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Informationen zur politischen Bildung (Heft 255)
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Wirtschaftliche Strukturen |

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Friederike Bosse
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Die Ausgangssituation für den wirtschaftlichen Aufbau Japans nach dem Krieg war äußerst schwierig. Die Industrieanlagen waren weitgehend zerstört, die industrielle Erzeugung war auf weniger als ein Drittel, die landwirtschaftliche Produktion auf zwei Drittel des Vorkriegsvolumens gefallen, und überdies war Japan von der Zufuhr von außen, das heißt vor allem von Rohstoffen aus den zuvor besetzten Ländern abgeschnitten. Die Folgen waren Engpässe in der Energieversorgung, Hunger und Millionen von Menschen, die aus der Armee und den zuvor besetzten Ländern auf den heimischen Arbeitsmarkt zurückdrängten.
1945-1973
Die amerikanische Besatzungsmacht unternahm schnell drei grundlegende Reformen, die die Demokratisierung und Befriedung Japans vorantreiben sollten:
- Die großen Firmenkonglomerate, die die militärische Aufrüstung Japans mitbetrieben hatten, die zaibatsu, wurden zerschlagen.
- Eine Landreform verhalf den bisherigen Pächtern zum Besitz der von ihnen bearbeiteten Flächen.
- Drei Gesetze wurden erlassen, die die Arbeitsbeziehungen relativ demokratisch regelten, darunter erstmalig ein Gewerkschaftsgesetz.
Mit dem Beginn des Kalten Krieges wurde Japans Wiederaufbau noch entschiedener unterstützt, um so einen starken Partner im Osten zu gewinnen. Der Koreakrieg, der 1950 begann, belebte die gesamte Weltwirtschaft und Japan profitierte als Nachschubbasis für die Truppen von dem Nachfrageboom besonders stark. Bereits Anfang der fünfziger Jahre hatte Japan seinen quantitativen Produktionsrückgang aufgeholt, in technischer Hinsicht war es jedoch dem Westen noch weit unterlegen. Der Aufbau einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft - aber ohne militärische Macht - wurde zum unausgesprochenen nationalen Leitbild.
Hierfür wurden ausgewählte Industrien gezielt gefördert. Zu Beginn die Energie-, Schwer- und Grundstoffgüterindustrie (Chemie, Eisen- und Stahlindustrie, Schiffbau, Automobilbau), später kam die Elektronikindustrie hinzu. Die Förderung der ausgewählten Industriezweige enthielt neben Subventionen und Steuervorteilen den gezielten Import von Technologien und Gütern, über die Japan bis dato nicht selbst verfügte. Gleichzeitig wurden Schutzzölle und Importquoten für solche Güter erhoben, die die japanische Industrie selbst produzierte, so daß sie quasi vor dem internationalen Wettbewerb geschützt waren.
Der Anteil dieser Industriepolitik und des MITI (Ministry of International Trade and Industry, das japanische Ministerium für Handel und Industrie) am Wirtschaftserfolg werden jedoch häufig überschätzt. Ebenso wichtig waren ausreichend Kapital und gut ausgebildete Arbeitskräfte. Durch die hohe Spartätigkeit der Privathaushalte, die steuerlich begünstigt wurde, hatten die Unternehmen ausreichend Kapital für ihre Investitionen zur Verfügung, und zugleich waren die Beschäftigten bereit, sich mit ihrer Arbeit voll für den Aufbau des Landes einzusetzen. Für dieses nationale Ziel wurde lange Zeit sogar der Verzicht auf mehr Lebensqualität im privaten Bereich in Kauf genommen.
Zwar verbesserte sich der allgemeine Lebensstandard, denn die Engpässe der Nachkriegsjahre bei der Grundversorgung waren behoben und im Konsumgüterbereich wurde der große Nachholbedarf dank steigender Löhne weitgehend gedeckt. Auch wurde ein Fundament für eine allgemeine soziale Absicherung auf niedrigem Niveau gelegt (siehe auch “Sozialpolitik”). Dennoch wurde ein großer Teil der Einkommen gespart, was staatlich durchaus gewollt und gefördert wurde. Sparziele waren neben teureren Anschaffungen vor allem die eigene Altersversorgung und die Ausbildung der Kinder. Das übliche Lohnsystem, in dem zweimal jährlich ein großer Bonus gezahlt wird, machte das Sparen noch leichter.
Die Zeit bis 1973 kann - wie die zeitgleiche Entwicklung in Deutschland - als Japans Wiederaufbau- und Hochwachstumsphase bezeichnet werden. In den fünfziger und sechziger Jahren wuchs das Bruttosozialprodukt im Durchschnitt jährlich um zehn Prozent, die Exporte nahmen im gleichen Maß zu. Die japanische Industrie hatte Anfang der siebziger Jahre ihren technischen und Qualitätsrückstand gegenüber dem Westen aufgeholt. Dabei war eine exportorientierte Industrie entstanden, die durch die Ausnutzung von Kostenvorteilen durch Massenproduktion zunehmend hochwertigere Fertigprodukte auf dem Weltmarkt absetzen konnte. Der eigene Markt war hingegen vor Importen verarbeiteter Güter weitgehend geschützt, die Einfuhren bestanden größtenteils aus Roh- und Energiebrennstoffen, an denen es in Japan selbst mangelte. Die ausschließliche Konzentration von öffentlichen Ausgaben und wirtschaftspolitischen Maßnahmen auf den Ausbau der Industrie hatte allerdings zur Folge, daß der Lebensstandard der Bevölkerung nicht im gleichen Maße anstieg wie die Produktivität und der Ausstoß der Wirtschaft. Allerdings verbesserte sich der Lebensstandard so weit, daß der Konsens darüber, daß der Aufbau einer starken Wirtschaft nationales Ziel Nummer Eins war, nicht in Frage gestellt wurde.
1973-1985
Zu Beginn der siebziger Jahre wurde das erfolgsverwöhnte Japan mit mehreren Krisen konfrontiert: Zum einen hatte das hohe Wachstum der belastungsintensiven Grundstoffgüterindustrie zu großen Umweltschäden geführt. In Minamata auf Kyushu beispielsweise erlitten Menschen Ende der fünfziger Jahre Quecksilbervergiftungen, als sie durch Industrieabwässer verseuchten Fisch aßen. Auch bei der ItaiItai-Krankheit wurden die Erkrankungen (starke Schmerzen und eine hohe Anfälligkeit für Knochenbrüche) durch Schwermetalleinleitungen (Cadmium) verursacht. Extreme Luftverschmutzung plagte ab etwa 1960 die Menschen in Yokkaichi, einer Stadt mit viel petrochemischer Industrie, und löste zahlreiche Asthmafälle aus. Diese Erkrankungen, die in vielen Fällen zum Tode führten, konnten alle direkt auf Umweltverschmutzung durch Industrieunternehmen zurückgeführt werden. Trotzdem zogen sich die Gerichtsprozesse über Entschädigungen jahrzehntelang hin und sind teilweise bis heute (1997) anhängig. Vor allem im Fall Minamata ist immer noch die Frage offen, wie viel Verantwortung - und damit Entschädigungspflicht - die Regierung an den Verschmutzungen trägt. Insgesamt lösten die genannten großen Umweltschäden aber in Japan ein grundlegendes politisches Umdenken aus: 1967 wurde das Umweltbasisgesetz verabschiedet, weltweit eines der ersten allgemeinen Umweltgesetze. Spürbare Verbesserungen traten allerdings erst einige Jahre später ein, als die Gesetze, nicht zuletzt wegen wachsender Proteste seitens der Bevölkerung, verschärft wurden.
Das zweite Problem Anfang der siebziger Jahre waren die Ölpreissteigerungen, die Japans importabhängige Energieversorgung massiv verteuerten. Der wertmäßige Anteil der Rohöle an den Gesamtimporten wuchs zwischen 1970 und 1980 auf mehr als das Dreifache. Besonders der “Ölschock” 1973/74 stürzte das rohstoffarme Japan in eine tiefe Rezession und machte die hohe Abhängigkeit Japans von den internationalen Rahmenbedingungen deutlich. Dieses Ereignis markiert einen Wendepunkt in der japanischen Wirtschaftspolitik und -entwicklung: Die Zeit der zweistelligen Zuwachsraten war vorbei, das Wachstum verlief fortan deutlich moderater. Zugleich wurde das Leitbild “pures Wachstum” zugunsten einer effizienteren ökonomischen und sozialen Gesamtleistung aufgegeben.
So wurden nach der Ölkrise in Industriezweigen mit hohem Energieverbrauch Kapazitäten abgebaut, zum Beispiel im Schiffbau - ein spezielles Gesetz unterstützte hierbei den Schrumpfungsprozeß. Statt energie- und rohstoffintensiven Produktionen wurden nun “wissensintensive” Zweige gefördert, mit hohem technologischen Niveau und möglichst effizienter Ressourcennutzung.
Die Motive des Strukturwandels waren erstens, die Ölabhängigkeit zu reduzieren, zweitens, eine bessere Umweltverträglichkeit zu erreichen und drittens, Zukunftsindustrien mit eigenen Technologien aufzubauen.
In den zehn Jahren nach dem ersten Umweltgesetz konnte die japanische Industrie ihren Energieverbrauch um 35 Prozent reduzieren. 1979 forderte ein Energiespargesetz von den Unternehmen, Umwelttechnologien wie verbesserte Verbrennungsverfahren mit höherem Nutzungsgrad einzuführen. Ein weiteres Gesetz führte Schadstoffgrenzwerte für die Luft ein, da der Smog in den Ballungsgebieten unerträglich geworden war. Die Industrie mußte Abluftfilter und Katalysatoren entwickeln und einbauen. Es stellte sich heraus, daß Umwelttechnologie eine gewinnbringende Industrie werden konnte.
Japans Umweltpolitik galt - nach den frühen Schocks - in den siebziger und achtziger Jahren im Hinblick auf bestimmte Umweltschutzstrategien (zum Beispiel gegen Schwefeldioxidbelastung) weltweit als vorbildhaft und war zugleich ein Beispiel dafür, daß Umweltverträglichkeit und Wirtschaftswachstum sich nicht zwangsläufig ausschließen. Allerdings ist Japan allein aufgrund seines hohen absoluten Produktionsvolumens einer der größten Ressourcenverbraucher, und die Verbilligung der Energiepreise ab Mitte der achtziger Jahre wirkte sich demotivierend auf weitere ressourcenschonende Maßnahmen aus. Seither hat Japans Vorbildhaftigkeit in Sachen Umweltbewußtsein deutlich an Glanz verloren. Gesetze über Recycling etwa wurden erst spät erlassen (zum Beispiel über Rücknahme von Verpackungen durch die Hersteller) und vor allem im Bewußtsein der Verbraucherinnen und Verbraucher ist “umweltschonend” noch kein schlagendes Argument beim Konsumverhalten.
Japan konnte die Folgen der Ölkrise in den siebziger Jahren schneller überwinden als die westliche Konkurrenz, wobei nicht zuletzt die kooperative Haltung der Gewerkschaften half. Nach vielen Jahren mit hohen Wachstumsraten sollten Anfang der siebziger Jahre auch die Arbeitnehmer mehr an den Erfolgen partizipieren, die Regierung erhöhte die Sozialleistungen und die Gewerkschaften stellten hohe Tarifforderungen. Doch der Aufwärtstrend der japanischen Wirtschaft hatte 1973 mit dem Ölschock einen Einbruch erlitten und die Preise begannen rasch zu steigen. Dabei trugen die hohen Tarifforderungen dazu bei, die Inflation voranzutreiben. 1974 war der Höhepunkt der Entwicklung erreicht: Die Verbraucherpreise stiegen exorbitant um 24,5 Prozent, die Löhne um 32,9 Prozent. In den folgenden Jahren wurde insbesondere in der verarbeitenden Industrie radikal rationalisiert, Arbeitsplätze wurden abgebaut und statt dessen wurde in technische Innovationen, vor allem in Mikroelektronik investiert. Die Gewerkschaften, die nur auf Betriebsebene organisiert sind, gingen aber nicht auf Konfrontationskurs, sondern standen hinter den Sparmaßnahmen, um die Existenz ihrer Firma nicht zu gefährden. Mitunter wurden sogar reale Einkommensminderungen akzeptiert. Diese grundsätzliche Kooperationsbereitschaft der betriebseigenen Gewerkschaften, die nicht an branchenweite Flächentarifverträge gebunden waren, sondern ausschließlich an der Situation “ihrer” Firma orientiert und interessiert waren, war ein wichtiger Vorteil für die Unternehmen, während er andererseits die Anhebung der Lebensqualität bei den Arbeitnehmern weiter verzögerte. Allerdings wurde durch die Zugeständnisse ein krasser Anstieg der Arbeitslosenzahlen vermieden. Insgesamt konnten durch die Kompromißbereitschaft soziale Spannungen vermieden werden, und die Wirtschaft kam schnell wieder auf einen Wachstumspfad. Dabei wuchs ab der Mitte der siebziger Jahre wiederum die Nachfrage nach Dienstleistungen, wo nun der Großteil der neu entstehenden Arbeitsplätze lag. Auch in Japan setzte die gesamtwirtschaftliche Verlagerung von einer auf hohem Arbeitseinsatz basierenden verarbeitenden Industrie zu einer technologieintensiven verarbeitenden Industrie und einer wachsenden Dienstleistungsgesellschaft ein.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß es der japanischen Wirtschaft nach dem Doppelschock von 1973 - der Ölpreissteigerung und der Aufwertung des Yen nach der Aufhebung der festen Wechselkurse - relativ schnell gelang, ein neues Gleichgewicht zu finden. Dabei wurde ein moderates, aber konstantes Wachstum erreicht, das im Inland auf stabilen Arbeitsbeziehungen basierte. Der Innovationsdruck zur Senkung der Produktionskosten beschleunigte dabei einerseits die Technologisierung und andererseits die Direktinvestitionen in die Billiglohnländer, durch die zugleich die Ressourcenversorgung gesichert werden sollte. Insgesamt festigte sich auf diese Weise der Erfolg der japanischen Exportindustrie. Die Folge waren wachsende Handelsüberschüsse, die die Beziehungen zu den Handelspartnern zunehmend belasteten.
1985-1996
Das sogenannte “Plaza-Abkommen” vom 22. September 1985 stellt für die japanische Wirtschaftsentwicklung eine fast ebenso scharfe Zäsur dar wie die Ölkrise von 1973. Anfang der achtziger Jahre war der Yen-Kurs stetig gefallen, weil die Kapitalinvestitionen in US-Anlagen flossen, die höhere Renditen brachten. Die USA nahmen die Entwicklung zunächst hin ohne zu intervenieren, so daß die japanischen Hersteller ihre Produkte preisgünstig - und erfolgreich - auf dem amerikanischen Markt anbieten konnten. 1985 war der Dollar-Kurs schließlich so hoch, daß die USA um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Wirtschaft fürchteten. Nun drängten die USA ihre Handelspartner, die Kursentwicklung zu korrigieren. Bei dem Treffen im New Yorker Plaza Hotel beugten sich die G5-Staaten dem amerikanischen Druck und stimmten überein, daß der Dollar überbewertet sei und Yen und D-Mark künftig aufgewertet werden müßten. Daraufhin sackte der Dollarkurs binnen neun Monaten von 240 Yen auf 150 Yen ab. Für die japanische Exportindustrie war diese Yen-Aufwertung verheerend. Da man sich nicht so schnell auf inländischen Absatz umstellen konnte, wurde nur das Exportgeschäft weitergeführt, und viele Unternehmen schrieben tiefrote Zahlen. Die endaka-Phase (= Yen-Hochphase) stellte quasi die gesamte japanische Wirtschaftsausrichtung und hier vor allem ihre Exportorientierung in Frage, zumal von den Handelspartnern Druck ausgeübt wurde, die Exportgeschäfte auf den inländischen Markt umzulenken.
Diese Druckoffensive führte dazu, daß Ministerpräsident Yasuhiro Nakasone eine Expertengruppe bestellte, die einen Bericht über die zukünftige Entwicklung der japanischen Wirtschaft erarbeiten sollte. Der sogenannte “Maekawa-Report” vom April 1986 empfahl einerseits, den japanischen Markt stärker zu öffnen (mit Rücksicht auf die Kritik der Handelspartner). Andererseits empfahl er, den Lebensstandard der japanischen Bevölkerung anzuheben, indem beispielsweise öffentliche Investitionen in bürgernahe Projekte wie Wohnungsbau oder soziale Infrastruktur fließen sollten statt wie bisher fast ausschließlich den Unternehmen zugute zu kommen. So waren etwa 1985 erst 36 Prozent der Haushalte an öffentliche Abwässersysteme angeschlossen (1994 waren es 51 Prozent).
Obwohl der Report zur offiziellen Handlungsmaxime wurde und man in Teilbereichen Erfolge erzielte, blieb das Gesamtkonzept von der “durch Binnennachfrage getragenen Wirtschaft” im Stadium der Idee stecken, denn der Nachfrageboom der folgenden Jahre erweckte den Anschein, als sei eine Reform der Wirtschaftsstruktur gar nicht mehr notwendig.
Jener Boom wurde durch zusätzliche staatliche Investitionsausgaben und durch eine massive Senkung der Leitzinsen ausgelöst, so daß Geld (Kapital) in fast unbegrenzten Mengen zur Verfügung stand und obendrein zu extrem niedrigen Zinsen zu bekommen war. Ein anderes wichtiges Ereignis 1987 war die teilweise Börseneinführung des ehemals staatlichen Fernmeldeunternehmens Nippon Telephone & Telegraph (NTT). Der Kurs der NTT-Aktie stieg schnell auf Rekordhöhen und zog andere Aktien mit. Billige Kredite und der Börsenboom verleiteten die Unternehmen immer mehr, am Wertpapiermarkt zu spekulieren, statt in ihr eigentliches Geschäft zu investieren. Vor allem Firmen aus Branchen, die an Bedeutung verloren (etwa aus der Schwerindustrie), sahen hier Chancen, ihre sinkenden Geschäftsgewinne auszugleichen. Gerade jene Firmen verfügten oft über großen Grundbesitz, den sie beliehen, um am Finanzmarkt zu spekulieren. Dabei kam ihnen zugute, daß die Grundstückspreise ebenso stark stiegen wie die Aktienkurse. Der Preisanstieg war so rasant und der allgemeine Glaube daran, daß die Entwicklung ewig weitergehen würde, so ausgeprägt, daß man für ein Grundstück im Wert von einer Million DM einen Kredit über 1,2 Millionen DM bekam, weil sich die Lücke innerhalb weniger Monate schließen würde. Das Ausmaß der Hyperspekulation läßt sich erahnen, wenn man sieht, daß 1988 allein der Börsenwert von NTT den Wert aller an sämtlichen deutschen Börsen notierten Inlandsaktien übertraf oder daß der Grund des Kaiserpalastes in Tokyo - theoretisch - wertvoller war als ganz Kalifornien.
Eine sehr früh sichtbare Kehrseite der Preisentwicklung war jedoch, daß viele Familien den Traum vom eigenen Heim aufgeben mußten, weil sie es sich bei den astronomischen Preisen schlicht nicht mehr leisten konnten, ein Stück Land zu kaufen. An der extrem beengten Wohnsituation der japanischen Familien änderte sich daher kaum etwas. Statt dessen floß das Geld nun in den Konsum von prestigeträchtigen Produkten, für Artikel von besonders angesehenen Luxusmarken. Dabei wurde fast jeder Preis bezahlt. Der japanische Einzelhandel florierte während dieser Jahre prächtig.
Doch der unfreiwillige Verzicht auf ein Eigenheim hat über den puren “Konsum” hinaus weitreichende soziale Bedeutung, denn ein eigenes Heim ist ein wichtiger Teil der eigenen Altersvorsorge. Hinter dem großen Interesse an Immobilien bei Wirtschaft und Privatpersonen steht die Überlegung, daß Grund und Boden als kostbare Güter gelten, die zudem stets ihren Wert behalten oder gar steigern. Von diesem Mythos mußte man sich in Japan Anfang der neunziger Jahre verabschieden. Seither fielen die Grundstückspreise dramatisch, 1996 lagen sie in den Städten unter 50 Prozent ihrer Höchstmarken. Bei den Aktienkursen war der Wertverlust noch größer: Der Börsenindex fiel von fast 40000 Punkten im Dezember 1989 bis auf unter 14000 Punkte im August 1992 ab.
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Quellentext
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Wirtschaft - Seismograph japanischen Nationalgefühls? So schlecht bestellt um Japans Wirtschaft wie Ende Januar [1997] sei es in der Nachkriegszeit nie gewesen, hieß es in vielen Kommentaren der japanischen Medien. Vergleiche mit dem Untergang der ehemaligen Weltmacht Großbritannien wurden bemüht. Shoichiro Toyoda, Vorstand der Toyota Motor Corporation, ließ sich sogar zu der Voraussage hinreißen, am Wohlstand des 21. Jahrhunderts würde Japan nicht teilhaben, wenn alles beim alten bliebe. Was war geschehen? In dem knappen Monat seit Jahresbeginn war der Aktienmarkt um elf Prozent gefallen. Zum erstenmal seit vier Jahren hatte die Bank of Japan Yen für Dollar kaufen müssen, um einen weiteren Kurssturz zu verhindern.
Ende der achtziger Jahre, als der Aktienmarkt seinen Höchststand erreichte, reisten japanische Geldtouristen durch die Welt und kauften ein. Große, teuere Immobilien, sogar nationale Prestigeobjekte wie das Rockefeller Center in New York oder die Columbia Filmstudios in Hollywood gingen in japanische Hand über. Damals deutete man solche Einkäufe als eine Art Wachablösung. Das 20. Jahrhundert sei vielleicht ein amerikanisches Jahrhundert gewesen, das 21. gehöre aber den Japanern.
Zwischen beiden Betrachtungen liegen nur ein paar Jahre. Im Grund sind sie beide Ausdruck des gleichen Syndroms. Japan reagiert mit großer Sensibilität auf Konjunkturschwankungen, da die Wirtschaft, wie in kaum einem anderen Land, zum Seismographen seines Nationalgefühls geworden ist. Die Kultur der Nachkriegszeit ist vor allem eine von wirtschaftlichen Leistungen geprägte […]. Daher ist Japans Selbstbewußtsein von seiner Wirtschaft nicht zu trennen, im Bruttosozialprodukt verbirgt sich seine nationale Identität.
Bei der Betrachtung der einseitigen kulturellen Basis ihres Landes kommen Intellektuelle wie der Essayist Shuichi Kato zu dem Ergebnis, Japan hätte es versäumt, eine dem Verlauf der Geschichte angemessene Entwicklung durchzumachen. Die japanische Gesellschaft der Vor- und Nachkriegszeit, so Kato, sei im Grunde die gleiche geblieben. Gehorsam und Opferbereitschaft, während der 30er Jahre den Zielen des Militarismus unterstellt, mußten sich lediglich auf andere Betätigungsfelder umstellen lassen. […]
Wenn derzeit der japanische Premierminister Hashimoto tiefgehende Strukturveränderungen, namentlich eine Reform der Bürokratie, des Steuersystems, des Bildungswesens und vieles mehr verordnen will, so wissen seine Landsleute um die Aussichtslosigkeit dieses Vorhabens. Die Geschichte hat ihnen gezeigt, wie fest die reformbedürftigen Strukturen verwurzelt sind, wie wenig Ansatzfläche die japanische Gesellschaft bietet, sich selbst reformieren zu können.
Mit einem berühmten Vergleich zwischen solchen Gesellschaften, die auf einer Geistesgemeinschaft wie einer Religion oder sonstigen mehrheitlich geteilten Anschauungen beruhen, und solchen wie etwa Japan, denen ein solches Fundament, also eine res publica, fehlt und die sich daraufhin nicht miteinander, sondern bloß nebeneinander entfalten können, zeigte der Philosoph Masao Maruyama seinen Landsleuten die Grenzen ihrer Möglichkeiten auf. Was in Japan zählt, heute noch wie vor Jahrhunderten, ist nicht die staatstragende Idee, sondern das Gefühl der örtlichen Zugehörigkeit, die auf japanisch sonraku kyodotai, wörtlich: Dorfgemeinschaft heißt. Nach diesem Denkmuster bildet jedes Ministerium, jeder politische Kader, jedes Unternehmen eine Einheit, deren integrierende Kraft ihr allein aus dem Anspruch der Ausschließlichkeit erwächst.
Solchen im übertragenen Sinne überall noch vorhandenen Dorfgemeinschaften ist eine eigene, als ringi bekannte Form der Mitbestimmung entsprungen. Sieht man von Ausnahmen wie Sony ab, gibt es kaum ein Unternehmen in Japan, das diese Form der kollektiven Meinungsbildung nicht praktizierte. Auch wenn das Gutheißen eines Projekts durch das ringförmige Abzeichen eines Dokuments mit dem persönlichen Stempel aller Beteiligten im herkömmlichen Sinne kaum noch vorkommen mag, so wirkt dennoch der Geist dieser Konsensbildung, die keine Einzelperson zur Verantwortung ziehen läßt, unverändert weiter.
Was sich beim ringi-System früher vielleicht vorteilhaft ausgewirkt haben mag, hat in einer pluralistischen, an immer neue Bedingungen anpassungsbedürftigen modernen Gesellschaft den großen Nachteil, daß sich keine nennenswerte Opposition bilden kann. Gesellschaftskritiker vom Kaliber eines Maruyama oder Kato gibt es auch nur wenige, da in Japan eine Kritik einer Klage gleichkommt. Wer über diese Dinge reflektiert, behält seine Einsichten normalerweise für sich.
[…]
All die Debatten, die dringend notwendig wären, wie eine Auseinandersetzung mit der Kriegsverantwortung, mit der politischen Korruption, mit der Übermacht des Materialismus auf Kosten der geistigen Kultur, die zur Errichtung einer neuen Gesellschaftsordnung hätte gepflegt werden müssen, sind nie konsequent geführt worden. […]
John David Morley, ”Die verstummte Gesellschaft. Im Bruttosozialprodukt sucht Japan seine Identität”, in: Süddeutsche Zeitung vom 3. März 1997.
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Tiefe Rezession
Das Ende der Preisspirale auf dem Immobilien- und Aktienmarkt setzte Ende 1989 ein, als die Bank of Japan mit verschiedenen geldpolitischen Maßnahmen den Zugang zu Krediten, insbesondere für Immobiliengeschäfte, massiv erschwerte. So wurden die Leitzinsen binnen 15 Monaten von 2,5 Prozent auf sechs Prozent kräftig angehoben und Banken erhielten Einschränkungen darüber, wieviele Kredite sie für Immobiliengeschäfte ausgeben durften. Damit zerplatzte die “Seifenblase” oder “bubble economy”, wie die Spekulation seither genannt wird, und in Japan setzte die längste Rezessionsphase der Nachkriegszeit ein. Erst jetzt wurden weitere Kehrseiten des Spekulationsfiebers sichtbar, die die schwache Konjunktur zusätzlich belasteten und grundlegende Schwachpunkte des japanischen Wirtschaftssystems deutlich machten.
Das größte Problem betraf die Banken, bei denen zahllose Kunden ihre Kredite nicht zurückzahlen können, weil die Grundstücke, die sie erworben oder als Sicherheiten angeboten hatten, nur noch einen Bruchteil ihres ursprünglichen Wertes aufweisen. Dadurch gerieten nicht wenige Banken selbst in Zahlungsschwierigkeiten. Einige wurden von größeren Banken “gerettet”, andere in Auffanggesellschaften abgewickelt. Die faulen Immobilienkredite machten zugleich deutlich, daß es in Japan zu viele Finanzinstitute gibt, und vor allem zu viele kapitalschwache. Bis zum Ende des Jahrzehnts werden hier weitere Konkurse und Fusionen erwartet.
Eine zweite Schwäche betraf die Finanzaufsicht, denn das Finanzministerium und die Bank of Japan hatten mit ihrer lockeren Politik den Spekulationsboom mitverursacht und zu lange geduldet. Auch hier stehen Reformen bevor, die allerdings durch politische Überlegungen erschwert werden. Die Hauptziele der Reformen sollen darin bestehen, dem Finanzministerium einen Teil seiner Kompetenzen zu entziehen und zum Beispiel die Bankenaufsicht in einer gesonderten Aufsichtsbehörde unterzubringen. Außerdem ist vorgesehen, die Kompetenzen der Bank of Japan zu erweitern, ihr mehr Unabhängigkeit gegenüber dem Finanzministerium zu gewähren und somit ihre Position mehr den sehr autonom handelnden Zentralbanken der USA und Deutschlands anzugleichen.
Nach fünf Jahren Flaute zeigte Japans Wirtschaft 1996 nicht mehr als einen zaghaften Aufschwung. Die Rationalisierungen der Unternehmen haben zwar zu höheren Gewinnen geführt, aber auch zu Rekordzahlen von Arbeitslosen und vor allem zu einer großen Unsicherheit, daß die Bereinigung noch nicht abgeschlossen sein könnte. 1996 waren im Jahresdurchschnitt 2,25 Millionen Personen erwerbslos, die Arbeitslosenquote lag mit 3,4 Prozent um 0,2 Prozent über der Vorjahresmarke und auf dem höchsten Stand, den die japanischen Statistiken je verzeichneten. Vor allem die Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland, die durch den Yen-Anstieg seit 1993 beschleunigt worden war, wird weiter auf den Arbeitsmarkt drücken.
Gleichzeitig ist die Situation der öffentlichen Haushalte so kritisch, daß sich der Staat keine Mehrausgaben zur Konjunkturankurbelung leisten kann. Noch 1991 wies Japan als einziges OECD-Land (OECD: Organization for Economic Cooperation and Development, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) einen Überschuß im Haushalt auf, 1996 stand es am unteren Ende der Rangliste. Durch die Rezession fielen die Steuereinnahmen, während zugleich die öffentlichen Investitionsausgaben aufgestockt wurden, um die Konjunktur zu beleben. Mit einem Haushaltsdefizit von 4,5 Prozent und einer Gesamtverschuldung von rund 90 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) würde Japan die Konvergenzkriterien für die Europäische Währungsunion bei weitem überschreiten. Damit ist der Spielraum für öffentliche Impulspakete erschöpft, die Konsolidierung der Staatsfinanzen ist zur obersten Priorität erklärt worden. Japan muß sich auf sehr niedrige Wachstumsraten einstellen sowie darauf, daß die Exportindustrie als Wachstumsmotor an Bedeutung verlieren wird. Zugleich werden die internationalen Verflechtungen immer enger; bereits heute stammt ein Großteil der in Japan verkauften Videorecorder und Fernsehgeräte aus Werken japanischer Hersteller im Ausland (siehe dazu auch “Außenwirtschaft”). |
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19. März 2010
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