Deutscher Widerstand 1933-1945
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Opposition und Widerstand der Arbeiterbewegung


30.4.2003
Die Jagd auf kommunistische und sozialdemokratische Parteimitglieder treibt viele ins Exil oder in den Untergrund. Propagandaaktionen aus der Illegalität stehen neben öffentlichem Beharren auf demokratischen Idealen.

Greta Kuckoff (rechts im Bild als Zuschauerin beim Globke-Prozess in der DDR 1963) war während des Nationalsozialismus Mitglied der Widerstandgruppe "Rote Kapelle". Als Gefangene im Zuchthaus Waldheim konnte sie von der Roten Armee befreit werden. 1945 trat sie in die KPD, lebte in der DDR und war Vizepräsidentin des Friedensrates der DDR.Greta Kuckoff (rechts im Bild als Zuschauerin beim Globke-Prozess in der DDR 1963) war während des Nationalsozialismus Mitglied der Widerstandgruppe "Rote Kapelle". Als Gefangene im Zuchthaus Waldheim konnte sie von der Roten Armee befreit werden. 1945 trat sie in die KPD, lebte in der DDR und war Vizepräsidentin des Friedensrates der DDR. Lizenz: cc by-sa/3.0/ (Bundesarchiv, 183-B0708-0014-004, Foto: Brüggmann, Eva; Stöhr)

Die kommunistische Partei



Mit 360000 Mitgliedern und etwa sechs Millionen Wählern Ende 1932 war die Kommunistische Partei (KPD) die drittstärkste Partei in Deutschland.

Als einzige große Organisation bereitete sie sich frühzeitig auf die Fortsetzung ihres Kampfes gegen die NSDAP für den Fall der Machtübernahme durch Hitler vor. Die KPD gedachte, den Widerstand gegen Hitler aus dem Untergrund zu führen, und rüstete sich für ein Leben in der Illegalität. Verstecke für Mitgliederkarteien, Waffen, Vervielfältigungsgeräte und Papier zum Druck von Flugblättern wurden organisiert, die zentralisierte Parteibürokratie richtete sich auf das Fortbestehen als Geheimorganisation ein. Von den kleinsten Einheiten, den Straßen-, Stadtteil-, Betriebszellen, über Orts- und Bezirksleitungen bis zum Zentral-Komitee sollte die Parteiorganisation im Untergrund arbeiten. Die deutschen Kommunisten glaubten, gelenkt von der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Moskau, darauf eingerichtet zu sein, mit Propagandamitteln im Alleingang den Nationalsozialismus zu überwinden. Zu den falschen Voraussetzungen für den Kampf gehörte die fortdauernde Frontstellung gegen die Sozialdemokraten, die von der KPD als "Soziallfaschisten" diffamiert und wie die NSDAP als Feinde gesehen wurden. Falsch war auch die Annahme, die Hitler-Regierung werde bald abgewirtschaftet haben. Unter politischem Widerstand verstanden die Kommunisten in den beiden Anfangsjahren des NS-Regimes die Demonstration ihrer Fortexistenz.

Am 7. Februar 1933 rief der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann auf einer geheimen Sitzung des Zentralkomitees in Ziegenhals bei Berlin die Parteifunktionäre zur "allerstärksten Aktivität" gegen die Hitlerregierung auf, um sie als "Regime des faschistischen Terrors, der kapitalistischen Aushungerung und des imperialistischen Krieges, als Regierung der Kapitalisten und Großgrundbesitzer (zu) entlarven". Das Rezept der KPD lautete: "Konzentration aller Kräfte auf die Entfaltung jeder Form des Massenwiderstandes, der Massenaktionen und Massenkämpfe auf der Linie: Demonstrationen, Streiks, Massenstreiks, Generalstreik." Die Kommunisten waren dem Terror, der unmittelbar nach Hitlers Regierungsübernahme hereinbrach, nicht gewachsen. Die Vorstellung, aus dem Untergrund heraus nicht nur den Nationalsozialismus zu besiegen, sondern auch eine durch ihn herbeigeführte revolutionäre Situation zu eigenen Gunsten ausnützen zu können, erwies sich sehr rasch als Illusion.

Die Nationalsozialisten nutzten den Reichstagsbrand in der Nacht des 27. Februar 1933 zum Verbot der KPD und zur gnadenlosen Jagd auf kommunistische Funktionäre. Für die NS-Propaganda stand fest, daß "die Kommunisten" das Reichstagsgebäude angezündet hatten. Für die daraus abgeleiteten Verfolgungen fanden die Nationalsozialisten Beifall auch außerhalb der eigenen Reihen. Bereits in den ersten Märzwochen wurden 11 000 Kommunisten verhaftet. Im Juni 1933 waren mehr als die Hälfte (17 von 28) Bezirksleitern der KPD nicht mehr in Freiheit, ebenso mehr als ein Drittel der Abgeordneten des Reichstags und des Preußischen Landtags.

Aufbau einer Auslandsleitung

Die Parteiführung wurde geteilt: im Juni 1933 verlegte die Partei einen Teil des Politbüros ins Ausland; als "Auslandsleitung" etablierten sich Wilhelm Pieck (1949-1960 Präsident der DDR), Franz Dahlem und Wilhelm Florin in Paris. Walter Ulbricht (1953-1971 Parteichef der SED in der DDR) und drei andere Mitglieder blieben als "Inlandsleitung" in Berlin. In grenznahen Orten des Auslands (Tschechoslowakei, Niederlande, Dänemark) und im Saargebiet (das noch bis 1935 unter Völkerbundsverwaltung stand) errichtete die KPD "Grenzstützpunkte". Von hier aus wurden Propagandaschriften nach Deutschland geschleust. Diese Stützpunkte dienten auch als Anlaufstationen für flüchtende Funktionäre und als Verbindungsgelenke zwischen den Aktivisten im Untergrund und der Emigration.

Der Kampf gegen die Nationalsozialisten wurde mit Flugblättern und Kleinzeitungen, Streuzetteln und Broschüren geführt. Sie wurden zunächst heimlich hergestellt in Deutschland, in zunehmendem Maße im Ausland gedruckt und unter großen Gefahren eingeschmuggelt und verteilt. Die Kommunisten erhofften davon zweifache Wirkungen: Einmal die Stärkung des Selbstbewußtseins in den eigenen Reihen; zum anderen sollten Schriften, z. B. über das KZ Dachau, den Deutschen die Augen öffnen und sie für den kommunistischen Widerstand gewinnen.

Gelegentlich machte die KPD durch spektakuläre Aktionen darauf aufmerksam, daß sie noch existierte: etwa durch rote Fahnen, die an Fabrikschornsteinen gehißt wurden, durch Sprechchöre auf Berliner Hinterhöfen und anderes mehr. So riskant und verlustreich diese Aktionen waren, so gering war doch ihre Wirkung. Während sich das NS-Regime festigte, lichteten sich die Reihen der Kommunisten immer schneller, ohne daß ihre massenhaft verbreiteten Druckschriften dem Nationalsozialismus geschadet oder den Kommunisten Verbündete aus anderen Oppositionskreisen eingebracht hätten. Die Zuchthäuser und Konzentrationslager füllten sich, die Führungspositionen der illegalen KPD mußten immer rascher neu besetzt werden.

Die Bilanz dieser Phase des kommunistischen Widerstandes ist mehr gekennzeichnet durch ungeheure Verluste als durch Erfolge. Der Aktionismus erschöpfte sich weitgehend in Demonstrationen, die Funktionären und Aktivisten Freiheit und Leben kosteten. Während die illegale kommunistische Organisation zerrieben und zerschlagen wurde, zweifelten auch immer mehr Kommunisten am Sinn der verlustreichen Propagandaoffensive; nicht zuletzt auch deshalb, weil die Flucht ins Ausland, auch wenn sie glückte, oft nicht die endgültige Rettung bedeutete. Denn die Funktionäre sollten sich nach dem Willen der Parteiführung im Exil nur erholen und für die Rückkehr zum illegalen Kampf in Deutschland stärken. Lediglich die am stärksten gefährdeten Unersetzlichen durften auf "Kampfposten Emigration" außerhalb des Deutschen Reiches verbleiben. Die rückblickende Feststellung eines Mitglieds der Auslandsleitung der KPD macht deutlich, welche Auffassung bis Mitte der 30er Jahre herrschte: Ein Menschenleben habe als gut und sinnvoll verbracht gegolten, wenn es in drei Monaten illegaler Arbeit gegipfelt habe. Ganz bewußt sind von der KPD also viele Menschen geopfert worden im Kampf gegen das NS-Regime unter falschen Voraussetzungen und in Anwendung ebenso erfolgloser wie verlustreicher Methoden.

Neue Taktik

Im August 1935 wurde im Anschluß an den Kongreß der Kommunistischen Internationale in Moskau eine Änderung der Taktik beschlossen. Die "Brüsseler Konferenz" (so lautete die Tarnbezeichnung für das Treffen deutscher Kommunisten in Moskau) stellte die Weichen neu: An die Stelle der Materialschlacht durch Druckschriften sollte Überzeugungsarbeit in den Betrieben treten, um unzufriedene Arbeiter über Kritik an der Sozialpolitik des NS-Staates als Verbündete zu gewinnen.

Der überzentralisierte Organisationsaufbau der KPD wurde aufgegeben, die Grenzstützpunkte außerhalb Deutschlands wurden ausgebaut, statt bürokratischer Gängelung sollte die illegale Parteibasis in größerer Eigenverantwortung den Kampf gegen das Hitlerregime führen. Zur neuen Taktik gehörte auch der Versuch, die bisher als "Sozialfaschisten" bekämpften Sozialdemokraten und andere Regimekritiker als Verbündete zu gewinnen (Volksfrontstrategie). Die Skepsis des sozialdemokratischen Widerstandes gegen die doktrinär-stalinistischen Kommunisten blieb bestehen. Von einem durch die KPD straff organisierten Widerstandskampf auf breiter Front gegen den Nationalsozialismus, wie er in der "Staatslegende" der DDR propagiert wurde, konnte in Wirklichkeit auch nach 1935 keine Rede sein. Die Propaganda-Aktivitäten hatten sich weitgehend in die Emigration verlagert.

Während die offizielle Basis des kommunistischen Widerstandes nach Stockholm (zur neuerrichteten "Auslandsleitung" der KPD) verlegt wurde, arbeiteten die noch in Deutschland operierenden kommunistischen Widerstandskämpfer seit dem Ausbruch der Zweiten Weltkrieges eigenständig. Ein Teil der aus KZ und Haftanstalten zurückgekehrten Funktionäre nahm den Kampf wieder auf, bildete neue Organisationen auf regionaler Ebene und versuchte auch die Vernetzung einzelner Gruppen. In Leipzig baute der Werkzeugschlosser Georg Schumann, der ehemals Reichstagsabgeordneter der KPD gewesen war, nach seiner Entlassung aus dem KZ Sachsenhausen 1938 eine Widerstandsorganisation auf. Im Juli 1944 verhaftete die Gestapo etwa 100 Mitglieder. Fast fünf Jahre lang hatte die Gruppe unentdeckt gearbeitet, Flugschriften gegen den Krieg verbreitet, die Wiedereinführung der Grundrechte propagiert und Sabotageaktionen in der Rüstungsindustrie betrieben. Die führenden Mitglieder der Gruppe wurden zum Tode verurteilt und noch im Januar 1945 hingerichtet.

Kommunistische Gruppierungen

Auf ähnliche Weise arbeitete in Hamburg die Bästlein-Gruppe. Sie existierte mit etwa 200 Mitgliedern (überwiegend KPD-Funktionäre, einige Sozialdemokraten und andere) von 1940 bis 1942. Leiter war der ehemalige Abgeordnete Bernhard Bästlein. Kontakte gab es auch zu anderen Gruppen, wie dem Kreis um Robert Uhrig und Beppo Römer, der in besonderer Weise charakteristisch dafür war, daß zu dieser Zeit (ab Kriegsbeginn) der kommunistische Widerstand nicht mehr den Vorgaben der Parteileitung im Ausland und den Direktiven der Komintern in Moskau folgte. Robert Uhrig war Werkzeugmacher, hatte als Kommunist eine Zuchthausstrafe verbüßt und anschließend eine weitverzweigte Organisation in Berlin aufgebaut, mit Verbindungen nach Hamburg, Mannheim, Leipzig, München und anderen Orten. Ab 1940/41 arbeitete Uhrig mit Beppo Römer zusammen, der seinen Weg von der äußersten Rechten zum Widerstand der Arbeiterbewegung gefunden hatte. Die Uhrig-Römer-Gruppe gab eine regelmäßige Flugschrift "Informationsdienst" heraus. Sie rief zu Sabotageakten auf und bemühte sich um Informationen zur wirtschaftlichen und militärischen Lage. Ziel der Gruppe war die Errichtung eines sozialistischen Staates nach dem Sturz der Hitler-Diktatur. Die Gestapo verhaftete im Februar 1942 mehr als 200 Mitglieder in Berlin und München, unter ihnen Römer und Uhrig, die im August und September 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet wurden.

Im Oktober 1942 zerschlug die Gestapo in Hamburg die Widerstandsgruppe um Bernhard Bästlein. Eines ihrer Mitglieder, der frühere Abgeordnete Franz Jacob, entkam nach Berlin und schloß sich dem Maschinenbauer Anton Saefkow an, der nach seiner KZ-Haft eine Widerstandsorganisation aufgebaut hatte. 1925 war Jacob von der SPD zur KPD übergewechselt, die er 1932 in der Hamburger Bürgerschaft vertrat. Von 1933 bis 1940 war er in Gefängnis bzw. KZ inhaftiert gewesen. Die Saefkow-Jacob-Gruppe übernahm auch die Nachfolge der Uhrig-Römer-Gruppe, indem sie deren nicht verhaftete Mitglieder sammelte und ein neues Netz illegaler Zellen in Berliner Fabriken aufbaute. Die Saefkow-Jacob-Gruppe unterhielt Kontakte zu anderen Gruppen des kommunistischen Widerstandes und bemühte sich um die Bildung einer überparteilichen antifaschistischen Bewegung mit dem Nahziel der raschen Beendigung des Krieges und dem Fernziel eines demokratischen Deutschland, unter sozialistischen Vorzeichen. Fäden wurden bis hin zum Kreisauer Kreis geknüpft. Das gemeinsame Ziel war die Überzeugung, den Sturz Hitlers herbeiführen zu müssen. Im Juli 1944 zerschlug die Gestapo auch die Saefkow-Jacob-Gruppe, eine der größeren Widerstandsorganisationen.

Den 1933 propagierten und nach 1945 in der ehemaligen DDR ständig gefeierten Massenwiderstand der Kommunisten hat es nur zu Beginn der NS-Herrschaft gegeben. Das ändert nichts daran, daß die Kommunistische Partei die größte Zahl von Toten im Widerstand gegen die Hitlerdiktatur zu beklagen hatte. Festzuhalten bleibt, daß politischer Widerstand der Kommunisten in mehreren Phasen und auf ganz unterschiedliche Weise geleistet wurde. Die erste Phase, bis Mitte der 30er Jahre, war gekennzeichnet durch einen verlustreichen Aktionismus, angeordnet durch eine starre Parteibürokratie. Dem Werben um Bündnispartner ab August 1935 war ebensowenig Erfolg beschieden wie der Verlagerung des Widerstandes in die Betriebe. Das lag einerseits an den Wirkungen der nationalsozialistischen Politik (Ende der Arbeitslosigkeit) und andererseits an der Resignation vieler Arbeiter. Im Kriege wurde der Widerstand von Einzelnen getragen. Sie folgten auf sich gestellt weniger den Parteilinien, sondern suchten die Zusammenarbeit mit Hitlergegnern anderer politischer Überzeugungen.