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Massenmedien (Heft 260)

Die Informationsgesellschaft von morgen


Hanni Cill / Hermann Meyn
Inhalt

Einleitung

Digitaler Rundfunk

Online-Dienste

Offline-Angebote

Medienlandschaft im Wandel

Einleitung

Das Heim-Multimedia-TV


Internet-Anschluss

Die Zukunft der Informationsgesellschaft hat schon begonnen. Die Digitalisierung und die Datenkompression erweitern und beschleunigen die Produktion, Speicherung und Verbreitung der audiovisuellen Medien. Inzwischen hat sich Multimedia als Sammelbegriff für eine Entwicklung eingebürgert, bei der im häuslichen Bereich das Telefon, der Fernseher und der Computer miteinander verbunden werden. In der Wirtschaft wachsen bislang getrennte Bereiche zusammen: die Computer-Industrie und die Unterhaltungselektronik, Telefongesellschaften und Medienunternehmen. Mit einem Zusatzgerät (Modem) ausgerüstete Personalcomputer (PC) ermöglichen den weltweiten Zugriff auf Datenbanken; Haushalte mit einem Decoder, der die Daten entschlüsseln kann, können am digitalen Fernsehen teilnehmen und eine Vielzahl von Fernsehprogrammen abonnieren (Pay-TV). Unter dem Begriff Multimedia ist zu verstehen, daß bisher getrennte Kommunikationstechniken (sozusagen "Unimedien") miteinander verschmelzen. Es findet eine Integration von gesprochener Sprache, Text, Video, Audio, Telekommunikation, Unterhaltungselektronik und Computertechnik statt.

Abgesehen von der Explosion des Informationsangebots ist das Neue an Multimedia, daß der Empfänger, der die Medien konsumiert, (selbst in bescheidenem Maß) zum Sender werden kann, indem er Waren (Tele-Shopping) oder Filme (Video-on-demand) bestellt, in Game-Shows mitspielt oder bei der Live-Übertragung eines Fußballspiels bestimmt, aus welcher Kameraposition heraus er das Geschehen auf dem grünen Rasen verfolgen will. Er kann beispielsweise auch bei einem Film unter mehreren möglichen Handlungsabläufen auswählen und am Schluß eines Krimis bestimmen, ob der Mörder entkommt oder gefaßt wird. Durch diese Interaktionsmöglichkeit wird Massenkommunikation zur Individualkommunikation. Völlig neu ist die Interaktivität im Fernsehen nicht. Bereits in den sechziger Jahren konnten Zuschauer in der Sendung "Der goldene Schuß" per Zuruf über das Telefon mit der Armbrust zielen. Sogenannte "Call-in-Sendungen" sind zur Zeit eine beliebte Variante interaktiver Telefonspiele, bei denen sich Zuschauerinnen und Zuschauer per Telefon oder Telefax in laufende Sendungen einschalten und ihre Meinung sagen können.

Multimedia wird vor allem die Arbeitsorganisation in den Betrieben verändern und Arbeitsplätze verlagern - von den Büros in die Wohnungen, wo Beschäftigte in Heimarbeit über den Personalcomputer mit ihrer Zentrale verbunden bleiben. In den USA gibt es bereits rund sechs Millionen Tele-Arbeitsplätze. Für die Bundesrepublik wird eine ähnliche Entwicklung erwartet.

Multimedia - eine Bedrohung?

Fast die Hälfte der Bundesbürgerinnen und -bürger empfindet das Zeitalter der Telekommunikation als Bedrohung. Das geht aus einer Repräsentativbefragung eines Freizeit-Forschungsinstituts in Hamburg aus dem Jahr 1995 hervor. "Man fühlt sich förmlich überrollt", sagen danach 48 Prozent der 2600 Befragten über 14 Jahre. Besonders Familien mit Jugendlichen im Haushalt (55 Prozent) und die ältere Generation ab 50 Jahre (53 Prozent) haben nach der Studie Angst vor der Medienflut. Selbst mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 14 und 29 erklären, den Überblick verloren zu haben.

"Viele Bürger fühlen sich von der Überfülle des Medienangebots bedroht und wissen nicht, wie sie sich gegen diese Lawine wehren können", erklärt der Freizeitforscher Horst W. Opaschowski. Mit dem Bildungsgrad wachse das Problembewußtsein. Vor allem Höhergebildete sähen die Gefahr der Vereinsamung vor den Apparaten. Außerdem hatten viele Menschen das Gefühl, so Opaschowski, "daß die Industrie gar nicht wissen will, ob die Konsumenten das eigentlich alles haben wollen". Ein gutes Drittel ist überzeugt, daß das Multimedia-Angebot nicht angenommen wird.

Jede vierte befragte Person (24 Prozent) hofft nach der Studie auf neue Arbeitsplätze durch Multimedia, jede fünfte (20 Prozent) hofft, das Leben werde dann angenehmer und leichter. Nur jede zehnte glaubt daran, durch die neuen Techniken Zeit zu sparen, etwa durch Tele-Shopping, durch Bankgeschäfte und Reisebuchungen vom Wohnzimmer aus. An berufliche Vorteile durch Multimedia glaubt ebenfalls nur rund jede zehnte (elf Prozent).

Die Prognosen zur Bereitschaft des Publikums, für Multimedia-Dienste zu zahlen, liegen weit auseinander. Während die einen sagen, der Siegeszug des Computers und des Videorecorders zeige, wie zahlungsbereit Millionen sind, wenden andere ein, daß die Fahrt auf dem Informations-Highway sehr teuer werden könne. Jeder Einstieg in Datenbanken kostet Geld. Auch Online-Dienste werden auf Dauer nicht zum Billigtarif zu haben sein. Pay-TV- und Pay-per-View-Kunden müßten, so wird weiter argumentiert, mit erheblichen Kosten rechnen.

Die weltweite Datenvernetzung von Schulen und Ausbildungsstätten, von Universitäten und Bibliotheken, von Arztpraxen und Krankenhäusern und der Geschäftswelt, die Expansion der Heimarbeit, die Vervielfachung der Fernseh- und Hörfunkprogramme - dies alles bringt nach Meinung der Befürworter einer schnellen Digitalisierung aller Übertragungswege in der Informations- und Kommunikationsgesellschaft von morgen neue Beschäftigungsmöglichkeiten.

Einkaufen am Fernseher (Tele-Shopping), das Erledigen der Bankgeschäfte (Tele-Banking) und der interaktive Sprachkurs am Computer führen zu Kostensenkungen bei den Diensteanbietern und zu mehr Bequemlichkeit bei den Nutzerinnen und Nutzern. Sie machen aber auch Verkäuferinnen und Verkäufer, Bankangestellte und Sprachlehrkräfte arbeitslos. Tele-Shopping begünstigt unüberlegte Impulskäufe, Telearbeit birgt das Risiko der sozialen Isolierung.

Neue elektronische Speichersysteme, Datennetze und Online-Dienste machen große Wissensbestände leicht zugänglich, ermöglichen den weltweiten Datentransfer und beschleunigen die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Andererseits hängt die Auswahl der Daten, die angesichts ihrer Fülle immer schwieriger wird, von der Kompetenz derjenigen ab, die sie nutzen; wer mit den neuen Techniken nicht umgehen kann, bleibt von dem Wissenszugang ausgeschlossen. Wenn auch die absolute Wissensfülle weltweit zunimmt, ist damit noch nichts darüber gesagt, ob auch der Wissensstand des einzelnen erweitert wird.

Von denjenigen, die der elektronischen Vernetzung skeptisch gegenüberstehen, wird befürchtet, daß
  • die Vielzahl und Vielfalt der Angebote die Gefahr erhöht, daß der einzelne die Orientierung verliert,

  • künstliche Medienwelten unmittelbare Erfahrungen und Erlebnisse ersetzen,

  • die Informationsüberlastung steigt,

  • neue technische Möglichkeiten wie die digitale Bildbearbeitung, Computeranimation und Bluebox-Techniken des Fernsehens eine Vermischung von Wirklichkeit und Fiktion ermöglichen können.
Während die einen meinen, jetzt fange die Demokratie erst an, weil jeder Mensch sich weltweit informieren und aus einer Vielzahl von Programmen auswählen könne, werten das die anderen als Weg in die mediale Zwei-Klassengesellschaft: Nur die technisch Versierten und finanziell Privilegierten seien in der Lage, sich auf den Daten-Highway zu begeben und eine Vielzahl von Pay-TV-Programmen zu bezahlen. Die Wissenskluft zwischen der Info-Elite und der Masse der Bevölkerung werde noch größer. Die einen seien immer besser, die anderen immer schlechter informiert.

Kritiker der neuen Entwicklung befürchten eine Segmentierung der Gesellschaft, einen Zerfall der Öffentlichkeit in eine Vielzahl von Teilöffentlichkeiten. Weil jeder etwas anderes hört, sieht oder liest, nehme der gesamtgesellschaftliche Diskurs Schaden.

Besorgt sind Datenschützer. Die großen Datensammler von morgen sind die Anbieter von Informationen und Programmen, die von denjenigen, die diese Programme und Informationen nutzen, erfahren, welche Filme sie sehen, welche Themen sie interessieren, wofür sie wieviel Geld ausgeben. "Auf den Datenautobahnen gibt es nur noch gläserne Fahrer", meint der ehemalige hessische Datenschutzbeauftragte und derzeitige Frankfurter Rechtsprofessor Spiros Simitis, der zudem argwöhnt, daß der Staat demnächst "nur noch zuzugreifen braucht".

Um dem vorzubeugen, gelten seit 1. August 1997 zwei Multimedia-Gesetze. Der Mediendienste-Vertrag der Länder regelt die Dienste, die sich "in Text, Ton oder Bild" an die Allgemeinheit richten. Darunter fallen beispielsweise Fernseheinkauf, Fernsehtext und Abrufdienste, die nicht vornehmlich der Einzelkommunikation dienen. Der Bund hat im Informations- und Kommunikationsdienstegesetz Teledienste, die individuell genutzt werden - so etwa Tele-Banking, Telespiele, Internet-Angebote und Wetterdienste - geregelt, soweit bei diesen "nicht die redaktionelle Gestaltung zur Meinungsbildung für die Allgemeinheit im Vordergrund steht". Daß es zwei Gesetze gibt, hängt mit der Kompetenzaufteilung im Grundgesetz zusammen: Die Länder sind für den Rundfunk zuständig. Sie waren deshalb darauf bedacht, sich durch eine weite Auslegung des Rundfunkbegriffs keine Befugnisse vom Bund wegnehmen zu lassen. Die beiden Multimedia-Gesetze enthalten Vorschriften für den Daten- und Jugendschutz, verbieten rassistische, die Gewalt verherrlichende und pornographische Inhalte und stellen klar, daß die Diensteanbieter nicht für fremde Inhalte verantwortlich sind.

Anfang August 1997 gründeten 13 Unternehmen und Verbände, darunter die Deutsche Telekom und der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, die "Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter". Ihre Mitglieder unterwarfen sich einem Verhaltenskodex und verpflichteten sich, auf gewaltverherrlichende, pornographische und diskriminierende Inhalte zu verzichten. Tun sie dies nicht, erhalten sie eine Rüge, die einen Monat lang im Netz veröffentlicht werden muß. Die nicht an der Freiwilligen Selbstkontrolle beteiligten gewerblichen Programmanbieter müssen eine Person zur Jugendschutzbeauftragten bestellen, die Ansprechpartnerin für Nutzerinnen und Nutzer ist und die Anbieter in Fragen des Jugendschutzes berät.

 

Quellentext
Auf dem Weg nach Multimedia
In Großstädten eröffnen die ersten Cyber-Cafés. Sie laden ein zum Kaffeeklatsch im Cyber-Space. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie normale Kneipen mit einer Bar, Tischen und Stühlen. Dann fallen allerdings die vielen Computer und die Schaltkästen an der Wand auf. Die Besitzer verteilen keine Drinks oder Cappuccinos, sondern erklären ihren Gästen, was sie mit den Computern alles machen können - Videokonferenzen abhalten, durchs Internet surfen, digital und preiswert nach Japan telefonieren oder in Fotos von Parties blättern, die jemand auf seiner Homepage im Internet anbietet. Suchen Menschen künftig ihre Freunde im World-Wide-Web? Wird nicht der Wohnort ihre Wiederfindbarkeit sichern, sondern die virtuelle Adresse in den e-mail-Boxen der weltweiten Computer?

Mehr noch: Jeder kann sich künftig die Fernsehprogramme selbst zuschneiden, ausgewählt aus Hunderten von Angeboten nach selbstgewählten Kriterien. Es wird auf die jeweiligen Wünsche programmierte, lernfähige Datenköpfe geben, die den weltweiten Bit-Strom unablässig durchforsten, um den Einzelnen mit dem zu informieren und zu unterhalten, was seinen Vorlieben, Neigungen und Sympathien entspricht. Zeitungen können gelesen werden, die exklusiv für jedes Individuum nur in einem "persönlichen" Exemplar erscheinen. Medien werden die Menschen mit allem versorgen, was ihnen und ihren Wertvorstellungen schmeichelt.

Realitäten, Wunschvorstellungen oder Horrorvisionen? Die Hoffnungen des einen sind die Befürchtungen des anderen. Sie gehen Hand in Hand und begleiten die Entwicklung der Informationsgesellschaften. Derzeit sind es technische Innovationen wie Digitalisierung und Datenkompression sowie Prozesse der Deregulierung in der Medienlandschaft, vor allem im Rundfunk und bei neuen Medienangeboten, die in Europa, in den Vereinigten Staaten und in Japan zu einem drastischen Aus- und Umbau des Mediensystems führen. Medienpolitische Liberalisierungsstrategien auf der einen Seite und technische Neuerungen auf der anderen Seite schaffen ökonomische Handlungsspielräume, die von Unternehmen genutzt werden. [...]

Ohne Zweifel verfolgt der Rundfunk - und verfolgen auf ihre Weise auch Zeitungen und Zeitschriften - Integrationsziele, wenn sie sich in ihrem Verbreitungsgebiet bzw. Kommunikationsraum bemühen, allen gesellschaftlichen Gruppen zu dienen und dem Einzelnen zu zeigen, daß in einer Gesellschaft eine Vielfalt von Gruppen mit eigenen Lebensformen, Anschauungen und Interessen agiert und aufeinander angewiesen ist. Schließlich versuchen Medien auch Minoritäten und Randgruppen zu berücksichtigen, indem sie nicht nur auf deren Bedürfnisse eingehen, sondern auch die anderen mit den Nöten, Problemen und Schwierigkeiten dieser Gruppen - etwa der Alten, der Behinderten, der Ausländer - vertraut machen.

Meine These ist, daß der Umbau im Mediensystem die gesellschaftliche Integrationsleistung der Medien verändern und schwächen wird. [...]

Die Strukturveränderungen im Kommunikationssystem einer Gesellschaft führen dazu, daß einzelne Leistungen sich ändern, aber auch wegfallen. Die zeitgleiche Versammlung großer Publika wird zunehmend von vielen, zu unterschiedlichen Zeitpunkten realisierten Kommunikationskontakten abgelöst, stabile Kommunikationsräume werden ergänzt durch flüchtige, transterritoriale Räume von Gleichgesinnten und Interessierten. Quantitative Erweiterungen oder Reduzierungen von Medienfunktionen sind daher das eine, das andere jedoch der qualitative Wandel des Kommunikationssystems, den vielschichtige Grenzaufhebungen kennzeichnen zwischen den Bereichen der medialen Aussagenentstehung, der kommunikationstechnischen Vermittlung und der Nutzung, zwischen den Prozessen und Formen der Kommunikation sowie den Kommunikationsräumen - von der Individual- bis zur Massenkommunikation.

Welche Rolle können Medien künftig mit Blick auf andere "Sozialisationsagenten" wie Familie, Schule, Hochschule und peer-groups spielen und wer - falls die Medien ausfallen - kann sie erbringen? Am Beispiel Integration wird deutlich, daß die Medien aus strukturellen Gründen immer weniger das leisten können, was von ihnen erwartet wird. Die Fragen lassen sich weiter fassen: Welche Idee gesellschaftlicher Kommunikation setzt sich durch und wieviel Integration braucht eine Gesellschaft, um handlungsfähig zu bleiben?

Die Innovationen im Kommunikationssystem ergänzen zunächst herkömmliche Medienleistungen, sie beinhalten jedoch auch das Potential, sie langfristig abzulösen. Das würde die parzellierenden bzw. segmentierenden Effekte der Medienkommunikation stärken und neuartige Integrationsprozesse initiieren. Auf jeden Fall werden sich die Integrationsleistungen der Medien ändern - verstanden als die Möglichkeit des Einzelnen, sich mit "seiner" Gesellschaft, in der er lebt, und "seinem" Kulturraum, dem er sich zugehörig fühlt, zu identifizieren.

Claudia Mast, "Massenkommunikation - quo vadis? Grenzaufhebungen markieren den Weg nach Multimedia", in: Hermann Fünfgeld/Claudia Mast (Hg.), Massenkommunikation, Opladen 1997, S. 213ff.


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10. Februar 2012
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