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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 50/2000)
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Sind die Westdeutschen amerikanisiert worden? |

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Zur zeitgeschichtlichen Erforschung kulturellen Transfers und seiner gesellschaftlichen Folgen nach dem Zweiten Weltkrieg Axel Schildt
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III. Das zweite Nachkriegsjahrzehnt - beginnende Konsumgesellschaft und amerikanische Massenkultur |
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Mitte der fünfziger Jahre zeigte sich ein ambivalentes Bild: Zum Teil schien der amerikanische Einfluss in mancher Hinsicht zurückzugehen, in manchen Bereichen stieg er nach Wahrnehmung der Zeitgenossen an. Die Besucherprogramme für westdeutsche Funktionseliten liefen allmählich aus, etliche Amerikahäuser wurden geschlossen und deren Service - etwa englischer Sprachunterricht - wurde nicht selten von lokalen Volkshochschulen übernommen; von amerikanischer Seite betreute Jugendzentren gingen in die Hände deutscher Stellen über, mancherorts mit einer Rückkehr zu autoritärer Reglementierung verbunden - "Gesellschaftstanz" zu amerikanischen Platten wurde dort untersagt, deutsche Volksmusik erhielt zum Unwillen vieler Jugendlicher wieder das Monopol
; die von den Rundfunkstationen der ehemaligen US-Zone zwangsweise auszustrahlenden Propagandasendungen von Voice of America, beim deutschen Publikum besonders unbeliebte so genannte "Auflagensendungen", liefen bis zum Ende der fünfziger Jahre aus
. Ein neues deutsches Selbstbewusstsein legten auch manche Soziologen an den Tag, die darauf hinwiesen, dass Begriffe wie human relations und public relations im Kern Konzepte kennzeichneten, die deutschen Unternehmern schon in der Zwischenkriegszeit geläufig gewesen seien
.
Andererseits haben biografische Studien gezeigt, dass es unter den Unternehmern und Managern großer Betriebe eine ganze Reihe namhafter Vertreter vornehmlich der jüngeren Generation gab, die sich von amerikanischen Methoden und Stilen sehr beeindruckt zeigten
. Gerade die Entwicklung der Wirtschaft zeigt eben, dass man am Phänomen der "Amerikanisierung" vorbeizielen würde, wenn man einzelne Sektoren und Momente getrennt betrachten würde, denn je nach Perspektive der Betrachtung käme man eventuell zu konträren Aussagen. So verfünffachte sich die Höhe des in der Bundesrepublik investierten US-Kapitals im Laufe der fünfziger Jahre, und die Zahl der US-Firmen in der Bundesrepublik verachtfachte sich von 1954 bis 1968 auf ca. 420, davon zwei Drittel im Rhein-Main-Gebiet. Aber zugleich halbierte sich der Anteil der US-Importe am gesamten Import von 1950 bis zur Mitte der siebziger Jahre
. Wer in der "Wirtschaftswunder"-Konjunktur der Bundesrepublik erfolgreich verkaufen wollte, musste die Erzeugnisse häufig als deutsche (und das hieß solide und langlebig) erscheinen lassen und auf deutsche Art (und das hieß eher sachlich als witzig) dafür werben. Dies passte zur Mentalität des bürgerlich-kleinbürgerlichen Rückbezugs auf das Gehabte und wieder zu Erreichende; und zeitgenössische Experten unterschieden noch sehr lange strikt zwischen deutschen bzw. westeuropäischen und amerikanischen Konsummustern
. Die Organisation der Werbekampagnen für deutsche Waren bzw. deren Weiterentwicklung in Richtung von Marketing-Strategien erhielt wiederum wichtige Anregungen aus den USA
.
Der entscheidende Schub, der dem amerikanischen Einfluss Massenpopularität verlieh, vollzog sich mit dem Übergang von der kargen Nachkriegsgesellschaft des Wiederaufbaus zur prosperierenden Konsumgesellschaft seit dem letzten Drittel der fünfziger Jahre
. Während die erste Welle einer Westernisierung bzw. Amerikanisierung "von oben" noch an der Mauer deutscher Traditionen gebrochen worden war - wenngleich eine subkutane Wirkung auf viele jüngere Intellektuelle später erhebliche Folgen zeitigte -, unterspülte diese zweite Welle einer massenkulturellen Amerikanisierung "von unten" alle publizistischen Widerstandsversuche, ob aus kirchlich-konservativem oder sozialistischem Antrieb. Umstritten bleibt allerdings nach wie vor, inwiefern die Übernahme von Elementen der Lebensweise der weißen Mittelschichten der amerikanischen Ostküste - etwa hinsichtlich der Wohnstile in Vororten, der Massenmotorisierung, des Fernsehkonsums - in erster Linie als Amerikanisierung oder als Modernisierung zu deuten ist, die vor allem aus eigenen gesellschaftlichen Antriebskräften gespeist wurde
.
Den Vorboten dieser massenkulturellen Welle bildete die "Halbstarken"-Rebellion in der Mitte des Jahrzehnts. Sie erfasste zwar direkt nur eine kleine Minderheit von männlichen Arbeiterjugendlichen der Großstädte, wurde aber als Seismograph für kommende Entwicklungen empfunden
. Die damit einhergehende Vorliebe für Produkte aus den USA - von den Jeans bis zu Hollywood-Filmen mit James Dean und vor allem die Begeisterung für den Rock'n'Roll und dessen Heroen Bill Haley und Elvis Presley - verbreitete sich sehr rasch und führte zu einer Vielzahl besorgter Zeitungsartikel. Die zivile Lässigkeit und demonstrative Vulgarität in Kleidung, Umgangsstil und Musik provozierten Eltern, Jugendpfleger, Lehrer und Geistliche, während sich die Unterhaltungsindustrie zum Bündnispartner jugendlicher Sehnsüchte nach kultureller, generationenspezifischer Selbstbestimmung machte, etwa in der überaus erfolgreichen Zeitschrift Bravo, die schon Anfang der sechziger Jahre von einem jungen Millionenpublikum gelesen wurde
. Unter den Teenagern wurde zu dieser Zeit Amerika weithin als Chiffre für größere Freiräume und Liberalität verstanden.
Neben der Jugendkultur sind die Massenmedien als Multiplikator für amerikanische Einflüsse zu beachten. Schon in den frühen fünfziger Jahren galt z. B. das Nachrichtenmagazin Der Spiegel als Trendsetter für die Amerikanisierung der Sprache, und in der 15. Auflage des Duden (1961) fanden sich zahlreiche neue Anglizismen und Amerikanismen, z. B. "Comics", "Fan", "Hobby", "Job", "o. k." oder "Quiz"
. Ein entscheidender Faktor für die amerikanische Einflussnahme war in diesem Zusammenhang die rasante Verbreitung des Fernsehens, das Anfang der sechziger Jahre erst in einem Viertel, zehn Jahre später dagegen schon in drei Vierteln aller Haushalte vorhanden war. Allerdings muss unterschieden werden zwischen direkten Programmimporten aus den USA, die sich um 1960 noch auf wenige Vorabendserien beschränkten
, und einer "indirekten Amerikanisierung" als Orientierung an populären Mustern der Unterhaltung. Dabei entsteht wiederum das Problem, amerikanische Einflüsse und deutsche Traditionen, die in die Zwischenkriegszeit zurückreichen, in ihrer Gewichtung zu bewerten. Und dieses Problem gilt für zahlreiche massenkulturelle Phänomene - vom Camping bis zum Design technischer Gebrauchsgüter.
Neue Konsumgesellschaft, Herausbildung einer jugendlichen Teilkultur und Ausbreitung der Massenmedien brachten in den sechziger Jahren verschiedene Varianten amerikanischen Einflusses in einen Wirkungszusammenhang: Sie drückten sich aus in der generellen Aufwertung der Massenkultur gegenüber der traditionellen Hochkultur, in einer Auffassung vom American Way of Life als umfassender Lebenserleichterung und Luxus für alle sowie in einer demonstrativen Herausstellung amerikanischer Güter, die Prestige verhießen - zu illustrieren etwa mit der populären Hollywood-Schaukel auf der Bungalow-Terrasse.
Die Implantierung von mehr und mehr amerikanischen Elementen in das Konsumverhalten der Bevölkerung vollzog sich zunächst in einem Zeitraum, als allgemein das Ansehen der USA anstieg. Die vom Präsidenten John F. Kennedy nach der Kuba-Krise angeregte Flexibilisierung der NATO-Strategie inspirierte die Befürworter einer Entspannungspolitik in der Bundesrepublik, in den Debatten um eine deutsche "Bildungskatastrophe" (Georg Picht) galten die amerikanischen Comprehensive Schools weithin als anzustrebendes Vorbild einer Schulreform.
Umso größer war die Irritation, die dann durch den Vietnamkrieg bewirkt wurde. Die Kritik an der amerikanischen Politik wurde vor allem durch Bilder und Kommentare des Fernsehens transportiert - handelte es sich doch um den ersten telemedialen Krieg. Dies hatte insofern eine ironische Note, als gerade das neue Medium zugleich als Einfallstor für die "Amerikanisierung" fungierte. In diesem Zusammenhang wäre die immer wieder kolportierte These zu diskutieren, dass die westdeutsche Jugend- und Studentenbewegung antiamerikanisch gewesen sei. Zwar wird man in der antiautoritären Revolte von 1968 ideologische Anklänge an Traditionen des Antiamerikanismus entdecken können, aber prägend war gerade das Spannungsverhältnis von Faszination durch amerikanische Massenkultur und Agitation gegen ein Establishment, gegen das man sich im Generationenkampf auch mit der amerikanischen Jugend vereint sah
. Es ist symptomatisch, dass der musikalische Protest gegen den Vietnamkrieg in der Bundesrepublik kaum je einen deutschsprachigen Ausdruck fand - Bob Dylan, Joan Baez, Frank Zappa oder Country Joe lieferten dazu die bei Jugendlichen populären Songs.
Während der politische Antiamerikanismus der Protestbewegung der späten sechziger Jahre eine Episode bildete, erreichte der Stand amerikanischen massenkulturellen Einflusses an der Schwelle zu den siebziger Jahren eine neue Qualität. US-Produkte, die zuvor als Instrument im symbolischen Kampf der Generationen gedient hatten wie z. B. blue jeans und rock music, waren seither keine Sache der Jugend mehr, sondern wurden zu selbstverständlichen Konsumgütern für breite Teile der Bevölkerung. Die auf dieser Grundlage erfolgende weitere Entfaltung amerikanischer Einflüsse ist bisher allerdings noch nicht in den Horizont zeitgeschichtlicher Betrachtung gerückt worden, so dass auch die Frage offen bleibt, inwiefern, in welchem Ausmaß und von wem diese noch als "Amerikanisierung" wahrgenommen wird. |
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10. Februar 2012
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