Die bpbBestellenNewsletterPressePartnerImpressumKontakt

Home
   
FAQ Index
Suche

Themen
Publikationen
Arbeitsmaterialien Medien
Aus Politik und Zeitgeschichte
AV-Medienkatalog
CD-ROM/ CD/ DVD
Einzel-
publikationen
Entscheidung im Unterricht
Filmhefte
fluter
HanisauLand
Informationen zur politischen Bildung
Info aktuell
Internet-Angebote
Mobile Angebote
Karten
Pocket
Rechtsreihe
Schriftenreihe
Spicker Politik
Thema im Unterricht
Themenblätter im Unterricht
Themen und Materialien
Zeitbilder
Spiele
Sonstige
Was geht?
Suche
Veranstaltungen
Wissen
Lernen


Aus Politik und Zeitgeschichte (B 50/2000)

Sind die Westdeutschen amerikanisiert worden?


Zur zeitgeschichtlichen Erforschung kulturellen Transfers und seiner gesellschaftlichen Folgen nach dem Zweiten Weltkrieg
Axel Schildt
Inhalt

Einleitung

I. Zum Begriff der "Amerikanisierung"

II. Das erste Nachkriegsjahrzehnt - erfolgreiche Offensive der Amerikanisierung?

III. Das zweite Nachkriegsjahrzehnt - beginnende Konsumgesellschaft und amerikanische Massenkultur

I. Zum Begriff der "Amerikanisierung"
Der Begriff der "Amerikanisierung" fand seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zunehmend Verbreitung [5] . Dahinter stand von Anfang an die Annahme einer Überschwemmung Deutschlands durch Waren und Leitbilder aus den USA, die zwar technologisch und hinsichtlich des allgemeinen zivilisatorischen Standes in der Welt überlegen, als seelenlose, pure Erwerbsgesellschaft aber der europäischen und speziell der deutschen Kultur unterlegen seien. Die Überwältigung von deutscher Kultur durch amerikanische Zivilisation wurde zum Dauerthema des 20. Jahrhunderts. Schon in der Zwischenkriegszeit wurde allerdings vermehrt darauf hingewiesen, dass es sich bei der damit verbundenen Vorstellungswelt um eine Projektion handle und dass sich in der Kritik der Amerikanisierung lediglich die Ängste vor der modernen Zukunft der eigenen Gesellschaft ausdrückten. Bei der Amerikanisierung gehe es nicht um einen Kulturtransfer aus einer völlig andersgearteten, sondern aus einer lediglich technologisch und zivilisatorisch weiter entwickelten Gesellschaft, die aber auf dem gleichen Fundament ruhe.

Die stereotypen Vorstellungen einer "entfremdeten" und seelenlosen Zukunft blieben von dieser Einsicht im Kern allerdings unberührt. Zu erwähnen ist im Übrigen, dass es in der deutschen Geschichte immer wieder Konjunkturen eines positiven Verständnisses von Amerikanisierung gab, assoziiert als eine technologisch-soziale Befreiung aus traditionellen Hierarchien sowie größere Unvoreingenommenheit und Ungezwungenheit der Menschen untereinander. Solche positiv wertenden Klischeevorstellungen waren schon in der Zwischenkriegszeit nicht selten anzutreffen.

Die Geschichte der Wahrnehmung der USA bzw. der Amerika-Diskurse ist mittlerweile breit erforscht [6] , aber damit ist die Frage des Grades der Amerikanisierung, d. h. der Eindringtiefe amerikanischer Einflüsse in die deutsche Gesellschaft, selbst noch nicht geklärt [7] . Während übertriebene Vorstellungen über amerikanische Einflüsse für die zwanziger Jahre, insbesondere hinsichtlich der Rationalisierung industrieller Arbeit, korrigiert worden sind, ist für die Zeit des "Dritten Reiches" immerhin die Kontinuität massenkultureller Phänomene des Amerikanismus - vom Coca-Cola trinkenden Hitlerjungen bis zum Hollywood-Film in den Berliner Filmtheatern - festgehalten worden. Die entscheidende Zäsur für die Geschichte der Amerikanisierung war aber zweifelsfrei das Jahr 1945, als die USA zur unumstrittenen Führungsmacht der westlichen Welt wurden und direkten administrativen Einfluss auf die Entwicklung im Westen Deutschlands nehmen konnten.

Die Option der deutschen Politiker für den Westen im Gründungsprozess der Bundesrepublik ist des öfteren detailliert nachgezeichnet worden. Aber wie vor einer Verwischung des Unterschieds von Amerika-Diskursen und tatsächlicher Amerikanisierung ist ebenso vor einer Gleichsetzung von realpolitischer Option und einem Wandel der Werthaltungen zu warnen. Noch bis in die sechziger Jahre hinein war es in Zeitschriften für das Bildungsbürgertum und in einschlägigen Feuilletons selbstverständlich, das wirtschaftliche, politische und militärische Bündnis mit dem Westen und insbesondere eine enge Partnerschaft mit den USA zu bejahen, aber gleichzeitig die Amerikanisierung als Aushöhlung humanistischer Kultur zu stigmatisieren [8] . Weiterführend ist deshalb der Vorschlag, die gesellschaftlichen und kulturellen Einflüsse als Amerikanisierung begrifflich vom Transfer westlicher politischer, insbesondere amerikanischer Ideen zu unterscheiden, die als Westernisierung (bzw. Westernization) zu kennzeichnen seien [9] .

Während nämlich die Amerikanisierung im Fluss von warenförmigen Gütern einlinig von den USA nach Europa verlaufen sei, wären bei den politischen und gesellschaftlich-kulturellen Ideen für das gesamte 20. Jahrhundert europäisch-amerikanische Kreisläufe, gegenseitige Beeinflussungen, Dialoge und Netzwerke zu berücksichtigen. Lediglich in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg sei der Transfer liberaler Ideen ebenso einlinig aus den USA nach Europa bzw. in die Bundesrepublik erfolgt wie der Import amerikanischer Konsumgüter und Massenkultur, sodass sich eine Gleichsetzung von Amerikanisierung und Westernisierung aufgedrängt habe. Erst die notwendige analytische Trennung, so lässt sich folgern, öffnet dann wieder den Blick auf Zusammenhänge zwischen amerikanischen Einflüssen auf die Gesellschaft und dem Transfer liberalen Gedankenguts aus den USA in der Frühzeit der Bundesrepublik.

Aber auch die methodischen Fragen für die Untersuchung der Amerikanisierung in diesem engeren Sinne sind schwer zu lösen. Zum einen wären verschiedene Bereiche zu unterscheiden, so etwa - ganz wesentlich - der wirtschaftliche und der Bereich der Massenkultur. Zum anderen müsste dabei jeweils das Mischungsverhältnis von US-Import, amerikanischem Einfluss auf einheimische Produkte und Verhaltensmuster, von Nachahmung oder Parallelentwicklung beachtet werden. Kultureller Transfer gelingt immer nur so weit, wie er sich den nationalen Gegebenheiten anzupassen vermag. Und hier wiederum müsste sehr genau hinsichtlich gesellschaftlicher Gruppen, Regionen und Zeiträume unterschieden werden. Jugendliche "Halbstarke", die sich für Bill Haley und Elvis Presley begeisterten, und Studienräte an Humanistischen Gymnasien werden von amerikanischen Konsumgütern und Leitbildern unterschiedlich angesprochen worden sein. Es markierte sicherlich auch eine tiefe Differenz, ob jemand im Rhein-Main-Gebiet, in der Pfalz oder anderen Regionen in der Nähe einer US-Garnison und im Empfangsbereich des Soldatensenders AFN aufwuchs [10] oder aber in einem schleswig-holsteinischen Dorf, wo man in den Nachkriegsjahren keinen Amerikaner jemals zu Gesicht bekam.

Schließlich ist zu fragen, ob die Annahme einer fortschreitend immer intensiveren Amerikanisierung wirklich einer näheren Überprüfung standhält. Die folgenden Ausführungen gehen auf einige dieser Fragen und Probleme ein.
Themen | Wissen | Veranstaltungen |
Publikationen | Lernen |
Die bpb | Bestellen | Newsletter | Presse | Partner |
Impressum | Datenschutz | Kontakt | Home
10. Februar 2012
Druck-Version
Artikel versenden
Inhalt
Bild vergrößern
Zeitgeschichte
Editorial
Sind die Westdeutschen amerikanisiert worden?
Nationalismus und Patriotismus in den frühen Jahren der DDR
Arbeiter im "Arbeiterstaat"
Die politische Rolle des Protestantismus in der Nachkriegszeit
Lexikonsuche
Suchwort:
Lexika: