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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 29-30/2002)

Armut und soziale Ausgrenzung im europäischen Kontext


Politische Ziele, Konzepte und vergleichende empirische Analysen
Petra Böhnke
Inhalt

I. Einleitung

II. Armut und soziale Ausgrenzung im Kontext europäischer Politik

III. Konzeptionelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Armut und sozialer Ausgrenzung

IV. Möglichkeiten der empirischen Messung

V. Ausgewählte empirische Befunde zu Armut, Unterversorgung und gesellschaftlicher Teilhabe in Europa

VI. Abschließende Bemerkungen

V. Ausgewählte empirische Befunde zu Armut, Unterversorgung und gesellschaftlicher Teilhabe in Europa
1. Einkommensarmut und Unterversorgung in den EU-Mitgliedsstaaten

Eine vergleichende Darstellung von Armutsquoten und Ressourcenausstattung zeigt die große Heterogenität der Lebensbedingungen innerhalb der Europäischen Union (Tabelle 2). Dabei lässt sich ein beachtliches Wohlstandsgefälle von Nord nach Süd beobachten. Für 1996 bestätigt sich ein schon bekanntes Muster: Die niedrigsten Armutsquoten finden sich in den skandinavischen Ländern, die sich durch die Bereitstellung einer hohen, universalistischen Absicherung gegen soziale Risiken auszeichnen (sozialdemokratischer Wohlfahrtsstaatstypus). Hingegen sind es die südeuropäischen Länder, die die höchsten Armutsquoten aufweisen, in Spanien, Italien, Portugal und Griechenland hat etwa ein Fünftel der Bevölkerung weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens zur Verfügung. Die staatlichen Schutzmechanismen gegen Armut und Arbeitslosigkeit sind in diesen Ländern nur schwach ausgeprägt (rudimentärer Typus). Ergänzung finden diese allerdings durch ein ausgeprägtes Netz familiärer Hilfeleistungen.

Auch in den angelsächsischen Ländern liegt die Armutsquote bei ca. 20 Prozent. Großbritannien und Irland werden in Bezug auf ihre Sozialversicherungssysteme dem liberalen Typus zugeordnet, der zwar eine staatliche Mindestsicherung garantiert, darüber hinaus seine Bevölkerung aber eher schwach gegen soziale Risiken wie etwa Arbeitslosigkeit absichert und auf private Vorsorge setzt. Dazwischen gibt es ein heterogenes Mittelfeld (konservativ-korporatistischer Typus), das stark lohnarbeitszentriert ist und Statuserhalt anstrebt. Dieser Gruppe ist auch Deutschland mit einer Armutsquote von 13,7 Prozent im Jahr 1996 zuzuordnen. [16]

Tabelle 2 zeigt ergänzend Indikatoren zur Ressourcenausstattung und Unterversorgung in den EU-Mitgliedsstaaten, an denen man ablesen kann, ob ein bestimmter Grundbedarf gesichert ist. Die groben Linien der Einkommensanalyse bestätigen sich. So sind es erwartungsgemäß vor allem die südeuropäischen Länder, aber auch Irland, in denen ein relativ hoher Anteil der Haushalte große Schwierigkeiten hat, mit dem Geld auszukommen, sich weit verbreitete Konsumgüter nicht leisten kann und auch nicht über ein Bad bzw. eine Dusche verfügt. In den anderen Ländern ist diese grundlegende Versorgung nahezu durchgehend gewährleistet trotz unterschiedlicher Armutsquoten.

Die Wohlfahrtsstaaten sozialdemokratischen und konservativen Typs rücken in Bezug auf einen gewährleisteten minimalen Lebensstandard näher zusammen und grenzen sich ihrerseits vom deutlich schlechter gestellten europäischen Süden, aber auch von Irland und Großbritannien ab. Einige Abweichungen gibt es dennoch: So hat Finnland trotz relativ geringer Einkommensarmut einen hohen Anteil der Bevölkerung, der finanzielle Probleme beklagt und auf Basisressourcen verzichten muss. In Deutschland hingegen ist eine Basisversorgung eher verwirklicht, obwohl die Armutsquote im europäischen Vergleich für 1996 im oberen Mittelfeld liegt.

2. Lebensstandard und Unterversorgung

Ein differenzierteres Bild ergibt sich, wenn man über die Verfügbarkeit von essentiellen Konsumgütern und Lebensstandardindikatoren hinausgeht und zudem eine Einschätzung der Bevölkerung über das, was ein Minimum an Versorgung ausmachen sollte, in die Analyse einbezieht. Für eine entsprechende Auswertung stehen bislang Euromodul-Daten aus fünf Ländern zur Verfügung: Neben Deutschland und Spanien können wir uns auch ein Bild vom Lebensstandard in drei Nicht-EU-Mitgliedsstaaten bzw. Beitrittskandidaten machen, die zudem erheblich in ihrem Wohlstandsniveau divergieren: Schweiz, Slowenien und Ungarn.

Über die Ländergrenzen hinweg gibt es einen Konsens über das, was eine Grundversorgung ausmachen sollte (Tabelle 3). Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland zählt die sanitäre Einrichtung, eine Waschmaschine, eine warme Mahlzeit am Tag, ein Telefon und einen Fernseher heutzutage zur notwendigen Ausstattung eines Haushaltes. Dies ist mit nur wenigen Abweichungen auch in den anderen Ländern der Fall. Generell steigen die Ansprüche mit dem gewohnten Niveau an Lebensqualität. Die Zahlen spiegeln darüber hinaus auch kulturelle und sozialstaatliche Charakteristika. So ist die private Rentenvorsorge vor allem in Deutschland und der Schweiz ein Thema. Luxusartikel wie bspw. die Geschirrspülmaschine zählen in wohlhabenderen Ländern für einen etwas höheren Prozentsatz der Bevölkerung zum Minimalstandard.

Tabelle 3 weist zusätzlich für die einzelnen Merkmale die Verfügbarkeit bzw. den Mangel aus. Die Zahlen bestätigen den hohen Lebensstandard in der Schweiz und in Deutschland mit einer Basisversorgung, die nahezu jedem zugänglich ist. Hier sind jedoch vor allem Vorsorgeleistungen wie die private Altersvorsorge und monatliches Sparen für etwa ein Fünftel der Bevölkerung problematisch. In Ungarn hingegen ist die Versorgungslage prekärer, jeder zweite muss bspw. auf neue Kleidung, neue Möbel, finanzielle Vorsorge oder eine einwöchige Urlaubsreise verzichten. Für einen vergleichsweise hohen Bevölkerungsanteil sind grundlegende Konsumgüter wie etwa eine Waschmaschine oder ein Telefon nicht erschwinglich.

Tabelle 4 fasst diese Einzeleindrücke zusammen. Etwa 30 Prozent der Ungarn haben Defizite bei der Grundversorgung, während diese in Slowenien für mehr Menschen (96 Prozent) als in Spanien (94 Prozent) gegeben ist. In Deutschland und der Schweiz sind alle Lebensstandardindikatoren der Liste für mehr als die Hälfte der Bevölkerung unproblematisch zu beschaffen, in Spanien gilt dies nur für ein Drittel, in Ungarn sogar nur für ein Zehntel. Entsprechend hoch ist der Anteil derjenigen Ungarn, die sich mehr als die Hälfte der gesamten Lebensstandardliste nicht leisten können (18 Prozent) und als unterversorgt gelten können. [17] Auch die weiteren Deprivationsmaße zeigen für Ungarn im Vergleich zu den anderen Ländern weit verbreitete Mangelerscheinungen an. Für die Schweiz kann man hingegen feststellen, dass derartige prekäre Lebenslagen kaum existent sind. Auch für Deutschland sind die Zahlen moderat und liegen unter der relativen Armutsquote.

Vor allem Niedrigeinkommensbezieher und Personen mit niedrigem Ausbildungsniveau sind in allen Ländern von Unterversorgung betroffen. Die Arbeitsmarktanbindung ist ebenfalls von großem Einfluss auf das Deprivationsrisiko: Langzeitarbeitslosigkeit (Deutschland, Spanien), Arbeitsunfähigkeit wegen Krankheit (Deutschland, Schweiz, Spanien) und Ruhestand (Spanien) sind entscheidende Problemlagen. Kinderreiche Familien sind in Spanien und Ungarn relativ häufig von Unterversorgung betroffen, in Deutschland und Ungarn vor allem Ein-Personen-Haushalte und Alleinerziehende. [18]

3. Prekäre Lebenslagen und Teilhabe

In der Debatte um soziale Ausgrenzung geht es wesentlich darum, ob kumulierende Benachteiligungen auch grundlegende Partizipationsvoraussetzungen der Individuen tangieren. Neben sozialen Notlagen für den Einzelnen ginge dies, so die Annahme, auch mit der Gefährdung der gesamtgesellschaftlichen Stabilität und Integrationsleistung einher.

Um diese Zusammenhänge annäherungsweise abzubilden, können wir auf Indikatoren zurückgreifen, die einerseits Aufschluss über gesellschaftlichen Zusammenhalt, Normbindung und generalisiertes Vertrauen geben, andererseits Einsamkeit, Pessimismus und Ängste der Menschen beschreiben. [19] Tabelle 5 zeigt die entsprechenden Meinungsbilder und Einschätzungen und weist zusätzlich einen Indexwert aus, der die mehrfache Zustimmung zu den Einzelaussagen (drei und mehr) zusammenfasst.

Schwache Normbindung und generelles Misstrauen gegenüber den Mitmenschen ist in den postsozialistischen Gesellschaften am stärksten ausgeprägt. Besonders auffällig ist die hohe Zustimmung zu normwidrigem Handeln, um im Leben voranzukommen. In Ungarn können acht von zehn Personen dieser Aussage zustimmen, in Slowenien ist es jeder Zweite. Derartige anomische Tendenzen sind vor allem Begleiterscheinung von Umbruchsgesellschaften in Zeiten eines tief greifenden sozialen Wandels, wie ihn die osteuropäischen Gesellschaften mit allen damit verbundenen Problemen im letzten Jahrzehnt durchlaufen haben.

Individuelle Ängste und Sorgen, Einsamkeit und Pessimismus sind zwar auch stärker in Ungarn als in den westeuropäischen Staaten ausgeprägt. Slowenien ist davon im Vergleich jedoch weniger belastet; in der Schweiz und Deutschland hingegen blickt ein relativ hoher Bevölkerungsanteil pessimistisch in die eigene Zukunft und wird immer wieder von Ängsten und Sorgen geplagt.

Die Abbildung veranschaulicht, wie Ressourcenmangel mit geringen Teilhabechancen einhergeht. Es wird zwischen finanziellen Problemen als eindimensionaler Problemlage und mehrfacher Unterversorgung (in den Bereichen Einkommen, Lebensstandard und Wohnen) unterschieden. Generell lässt sich zunächst die Aussage treffen, dass Anomie und Ängste umso weiter verbreitet sind, je schlechter die materielle Ressourcenausstattung ist. In Deutschland, wo anomisches Verhalten und individuelle Ängste in der Gesamtbevölkerung vergleichsweise schwach ausgeprägt sind, ist jeder Dritte der mehrfach Unterversorgten davon betroffen; Einsamkeit, Ängste und Pessimismus sind hier häufiger mit Ressourcenmangel verbunden als in den Vergleichsländern. Dies ist angesichts des relativ hohen sozialstaatlichen Absicherungsniveaus in Deutschland erklärungsbedürftig.

Zwei Thesen bieten sich dafür an: Zum einen ist es das allgemeine Niveau von Wohlstand und Lebensqualität in einem Land, das die individuelle Bewertung prekärer Lebensumstände beeinflusst. Die persönliche Verantwortlichkeitszuschreibung ist geringer, wenn Armut oder Arbeitslosigkeit generell weit verbreitet sind. Diese Erklärungsebene betont allgemeine Vergleichsprozesse und Ansprüche, die sich an den Lebensumständen einer Region orientieren. Als zweite Erklärung lassen sich verschiedenartig ausgeprägte soziale Unterstützungsnetzwerke anführen, die Armut und mehrfache Unterversorgung abmildern können. Dies gilt insbesondere für Spanien, wo entsprechende private Hilfeleistungen eine wesentliche Komponente im Wohlfahrtsmix ausmachen. Vor allem im Vergleich zeigt sich, dass eine prekäre Lebenslage mit kumulierter Unterversorgung in Deutschland häufiger ohne familiären Rückhalt und ein stabiles soziales Beziehungsnetz bewältigt werden muss. [20]

4. Ausgrenzungserfahrung und ihre Gründe

Für Deutschland können wir abschließend exemplarisch Gründe betrachten, die nach Meinung der Befragten dazu geführt haben, dass sie sich im Laufe des letzten Jahres entweder ganz oder teilweise ausgeschlossen gefühlt haben. Sie stehen, wie Tabelle 6 veranschaulicht, in besonderem Maße mit dem Arbeitsmarktzugang in Verbindung. Nur wenige befragte Deutsche sehen sich allerdings ganz und gar "außen vor", viel öfter empfinden sie ihre Teilhabemöglichkeiten als eingeschränkt. Der am deutlichsten hervortretende Grund für derartige Ausgrenzungserfahrungen sind finanzielle Engpässe, in Westdeutschland beklagen 23 Prozent, in Ostdeutschland 35 Prozent der Bevölkerung deswegen ein Integrationsdefizit.

Etwa jeweils 30 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung fühlen sich wegen einer schwierigen Arbeitsplatzsuche, wegen Arbeitslosigkeit im Haushalt oder Problemen im Berufsalltag ganz oder teilweise ausgeschlossen. Auch gesundheitliche Probleme sind ein wichtiges Integrationshemmnis. Dies betrifft vor allem ältere Menschen und ist oft an ein niedriges Einkommensniveau gekoppelt. Für etwa ein Zehntel der Bevölkerung sind Probleme mit Freunden, Verwandten, der Familie oder kritische Lebensereignisse wie Scheidung, Trennung oder Tod eines nahe stehenden Menschen mit eingeschränkter sozialer Teilhabe verbunden. Ausweglosigkeit und Abwärtsdynamiken entstehen gerade dann, wenn kritische Lebenssituationen mit anderen Problemlagen wie finanziellen Engpässen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen zusammentreffen.
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10. Februar 2012
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Zustand der Gesellschaft - Armut und Reichtum
Editorial
Die phantasielose Gesellschaft
Soziales Kapital, sozialer Zusammenhalt und soziale Ungleichheit
Erosion des sozialstaatlichen Konsenses und die Entstehung einer neuen Konfliktlinie in Deutschland?
Armut und Reichtum in Deutschland
Armut und soziale Ausgrenzung im europäischen Kontext
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Das Europäische Jahr 2010 gegen Armut und soziale Ausgrenzung