispiel Konzerte und Vorträge) sowie ein Sprachkursangebot. Zugleich versteht es sich als Zentrum deutsch-ukrainischer Begegnungen.

Russland

Die multinationale Föderation umfasst 21 Republiken mit nichtrussischen Titularnationen und eigenen Verfassungen, sechs Regionen, 49 Gebiete sowie zehn autonome Kreise. Die Bevölkerung ist weder als Titularnation noch als Staatsvolk eindeutig definiert. Sie gehört zur ostslawischen Sprachengruppe und konfessionell zur russisch-orthodoxen Kirche. Die Titularnationen der Republiken und nationalen Gebietseinheiten gehören verschiedenen Völkern und Sprachgruppen an (unter anderem ostfinnische, kaukasische, türkische, mongolische) und haben einen unterschiedlichen religiösen (darunter moslemischen und buddhistischen) und kulturellen Hintergrund. (Vgl. Informationen zur politischen Bildung, Nr. 249.)

Zum Zeitpunkt der Volkszählung 1989 bekannten sich 842295 Einwohner der Russländischen Föderation zu ihrer deutschen Volkszugehörigkeit. Mit geschätzten 800000 Personen ist die Minderheitengruppe auch im Jahr 2000 noch sehr groß. Doch aus Russland gibt es ebenfalls Ausreisen in beachtlichem Umfang, wenn sie auch in der Relation wesentlich geringer sind als die aus Kasachstan. So siedelten von 1992 bis 1999 aus der Russländischen Föderation 460693 Personen aus, die Zahl der Aussiedler aus Kasachstan betrug im gleichen Zeitraum 732950 Personen. Hierfür dürfte vor allem die wesentlich stabilere Minderheitensituation maßgeblich sein. Trotz der auch in Russland sehr schwierigen wirtschaftlichen Situation, die sich nach einer leichten Besserung mit der Rubel-Krise im Sommer 1998 nochmals verschärfte, wurde die Russländische Föderation nach dem Zerfall der Sowjetunion zum Aufnahmeland für Russlanddeutsche aus den mittelasiatischen Staaten der GUS.

Die Siedlungsgebiete der Russlanddeutschen in der Russländischen Föderation liegen heute in Westsibirien, in den Gebieten Tomsk, Nowosibirsk, Barnaul und Omsk. Hier befinden sich auch die beiden 1991 und 1992 wieder errichteten Deutschen Nationalen Rayons Halbstadt (Altai-Region) und Asowo (bei Omsk). Weitere Siedlungsschwerpunkte befinden sich an der Wolga: Burni im Rayon Engels und Stepnoje im Rayon Marx, beide im Gebiet Saratow, sowie Galki mit einigen umliegenden Ortschaften im Rayon Kamyschin, Gebiet Wolgograd, die innerhalb der Grenzen der ehemaligen Wolgarepublik liegen. Für eine Wiedererrichtung der Wolgarepublik selbst gibt es aufgrund der politischen Entwicklung in der Ära Jelzin (1991–1999) kaum noch Chancen.

1993 beschloss die Deutsch-Russische Regierungskommission im Gebiet Leningrad einen weiteren Siedlungsschwerpunkt für die Russlanddeutschen auszubauen. In Peterhof-Strelna wurde eine Modellsiedlung mit Häusern für Familien aus Mittelasien und Kasachstan konzipiert. Ein erster Bauabschnitt sollte 50 Wohneinheiten umfassen, in einem zweiten sollten weitere 68 Häuser folgen. Die Häuser waren zunächst als genossenschaftliches Eigentum geplant, sollten aber später von den Bewohnern käuflich erworben werden können. Durch eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit sollte die Bevölkerung der Umgebung von dem Projekt überzeugt werden. In einer Umfrage äußerten sich nach Auskunft der Agentur für territoriale Entwicklung Neudorf-Strelna von 1333 Befragten 69 Prozent „positiv“, 21 Prozent „neutral“ und 9,8 Prozent „eher negativ“ bzw. „negativ“. Dennoch gab es Proteste gegen die Siedlung.

Die ersten fertig gestellten Häuser wurden 1998 bezogen. Aufgrund von Problemen mit den lokalen Behörden, die es für die Neusiedler erschwerten, ein dauerhaftes Wohnrecht für die Region zu erhalten, und wegen erheblich gestiegener Projektkosten beschloss die Bundesregierung, das Projekt nicht weiter zu betreiben. Dies entsprach auch ihrer Entscheidung, keine Großprojekte mehr zu fördern. Eine abschließende Förderung von 500000 DM soll den Abschluss der ersten Bauphase sicherstellen. Sie enthielt darüber hinaus Mittel für Kleinunternehmen, um den Neubürgern eine wirtschaftliche Basis zu sichern.

Die Siedlungsschwerpunkte in der Russländischen Föderation sind zum Anziehungspunkt für Russlanddeutsche aus Kasachstan und den anderen asiatischen Staaten der GUS geworden. Sie und die umliegenden Gebiete mit einem hohen Anteil an russlanddeutscher Bevölkerung stehen im Zentrum des Engagements der Bundesrepublik Deutschland für die Russlanddeutschen. Dazu zählt insbesondere auch Westsibirien.

In Russland existiert eine Vielzahl von gesellschaftspolitischen Vereinigungen der Russlanddeutschen, darunter zum Beispiel der „Internationale Verband der Russlanddeutschen“ oder der „Internationale Verband der Deutschen Kultur“ (IVDK). Uneinigkeit untereinander hat jedoch die Zusammenführung unter einem Dach bisher verhindert. Die Gesellschaft „Wiedergeburt“, die seit ihrer Gründung 1989 die Autonomiebewegung vertrat, konnte ihre Registrierung beim russischen Staat als föderale Gesellschaft nicht mehr erreichen.

Ein neuer Anlauf zur Initiierung einer gesellschaftspolitischen Bewegung wurde mit der erneuten Gründung einer gesamtrussischen Organisation „Wiedergeburt“ auf einer Konferenz von „Vertretern gesellschaftlicher Vereinigungen und nationalterritorialer Einheiten der Deutschen in der Russischen Föderation“ am 18. März 2000 in Moskau gestartet.

 

Quellentext
Augenzeugenbericht eines Russlanddeutschen
[...] Auf der Krim gab es viele große Kolonien mit bis zu tausend Einwohnern. Auch in den Städten Simferopol, Sewastopol, Feodosia und Kertsch wohnten viele Deutsche. Insgesamt lebten auf der Krim mehr als 50000 Deutsche.

Im Jahre 1930 wurden wir enteignet. [...] Wir arbeiteten im Kolchos. Und dann kam der Hunger in den Jahren 1932/33 als Folge der übereilten Kollektivierung. [...] Ganze Dörfer starben aus. Kinder, deren Eltern gestorben waren, zogen bettelnd durchs Land. Millionen kamen ums Leben. [...]

Und dann, wir hatten uns einigermaßen erholt, kam ein neuer Schlag: Im November 1937 um zwei Uhr nachts wurde mein Vater verhaftet und zur gleichen Zeit seine Brüder und zwölf Vettern. [...] Von ihnen allen haben wir nie mehr etwas gehört. Es war die Zeit der großen „Säuberung“ Stalins.

Das Ende für die Deutschen auf der Krim kam dann im August 1941, als die deutschen Truppen sich näherten. Innerhalb von vier Stunden mussten alle Deutschen zur Evakuierung bereit sein. Pro Person durften nur fünfzig Kilogramm Gepäck mitgenommen werden. Wer sich weigerte, sollte als Staatsfeind erschossen werden. [...] Außer uns wurden auch die Krimtataren, allerdings erst 1944, aus ihrer Heimat vertrieben. Sie dürfen auch bis heute nicht zurückkehren. Wir wurden in Viehwagen verladen, immer 120 Menschen in einen Wagen. Es war so eng, dass man sich kaum rühren konnte. Wir waren zwei Wochen unterwegs und wurden dann im Kaukasus ausgeladen, wo wir in Kolchosen arbeiten mussten.

Anfang Oktober wurden wir wieder verladen, insgesamt 5000 Menschen, und am 28. Oktober in der Nacht an einer kleinen Station etwa 900 km südlich von Petropawlowsk im nördlichen Kasachstan ausgeladen. Es herrschte hier schon strenger Frost und Schneesturm. Wir aber hatten keine Winterkleidung. Frost waren wir im milden Klima der Krim nicht gewöhnt. Die Nacht mussten wir unter freiem Himmel verbringen. Am Morgen kamen Schlitten, die uns in Dörfer brachten, in denen wir in die Häuser der dortigen Einwohner eingewiesen wurden. Die Bevölkerung, die noch nie Deutsche gesehen hatte und der die sowjetische Propaganda die schrecklichsten Dinge über uns berichtet hatte, empfing uns feindselig. [...]

Wir mussten auf freiem Felde bei Kälte bis zu 20 Grad zwölf bis vierzehn Stunden täglich mit hungrigem Magen arbeiten. Alte Leute und Kinder begannen bald zu sterben, und auch wir jungen Leute wurden immer schwächer. Im Januar 1942 wurden alle arbeitsfähigen Männer in die so genannte Arbeitsarmee eingezogen. Wir wurden nach Tscheljabinsk in ein großes metallurgisches Werk gebracht, das Rüstungsgüter produzierte. [...] Insgesamt arbeiteten dort 78000 Deutsche. Wir mussten zwölf bis vierzehn Stunden im Freien arbeiten ohne einen freien Tag und im Winter bei grimmiger Kälte. Wir lebten in kalten hölzernen Baracken, schliefen auf nackten Brettern ohne Decken, so wie wir von der Arbeit kamen. Uns quälten Kälte, Hunger, unerträglich schwere Arbeit und Läuse, die uns wund machten, da wir monatelang kein Bad nehmen konnten. Ich erfror mir die Zehen, so dass ich vor Schmerzen kaum gehen konnte. Die Leute starben wie die Fliegen. Sie wurden aber nicht gleich beerdigt, sondern erst, wenn etwa hundert Leichen zusammenkamen. Dann kam ein Lastwagen. Die Toten wurden wie Holzstücke in eine große Grube geworfen. Dieses Werk in Tscheljabinsk wurde auf unseren Knochen aufgebaut – und nicht nur dieses Werk. Zur Arbeit wurden wir von Wachsoldaten mit Wolfshunden begleitet. [...]

Fünf Jahre lang mussten wir unter solchen Bedingungen arbeiten. [...]

Mitte 1947 wurden wir aus der Arbeitsarmee entlassen, und ich kam in ein Werk nach Glasow. [...]

Wir befanden uns nun in einem „Speziallager“, unterstanden einer speziellen Kommandantur und mussten uns dort jede Woche melden. Bei Fluchtversuch würden wir zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt. [...]

Nach Stalins Tod wurden die „Speziallager“ aufgehoben, wir durften reisen und erhielten zum ersten Mal einen Pass. Doch mussten wir unterschreiben, dass wir nie mehr in unser Heimatgebiet zurückkehren würden und dass wir keine Ansprüche an den Staat für die enteigneten Werte stellen würden. Damit wurde das uns angetane Unrecht legalisiert.

Wir fuhren dann im Jahre 1956 nach Karaganda. Dort arbeitete ich wieder als Elektroschweißer. Wir bekamen zwei Söhne und eine Tochter. Karaganda ist eine Stadt von 625000 Einwohnern, von denen 78000 Deutsche sind. Viele wollen nach Deutschland ausreisen. Man organisierte eine Unterschriftensammlung von einigen Tausend Unterschriften, die der Deutschen Botschaft gesandt wurden. Die Organisatoren wurden verhaftet und bis zu drei bis fünf Jahren Haft verurteilt. Ich selbst habe siebenmal einen Antrag auf Ausreise gestellt. Ein Vetter meiner Frau lebte in der Bundesrepublik und hatte uns angefordert. Mein Gesuch wurde immer abgelehnt, und erst jetzt, im Juni 1987, konnten wir ausreisen. Meine Kinder aber sind noch dort, und ich hoffe, dass auch sie herkommen können, solange ich noch lebe. [...]

Sven Steenberg, Die Rußlanddeutschen. Schicksal und Erleben, München 1989, S. 117 ff.

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17. März 2010
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Aussiedler
Einführung
Die Deutschen in Polen
Geschichte der Deutschen in Rumänien
Die Entwicklung in Russland und in der Sowjetunion
Die Situation in der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS)
Zuwanderung und Integration in der Bundesrepublik Deutschland
Literaturhinweise
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Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Das Dossier Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg bietet einen umfassenden Überblick vom Aufstieg der NSDAP in der Weimarer Republik bis zum Weltkriegsende 1945. Es beschäftigt sich zudem mit Fragen des Wiederaufbaus und der Erinnerung an diese Zeit.
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