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Massenmedien (Heft 260)

Vielfalt und Aufgaben der Printmedien


Hanni Chill / Hermann Meyn
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Das Zeitschriftenangebot in der Bundesrepublik gehört zu einem der vielfältigsten in der Welt. Die Gesamtzahl der Titel wird auf rund 20000 geschätzt. Die Auflage dürfte, da genaue Statis- tiken fehlen, bei 200 Millionen Exemplaren liegen. Allein die Publikumszeitschriften - das sind jene, die sich im Gegensatz zu den Fach- und Zielgruppenzeitschriften an eine bildungs-, alters- und einkommensmäßig breite Leserschaft richten - kamen 1997 auf über 750 Titel mit einer Gesamtauflage an die 130 Millionen Exemplare.

Zu den Publikumszeitschriften zählen vor allem

  • die aktuellen Illustrierten,

  • die Frauenzeitschriften und

  • die Programmpresse.
Die Illustrierten hatten ihre beste Zeit in den fünfziger Jahren. Bei ihrem Bemühen, mit vielen Fotos das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums zu befriedigen, sehen sich die Illustrierten jedoch zunehmend der Konkurrenz durch das Fernsehen ausgesetzt.

Später sorgten das Fernsehen, aber auch zahlreiche TV-Zeitschriften, die neben ausführlichen Hinweisen auf TV-Programme auch unterhaltende Teile boten, dafür, daß von den zehn Illustrierten des Jahres 1958 nur noch drei übrig blieben: "stern", "Bunte" und "Neue Revue". Unter ihnen ist der "stern" das Blatt, das sich am meisten mit politischen Themen im weitesten Sinne befaßt. Der "stern" ist bestrebt, Skandale aufzudecken, wittert allerdings auch manchmal dort welche, wo gar keine sind. Noch heute schadet dem Blatt die Veröffentlichung der sogenannten "Hitler-Tagebücher", die sich als plumpe Fälschung erwiesen. Die "Neue Revue" konzentriert sich auf Erotik-Themen, gibt Ratschläge zur Gesundheit und für den Urlaub. Sie berichtet über Prominente aus der Welt des Sports und der Showszene und greift aber auch einmal Umweltskandale oder Drogen-Probleme auf. Burdas "Bunte" beschäftigt sich - wenn auch weniger als früher - mit Europas Hochadel, wendet sich aber sehr viel ausführlicher den Stars von Film und Fernsehen zu. Ähnlich wie die "Neue Revue" informiert sie über Urlaubsparadiese, klammert aber auch politische Themen nicht mehr gänzlich aus.

Kennzeichnend für die Regenbogenpresse, so genannt, weil Blätter wie "Die Neue Post" und das "Neue Blatt" ursprünglich diese Farben als Erkennungszeichen auf der Titelseite führten, ist ihr trivialer und illusionierender Inhalt. Diese Blätter, deren Leserkreis sich in allen sozialen Schichten findet, berichten vor allem über die Prominenz aus Königshäusern, des Show-Geschäfts und des Sports.

Nach der Wende hatten die westdeutschen Illustrierten wenig Erfolg bei der Erschließung neuer Leserschichten in Ostdeutschland. Zwischen Ostsee und Erzgebirge werden statt dessen auf die Bedürfnisse in den neuen Bundesländern zugeschnittene Produkte wie "Super Illu", die auf die besonderen Interessen und Befindlichkeiten der Ostdeutschen eingehen, niedrigpreisige Titel wie "Auf einen Blick", "Echo der Frau" und Blätter mit einem hohen Nutzwert wie "Mein schöner Garten" bevorzugt. Burdas "Super Illu" entwickelte sich inzwischen zu einer Familienzeitschrift, die neben Reportagen über ostdeutsche Zustände einen ausführlichen Ratgeber-Teil und Klatsch aus der Welt des Entertainment bietet - eine Mischung, die sie mit einer Auflage von über 600000 Exemplaren zur meistgelesenen Publikumszeitschrift in Ostdeutschland machte.

 

Quellentext
Wie objektiv sind Nachrichten?
Angesichts der Ergebnisse der Nachrichtenforschung und bestärkt durch Beobachtungen der Medien wird immer wieder die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Nachrichten aufgeworfen. Kann die Berichterstattung der Medien bei den vielen verschiedenartigen Einflüssen auf die Nachrichtenauswahl und -übertragung überhaupt ein tendenz- und verzerrungsfreies, objektives Bild der Wirklichkeit vermitteln?

Der erfahrene Journalist und Leiter einer Journalistenschule Wolf Schneider kommt 1984 zu dem Ergebnis: "Wir werden nicht richtig informiert. Wir leben mit der Desinformation [...]. Das liegt erstens an den Regierungen, zweitens an den Schwächen und Anfechtungen von Journalisten und drittens an den Sachzwängen des Journalismus." Eine solche Feststellung steht in scharfem Kontrast zur Verpflichtung des Journalismus auf Sorgfalt und Wahrheit in den verschiedenen Rechtsgrundlagen der Massenmedien. Sehr deutlich heißt es auch im Pressekodex, den vom Deutschen Presserat und den journalistischen Berufsorganisationen beschlossenen publizistischen Grundsätzen: "Achtung vor der Wahrheit und wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberstes Gebot der Presse."

Bei der Diskussion der Frage, wie objektiv Nachrichten sind und sein können, wird auf verschiedenen Ebenen argumentiert. Einige der Widersprüche lassen sich lösen, wenn man die verschiedenen Betrachtungsebenen voneinander unterscheidet. Mit dem Begriff der Objektivität verbindet sich erstens eine professionelle Norm, zweitens eine politische Forderung und drittens ein theoretisches Problem.

Vom Standpunkt journalistischer Professionalität aus betrachtet ist Objektivität eine Zielvorstellung, handlungsleitende Norm, die sich empirisch weder bestätigen noch falsifizieren (widerlegen) läßt. Sie hat die Aufgabe, bestimmte professionelle Standards zu sichern, die Informationsqualität der Berichterstattung zu verbessern. Objektivität läßt sich [...] mit Begriffen umschreiben wie Sachgerechtigkeit (Richtigkeit, Relevanz) und Unparteilichkeit (Ausgewogenheit, Fairneß, Neutralität) [...]. In diesem Sinne sind auch die Begriffe Objektivität und Wahrheit in den Gesetzestexten und im Pressekodex zu verstehen. [...]

Als politische Forderung hat der Begriff der Objektivität eine instrumentelle, strategische Funktion. Er dient dazu, die Nachrichtenauswahl im Sinne bestimmter [...] Interessen zu beeinflussen und damit letzten Endes über die Massenmedien das gesellschaftliche Gefüge von Macht und Einfluß zu verändern oder auch zu konservieren. Am deutlichsten wird das, wenn in Wahlkampfzeiten den Medien von der einen oder anderen Partei Einseitigkeit vorgeworfen wird. In der Diskussion in der Bundesrepublik rückt dabei oft der Begriff der Ausgewogenheit in den Vordergrund, weil Programmausgewogenheit ein Gebot für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist, das sich aus seiner medienpolitischen Sonderstellung ergibt. [...]

Der Objektivitätsbegriff verweist schließlich auf ein theoretisches Problem, das in der Literatur aus unterschiedlichen Blickwinkeln - unter anderem der Erkenntnistheorie, der Wahrnehmungspsychologie, der Wissenssoziologie, der Ideologiekritik - diskutiert wird. [...]

Das Problem besteht darin, daß die reale Umwelt viel "zu groß, zu komplex und auch zu fließend" ist, wie Lippmann (1964) es ausdrückt, "um direkt erfaßt zu werden". Bei der individuellen Wahrnehmung wie auch bei der Umweltbeachtung durch die Nachrichtenmedien kann die Realität immer nur in einem stark vereinfachten Modell "rekonstruiert" werden. [...] Es sind [...] Kategorien oder Schemata, mit deren Hilfe bei der Informationsverarbeitung die Umweltkomplexität reduziert und den Eindrücken Sinn verliehen wird. [...]

Nach Lippmanns Auffassung sind Nachricht und Wahrheit streng voneinander zu unterscheiden. [...]

Die Unterscheidung zwischen Ereignis und Nachrichten [ist] nur in der analytischen Abstraktion eindeutig möglich, in der realen Wahrnehmungssituation wie auch in der journalistischen Praxis jedoch im allgemeinen nicht. Denn das, was die Medien als "Ereignis" begreifen, ist bereits das Ergebnis von Selektions- und Verarbeitungsprozessen. [...] Auch Ereignisse müssen erst als solche definiert werden, [...] in- dem sinnvolle "Figuren" von einem irrelevanten "Hintergrund" abgehoben werden. [...]

Dieser Vorgang der Konstruktion von Realität wird von den Massenmedien geleistet. Man kann die Medien daher auch als "kollektive Organe" begreifen, mit der Funktion, gesellschaftliche Wirklichkeit in Nachrichten zu konstruieren. Damit stellt sich die Frage der Objektivität der Nachrichten nicht nur als ein Abbildungs- und Selektionsproblem, sondern auch als Frage nach der Interpretation von Wirklichkeit: Welche Interpretationsschemata, welche Hypothesen über die Realität wenden die Medien an, wenn sie uns die Welt durch Nachrichten deuten und damit wahrnehmbar machen?

Winfried Schulz, "Nachrichten", in: Elisabeth Noelle-Neumann u. a. (Hg.), Publizistik - Massenkommunikation, Frankfurt/Main 1997, S. 332 ff.



Besondere Zielgruppen

Wie alle Publikumszeitschriften richten sich auch die für Frauen an deren besonderen Lesebedürfnissen aus. Die jeweiligen Nutzerinnen sollen sich in ihrem Lebensstil in den verschiedenen Titeln wiedererkennen. So wenden sich einige Zeitschriften an ein vorwiegend am häuslichen Bereich interessiertes Publikum, geteilt in gehobenere und untere Einkommens- und Bildungsschichten. Jüngeren Zielgruppen gehobenerer Einkommenschichten mit breiterem und anspruchsvollerem Interessenspektrum und zum Teil stärker berufsorientierten Lebensentwürfen suchen beispielsweise Blätter wie "Brigitte" und "Allegra" gerecht zu werden. Diese Zeitschriften erweitern ihren Themenbereich auch um Empfehlungen, damit sich ihre Leserinnen in einer immer noch weitgehend männlich geprägten Arbeitswelt behaupten können. Während Länderreportagen, psychologisch und gesellschaftspolitisch orientierte Themen zunehmend an Raum gewinnen, bleiben traditionelle Wirtschafts- und Politikbereiche nach wie vor überwiegend ausgeklammert.

Der anhaltende Erfolg dieser Zeitschriften hängt wohl neben dem eindeutigen Bezug auf weibliche Sichtweisen und Erfahrungsbereiche auch damit zusammen, daß diese Blätter ihre Zielgruppe zu verstärktem Selbstbewußtsein und zur Erprobung differenzierterer Lebensmuster ermutigen wollen. Andere vermuten, die Millionenauflage der Frauenzeitschriften sei die Antwort darauf, daß speziell Frauen interessierende Themen in Zeitungen und Zeitschriften zu wenig berücksichtigt werden. Zugespitzt lautet die These: Zu viele Männer in den Chefetagen denken in ihren Publikationen vorwiegend an die Lesebedürfnisse der Männer.

Eine Sonderstellung unter den Frauenzeitschriften nimmt "Emma" ein, die für eine umfassende Gleichstellung der Frauen kämpft. Das von Alice Schwarzer gegründete Blatt, das sich als Zeitschrift "von Frauen für Menschen" bezeichnet, kommt vor allem dem Lesebedürfnis von feministisch orientierten oder interessierten Leserinnen entgegen.

Auflagenmäßig sind mit den Frauenzeitschriften die Periodika nicht zu vergleichen, die sich besonders an den Lesebedürfnissen von Männern orientieren. Die bekannteste Männerzeitschrift ist immer noch die Zeitschrift "Playboy" (Auflage: 230000), die Erotik in Wort und Bild mit Berichten und Reportagen auch zu anderen Themen verbindet. An dem Bild einer neuen Männlichkeit orientieren sich Blätter wie "Fit for Fun" und "Men's Health".

Andere Publikumszeitschriften wenden sich vor allem an Jugendliche. Dazu gehören "Bravo", "Micky Maus", "Extratour", "Bravo-Girl", "Mädchen" und "Popcorn". Spitzenreiter ist seit Jahrzehnten "Bravo" mit einer Auflage um 1,3 Millionen. Die Zeitschrift informiert über die jungen Stars der Musikszene, betreibt sexuelle Aufklärung, veröffentlicht Fortsetzungsromane in Bildform und präsentiert auf großformatigen Postern Lieblinge des Show-Geschäfts.

Wie der Name Special-Interest-Zeitschriften schon sagt, wenden sich viele Publikationen mit großem Erfolg an Männer und Frauen, die besondere Interessen haben - so etwa am Handwerken, Surfen, Skifahren und Segeln, Computer oder Garten. Gemeinsames Merkmal ist, daß sie den Lesestoff in möglichst unterhaltsamer Form bieten. Spezialisiertes Wissen für Fachleute bieten vor allem die Fachzeitschriften. Die vorwiegend von kleineren Verlagen hergestellten Periodika sind in der modernen hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft für fast jeden zweiten Berufstätigen zum wichtigen Medium für Aus- und Fortbildung geworden.

Die Presse der Verbände verfolgt vor allem zwei Ziele: Sie will die Mitglieder unterrichten und für deren Bindung an den Verband sorgen, und sie versucht, politische Entscheidungen zu beeinflussen. Das gilt beispielsweise für die Gewerkschaftspresse, die, abhängig von den Mitgliederzahlen, zum Teil hohe Auflagen erreicht. So kommen die Blätter der im DGB vereinigten Industriegewerkschaften insgesamt auf über sieben Millionen Exemplare. Millionenauflagen erzielt auch die konfessionelle Presse. Die katholische Kirche gibt Bistums-, Familien-, Sonntags-, Ordens- und Missionsblätter heraus sowie das Nachrichtenmagazin "Weltbild" und die Boulevardzeitung "Neue Bildpost". Die evangelische Kirche versorgt ihre Mitglieder mit Gemeindebriefen und Sonntagsblättern. Beide Kirchen betreiben eine eigene Nachrichtenagentur und verfügen über Spezialdienste, die sich mit der Entwicklung der elektronischen Medien und des Films beschäftigen.

Neben den Publikums-, Zielgruppen-, Fach- und Verbandszeitschriften gibt es noch ein breites Spektrum von Betriebs- und Kundenzeitschriften. Besonders die unternehmensfinanzierten Kundenmagazine erlebten in den letzten Jahren eine Titelflut mit Riesenauflagen. Von 1987 bis 1998 stieg die Zahl der Titel von 762 auf über 1200. Die verbreitete Gesamtauflage (pro Ausgabe gerechnet) liegt mittlerweile bei fast 300 Millionen Exemplaren.
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10. Februar 2012
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