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Informationen zur politischen Bildung (Heft 243)
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Kirchen - Selbstbehauptung und Opposition |

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Wolfgang Benz
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Vertreter der evangelischen Kirche kamen ab Frühjahr 1933 in Konflikt mit dem Staat. Sie widersetzten sich den Gleichschaltungsversuchen, die sich gegen die traditionellen Selbstverwaltungsstrukturen kirchlicher Organisation richteten. Die Nationalsozialisten wollten eine Kirchenreform durchsetzen, die aus den
28 selbständigen evangelischen Landeskirchen eine einheitliche und gleichförmige "Reichskirche" gemacht hätte, die unter einem "Reichsbischof" nach dem Führerprinzip organisiert sein sollte. Viele evangelische Christen hatten sich dem Nationalsozialismus angeschlossen; sie kämpften, vielfach erfolgreich unter der Bezeichnung "Deutsche Christen" bei den Wahlen für kirchliche Gremien (Synoden) um die Mehrheit. Seit Herbst 1932 traten unter Führung nationalsozialistischer Pfarrer die "Deutschen Christen" auch als Organisation an die Öffentlichkeit. Ihnen standen evangelische Christen, Pfarrer wie Laien, gegenüber, die zunächst nur der Maxime folgten, daß die Kirche sich nicht in staatliche Belange und der Staat sich nicht in kirchliche Angelegenheiten einmischen dürfe. Aus dieser Haltung heraus entwickelte sich, im Kampf um Tradition und Organisation der Landeskirchen, religiös und zunehmend auch politisch motivierte Opposition gegen den NS-Staat.
In der Abwehr der "Deutschen Christen", die bei den Kirchenwahlen im Juli 1933 mit massiver Unterstützung der NSDAP mehr als 70 Prozent der abgegebenen Stimmen errungen hatten, organisierte sich allmählich die kirchliche Opposition in Form der Bekennenden Kirche. Auf ihrer Synode in Wuppertal-Barmen wurden im Mai 1934 grundsätzliche Einwände formuliert. Diese "Barmer Theologische Erklärung" enthielt die Kernaussage, auch der totale Staat finde seine Grenze an den Geboten Gottes und es sei Aufgabe der Kirche, "an die Verantwortung der Regierenden und Regierten" zu erinnern. Die Synode war zusammengetreten, um "der Zerstörung des Bekenntnisses und damit der evangelischen Kirche in Deutschland im Glauben und in der Einmütigkeit zu widerstehen. Den Versuchen, durch falsche Lehre, durch Anwendung von Gewalt, Unlauterkeit des Vorgehens die Einheit der Deutschen Evangelischen Kirche herzustellen, setzt die Bekenntnissynode entgegen: Die Einigkeit der evangelischen Kirchen Deutschlands kann nur werden aus den Worten Gottes im Glauben durch den Heiligen Geist".
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Quellentext
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Barmer Theologische Erklärung 1934 [...] Wir erklären vor der Öffentlichkeit aller evangelischen Kirchen Deutschlands, daß die Gemeinsamkeit dieses Bekenntnisses und damit auch die Einheit der Deutschen Evangelischen Kirche aufs schwerste gefährdet ist. Sie ist bedroht durch die in dem ersten Jahr des Bestehens der Deutschen Evangelischen Kirche mehr und mehr sichtbar gewordene Lehr- und Handlungsweise der herrschenden Kirchenpartei der Deutschen Christen und des von ihr getragenen Kirchenregimentes. Diese Bedrohung besteht darin, daß die theologische Voraussetzung, in der die Deutsche Evangelische Kirche vereinigt ist, sowohl seitens der Führer und Sprecher der Deutschen Christen, als auch seitens des Kirchenregimentes dauernd und grundsätzlich durch fremde Voraussetzungen durchkreuzt und unwirksam gemacht wird. [...]
1. "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich' (Joh. 14, 6). 'Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Mörder. Ich bin die Tür; so jemand durch mich eingeht, der wird selig werden" (Joh. 10, 1.9).
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen. [...]
Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit der Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, daß sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte. Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen. [...]
Die Schrift sagt uns, daß der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maße menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnungen an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.
Quelle: Georg Denzler/Volker Fabricius (Hrsg.), Die Kirchen im Dritten Reich, Dokumente, Band 2, Fischer TBVerlag, Frankfurt a. Main 1984, S. 89 f.
Dahlemer Bekenntnissynode
20. Oktober 1934:
[...] II. 1. Alle unsere von Schrift und Bekenntnis erhobenen Proteste, Warnungen und Mahnungen sind umsonst geblieben. Im Gegenteil, die Reichskirchenregierung hat unter Berufung auf den Führer und unter Heranziehung und Mitwirkung politischer Gewalten rücksichtslos ihr kirchenzerstörendes Werk fortgesetzt. [...]
III. 1. Wir stellen fest: Die Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche ist zerschlagen. Ihre rechtmäßigen Organe bestehen nicht mehr. Die Männer, die sich der Kirchenleitung im Reich und in den Ländern bemächtigen, haben sich durch ihr Handeln von der christlichen Kirche geschieden.
2. Auf Grund des kirchlichen Notrechtes der an Schrift und Bekenntnis gebundenen Kirchen, Gemeinden und Träger des geistlichen Amtes schafft die Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche neue Organe der Leitung [...]
3. Wir fordern die christlichen Gemeinden, ihre Pfarrer und Ältesten auf, von der bisherigen Reichskirchenregierung und ihren Behörden keine Weisungen entgegenzunehmen und sich von der Zusammenarbeit mit denen zurückzuziehen, die diesem Kirchenregiment weiterhin gehorsam sein wollen. Wir fordern sie auf, sich an die Anordnungen der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche und der von ihr anerkannten Organe zu halten. [...]
Quelle: Georg Denzler/Volker Fabricius (Hrsg.), Die Kirchen im Dritten Reich, a. a. O., S. 93 f.
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Bei solchem Protest gegen die weltliche Obrigkeit ging es in erster Linie noch gegen die Kirchenpolitik des Nationalsozialismus. Die oppositionellen Kirchenvertreter, die immerhin Hitlers Absicht, die evangelische Kirche in das NS-System einzugliedern, durch ihre Haltung vereiteln konnten, blieben noch lange im Zwiespalt zwischen der vom Christen geforderten Loyalität gegenüber dem Staate einerseits und den staatlichen Verstößen gegen christliche Gebote andererseits.
Widerstand im politischen Sinne, in der Absicht, das nationalsozialistische Regime zu stürzen, hat die Bekennende Kirche als Ganzes nicht geleistet. Sie kämpfte erst für die Unversehrtheit ihrer organisatorischen Strukturen und dann für die Unabhängigkeit der kirchlichen Lehre, nach welcher die christlichen Gebote nicht der NS-Ideologie unterstellt werden durften. Das Regime aber fühlte sich durch diese kirchlich-theologische Widersetzlichkeit vielfach auch politisch-ideologisch getroffen. Durch alle Landeskirchen ging von nun an ein Riß, die Fronten waren durch die Anhänger der Bekennenden Kirche, die immer mehr in grundsätzliche Opposition zum Staat gerieten, einerseits und die "Deutschen Christen", die überzeugte Nationalsozialisten waren, andererseits bestimmt. Bei vielen Christen der Bekennenden Kirche wurde aus der oppositionellen Haltung schließlich politischer Widerstand. Sie kämpften, ihrem Gewissen verpflichtet und oft ganz auf sich gestellt, manchmal auch von Gemeindemitgliedern unterstützt mit ihren Mitteln - Predigt und Schrift - erst gegen Übergriffe des Staates ins kirchliche Leben, dann gegen die praktizierte nationalsozialistische Ideologie, die sich z. B. gegen Behinderte richtete. Sie wendete sich zudem gegen einen christlichen Glauben, der sich mit Antisemitismus und "neuheidnischen Irrlehren" vermischte. Dazu gehörte die Forderung nach einem "heldischen Jesus" ebenso wie das Verlangen nach "artgemäßem" Glauben, gegründet auf "Rasse, Volkstum und Nation".
Das Vertrauen der katholischen Kirche in die Zusicherungen Hitlers vom Frühjahr 1933 wich bald der Ernüchterung. Nationalsozialistische Demonstrationen und Straßenterror beim "Gesellentag" des katholischen Kolpingvereins im Juni 1933 in München wurden offiziell noch als Mißverständnis gewertet und mit bischöflichen Ermahnungen zu äußerster Zurückhaltung beantwortet. Provokationen bei Fronleichnamsprozessionen, die zunehmende Behinderung katholischer Vereinsarbeit, Propaganda gegen Bekenntnisschulen, gegen Kruzifixe in Schulen oder Unterbindung katholischer Publizistik zeigten, was von Hitlers Anbiederungsversuchen an die katholische Kirche zu halten war. |
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10. Februar 2012
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Dossier |
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Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 55 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte? |
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