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Informationen zur politischen Bildung (Heft 255)

Grundlagen der Außenpolitik


Miriam Rohde
Inhalt

Einleitung

Internationale Verantwortung

Asienpolitik

Verhältnis zu China

Beziehungen zu Europa

Deutsch-japanische Beziehungen

Asienpolitik
Seit Japans Öffnung gegenüber dem Westen Mitte des 19. Jahrhunderts hat die Frage, ob Japan ein Teil des Westens oder ein Teil Asiens ist, einen zentralen Punkt in der Diskussion über die nationale Identität des Landes gebildet. Die Antwort auf diese Frage fiel dabei dem zeitgeschichtlichen Kontext entsprechend jeweils recht unterschiedlich aus: Die Meiji-Reformer der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts sahen Europa und die USA als ihre Modernisierungsmodelle an. Ihre Haltung kam in dem weit verbreiteten Slogan “aus Asien heraus, nach Europa hinein” zum Ausdruck. Die Gegenwelle folgte in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts, als Ultranationalisten und Militärs die vermeintliche Unterwerfung unter den Westen brandmarkten und eine Besinnung Japans auf seine asiatischen Wurzeln forderten. Allerdings blieb es nicht bei der Besinnung allein; ihre Vision von einer “Großostasiatischen Wohlstandssphäre” unter japanischer Führung brachte den asiatischen Nachbarstaaten des Landes vor und während des Pazifischen Krieges (dem asiatischen Teil des Zweiten Weltkrieges) Unterdrückung und Gewalt in Form von japanischer Kolonialherrschaft oder Besatzung.

Nach der Niederlage im Pazifischen Krieg und der anschließenden amerikanischen Besatzung wurde die Ausrichtung auf Asien in Japan als ein fataler Irrweg angesehen. Fortan bildete die Identifizierung mit dem Westen im allgemeinen und den USA im besonderen den zentralen geostrategischen Orientierungspunkt des Landes. Erst mit dem Ende des Kalten Krieges, dem Entstehen einer dritten dynamischen Wachstumsregion in Ostasien und der damit einhergehenden raschen Zunahme der wirtschaftlichen Verflechtung zwischen Japan und der Region wurde die Frage der “asiatischen Seite” der japanischen Identität wieder aktuell. Weitgehend unstrittig ist dabei mittlerweile zumindest, daß Japan sowohl ein Teil des Westens als auch Asiens ist. Debattiert wird aber darüber, wohin das Schwergewicht gelegt werden soll. Trotz deutlich zunehmenden Interesses Japans an den asiatischen Nachbarstaaten seit Anfang der neunziger Jahre ist dabei klar, daß Japan als global agierendes Land teilweise andere Interessen verfolgt als viele seiner eher regional orientierten Nachbarstaaten.

Infolge der starken Anlehnung der japanischen Außen- und Sicherheitspolitik an die der USA waren Japans Beziehungen zu anderen Ländern der Region lange Zeit von den Strukturen des Kalten Krieges überlagert. Dies hatte insbesondere Auswirkungen auf das Verhältnis zu den kommunistischen Nachbarstaaten China und Rußland. So nahm Tokyo erst 1972 vor dem Hintergrund der amerikanisch-chinesischen Annäherung diplomatische Beziehungen mit Beijing auf. Bis dahin hatte es die Führung auf Taiwan als einzig legitime Vertretung Chinas angesehen. 1978 wurden die Beziehungen zwischen Japan und der Volksrepublik China durch den sogenannten Friedens- und Freundschaftsvertrag ausgebaut.

Derartige Fortschritte lassen bis heute im Verhältnis zu Rußland auf sich warten. Aufgrund eines Territorialkonfliktes um die Kurilen-Inseln existiert bislang nicht einmal ein formeller Friedensvertrag zwischen Tokyo und Moskau. Wenn sich auch die Beziehungen zwischen Tokyo und Moskau seit dem Ende des Kalten Krieges entkrampft und eine Reihe von Treffen auf der obersten Staatsebene stattgefunden haben, konnte ein wirklich freundschaftliches oder vertrauensvolles Verhältnis bisher nicht aufgebaut werden. Gutnachbarschaftliche Beziehungen im Sinne eines intensiven politischen Dialoges, zahlreicher Kontakte auf der Ebene der menschlichen Beziehungen beider Länder sowie ausgedehnte wirtschaftliche Kontakte sind - wenn überhaupt - erst für die Zeit nach einer Lösung des Kurilen-Problems zu erwarten.

Auf der Grundlage ihrer geostrategischen Interessenlage förderten die USA in den fünfziger und frühen sechziger Jahren aktiv die Wiederaufnahme diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen Japans mit Südkorea und den Staaten Südostasiens. Hauptanliegen der USA war es dabei, Japans Wirtschaft angesichts des Verlustes des traditionellen Hinterlandes (China, Mandschurei, nördliches Korea) zu stabilisieren, um Japan als Bollwerk gegen den Kommunismus in der Region zu sichern. Das Vermächtnis von Japans Vergangenheit als Kolonial- oder Besatzungsmacht in Ostasien sowie die in den Augen der Nachbarländer nur unvollständig geleistete Vergangenheitsbewältigung in Japan haben eine völlige Normalisierung der Beziehungen aber bisher verhindert. Am wenigsten problembeladen sind dabei noch die Beziehungen zum südostasiatischen Staatenverbund ASEAN (Association of South East Asian Nations; 1967 gegründete Vereinigung südostasiatischer Staaten), dem 1996 Indonesien, Malaysia, die Philippinen, Singapur, Thailand, Brunei und Vietnam angehörten. Noch Anfang der siebziger Jahre wurde eine Reise des damaligen japanischen Regierungschefs in die ASEAN von Demonstrationen aufgebrachter Studenten begleitet. Mittlerweile dominiert jedoch eine pragmatische Haltung in der Subregion, wobei Japan vor allem in seiner Funktion als wichtige Stütze des industriellen Entwicklungsprozesses in Südostasien gesehen wird.

Schwieriger gestaltet sich dagegen immer noch das Verhältnis zu den beiden koreanischen Staaten und zur Volksrepublik China, welche die Hauptopfer des japanischen Expansionsdranges vor und während des Zweiten Weltkrieges waren. Allein in China kamen in den Wirren des Krieges mit Japan Millionen von Menschen ums Leben. Auch Japans schonungsloses Kolonialregime in Korea (1910 bis 1945) hinterließ tiefe Narben, wie allein die Tatsache verdeutlicht, daß es trotz amerikanischen Drucks bis zum Jahre 1965 dauerte, um diplomatische Beziehungen zwischen Japan und Südkorea herzustellen. Obwohl das Klima in den offiziellen Beziehungen zwischen Tokyo und Seoul in den neunziger Jahren zunehmend vom Geist der Zusammenarbeit und der Logik gegenseitiger wirtschaftlicher Abhängigkeit bestimmt worden ist, liegen die alten Feindbilder immer noch dicht unter der Oberfläche. Dies zeigte sich etwa Mitte der neunziger Jahre, als zum einen Enthüllungen über das Schicksal koreanischer Frauen, die von der japanischen Armee während des Zweiten Weltkriegs als Zwangsprostituierte mißbraucht wurden, und als zum anderen ein Aufflammen des alten Territorialstreits über die Takeshima-Inseln zu spontanen Demonstrationen in Südkorea führten.

 

Quellentext
Verhältnis zu Nachbarn
Zur Stärkung des gegenseitigen Verständnisses ist es auch wichtig, daß die Traditionen und Kulturen der Nachbarn betrachtet werden. In Zusammenarbeit mit privaten Initiativen möchte ich gerne den Kulturaustausch fördern - vor allem unter jungen Menschen, die die Welt künftig führen werden - und die kulturelle Zusammenarbeit auf einer multilateralen Basis festigen, damit unterschiedliche Kulturen harmonisch leben können. Als konkrete Maßnahme möchte ich vorschlagen, daß ein multinationaler Kulturausschuß unter Einbeziehung von Experten aus Japan und der ASEAN eingerichtet wird, der Empfehlungen für den kulturellen Austausch und die Zusammenarbeit unterbreiten soll. Durch diesen Austausch und diese Zusammenarbeit wird, wie ich hoffe, ein Gefühl der Gemeinschaft im ganzen asiatisch-pazifischen Raum gefördert.

[…]

Aufgrund der Situation, daß sowohl Japan als auch die ASEAN in zunehmendem Maß globale Rollen übernehmen, würden ihre gemeinsamen Initiativen, um Aufgaben des 21. Jahrhunderts wie Terrorismus, Umwelt, die Verbesserung der Gesundheitssysteme und des Wohlstandes, das Vorgehen gegen Nahrungsmittel- und Energieengpässe, Bevölkerungswachstum, AIDS, das Drogenproblem und die Stärkung der Rechtssysteme in Angriff zu nehmen, sicherlich die Beziehung zwischen Japan und der ASEAN erweitern und vertiefen. […]

Die Umwelt ist ein Thema von weltweiter Bedeutung. In der Zeit seines hohen wirtschaftlichen Wachstums hat Japan Erfahrungen mit ernster industrieller Verschmutzung der Luft sowie des Wassers gemacht […] und dieses Problem mit Hilfe gemeinsamer Anstrengungen der Regierung und des privaten Sektors behoben, während zeitgleich neue Produkte und Industrien entstanden. In den letzten Jahren war Japan mit Engagement an der Lösung neuer Arten von Umweltproblemen beteiligt; hierzu zählen die Müllbeseitigung und die globale Erwärmung, die ein Resultat der Massenproduktion und des Massenkonsums ist - und in der sich die Verstädterung und Veränderungen im Lebensstil widerspiegeln. Ich hoffe, daß Japan mit den ASEAN-Ländern, die nun ein spektakuläres Wachstum genießen, seine Erfahrungen und Technologien zur Reduzierung der Umweltbelastung sowie zur effizienten Nutzung der Energie teilt - nicht nur seine Erfolge, sondern auch Fehler und Schwierigkeiten der Vergangenheit, damit ihnen nicht dieselben Fehler unterlaufen.

Ministerpräsident Ryutaro Hashimoto in Südostasien; Grundsatzrede in Singapur zu Japans Außenpolitik, in: Archiv der Gegenwart vom 14. Januar 1997.

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10. Februar 2012
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Asiens Zukunft
Asiens Zukunft
Asien steht vor enormen sozialen und sicherheitspolitischen Herausforderungen. Welche dazu gehören, offenbart beispielsweise die Analyse der Entwicklung Japans oder der bilateralen Beziehungen zwischen der VR China und Taiwan.
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