|
|
 |

 |

Informationen zur politischen Bildung (Heft 267)
 |
 |
 |
 |
 |
Die Situation in der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) |

 |
 |
Ute Heinen
|
 |
 |
 |
 |
Die Zerschlagung des deutschen Bildungswesens, der kulturellen Einrichtungen und vor allem die Diaspora-Situation der Russlanddeutschen infolge der Deportationen haben schnell zu einer starken sprachlichen Assimilierung der Russlanddeutschen geführt (vgl. auch S. 22ff.). Ungeachtet großer Bemühungen der Russlanddeutschen, die Deutsch als ihrer Muttersprache große Bedeutung beimessen, konnte der Prozess bis heute nicht gestoppt werden. Dazu trägt auch der zunehmende Anteil an national gemischten Ehen bei, der dazu führt, dass Russisch zur Familiensprache wird.
Am 10. Juli 1992 verabschiedete die Russländische Föderation ein Gesetz über Bildung, das den Bürgerinnen und Bürgern Russlands die Grundausbildung in ihrer Muttersprache zugesteht. Der Versuch einer Momentaufnahme der Umsetzung der muttersprachlichen Bildung im Siedlungsgebiet Nowosibirsk zeigt den großen Einfluss der Migration.
Russlanddeutsche Schülerinnen und Schüler in Streusiedlungen auf dem Land haben (allein aufgrund ihrer geringeren Zahl) weniger Chancen, an Schulen mit muttersprachlichem Deutschunterricht unterrichtet zu werden, als solche in kompakten Siedlungsgebieten. Wenn dagegen muttersprachlicher Unterricht angeboten wird, ist die Lage der Streusiedlungen aufgrund der geringeren Fluktuation insgesamt stabiler als in den kompakten Siedlungsgebieten und den beiden Deutschen Nationalen Rayons. Die Aussiedlung kommt in Streusiedlungen nur für einen kleinen Bevölkerungsteil in Frage und steht deshalb nicht im Zentrum des alltäglichen Denkens und Handelns. In kompakten Siedlungsgebieten unterliegt auch die Lehrerschaft einem häufigen Wechsel. Neuankömmlinge, die bisher gar keinen oder nur fremdsprachlichen Deutschunterricht kennen gelernt haben, müssen in den Unterricht integriert werden. Andere verlassen die Klassen zum Zwecke der Ausreise. Der Anteil der russlanddeutschen Schülerinnen und Schüler ist rückläufig. „Für die Bildungseinrichtungen heißt es, dass alle Beteiligten sich auf die Migrationssituation einstellen und den Schülern bei der Suche nach neuen Bindungen und der Schaffung neuer Lebenswelten helfen müssen“ (Hilkes, 1999).
Insbesondere im Rayon Asowo ist man bemüht, gute Voraussetzungen für den muttersprachlichen Unterricht zu schaffen. So wurde zum Beispiel von Deutschlehrern ein neues Lehrbuch mit Texten entwickelt, die sich an der Lebenswirklichkeit Sibiriens orientieren und auch russlanddeutsche Themen aufgreifen. Trotz vielfältiger positiver Ansätze kann jedoch auch hier im Jahr 1998 kein russlanddeutsches Bildungswesen konstatiert werden: „Von einem System der ,nationalen Bildung' der Russlanddeutschen, wie es in Bildungsprogrammen des Nationalitätenministeriums vorgestellt wird, kann daher vorerst für die Russlanddeutschen kaum gesprochen werden. Zur Zeit befindet man sich in einer Übergangsphase: In einigen Schulen findet ,Muttersprachlicher Deutschunterricht' statt, zum Teil ergänzt durch andere Fächer, die in deutscher Sprache erteilt werden. Von einer ,nationalen Schule' könnte man jedoch erst dann sprechen, wenn nahezu alle Fächer in deutscher Sprache erteilt werden und die Schülerschaft sich vorwiegend aus Russlanddeutschen zusammensetzt. Dies flächendeckend zu realisieren, dürfte ungeachtet aller Unterstützung schwierig sein“ (Hilkes, 1999). Ob dieses angesichts der Lebenswirklichkeit verschiedener Kulturen in Westsibirien noch wünschenswert wäre, bleibt fraglich.
Die Förderung von Sprache und Kultur bildet traditionell einen Kernbereich der Förderung der Russlanddeutschen durch die Bundesrepublik Deutschland. Die Projekte reichen von der Ausstattung von Kindergärten, Schulen und Hochschulen über Lehreraus- und -fortbildung bis zur Entsendung von Sprachlehrern.
1996 startete die Bundesregierung das so genannte Breitenarbeitsprogramm mit einer Sprachoffensive. Durch den Ausbau des außerschulischen Deutschunterrichts in Begrenzungszentren, Sonntagsschulen und anderen Einrichtungen soll dem Interesse der deutschen Minderheit an der Wiederbelebung der Sprache entsprochen und sollen Begegnungen gefördert werden. Besonderes Augenmerk wird dabei auf ein in die Breite gehendes Angebot gerichtet, das sich nicht allein auf Städte und Siedlungsschwerpunkte richtet, sondern auch kleine Orte und Streusiedlungen mit deutschen Bewohnern einschließt. Adressaten sind die Siedlungsgebiete Russlands und Ka- sachstans. In anderen Staaten organisieren die jeweiligen deutschen Vertretungen Sprachkurse. Bis 1999 wurden mehr als 450 Begegnungsstätten eingerichtet, haben 150000 Lernende an 8500 Sprachkursen teilgenommen und wurden 350 Sprachferienlager durchgeführt. Die Sprachkurse sind sehr begehrt. Sie sollen künftig zielgruppenspezifisch organisiert, und ihre Dauer wird von 120 auf 160 Unterrichtsstunden angehoben werden. Die Kurse richten sich in erster Linie an Russlanddeutsche, die in den Siedlungsgebieten bleiben wollen, und an ihre Nachbarn. Sie stehen im Sinne einer verbesserten Integrationsvorbereitung auch Ausreisewilligen offen.
|

 |
Quellentext
 |
 |
 |
 |
Einleben in die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland Eine Gesellschaft in der Gesellschaft wächst heran. Mehr als 350.000 jugendliche Aussiedler sind seit Anfang der neunziger Jahre nach Deutschland gekommen. Als die Sowjetunion auseinander brach, stiegen ihre Eltern mit ihnen in die Züge und Flugzeuge Richtung Westen. In der neuen Heimat landeten die Kinder im besten Alter. Und vielleicht auch im schlimmsten. Jung genug, um sich zu verändern und durch die neue Welt zu navigieren. Alt genug, um sich zu verweigern und einen tiefen Schmerz nach der alten Welt zu spüren. Und sie kamen mit der wertvollsten aller Eintrittskarten, dem Pass, der ihnen alle Rechte garantierte und ihnen sagte: Ihr gehört dazu.
Viele Wege endeten in Lahr, einer Kleinstadt zwischen Offenburg und Freiburg. Wohl kaum eine andere deutsche Stadt im Westen der Republik hat sich so verändert. Als der kalte Krieg beendet war, packten in Lahr tausende kanadische Soldaten ihre Koffer und verließen das Land, das sie vor jener Sowjetunion beschützt hatten, aus der nun die Deutschstämmigen in ihre alte Heimat strömten. Als Mitte der neunziger Jahre ganze Dörfer in Sibirien und Kasachstan verlassen standen, war die Bevölkerung in Lahr um mehr als 8.000 Menschen angeschwollen. Jeder fünfte Bewohner war nun Aussiedler, und die Stadt wurde zum Labor für das Gelingen oder Scheitern von Integration. [...]
Die Aussiedler, die den Kanadiern folgten, konnten das Vakuum nicht füllen. Da kamen nun sparsame, verschlossene Menschen. Den Einheimischen waren sie fremder als die Kanadier, von denen sie neun Zeitzonen trennten. Fortan hieß die Siedlung Klein-Kasachstan.
[...] Der Kanadaring hat sich in ein gepflegtes Ghetto verwandelt, wo der Rasen auf Kante geschnitten wird und die Gardinen schneeweiß leuchten. Dass hinter den Fassaden fast nur Aussiedler leben, ist der Siedlung auf den ersten Blick nicht anzusehen. Vielleicht soll es auch niemand sehen. Wenn aber die Großväter ihre Pelzmützen aufsetzen und qualmend vor den Hauseingängen diskutieren und die Mütterchen in blumenbunten Kopftüchern die Enkelkinder ausführen, dann sehen sie aus wie Statisten eines Films, der in Karaganda oder Kemerowo spielen könnte.
Am Rande der Siedlung, in Haus Nummer zwei, geht Dietmar S.-F. über einen Flur vorbei an der Landkarte einer riesigen, rosafarbenen Sowjetunion und schwarzweißen Fotos von sibirischen Holzfällern. Dann schließt er sein Büro auf, setzt sich und formuliert seine Sorgen über die Generation, die da vor seinem Fenster heranwächst. Als Sozialarbeiter in einem Bürgerzentrum für Aussiedler kümmert sich S.-F. vor allem um deren Kinder. Die Ersten, die kamen, verloren keine Zeit. Sie drängten in die Sprachkurse, suchten Ausbildungsplätze. „Das ging hier zu wie in der Zahnarztpraxis“, erinnert er sich, „da saßen fast immer zehn vor meiner Tür.“
Es sitzt jetzt niemand mehr dort. Die hier über den Flur laufen, in wattierten Fila-Jacken, mit silbernen Handys in den Taschen, sind die Kinder der zerfallenen Sowjetunion. Sie haben erlebt, wie sich das Imperium auflöste und heute nicht mehr galt, was gestern noch Doktrin war. Wie ihre Eltern Halt suchten in einem System, das aus der Verankerung gerissen war. Und dann kamen sie nach Deutschland und erlebten den Bruch noch einmal. Wie in der Schule nicht mehr galt, was sie gelernt hatten. Wie ihre Eltern Arbeit suchten und nur Beschäftigung fanden. Es ist die Generation, die S.-F. mit der größten Befürchtung beobachtet. Er nennt sie die „Zu-spät-Ausgesiedelten“. Es gab eine Zeit, da stand die Bürotür des Sozialarbeiters immer offen, und wenn Geld auf seinem Schreibtisch lag, dachte er nicht daran, dass jemand eine Mark nehmen könnte. Seit die postsowjetische Generation am Kickertisch im Nebenzimmer spielt, schließt er sein Büro ab, wann immer er es verlässt. Diese Jugend habe weniger Respekt vor Eigentum, sagte S.-F., sie neige dazu, sich zu nehmen, was sie will. Auch von ihm. [...]
Etwas ist da, etwas, das sich immer dann zwischen die jungen Aussiedler und dieses Land schiebt, wenn sie glaubten, ihm näher gekommen zu sein. Ein Zwiespalt, in dem sie sich gefangen fühlen. Sie dürfen in diesem Land nicht scheitern, weil sie dann diejenigen sind, die ihm auf der Tasche liegen, und sie dürfen nicht erfolgreich sein, weil sie dann zur Konkurrenz werden. Unter dem Druck brechen manchmal selbst die zusammen, die mit den besten Voraussetzungen kamen. Die in Familien aufwuchsen, in denen noch Deutsch gesprochen wurde. Die aus der Sowjetunion gekommen waren, bevor sie zerfiel. Die aus den Schulen gute Noten nach Hause brachten und Arbeitsplätze fanden, die ihnen ein deutsches Leben mit Reihenhaus und Viertürer versprachen. Jugendliche, deren Weg so scheinbar geradlinig verlief wie der von Helmut R..
Er kam 1987 aus Karaganda, einer Großstadt im Osten Kasachstans. Helmut war zehn, als die Familie die Koffer packte. Es war ein langer Weg von Kasachstan nach Lahr, wo die drei Generationen der Familie R. in einem Einfamilienhaus am Hang leben, mit einem kleinen Teich mit Plastikenten und einem Storch am Stiel. Helmut sitzt drinnen aufrecht im Ohrensessel. Er hat ein langes trauriges Gesicht und spricht. Manchmal sind die Pausen zwischen seinen Sätzen so lang, dass das Ticken der Standuhr den Raum füllt. Dass er die Realschule als bester seines Jahrgangs abschloss, erzählt er, das haben die einheimischen Schüler und deren Eltern noch ertragen. Dass er aber in Deutsch die Schule mit der besten aller Noten verließ, nährte den Verdacht, dass hier jemand beschenkt worden sei. „Ich habe mich ziemlich übel gefühlt. Ich wollte nicht der Beste sein, der Streber, der denen die Noten wegschnappt.“ Das Getuschel derer, die zweifelten an seiner Leistung, hat er nicht vergessen. „Ich habe keine Lust mehr, Leute zu reizen.“
Sein Klassenlehrer drängte ihn damals, aufs Gymnasium zu gehen und zu studieren. Doch Helmut folgte seinem Vater. „Jetzt wird geschafft“, sagte der und nahm den Sohn mit in die Fabrik, in der er an der Werkbank stand und Nadellager schliff. Der Ausbildungsleiter las die Noten in Helmuts Zeugnis und wiederholte, was der Klassenlehrer geraten hatte. Doch der Vater hatte entschieden. Jetzt ist Helmut 20, und seit vergangenem Sommer hat er das Zertifikat eines Industriemechanikers. Die Lehrzeit durfte er verkürzen, wegen seiner guten Noten. Die Fachhochschulreife erwarb er nebenher. Gefeiert hat die Familie nicht. Die Mutter fehlte. Sie hat sich im Frühling erhängt.
Der Selbstmord der depressiven Mutter führte Helmut tiefer in die Parallelwelt, in die sich viele Aussiedler zurückzogen. In der Evangelisch-lutherischen Brüdergemeinde fand er eine zweite Familie. Die Gemeinde hielt ihre Mitglieder schon in Karaganda zusammen und führte sie auch in Lahr wieder zueinander. Sie hat sich als Enklave eines entrückten Deutschtums etabliert, deren Wortführer Sekundärtugenden predigen und in höllischen Gemälden vor Versuchungen und Sünde warnen. [...]
Die jungen Aussiedler bekommen die Strenge, mit der die Gemeinde über ihre Schritte wacht, früh zu spüren. Als Helmut einem der Gemeindeältesten verrät, dass er mit einem Reporter geredet hat, demonstriert die Führung ihre Macht. Helmut ist nicht mehr zu sprechen. Er geht nicht mehr ans Telefon und antwortet nicht auf Nachrichten. Tage später ruft er zurück. Er klingt verängstigt. „Ich habe schon zu viel gesagt.“ Er macht sich Sorgen, dass er Einheimische gegen sich aufbringen könnte. „Und dann geht es hier wieder los wie vor fünf Jahren.“
Damals hatte die Zahl der Aussiedler in Lahr ihren Höhepunkt erreicht, und in der Stadt stieg die Spannung. Durch einen Kommentar der Lokalzeitung ritten „mongolische Horden“ in den „goldenen Westen“. Als der Aussiedler Walter B. es wagte, die Russlanddeutschen in einem Leserbrief zu verteidigen, weckten ihn anonyme Anrufer des Nachts und drohten, sein Haus anzuzünden. B. wanderte nach Kanada aus. Nicht noch einmal, sagt Helmut. [...] Die Spannung ist heute nicht mehr spürbar in der Stadt, vielleicht weil so vieles unausgesprochen bleibt. [...]
Mario Kaiser, „Deutsch, aber nicht ganz“, in: Die Zeit vom 30. März 2000.
 |
 |
 |
 |
 |
|
|
 |
10. Februar 2012
 |
 |
 |
Dossier |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Das Dossier Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg bietet einen umfassenden Überblick vom Aufstieg der NSDAP in der Weimarer Republik bis zum Weltkriegsende 1945. Es beschäftigt sich zudem mit Fragen des Wiederaufbaus und der Erinnerung an diese Zeit. |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
 |
|