|
|
 |

 |

Massenmedien (Heft 260)
 |
 |
 |
 |
 |
Vielfalt und Aufgaben der Printmedien |

 |
 |
Hanni Chill / Hermann Meyn
|
 |
 |
 |
 |
Seit mehr als drei Jahrzehnten ist im Pressewesen, wie in vielen anderen Wirtschaftszweigen, ein Trend zu größeren Betriebseinheiten zu beobachten. Während dieser Zeit haben sich in der Abonnementtagespresse der durchschnittliche Seitenumfang des redaktionellen Textes und des Anzeigenteils etwa verdoppelt. Es gibt zwar immer noch redaktionelle Ausgaben mit einer Auflage unter 5000 Exemplaren, doch werden die hohen Auflagen auch anteilsmäßig von einigen wenigen Verlagen erzielt.
Verlage haben sich in der Vergangenheit zusammengeschlossen, um Kosten zu sparen und die Risiken zu verteilen. Natürlich hat es in den siebziger Jahren auch einen Verdrängungswettbewerb gegeben, der die Pressekonzentration gefördert hat. Das Kartellreferat des Bundeswirtschaftsministeriums machte drei Formen dieses Wettbewerbs aus:
- gespaltene Abonnementspreise des auflagestärkeren Blattes im Verbreitungsgebiet des schwächeren,
- länger dauernde Belieferungen mit Freiexemplaren des vordringenden Verlages im Einzugsbereich des kleineren,
- überhöhte Werbegeschenke für die Vermittlung eines neuen Abonnements.
Mit dem Erwerb der früheren SED-Bezirkszeitungen durch die westdeutschen Großverlage wurde ein Konzentrationsprozeß in Gang gesetzt, der an Tempo und Ausmaß alles überbot, was man bislang in Deutschland erlebt hatte. Leidtragende waren vor allem die regionalen Ausgaben der Blätter der ehemaligen Blockparteien. Auch kurz nach der Wende neu gegründete Zeitungen mußten sich schon bald dem Konkurrenzdruck der regionalen Auflagenriesen beugen. Es zeigte sich auch, daß "Good-will-Klauseln" wenig wert sind: Die Erwerber der ehemaligen SED-Bezirkszeitungen ließen die in den Verkaufsverträgen mit der Treuhandanstalt eingegangene Verpflichtung weithin unbeachtet, "in wirtschaftlich vertretbarem Umfang - im Wege der Kooperation oder auf andere geeignete Weise - nach Möglichkeiten zu suchen, die Entfaltung eigener Aktivitäten von kleinen Lokalzeitungen nicht zu behindern".
Die Preispolitik der Großverlage und die Tatsache, daß sie von Anfang an über Druckereien vor Ort verfügten, während die kleineren Zeitungen aber keine Möglichkeit hatten, Immobilien am Erscheinungsort zu erwerben, führten schon bald nach der Gründung zur Einstellung vieler kleinerer Blätter oder zu ihrem Verkauf. Lokale Konkurrenz haben die in den neuen Ländern engagierten westdeutschen Großverlage als Besitzer der ehemaligen SED-Bezirkszeitungen heute nur noch in Ausnahmefällen zu fürchten.
Große Konzerne
Bertelsmann, Springer, Bauer und Burda - das sind die vier großen Konzerne, von denen die meisten auflagestarken Tageszeitungen und Zeitschriften stammen, und diese vier sind es auch, die zusammen mit der Kirch-Gruppe, der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (Essen) und der Holtzbrinck-Gruppe den privaten Hörfunk- und Fernsehmarkt beherrschen.
Die folgende Darstellung beschränkt sich auf den Pressebereich. Das Engagement dieser Unternehmen bei den elektronischen Medien wird im Kapitel über den Privatfunk analysiert (vgl. Seite 33ff.).
Die Axel Springer Verlag AG (Eigner: Springer Erbengemeinschaft mit 50 Prozent und einer Aktie, 40,05 Prozent Kirch-Gruppe, Rest: Kleinaktionäre) ist der größte Zeitungsverlag in Europa (Marktanteil an den Tageszeitungen in der Bundesrepublik 1997: 23,7 Prozent). Er ist Herausgeber der auflagenstärksten
- überregionalen Boulevardzeitung ("Bild-Zeitung"),
- Mittagszeitung ("Hamburger Abendblatt"),
- Sonntagszeitungen ("Bild am Sonntag, "Welt am Sonntag"),
- Hörfunk- und Fernsehzeitschrift ("Hör zu").
Zum Springer-Konzern gehören ferner unter anderem die Tageszeitungen "Berliner Morgenpost", "Die Welt", "BZ", "Elmshorner Nachrichten" und die "Bergedorfer Zeitung" sowie die Zeitschriften "Funk Uhr", "Bildwoche", "Auto-Bild", "Bild der Frau", "Sport-Bild", "Journal für die Frau", "TV neu", "Allegra" und "Computer Bild". Hinzu kommen Anzeigenblätter. Außerdem besitzt der Konzern Kapitalanteile an Zeitungen wie der "Volkszeitung" (Leipzig), der "Ostsee-Zeitung" (Rostock), den "Harburger Anzeigen und Nachrichten", den "Kieler Nachrichten" und den "Lübecker Nachrichten". Im Ausland hat sich Springer unter anderem in Ungarn, Polen, der Slowakei und Spanien im Printbereich engagiert. 1997 lag der Gesamtumsatz des Konzerns bei 4,5 Milliarden DM.
Mit Abstand größter Medienkonzern Europas ist die Bertelsmann-Aktiengesellschaft. Der Gigant aus Gütersloh begann mit Büchern und Schallplatten, baute Leseringe auf (unter anderem Deutsche Buchgemeinschaft), kaufte Großdruckereien und Verlage und stieg auch ins Funk-, Fernseh- und Filmgeschäft ein (unter anderem UFA Filmproduktion, Radio Hamburg, RTL, RTL 2, Super RTL, VOX). Er erwarb 1996 die Luxemburger Hörfunk- und Fernsehgesellschaft CLT (Compagnie Luxembourgeoise de Télédiffusion) und ist mehrheitlich am Hamburger Zeitschriften-Großverlag Gruner + Jahr beteiligt.
1998 kaufte die Bertelsmann AG die US-Verlagsgruppe Random House, den bedeutendsten englischsprachigen Buchverlag der Welt. Seit längerem gehört dem Gütersloher Konzern bereits mit der Verlagsgruppe Bantam Doubleday Bell einer der weltweit führenden Verlage englischer Sprache. 1996/97 erzielte der Konzern einen Umsatz von über 22 Milliarden DM, davon mehr als die Hälfte im Ausland. Der Konzern gehört seinem Gründer Reinhard Mohn und der Bertelsmann-Stiftung.
Gruner + Jahr, eine Bertelsmann-Tochter, setzte 1996/97 über 4,5 Milliarden DM um. Das Hamburger Unternehmen bringt Zeitschriften wie "stern", "Geo", "Capital", "Brigitte", "essen & trinken" und "PM" sowie die "Berliner Zeitung" und die "Hamburger Morgenpost" heraus. Mehrheitsbeteiligungen hält der Konzern an der "Sächsischen Zeitung" und an der "Morgenpost Sachsen" (beide Dresden). Im Zeitschriftenbereich ist er in den USA, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Polen tätig.
Mit einem Umsatz von rund drei Milliarden DM (1997) steht der Hamburger Bauer-Verlag im Pressebereich an dritter Stelle. Seine Zeitschriften (unter anderem "Fernsehwoche", "Tina", "Bravo", "Neue Revue", "Neue Post") wollen unterhalten. Bauer gehören mehrere Verlage für Fachzeitschriften und Romanhefte, Publikumszeitschriften in Großbritannien, den USA und Ungarn sowie die Tageszeitung "Volksstimme" in Magdeburg.
Beim Burda-Verlag mit einem Jahresumsatz (1997) von fast zwei Milliarden DM erscheinen unter anderem die Zeitschriften "Bunte", "Focus", "Freundin", "Super Illu" und "Das Haus". Zum Verlag gehören auch die "Norddeutschen Neuesten Nachrichten" (Rostock) und die "Schweriner Volkszeitung".
Zu den Großen der Branche zählt außerdem die Georg von Holtzbrinck GmbH (Umsatz 1997: über zwei Milliarden DM). Sie besitzt Buchverlage, Tageszeitungen wie das "Handelsblatt", die "Lausitzer Rundschau" (Cottbus), die "Main-Post" (Würzburg), die "Saarbrücker Zeitung", den "Tagesspiegel" (Berlin) und den "Südkurier" (Konstanz) sowie Wochenzeitungen und -magazine ("Die Zeit" und "Wirtschaftswoche"). Das Stuttgarter Unternehmen ist ferner an verschiedenen Fernseh- und Hörfunkveranstaltern beteiligt, vor allem in Ostdeutschland.
Mit der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (Essen), der "Westfälischen Rundschau" (Dortmund), der "Neuen Ruhr-Zeitung", der "Westfalenpost" (Bielefeld), der "Thüringer Allgemeinen" (Erfurt) und der "Ostthüringer Zeitung" (Gera) ist der Konzern der Westdeutschen Allgemeinen Zeitungsverlagsgesellschaft E. Brost & Funke eines der einflußreichsten Unternehmen im Tageszeitungsgeschäft. Die Gesellschaft hat auch Anteile an den beiden Wiener Boulevardblättern "Neue Kronen-Zeitung" und "Kurier" erworben und ist beim größten europäischen Fernsehveranstalter, der CLT/UFA beteiligt.
|

 |
Quellentext
 |
 |
 |
 |
Privatisierung der DDR-Presse Die Strukturen der Zeitungslandschaft in der DDR entstanden 1952 nach der Aufteilung des DDR-Territoriums in 15 Bezirke und blieben seitdem beinahe unverändert. Insgesamt erschienen 38 Tageszeitungen. Außer dem von der SED in Millionenauflage herausgegebenen "Neuen Deutschland" gab es überregionale Tageszeitungen der Blockparteien und Massenorganisationen sowie regionale Tageszeitungen in den 15 DDR-Bezirken. Mit Auflagen 1989 zwischen 178500 und 663700 Exemplaren waren die SED-Bezirkszeitungen im Bereich der ostdeutschen Tagespresse dominierend. Die vier überregionalen und 14 regionalen Tageszeitungen der Blockparteien zusammen erreichten nur neun Prozent der Gesamtauflage der Tagespresse und lagen damit unter der Auflagenhöhe der FDJ-Tageszeitung "Junge Welt" mit 1,5 Millionen Exemplaren. Ähnlich hohe Auflagen wie die "Junge Welt" hatten auch die Wochenzeitungen "Wochenpost" (1,2 Millionen), die Illustrierte "Für Dich" (900000 Exemplare) und die Rundfunkzeitung "FF-Dabei" (1,4 Millionen).
Nach der Absetzung Honeckers und dem Fall der Mauer kam es in allen Redaktionskollegien zu harten Auseinandersetzungen über Schuld und Verantwortung jedes einzelnen. Die Chefredakteure der SED-Zeitungen, die auf dem Höhepunkt der Staatskrise an ihren alten Methoden des Verschweigens der Wahrheit festgehalten und sich für den Fortbestand der SED-Diktatur eingesetzt hatten, verloren binnen kürzester Zeit ihre einflußreichen Positionen. In demokratischen Wahlverfahren wurden sie bis zum 15. Januar 1990 durch weniger belastete Journalisten ersetzt. Die Blockparteien wechselten dagegen bei ihren Regionalzeitungen zunächst nur die Hälfte der 14 Chefredakteure aus. Die Entlassung der leitenden Kader war der Beginn eines Selbstreinigungsprozesses, in dessen Verlauf manche Chefredaktionen geschlossen zurücktraten. [...]
Schon bald nach dem Fall der Mauer versuchten Verlage aus der Bundesrepublik Deutschland, mit unterschiedlichen Strategien auf dem ostdeutschen Zeitungsmarkt Fuß zu fassen. Es begann damit, daß einige überregionale Zeitungsverlage ihre westdeutschen Ausgaben in die DDR lieferten. Damit reagierten sie auf das anfänglich große Interesse an westlichen Presseerzeugnissen und vergrößerten zugleich ihren eigenen Anteil an dem gesamtdeutschen Zeitungsmarkt. Um die neuen Leser auch dann noch an sich zu binden, wenn der Neuigkeitswert dieser Zeitungen verbraucht sein würde, ergänzten grenznahe Verlage dieses Angebot wenig später durch Lokalausgaben. Wesentlich risikoreicher war dagegen die Gründung neuer Zeitungsverlage in den DDR im Jahre 1990. Kleine und mittlere westdeutsche Verlage riefen rund 60 neue Tageszeitungen ins Leben, wobei sie bei 29 als Alleininvestoren und bei den übrigen als Anteilseigner auftraten. [...]
Auf dem Zeitungsmarkt begann bereits 1990 ein Schrumpfungsprozeß, der 1991/92 wegen der publizistischen Übermacht der früheren SED-Bezirkszeitungen alle Marktsegmente erfaßte. Von den zwischen Herbst 1989 und Frühjahr 1990 entstandenen 30 alternativen Zeitungen existierten im Oktober 1991 nur noch drei. Auch die Hoffnungen der kleinen und mittleren westdeutschen Verlage erfüllten sich nicht. 1993 war bereits die Hälfte der 1990 gegründeten 60 neuen Tageszeitungen wieder vom Markt verschwunden. Den Zeitungen der ehemaligen Blockparteien, die schon zu DDR-Zeiten eine marginale Rolle gespielt hatten, erging es nicht besser. Ihr Auflagenanteil ging bei der Regionalpresse von neun Prozent nach der Wende auf 2,8 Prozent im Mai 1992 zurück. Das bedeutete, daß elf der 14 Zeitungen ihr Erscheinen einstellen mußten. In Berlin wurden fast alle überregionalen Zeitungen der Parteien und Massenorganisationen verdrängt: "National-Zeitung", "Der Morgen", "Deutsches Landblatt" (Nachfolger des "Bauernecho"), "Neue Zeit", "Sportecho" und "Tribüne". Das Neue Deutschland verlor zwischen 1989 und 1994 über 90 Prozent seiner Leser (1,1 Millionen 1989, 79600 1994), die "Junge Welt" fiel von 1,5 Millionen auf 33200 (Presse- und Informationsamt der Bundesregierung 1995).
Im Bereich der Zeitschriften und Wochenzeitungen hat bis Ende 1996 von den früheren Erfolgstiteln nur die "Wochenpost" überlebt, ist seither aber Bestandteil der Wochenzeitung "Die Woche". Dem Verdrängungswettbewerb fielen auch eine Reihe von Titeln zum Opfer, die zu DDR-Zeiten äußerst populär waren, so die Frauenzeitschrift "Für Dich", die Programmzeitschrift "F.F. dabei", die "Neue Berliner Illustrierte" und die "Freie Welt". Die Kulturzeitung "Sonntag" fusionierte Ende 1990 mit der "Deutschen Volkszeitung", dem ehemaligen Sprachrohr der DKP, und erscheint seitdem unter dem Titel "Freitag". Auch diese Zeitung, die ihre Leser im linken Spektrum zwischen PDS und Bündnis 90/Die Grünen zu gewinnen versucht, kämpft bei einer Auflage von 23000 (1995) um ihre Weiterexistenz.
Irene Charlotte Streul, "Die Medien", in: Oskar Niedermayer (Hg.), Intermediäre Strukturen in Ostdeutschland (Beiträge zu den Berichten der Kommission für die Erforschung des sozialen und politischen Wandels in den neuen Bundesländern), Opladen 1996, S. 445 ff.
 |
 |
 |
 |
 |
|
|
 |
15. März 2010
 |
|