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Informationen zur politischen Bildung (Heft 267)

Die Situation in der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS)


Ute Heinen
Inhalt

Einleitung

Staatenbildung und Migration

Aussiedlung und Bleibehilfen

Schwierige Lage

Autonomiebestrebung

Nationale Rayons in Westsibirien

Kirchengemeinden

Bildung

Kulturelles Leben und Identität

Nationale Rayons in Westsibirien
Die Deutschen Nationalen Rayons (ein Rayon entspricht einem Landkreis) Halbstadt in der Altai-Region und Asowo bei Omsk sind die einzigen Verwaltungseinheiten mit größeren Selbstbestimmungsmöglichkeiten für die Russlanddeutschen, die auf dem Gebiet der Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion bis zum Jahr 2000 wieder eingerichtet wurden.

Die Gesellschaft „Wiedergeburt“ arrangierte sich mit der Entwicklung. Sie sah in den Rayons eine Gefahr für ihr übergeordnetes Ziel der territorialen Rehabilitierung an der Wolga, die damals, 1991/92, erreichbar schien. Andere sahen in den Rayons den ersten wichtigen Schritt zum Ziel. Für die Bundesregierung stand der Ausbau der Rayons seit ihrer Gründung im Mittelpunkt der Förderung.

Erste Siedlungsgründungen in Westsibirien durch Deutsche hatte es im Rahmen der russischen Sibirienbesiedlungspolitik bereits Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts gegeben. 1927 war der Rayon Halbstadt entstanden, wurde aber wie alle deutschen Rayons im Jahr 1938 aufgelöst. Die Bevölkerung entging jedoch der Deportation. Daher verfügte die Region 1991 über einen hohen Prozentsatz an alteingesessener russlanddeutscher Bevölkerung. Dorfgemeinschaften und ein weitgehend deutsch geprägtes kulturelles Umfeld konnten sich lokal erhalten.

Halbstadt

Am 1. Juli 1991 wurde der Deutsche Nationale Rayon Halbstadt wieder eingerichtet. Als Hauptort wurde Halbstadt bestimmt. Der Rayon liegt in der Nähe von Slawgorod. Er wurde durch den Zusammenschluss von 16 Dörfern mit insgesamt 20700 Einwohnern, davon 18600 Deutschen, erreicht. 1998/99 lebten im Gebiet des Rayons und in der Stadt Slawgorod circa 39000 Russlanddeutsche.

Im Mai 1993 wurde die „Entwicklungsgesellschaft Halbstadt“ mit Sitz in Schumanowka gegründet, die den Aufbau des Rayons koordiniert und die Projekte verwaltet. In ihr zusammengeschlossen sind als Gesellschafter die GTZ und als örtliche Trägerin die „Brücke GmbH“. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation beinhaltete das Förderkonzept auch Infrastrukturmaßnahmen, wie den Aufbau der Rayonverwaltung, den Wohnungsbau und die Ansiedlung von Gewerbebetrieben. Ziel war es auch, Aussiedler aus anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion aufnehmen zu können.

Zu den Maßnahmen zählen Ausbau und Ausrüstungshilfe für drei Molkereien, von zwei Schlachthöfen, einer Bäckerei und einer Straßenmeisterei und eines Bauhofs. Mit der Inbetriebnahme einer modernen Fleischverarbeitungsfabrik wurde das Wirtschaftsprogramm 1998 weitgehend abgeschlossen. Über die „Brücke GmbH“ fließen die Reingewinne der mit deutscher Hilfe errichteten Betriebe zu einem Teil in einen Sozialfonds, aus dem soziale Leistungen finanziert werden. Die Einwohner der Rayons können deutsche Kredite zum Bau von Häusern oder für den Aufbau einer beruflichen Existenz in Anspruch nehmen. Daneben wird durch die Förderung von Sprachunterricht in Kindergärten und Schulen, kulturellen Aktivitäten oder Medien eine umfangreiche Unterstützung auf kulturellem Gebiet gewährt. Im Rahmen medizinischer Hilfen wurde ein neues Krankenhaus ausgestattet.

Zum Zeitpunkt seiner Gründung waren 85 Prozent aller Arbeitsplätze der Landwirtschaft zuzurechnen. Die Neusiedler kamen dagegen zu einem großen Teil aus Städten und brachten keine entsprechende Qualifikation mit. Dies hatte einen Rückgang der landwirtschaftlichen Arbeitsplätze auf 65 Prozent zur Folge. Jedoch wurden in allen Bereichen bis Ende 1997 etwa 800 Arbeitsplätze neu geschaffen, das sind zehn Prozent aller Arbeitsplätze des Kreises. 200 davon entstanden im verarbeitenden Gewerbe, weitere 80 sollen in der Fleischfabrik entstehen.

Dennoch liegt ein zentrales Problem des Rayons in der hohen Fluktuation. Wie alle Siedlungsgebiete in der ehemaligen Sowjetunion wurde auch das Rayongebiet von der Ausreisewelle erfasst. So wanderte ein großer Teil der alteingesessenen Bevölkerung, insbesondere fast alle Mennoniten, ab. 1996 lebten nur noch circa 40 Prozent der alteingesessenen Bevölkerung von 1992 im Rayon. Die Abwanderung wird durch Neusiedler (darunter auch russische Familien) kompensiert, die überwiegend aus Kasachstan und Kirgisistan kommen. Jährlich erfolgt ein Bevölkerungsaustausch von circa 15 Prozent bei gleich bleibender Gesamtbevölkerung des Rayons. Die Anteile der deutschen Bevölkerung schwankten 1996 in den einzelnen Ortschaften zwischen 28 Prozent und bis zu 88 Prozent (Klaube, 1997).

Die Fluktuation zeigt Wirkung auf kulturellem Gebiet. Das Bundesministerium des Innern beschreibt die Situation in ihrer Informationsschrift „Deutscher nationaler Rayon Halbstadt nach fünf Jahren“ wie folgt: „Aufgrund der anhaltenden Migration unterliegt die nationale Zusammensetzung des Rayons Halbstadt einem ständigen Wandel, der sich auch auf die Pflege der deutschen Sprache und Kultur auswirkt. Zwar findet sich unter den Neuankömmlingen aus Kasachstan, Kirgisistan und anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion ein hoher Prozentanteil von Deutschstämmigen, doch die meisten von ihnen sind seit einer oder mehreren Generationen kulturell assimiliert und nicht mehr gewohnt, die eigene Muttersprache zu gebrauchen. Obwohl viele Kulturträger und Personen in fast allen Ortschaften da-ran mitwirken, der deutschen Sprache ihren traditionellen Stellenwert im Rayon zu erhalten, bedarf es dennoch weiterer Initiativen.“ Diese zielen mehr denn je darauf ab, das Neben- und Miteinander der russischen und der deutschen Kultur zu festigen.

Im April 1999 wurde in Gesprächen des Aussiedlerbeauftragten der Bundesregierung Jochen Welt und der politischen Vertretung des Altaiskij Kraj vereinbart, die Förderung über den Rayons hinaus auf den gesamten Altaijski Kraj auszudehnen. Ein Kraj ist eine Region mit einer starken Minderheit und besonderen Kompetenzen auf kulturellem Gebiet. Damit werden etwa 150000 Russlanddeutsche erreicht.

Asowo

Der Rayon Asowo bei Omsk wurde nach überwältigender Zustimmung der Bevölkerung in einem Referendum am 17. Februar 1992 durch die Zusammenlegung von acht Gemeinden. Zum Verwaltungszentrum wurde das Dorf Asowo bestimmt.

Die Lage des Rayons in einem Gebiet mit rund 100000 Deutschen machte ihn schnell zu einem Anziehungspunkt für Neusiedler aus Mittelasien und Kasachstan. Dabei verfolgte der Rayon Asowo eine von Halbstadt abweichende Ansiedlungspolitik. Während in Halbstadt Neusiedler nur in dem Maße aufgenommen wurden, wie Wohnraum und Arbeitsplätze vorhanden waren, gab es in Asowo keine derartige Beschränkung. Mit Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland wurden Wohncontainer als Übergangsunterkünfte aufgestellt. Als problematisch erwies sich bei diesem Vorgehen jedoch, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen durch die russischen Behörden nicht mit dem Zuzug der Neusiedler Schritt hielt. So wurden Arbeitslosigkeit und Mangel an Wohnraum, der trotz umfangreicher Bautätigkeit und der Vergabe von Krediten zum Wohnungserwerb noch nicht bewältigt werden konnte, zum Problem. Deshalb ist es nicht selten, dass Familien mehrere Jahre in Containern leben.

Zu den mit deutscher Hilfe durchgeführten Maßnahmen zählten auch große Infrastrukturprojekte wie Straßenbau sowie die Strom- und Wasserversorgung. Die wirtschaftliche Entwicklung des Rayons blieb hinter den Erwartungen zurück, so dass der Kreishaushalt fünf Jahre nach der Gründung des Rayons defizitär war. Die Industrieproduktion sank von 1995 bis 1996 auf 93,6 Prozent, die Produktion von Konsumwaren auf 77 Prozent und die der Nahrungsmittel auf 72,3 Prozent. Ebenso rückläufig waren Ackerbau und Viehzucht, wie „Ihre Zeitung“, die wöchentlich erscheinende Zeitung des Rayons, in ihrer Ausgabe Nr. 15/1997 berichtet. Erfolge sind dagegen auf kulturellem Gebiet und bei der Versorgung der Bevölkerung mit medizinischen Einrichtungen zu verzeichnen.

Auch im Landkreis Asowo gibt es eine starke Fluktuation. Insbesondere durch Zuwanderer, die in national gemischten Ehen leben, verändert sich die Bevölkerungsstruktur. Waren 1992 noch 63 Prozent der Einwohner Deutsche, sank ihr Anteil bis Januar 1998 nach Angaben von Landrat Bruno Reiter auf circa 50 Prozent.

Die Entscheidung der neuen Bundesregierung, zugunsten einer Breitenförderung in den Bereichen Sprache, Kultur und Bildung nicht weiter an Großprojekten festzuhalten, betrifft auch die beiden Rayons. So soll in Asowo der Bau einer Ziegelei zu einem verträglichen Abschluss gebracht werden. Wirtschaftliche und Existenzgründungsbeihilfen werden nur auf dem Weg der Kreditvergabe erfolgen.
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20. März 2010
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Aussiedler
Einführung
Die Deutschen in Polen
Geschichte der Deutschen in Rumänien
Die Entwicklung in Russland und in der Sowjetunion
Die Situation in der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS)
Zuwanderung und Integration in der Bundesrepublik Deutschland
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Das Dossier Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg bietet einen umfassenden Überblick vom Aufstieg der NSDAP in der Weimarer Republik bis zum Weltkriegsende 1945. Es beschäftigt sich zudem mit Fragen des Wiederaufbaus und der Erinnerung an diese Zeit.
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