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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 29-30/2002)
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Armut und soziale Ausgrenzung im europäischen Kontext |

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Politische Ziele, Konzepte und vergleichende empirische Analysen Petra Böhnke
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III. Konzeptionelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Armut und sozialer Ausgrenzung |
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Armut und soziale Ausgrenzung werden oft in einem Atemzug genannt. Tatsächlich stehen sie in einem engen Zusammenhang - und doch bezeichnen sie durchaus verschiedene Sachverhalte und Perspektiven auf ihren Gegenstand.
Während sich Armut dezidiert auf den Mangel an materiellen Ressourcen als illegitime Form sozialer Ungleichheit konzentriert, liegt dem Ausgrenzungsdiskurs die zentrale Annahme zugrunde, dass mehrfache soziale Benachteiligungen nicht nur für den Einzelnen den Verlust von Teilnahmechancen bedeuten, sondern die gesamtgesellschaftliche Stabilität und demokratische Ordnung als Ganzes gefährden. Als Orientierung dienen der klassischen Armutsforschung minimale Versorgungsstandards; die Messung ist überwiegend an Einkommenshöhen ausgerichtet. Für Industrie- und Wohlfahrtsstaaten mit vergleichsweise hohem Lebensstandard finden relative Ansätze Verwendung, die Armut ins Verhältnis zum durchschnittlichen Lebensstandard der Bevölkerung setzen. Es wird unterstellt, dass sich die Standards für Grundbedürfnisse und damit auch die Armutsgrenzen im Laufe der Zeit verändern.
Soziale Ausgrenzung hingegen fokussiert die Gewährleistung sozialer Rechte und rückt partizipatorische sowie integrative Elemente in den Vordergrund. Das Konzept ist mehrdimensional und beruht auf der Annahme, dass sich soziale Benachteiligungen gegenseitig verstärken. Soziale Ausgrenzung wird definiert als Ausschluss von gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten: als Marginalisierung am Arbeitsmarkt verbunden mit gesellschaftlicher Isolation oder allgemeiner als Vorgang eines kumulativen Ausschlusses von Personen aus einer Mehrzahl unterschiedlicher, für die Lebensführung relevanter Funktionsbereiche der Gesellschaft. Generell gilt diese mit der Ausgrenzungsperspektive einhergehende Betonungsverschiebung - von Ressourcenmangel zu Teilhabeaspekten - als größter Gewinn für die Analyse sozialer Benachteiligung.
Diese zugespitzte Gegenüberstellung von Armut und sozialer Ausgrenzung macht die grundsätzlichen Unterschiede deutlich. Konzeptionelle und methodische Entwicklungen neueren Datums weichen diese strikte Unterscheidung jedoch in mehrfacher Hinsicht auf: Einkommen ist längst nicht mehr der einzige Indikator für prekäre Lebenslagen, neben Verteilungsaspekten findet die Analyse von Handlungsspielräumen mehr und mehr Beachtung, und auch die Wichtigkeit der dynamischen und mehrdimensionalen Perspektive ist weithin akzeptiert.
Auch der Begriff "soziale Ausgrenzung" ist weit davon entfernt, Konkretes zu benennen oder im Wortsinn gebraucht zu werden. Genauso wie ein Ort außerhalb der Gesellschaft schlecht vorstellbar ist, bedarf es guter Begründung, einen Schwellenwert festzulegen, der den Umschlagpunkt von Benachteiligung in Ausgrenzung markiert. Wie die Armutsforschung ist auch die Ausgrenzungsperspektive nur normativ und innerhalb gesellschaftlicher Kontexte mit Inhalt zu füllen.
Angetrieben durch die politische Schlagkraft, die dem Konzept auf europäischer Ebene verliehen wurde, wird es derzeit auf zweierlei Art instrumentalisiert. So verweist soziale Ausgrenzung in Gestalt einer provokanten Metapher einerseits auf ein neues Deutungsmuster für soziale Benachteiligungen: Die Annahme, dass sich die Gesellschaft mehr und mehr polarisiere, bestimmt diesen Blickwinkel ebenso wie die Verunsicherung der Mittelschichten, vor sozialem Abstieg und Degradierungen nicht mehr geschützt zu sein.
Andererseits ist soziale Ausgrenzung mittlerweile als Umschreibung für diverse Ausprägungen sozialer Benachteiligung gebräuchlich und steht letztendlich für ein erweitertes - mehrdimensionales und mit gesellschaftlichen Teilhabechancen verknüpftes - Verständnis von Armut. |
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10. Februar 2012
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