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Informationen zur politischen Bildung (Heft 267)

Geschichte der Deutschen in Rumänien


Anneli Ute Gabanyi
Inhalt

Einleitung

Historischer Überblick

Anfang vom Ende: Krieg, Flucht, Verfolgung

Ausreisen

Chancen und Risiken des Verbleibs in Rumänien

Sinkende Akzeptanz in Deutschland

Stabilisierung und Wandel

Chancen und Risiken des Verbleibs in Rumänien
Viele Rumäniendeutsche zogen den „ungewissen Neubeginn“ in der Bundesrepublik Deutschland einem „noch ungewisseren Neubeginn in der Heimat vor“. Einer der Hauptgründe dafür war zweifellos der von über 80 Prozent der Deutschen lange vor der Revolution von 1989 gefasste Entschluss, Rumänien zu verlassen. Sie waren nicht bereit, ihre Entscheidung zu überdenken und verließen fluchtartig das Land. Misstrauen prägte das Bewusstsein auch jener Rumäniendeutschen, die ihren Ausreisewunsch wegen der erschwerten Einreise in die Bundesrepublik Deutschland aufschieben mussten. Auch herrschte – und herrscht – in Rumänien immer noch ein erhebliches Maß an Rechtsunsicherheit. Jene Deutschen, die im Vertrauen auf eine liberalere Wirtschaftsgesetzgebung einen Neuanfang wagen wollen, haben nicht selten mit Behördenwillkür und Korruption zu kämpfen. Die marktwirtschaftlichen Reformen schreiten langsamer voran als erwartet, die Wirtschaft stagniert, westliche Investitionen fließen zäh. Hinzu kommen die sozialen Härten des Transformationsprozesses, steigende Kriminalitätsziffern und nicht zuletzt auch die fehlende Perspektive für eine baldige Aufnahme Rumäniens in die europäischen und atlantischen Sicherheitsstrukturen.

Von den Deutschen in Rumänien werden allerdings die seit 1989 erfolgten positiven Veränderungen ihrer rechtlichen Lage nur unzureichend wahrgenommen. So wurden in der am 21. November 1991 verabschiedeten neuen rumänischen Verfassung die Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger und das Recht der nationalen Minderheiten auf die „Bewahrung, Entwicklung und Äußerung ihrer ethnischen, kulturellen, sprachlichen und religiösen Identität“ verankert. Zudem garantiert die Verfassung allen Parteien und Organisationen der nationalen Minderheiten, die bei den Wahlen nicht die für einen Parlamentssitz erforderlichen Stimmen erzielen konnten, je einen Abgeordnetensitz.

Die Deutschen kamen ebenso wie das rumänische Mehrheitsvolk in den Genuss der neu gewährten Presse- und Versammlungsfreiheit. Den 1945 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportierten Deutschen wurden Entschädigungen gewährt. Das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien (DFDR) konnte sich als echte Interessenvertretung der Rumäniendeutschen etablieren.

Die aus den Parlamentswahlen vom November 1996 hervorgegangene Koalitionsregierung aus Christdemokraten, Sozialdemokraten und Liberalen, an der auch die Vertretung der ungarischen Minderheit beteiligt ist, setzte in der Geschichte Rumäniens qualitativ neue Standards. Der rumänische Außenminister Adrian Severin entschuldigte sich öffentlich für die in kommunistischer Zeit an den Deutschen begangenen Verbrechen.

Erstmals nimmt ein Vertreter der deutschen Minderheit das Amt eines Staatssekretärs in dem unmittelbar beim Amt des Premierministers angesiedelten Minderheitendepartement wahr. Es wurde ein interministerieller Rat zum Schutz der Minderheiten gegründet; ein Minderheitenrat vertritt auch die Interessen der nichtpolitischen Minderheitenorganisationen. Die neue Regierung traf außerdem wichtige Entscheidungen zugunsten der Minderheiten und nicht zuletzt auch der Deutschen: Die Entschädigungen für die Deportierten wurden erhöht, ihre Rechte ausgeweitet; die spezielle Diskriminierung der Deutschen bei der Bodenreform von 1945 wurde bei der Novellierung des 1991 erlassenen Bodengesetzes berücksichtigt; in Ortschaften mit mehr als 20 Prozent Minderheitenbevölkerung wurde der Gebrauch der Muttersprache vorgeschrieben, auch wurde dort das Anbringen von Ortsschildern in der Sprache der Minderheiten verfügt. Mit Nachdruck widmet sich das Kultusministerium der Erhaltung des kulturellen Erbes der Deutschen.


 

Quellentext
Deutscher Bürgermeister im rumänischen Hermannstadt
Seit kurzem werden in Hermannstadt (rumänisch: Sibiu) in der Frühe schon die Hauptstraßen gewaschen. Das neue Regime bei der Stadtreinigung hängt direkt mit dem Amtsantritt von Bürgermeister Klaus Johannis zusammen. In seiner ersten Arbeitswoche als Stadtoberhaupt hat er die Zahl der Straßenreiniger von drei- ßig auf hundert angehoben. Als nächstes will er sich um die Müllabfuhr kümmern.

Mitte Juni ist der 41-jährige von den Wählern der siebenbürgischen Großstadt überraschend als Bürgermeister auserkoren worden. Anfang dieses Monats hat Klaus Johannis sein Amt angetreten und nicht lange gezögert, erste Zeichen zu setzen. Man spürt, da muss einer seinem Image gerecht werden: Die Wahl hat über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen gesorgt. Wie kann ein Deutscher, Angehöriger einer kleinen Minderheit, Bürgermeister einer rumänischen Stadt werden? „Die Rumänen glauben, dass er als Deutscher wenigstens nicht stiehlt“, hatte Ilie Serbanescu, ein bekannter Publizist und Zeitungsherausgeber im fernen Bukarest, noch ironisch überspitzt formuliert.

Das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien (DFDR) hatte den Schulinspektor Klaus Johannis zum Kandidaten gemacht. [...] Die Siebenbürger Sachsen in der 170000 Einwohner großen Stadt können nicht allein den Newcomer ins Amt gehoben haben. Die deutsche Minderheit ist in den vergangenen zehn Jahren auf 2000 Köpfe geschrumpft. Ein Mehrfaches, nämlich 46000 Bürger, haben jedoch Johannis die Stimme gegeben.

Klaus Johannis sieht seinen Walsieg als Ausdruck der Politikverdrossenheit im Land. „Wir haben in unserem Wahlkampf darauf gesetzt, dass die Bürger keine klassische Partei wählen wollen“, sagt der Bürgermeister selbstbewusst. [...] Eigentlich haben die Rumänen zehn Jahre nach der Wende das Vertrauen in die Politikerkaste überhaupt verloren. Einzig in Hermannstadt hatten die Bürger eine Alternative, und sie nutzten sie.

Im Wahlkampf, betont der neue Bürgermeister, sei die ethnische Zugehörigkeit kaum offen angesprochen worden. Einzig ein Konkurrent stellte einmal zwischen den beiden Wahlgängen die spöttische Frage, ob denn die Bürger von Hermannstadt wirklich glaubten, dass der Deutsche nun allen ein Visum Richtung Westen verschaffen werde. Klaus Johannis sieht seine Wahl auch als Zeichen für das Klima der Toleranz in der Stadt und als positives Beispiel für den ganzen Balkan.

Dafür spricht, dass seit kurzem – noch vor der Wahl – an den Einfahrtsstraßen von Hermannstadt/Sibiu zweisprachige Ortsschilder montiert worden sind. Klaus Johannis will andererseits nicht verheimlichen, dass seine Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit die Wahlchancen positiv beeinflusst hat. Die Deutschen von Hermannstadt gelten als fleißig, ernsthaft und unbestechlich: „Das ist die ganze Palette der Tugenden, die uns zugeschrieben werden“, zuckt Klaus Johannis etwas hilflos mit den Schultern. Nicht umsonst kennt die rumänische Sprache die Redewendung von der „deutschen Sache“, wenn etwas besonders gut gelaufen ist. [...]

„Die Leute vermuten, dass ich als Deutscher gute Kontakte zu Europa und besonders nach Deutschland habe“, weiß Johannis. Deutschland ist noch immer das Land, das man bewundert. Der neue Stadtvater wird da als Türöffner Richtung Westen gesehen, als Mann, der Investoren in die Stadt im Zentrum Rumäniens locken soll. Andere Regionen, etwa im Westen an der Grenze zu Ungarn oder im Umfeld von Bukarest, haben da bisher mehr abbekommen. Der Bürgermeister zweifelt nicht daran, dass er potentielle Interessenten stärker auf Hermannstadt aufmerksam machen kann: Das deutsche Forum habe schon immer Brückenfunktion gehabt. Einiges an humanitärer Hilfe, die allen Bürgern der Stadt zugute kam, ist in den ersten Jahren über das Forum gelaufen. [...]

Als Bürgermeister der Deutschen von Hermannstadt will sich Klaus Johannis gewiss nicht sehen. Das wäre auf Dauer auch kein Programm. Die Abwanderung der Siebenbürger Sachsen, deren Vorfahren vor Jahrhunderten als Siedler gekommen waren, ist zwar gestoppt. Doch mit nur noch 2000 Angehörigen sei die kritische Schwelle längst unterschritten. In Hermannstadt waren es 1990 rund zehn Mal mehr. Doch noch immer gibt es eine deutsche Wochenzeitung, eine deutsche Abteilung am Stadttheater und deutsche Schulen vom Kindergarten bis zum Gymnasium. Als ehemaliger Schulinspektor ist Klaus Johannis darauf besonder stolz: „Nicht weil Deutsch gesprochen wird, sondern weil die Qualität besonders gut ist, schicken die Eltern ihre Kinder hin.“ Mit dem Nachwuchs der deutschen Minderheit könnte man die Klassen längst nicht mehr füllen. Bis zu 90 Prozent der Schüler sind Rumänen, die sich durch den Besuch der deutschen Schule bessere Berufschancen ausrechnen.

„Jemand, der bewusst Deutsch lernt, zeigt vielleicht ein größeres Interesse als jemand, der von zu Hause noch ein paar Brocken kann“, zeigt sich Johannis gelassen. Die Tatsache, dass in Hermannstadt deutsche Kultur vermittelt werde, müssten auch potentielle Investoren als Standortvorteil erkennen: Mit diesem Satz wirbt Klaus Johannis für seine Stadt.

Stephan Israel, „Einer, der wenigstens nicht stiehlt“, in: Frankfurter Rundschau vom 18. Juli 2000.

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10. Februar 2012
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Aussiedler
Einführung
Die Deutschen in Polen
Geschichte der Deutschen in Rumänien
Die Entwicklung in Russland und in der Sowjetunion
Die Situation in der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS)
Zuwanderung und Integration in der Bundesrepublik Deutschland
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