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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 50/2000)

Sind die Westdeutschen amerikanisiert worden?


Zur zeitgeschichtlichen Erforschung kulturellen Transfers und seiner gesellschaftlichen Folgen nach dem Zweiten Weltkrieg
Axel Schildt
Inhalt

Einleitung

I. Zum Begriff der "Amerikanisierung"

II. Das erste Nachkriegsjahrzehnt - erfolgreiche Offensive der Amerikanisierung?

III. Das zweite Nachkriegsjahrzehnt - beginnende Konsumgesellschaft und amerikanische Massenkultur

II. Das erste Nachkriegsjahrzehnt - erfolgreiche Offensive der Amerikanisierung?
Die Rahmenbedingungen für amerikanische Einflüsse auf Deutschland hatten sich 1945 grundlegend verändert - waren die USA doch nach rasch aufgegebenen Ansätzen eines Bestrafungskonzepts jetzt eine der Siegermächte, die übereingekommen waren, Deutschland in den Kreis der ",Völkerfamilie" zurückzuführen. Und im Zuge der Entwicklung des Kalten Krieges wuchsen die USA im westlichen Teil Deutschlands nach anfänglich noch vorhandenen partiellen Differenzen mit den Alliierten Großbritannien und Frankreich bald auch in die Rolle der richtungweisenden Siegermacht hinein.

Für die Betrachtung der Besatzungszeit empfiehlt sich die erwähnte analytische Trennung von Westernisierung, dem Transfer vornehmlich ame;rikanischer liberaler Ideen in den politisch-gesellschaftlichen Bereich, und einer "Amerikanisierung von unten" [11] in alltagsgeschichtlicher Perspektive. Die legendären Bemühungen zur re-education zielten zunächst auf die Veränderung von Werthaltungen und Einstellungen. Die Basis für eine durchgreifende "Entnazifizierung", "Entmilitarisierung" und "Demokratisierung" sollte vor allem durch eine personelle Säuberung - Grundlage waren in der US-Zone bereits in der Kriegszeit erstellte "weiße", "graue" und "schwarze Listen" [12] - geschaffen werden. Neben dem Bildungsbereich und der Jugendpolitik [13] erhielten dabei die Massenmedien die höchste Aufmerksamkeit, wussten die Planer doch schon aus der Anschauung der amerikanischen Gesellschaft um die wachsende Bedeutung der massenmedialen Öffentlichkeit für die politische Meinungsbildung [14] . Wichtige überregionale Zeitungen - vor allem die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Rundschau, die sich auch in der späteren Bundesrepublik auf dem Markt behaupten konnten - verdankten ihre Existenz einer amerikanischen Lizenz. Konzipiert wurden sie als pluralistische Organe, in denen sauber zwischen Bericht und Kommentar getrennt werden sollte [15] . Schließlich ist die in München und Berlin erschienene Neue Zeitung zu erwähnen, die als intellektuelles Aushängeschild der US-Besatzungsbehörden das deutsche Bildungsbürgertum auch mit Blick auf die beginnende kulturelle Systemkonkurrenz beeindrucken sollte, die sich besonders in der ehemaligen Reichshauptstadt verdichtete [16] . Mit dem Heraufziehen des Kalten Krieges verschob sich das pluralistische Spektrum bekanntlich. Nicht nur kommunistische Herausgeber von Zeitungen oder Redakteure in Rundfunksendern wurden entfernt, auch einige nonkonformistische Intellektuelle, etwa in der Redaktion der Zeitschrift Der Ruf, bekamen Schwierigkeiten [17] .

Darüber hinaus aber wäre noch näher zu erkunden, in welchem Ausmaß die Massenmedien in der US-Zone überhaupt Leitbilder des amerikanischen Liberalismus vermittelten und wie diese sich mit dem Bild deutscher Demokratietradition verschränkten. Dies ist hinsichtlich der amerikanischen Einflüsse auf das Grundgesetz und die westdeutsche Staatsgründung seit geraumer Zeit thematisiert [18] , kaum hingegen für das weitere Feld der politischen Öffentlichkeit untersucht worden. Jedenfalls ist es interessant, dass eine nähere Analyse der Tätigkeit der Amerikahäuser als eines wichtigen Instruments der "amerikanischen Kulturoffensive" zeigt, in welch starkem Maße sich die US-Behörden bemühten, neben der Vermittlung amerikanischer Kultur deutsche Traditionslinien in die Programmgestaltung einzubeziehen, um Resonanz beim Publikum zu erzielen [19] . Um 1951, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, erreichte das Netz der Amerikahäuser und Deutsch-Amerikanischen Institute seine größte Ausdehnung, die nun auch über die US-Zone hinausreichte. Etwa fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung in den deutschen Städten, in denen es solche Einrichtungen gab, zählten nach amerikanischen Erhebungen durchschnittlich zum Besucherkreis.

Der Transfer von amerikanischen Ideen basierte nach 1945 in starkem Maße auf der materiellen Präsenz der USA im westlichen Teil Deutschlands. Immer wieder ist beschrieben worden, wie fasziniert die deutsche Bevölkerung, nicht zuletzt die Kinder und Jugendlichen, von der Wohlgenährtheit der einrückenden US-Truppen, ihrer technisch überlegenen Ausrüstung, ihren mitgeführten Nahrungsmitteln und ihrer souveränen Lässigkeit war [20] . Abgesehen davon, dass selbst in der US-Zone nur ein kleinerer Teil der deutschen Bevölkerung unmittelbaren Kontakt mit amerikanischen Militärangehörigen hatte, ist allerdings nicht ausgemacht, ob jene Gefühle nur positiver Natur waren - zu denken ist etwa an rassistische Dünkel gegenüber farbigen GIs - und wie lange die Faszination anhielt. Eine legendäre Wirkung entfalteten angesichts von Hunger und Armut der Nachkriegszeit jedenfalls die CARE-Pakete privater amerikanischer Hilfsorganisationen. Ihr Inhalt, vor allem Genussmittel wie Schokolade, Kaffee und Zigaretten, wurde zum Inbegriff des wunderbaren amerikanischen Konsumangebots, obwohl nicht einmal jeder zehnte deutsche Haushalt jemals ein solches Paket erhielt [21] .

Die 1947/48 einsetzende amerikanische Unterstützung in Form des European Recovery Programme (ERP), meist als Marshall-Plan bezeichnet, demonstrierte dann im großen Maßstab den engen Zusammenhang von wirtschaftlicher Hilfe, politischer Symbolik - hier sei nur die von "Rosinenbombern" beflogene "Luftbrücke" nach Berlin 1948/49 erwähnt - und kultureller Einflussnahme. Im Wiederaufbaugeschehen verdichtete sich dieser Zusammenhang, wenn etwa die mit ERP-Mitteln geförderte Errichtung von Modellsiedlungen begleitet wurde von vielbeachteten Ausstellungen amerikanischer Küchentechnik. In Architekturdebatten, aber auch in Diskursen über die Bildende Kunst wurde die Moderne in den fünfziger Jahren in starkem Ausmaß ausschließlich mit Amerika identifiziert.

Die Wertschätzung amerikanischer Kultur-Leitbilder konzentrierte sich auf einen zwar einflussreichen Teil der bildungsbürgerlichen Öffentlichkeit, der aber nicht die Mehrheit ausmachte. Es waren vor allem jüngere Vertreter der Funktionseliten - darunter Politiker, Kommunalbeamte, Journalisten, Richter, Gewerkschafter, Geistliche oder Funktionärinnen von Frauenorganisationen -, die im Rahmen großzügiger mehrwöchiger oder -monatiger Besuchsprogramme die USA kennen lernten; insgesamt waren es zwischen 1948 und 1953 etwa 10 000 Personen [22] . Im gleichen Zeitraum erlebte auch das von amerikanischen Stellen lebhaft geförderte Intellektuellen-Netzwerk um den "Kongress für Kulturelle Freiheit" und die Zeitschrift Der Monat seinen öffentlichkeitswirksamen Höhepunkt. Hier versammelten sich - neben wichtigen Repräsentanten der nichtkommunistischen Linken innerhalb und außerhalb der Sozialdemokratie und Liberalen mit USA-Erfahrungen bereits aus der Zeit des Exils nach 1933 - jüngere Publizisten und Wissenschaftler, die nationalistische Dünkel überwinden und liberale westliche Ideen aufnehmen wollten [23] .

Man wird die Prägekraft und die mit dem Generationenwechsel am Ende des westdeutschen Wiederaufbaus steigende Bedeutung solcher Netzwerke nicht unterschätzen dürfen, aber eine generelle Bilanz des amerikanischen Einflusses gegen Ende des ersten Nachkriegsjahrzehnts wird doch eher zwiespältig ausfallen. Dieser Eindruck beherrschte auch die amerikanischen Stellen, die mit zahlreichen demoskopischen Erhebungen seit dem Kriegsende die Einstellungen der deutschen Bevölkerung sehr genau registrierten [24] . Die Deutschen waren zwar den Besatzungsangehörigen gegenüber durchweg freundlich gestimmt, revidierten aber nicht ihr Bild von den Amerikanern als zivilisatorisch führender und zugleich kulturell tief stehender Nation. Auch die parlamentarische Demokratie begegnete noch längere Zeit weitgehendem Desinteresse oder sogar Misstrauen als oktroyierter Verfassung.

Der Blick zurück bestimmte mehrheitlich die Wunschbilder der Bevölkerung, Monarchismus und deutschnationale Symbole standen hoch im Kurs. Die Deutschen mochten sich nach der Kriegswende von Stalingrad allmählich vom NS-Regime abgewandt haben, das sich als Versager erwiesen hatte [25] , aber dies tangierte nicht tiefer liegende Mentalitätsmuster, die sich erst im Generationenwechsel und vor dem Hintergrund des andauernden "Wirtschaftswunders" allmählich veränderten. In den frühen fünfziger Jahren dagegen war das Scheitern der amerikanischen Reformbemühungen im Bildungswesen zu konstatieren [26] , und es dominierte gerade in den Feldern der Kultur und Öffentlichkeit wieder jene Mehrheit, die nach einer meist kurzen Unterbrechung an ihre Karriere der Zwischenkriegszeit anzuknüpfen vermochte. Die Namen in den "schwarzen" und "grauen Listen" der amerikanischen Besatzungsmacht über jene, die keinen oder keinen erheblichen Einfluss mehr erlangen sollten, lesen sich geradezu wie das "Who's Who" der publizistischen Meinungsträger der frühen fünfziger Jahre. Allerdings hatte sich auch die amerikanische Sicht zwischenzeitlich verändert. Die US-Regierung war zum einen zufrieden, dass sich die Bundesrepublik stabilisierte, so dass eine Einschränkung der Kosten für die politisch-kulturelle Arbeit möglich schien. Zudem gerieten die linksliberalen vormaligen Protagonisten der re-orientation nun - für kurze Zeit - in das Visier der hysterischen "Kommunistenjäger" der McCarthy-Ausschüsse. Ein spektakuläres Beispiel: Im Frühjahr 1953 wurden die Bibliotheken der deutschen Amerikahäuser inspiziert, wobei angeblich 30 000 kommunistische Schriften aufgefunden wurden - ein groteskes Fehlurteil [27] .
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10. Februar 2012
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Editorial
Sind die Westdeutschen amerikanisiert worden?
Nationalismus und Patriotismus in den frühen Jahren der DDR
Arbeiter im "Arbeiterstaat"
Die politische Rolle des Protestantismus in der Nachkriegszeit
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