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Massenmedien (Heft 260)

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Hanni Chill / Hermann Meyn
Inhalt

Nachrichtenagenturen

Pressestellen

Nachrichtenagenturen
Im Jahr 1490 begannen die Brüder Tassis einen Kurierdienst zwischen Innsbruck und den Niederlanden einzurichten, der später auf weite Teile Mitteleuropas ausgedehnt wurde. In mehreren Verträgen wurden dem Familienunternehmen, das sich später Thurn und Taxis nannte, Privilegien zuerkannt, die auf das Postmonopol hinausliefen. Im 19. Jahrhundert brachten gesellschaftliche und politische Veränderungen einen durchgreifenden Umbruch im Nachrichtensystem. Die allgemeine Schulpflicht führte zur Alphabetisierung der Bevölkerung und damit stieg das Bedürfnis nach gedruckter Information. Erste Nachrichtenagenturen entstanden.

1851 gründete der aus Kassel stammende Paul Julius Reuter in London die Agentur Reuters Telegram Company, nachdem er zuvor zwischen Aachen und Brüssel Brieftauben zur Nachrichtenübermittlung eingesetzt hatte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges veränderte sich der Weltnachrichtenmarkt. Der politische Einfluß der Supermächte USA und der Sowjetunion bereitete den Boden für die Ausbreitung der amerikanischen Agenturen und der sowjetischen Staatsagentur TASS, die allerdings außerhalb des Ostblocks kaum genutzt wurde. Mit dem Niedergang der Sowjetunion verlor TASS seine Bedeutung in den Bruderstaaten, so daß der sowjetische Präsident Boris Jelzin 1992 die Umbenennung in ITAR-TASS verfügte. Diese Agentur ist heute international anerkannt, ebenso wie die 1989 gegründete unabhängige russische Agentur Interfax.

Heute bieten viele Agenturen ihre Dienste über Datenleitungen an, im Online-Zugriff oder als Nachrichtenbank, so daß sie direkt in die Redaktionssysteme eingespeist und von dort bearbeitet werden können. Technische Veränderungen sind die eine Seite, die Informationsbeschaffung ist die andere. Die meisten der mittleren und kleineren Zeitungen sind ganz und gar auf die Agenturen angewiesen. Nur wenige auflagenstarke Tages-, Wochenzeitungen und Zeitschriften leisten sich eigene Korrespondenzbüros in aller Welt.

Eine dominierende Stellung im deutschsprachigen Raum hat die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Dies wird auch in Zukunft so bleiben, wenngleich bei einigen regionalen Tageszeitungen wie der "Lausitzer Rundschau" in Cottbus schon kein Material mehr von dpa verwendet wird. Statt dessen rücken beispielsweise auf die erste Seite Meldungen aus lokalen und regionalen Redaktionen. dpa entstand 1949 aus den drei Westzonen-Agenturen, die unter der Kontrolle der Alliierten die Nachfolge der NS-Staatsagentur Deutsches Nachrichtenbüro (DNB) angetreten hatten. Die Agentur hat die Rechtsform einer GmbH. Die rund 200 Gesellschafter sind Presseverlage sowie öffentlich-rechtliche und private Rundfunkanstalten. Sie wählen einen Aufsichtsrat, und dieser bestimmt die Geschäftsleitung und den Chefredakteur. Um die Gefahr einer einseitigen Interessenbildung zu vermeiden,

  • darf kein Gesellschafter mehr als 1,5 Prozent des Stammkapitals besitzen,

  • sind unter ihnen mehrere politische und weltanschauliche Richtungen vertreten,

  • ist dem Staat nach dem Statut ausdrücklich verwehrt, Anteile des Gesellschaftskapitals zu erwerben.
Täglich gehen in der dpa-Zentrale in Hamburg aus sehr unterschiedlichen Quellen weit über 1000 Meldungen ein. Bis zu 500 werden an den Basisdienst weitergereicht, den nahezu alle bundesdeutschen Zeitungen und Rundfunkanstalten beziehen. Für Hörfunkkunden verbreitet die Agentur unter anderem stündlich ein für drei bis fünf Minuten Sprechdauer berechne-tes Nachrichtenpaket. Die dpa-Tochter Global Media Services (GMS) übermittelt per Direktsatellit weltweit Leitartikel, Kommentare und Analysen aus dem tagesaktuellen Angebot überregionaler Zeitungen.

Eine einseitige Berichterstattung zum Vor- und Nachteil einer Partei kann sich dpa aus mehreren Gründen nicht leisten:

  • Ihre Bezieher gehören verschiedenen politischen Richtungen an, so daß beispielsweise bei offensichtlicher Benachteiligung der SPD die dieser Partei nahestehenden Zeitungen mit Kündigung des Abonnements drohen würden.

  • Auch andere Agenturen verbreiten deutschsprachige Dienste in der Bundesrepublik: Der Deutsche Depeschen-Dienst (ddp), der nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik die ehemalige Staatsagentur ADN übernahm, die größte und älteste amerikanische Agentur Associated Press (AP), die britische Reuters und die französische Agence France-Presse (AFP).
Organisationsstatut, Abonnenten und Konkurrenzunternehmen sorgen also dafür, daß dpa nicht in das politische Fahrwasser einer Partei gerät. Auf das Funktionieren dieser Kontrollmechanismen kommt es daher so entscheidend an, weil rund 20 Prozent aller Tageszeitungen allein von dpa politische Informationen von überregionaler Bedeutung erhalten.

Neben den großen Agenturen arbeiten in der Bundesrepublik noch zahlreiche kleinere, die sich auf bestimmte Themen spezialisiert haben. Nach der Zahl der Kunden sind die Vereinigten Wirtschaftsdienste GmbH (VWD) an erster Stelle zu nennen. Hier handelt es sich um eine Agentur für Wirtschafts- und Finanzdienste, die 1949 gegründet wurde. Die Gesellschafter sind zu gleichen Teilen die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" und Dow Jones, ein Medienkonzern in New York.

Der Sport-Informationsdienst (sid) ist eine auf Sportberichterstattung spezialisierte Agentur in der Rechtsform einer GmbH und Co. KG mit Sitz in Düsseldorf. Sie wurde schon 1945 gegründet und wird heute von den meisten Medien in der Bundesrepublik genutzt. Auch die großen Kirchen besitzen eigene Nachrichtendienste. Das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik in Frankfurt und kirchliche Träger auf Landesebene bieten den Evangelischen Pressedienst (epd) an, der mit zwangsweiser Unterbrechung während des NS-Regimes seit 1910 besteht. Das epd-Angebot umfaßt neben dem aktuellen Funkdienst auch eine Reihe von Spezialdiensten, die sich mit entwicklungs- und medienpolitischen Themen befassen.

Die Bistümer und verschiedene katholische Verlage gründeten 1952 eine eigene Agentur, die Katholische Nachrichten-Agentur GmbH (KNA), die zentral von Bonn aus arbeitet. Sie verbreitet neben einem aktuellen Funkdienst sieben Landesdienste und thematisch spezialisierte Dienste, die für die innerkirchliche Kommunikation bestimmt sind. Seit 1987 gibt KNA auch einen aktuellen Rundfunkdienst mit gesprochenen Meldungen, Berichten, Kommentaren und Interviews heraus.
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16. März 2010
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