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Informationen zur politischen Bildung (Heft 255)

Gesellschaft und Kultur


Petra Plate / Friederike Bosse
Inhalt

Einleitung

Familie

Einstellung zur Arbeit

Frauen

Jugend

Medien und Kultur

Religion

Einleitung

Auch nach Abschaffung der Großfamilien

Auch nach Abschaffung der Großfamilien, die das traditionelle Japan bestimmten, bleiben die Familien der soziale, materielle und psychische Rückhalt der Menschen. Foto: Japan Photo-Archiv

Schüler und Schülerinnen

Schüler und Schülerinnen in ihren traditionellen von der Mode des deutschen Kaiserreichs inspirierten Schuluniformen prägen das Straßenbild in der Nähe der großen Schulen. Foto: Japan Photo-Archiv


Junge Leute

Junge Leute verbringen einen erheblichenTeil ihrer Freizeit in Spielsalons. Foto: Japan Photo-Archiv

Die japanische Gesellschaft wird von ihren Mitgliedern als sehr homogen empfunden. Mehr als 95 Prozent der japanischen Kinder gehen bis zum Alter von 17 oder 18 Jahren in die Schule - diese gemeinsame Erfahrung ist ein tatsächlich harmonisierender Faktor. In Japan leben nur ein bis zwei Prozent Ausländer, die keine japanische Schule besucht haben. Die Familie und die Schulklasse sind die ersten und wichtigsten Gruppen, in denen Kinder sich als Mitglieder der japanischen Gesellschaft erfahren. Für die Erwachsenen besteht die wichtigste Bezugsgruppe meist am Arbeitsplatz. Auf die individuelle Persönlichkeit wird weniger Wert gelegt als auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Für jede Beziehung - zu den Eltern, den Geschwistern, den Lehrkräften sowie den Mitschülern und Mitschülerinnen - gibt es jeweils feste Umgangsformen. Diese sollen den täglichen Umgang mit anderen erleichtern und bieten für die meisten Situationen eine vorgegebene Haltung, ein “Gesicht”, an.

“Gesichtsverlust” würde vor diesem Hintergrund bedeuten, daß ein unerwartetes Verhalten eines Gesprächspartners eine spontane, persönliche Reaktion erfordert. Darin wird die Gefahr gesehen, daß Gefühle und Schwächen preisgegeben werden und die Begegnung keinen zufriedenstellenden Abschluß findet.

Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe entscheidet über stabile Lebensumstände und Zukunftsaussichten, aber diese Mitgliedschaft muß erst erworben werden. Nur in der Familie wird selbstverständlich Geborgenheit gegeben, während die Kinder die Umgangsformen noch lernen. Jede Lern- und Arbeitsgruppe erwartet, daß sich ihre Mitglieder ihrer Stellung in der Gruppe gemäß verhalten und sich mit Mühe und Ausdauer für die gemeinsamen Ziele einsetzen. Gerade Gruppen, die ihren Mitgliedern ein besonders nützliches Unterstützungsnetzwerk bieten, haben oft auch sehr harte und willkürliche Kriterien, um andere auszugrenzen. Es ist nicht leicht, in eine erfolgsorientierte Gruppe aufzusteigen, um eine gute berufliche Position zu erreichen. Dies kann beispielsweise über die Schullaufbahn gelingen. Die Führungspositionen in Politik und Wirtschaft erreicht nur, wer durch jahrelanges, diszipliniertes Lernen die äußerst schwere Aufnahmeprüfung in eine Eliteuniversität besteht und dabei noch besondere Gewandtheit in der Pflege von sozialen Beziehungen zeigt.

Die im folgenden dargestellten Strukturen der japanischen Familie und des Bildungssystems sind heute noch fast allgemeingültige Modelle. Es gibt Abweichungen und Variationen, aber kaum gleichwertige, alternative Lebensentwürfe. Doch die Dynamik der modernen Industriegesellschaft wird auch in Japan in Zukunft soziale Veränderungen bewirken, welche die bisher gebotene Sicherheit des vorgezeichneten Lebenswegs gefährden und individuelle Entscheidungen notwendig machen.

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20. März 2010
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