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Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

Anfänge des modernen Fußballs


Franz-Josef Brüggemeier
Inhalt

Einleitung

Vorreiter Großbritannien

Entwicklungen in Deutschland

Zwischen Faszination und Ablehnung

Elemente des Fußballs

Zwischen Faszination und Ablehnung
Fußball ist ein körperliches Spiel - eine Feststellung, die uns heute so selbstverständlich ist, dass wir sie kaum noch beachten. Das war bei der Einführung dieses Sports in Deutschland ganz anders: Der Fußball bot die Möglichkeit, den eigenen Körper freier, unkontrollierter und auch exzessiver einzusetzen, als es damals nicht nur im Turnen, sondern generell üblich war. Als die ersten Lehrer den Fußball im Unterricht einführten, waren die unteren Klassen begeistert, doch ab der Mittelstufe genierten sich die Schüler, in aller Öffentlichkeit in kurzer Hose und zudem noch bei einem Spiel gesehen zu werden. In einem Rückblick auf die 1890er Jahre heißt es: "Sexta und Quinta erschienen von Anfang an in großer Zahl auf dem Spielplatze; [...]. Die Quartaner schämten sich bereits, so öffentlich zu spielen [...]. Die Schüler der oberen Klassen waren vollends von dieser Scham noch mehr eingenommen" und legten diese erst ab, wenn kein neugieriger Zuschauer zugegen war. Doch auch jetzt waren sie noch "angekleidet mit Kragen, Schlipsen, Manschetten, Mützen, einer sogar mit einem Hute, nur zwei von der ganzen Schar haben wenigstens ihre Jacke ausgezogen". Aus den folgenden Jahren gibt es mehrfach Berichte, dass Spieler öffentliches Ärgernis erregten, wenn sie in kurzen Hosen über die Straße zum Spielfeld gingen - feste Plätze, Umkleidekabinen oder Vereinshäuser gab es anfangs noch nicht.
Nicht nur mit der Bekleidung verließen Fußballer und andere Sportler vertraute Bahnen. Der vorherrschenden Auffassung zufolge gehörte zu einer gesunden Lebensweise - so eine viel zitierte Aussage des Philosophen Arthur Schopenhauer - "die Vermeidung aller Exzesse und Ausschweifungen, aller heftigen und unangenehmen Gemütsbewegungen". Schopenhauer empfahl deshalb 1851 einen täglichen Spaziergang von zwei Stunden, viel kaltes Baden und entsprechende diätetische Maßregeln. Meyers Konversationslexikon von 1907 sah den "Sportsmann oft in Gefahr, durch übermäßige Anstrengungen [...] seine Gesundheit ernstlich zu schädigen". Einzelne Organe könnten auf Kosten der anderen übermäßig ausgebildet werden und "infolgedessen Herz- und Lungenkrankheiten und organische Fehler sich herausbilden". Pierre de Coubertin hingegen, Begründer der modernen Olympischen Spiele 1896 und Anhänger des Sports, lobte dessen Tendenz zum "Exzess". Der Sport strebe nach "größerer Geschwindigkeit, größerer Höhe und stärkerer Kraft - immer nach mehr. Das ist sein Nachteil, meinetwegen - im Hinblick auf das menschliche Gleichgewicht. Doch das ist auch sein Adel - seine Poesie". "Verhaltenheit" in den Bewegungen lehnte Coubertin ab. Der Sport verlange vielmehr von dem Auszuübenden "in jedem Augenblick ohne Zögern und ohne Reserve seine volle Kraft".
Neben dieser Betonung des körperlichen Einsatzes und der Verausgabung trug zur Attraktion des Fußballs auch seine Herkunft aus England bei, die allerdings auch heftige Kritik hervorrief. Die weite Verbreitung englischer Begriffe galt als "Englischtümelei" und rief den Unmut derjenigen hervor, die in England einen Konkurrenten Deutschlands im Kampf um eine Großmachtstellung sahen. Andere jedoch sahen England als ein Vorbild, als Land aus dem neue Entwicklungen, Trends oder Moden kamen, vergleichbar mit den USA nach 1945. Fußball war ein neuer Trend: Das zeigten die modischen Trikots, Bälle und Schuhe, die im Kaiserreich weitgehend aus England importiert wurden; englische Mannschaften, die zu Gastspielen nach Deutschland kamen, lockten zahlreiche Zuschauer an; mit englischen Ausdrücken konnte man zeigen, wie "modern" man war.
Damit sind die globalen Dimensionen des Fußballs angesprochen, die von Beginn an zu erstaunlich regen internationalen Kontakten führten. Es kamen nicht nur englische Mannschaften nach Deutschland, auch deutsche Mannschaften fuhren zu Spielen ins Ausland, sei es nach England oder in andere europäische Länder. Der SC Freiburg etwa unternahm 1914 eine Reise nach Italien und trat in Genua an; in den Jahren zuvor hatte er in Basel und Olten in der Schweiz gespielt.
Diese Reisen waren ein großes Abenteuer. Das gilt um so mehr, als die am Fußball Interessierten überwiegend sehr jung waren. Die Arbeiter, die Schalke 04 gründeten, waren noch keine 16 Jahre alt, und die Spieler des FC Freiburg, die 1907 Deutscher Meister wurden, zählten im Durchschnitt gerade einmal 21 Jahre. Über die Motive dieser Jugendlichen lassen sich wenig exakte Aussagen treffen. Doch vieles spricht dafür, den Fußball als Teil einer neuen Jugendkultur zu sehen, die aufregende, aus dem Ausland kommende Trends aufnahm und so attraktiv war, dass auch die Turner sich öffneten, spielerische Elemente verstärkten und zunehmend selbst Fußball in ihren Vereinen anboten.
Die bisher genannten Aspekte haben um die Jahrhundertwende nahezu ausschließlich junge Männer angesprochen. Daran änderte sich in den folgenden Jahrzehnten wenig. Fußball blieb eine Männer-Domäne, die kaum Frauen anzog und an Orten gespielt, geschaut und gefeiert wurde, zu denen diese keinen bzw. nur beschränkten Zugang besaßen: in der Öffentlichkeit der Sportplätze und in den Männergemeinschaften nach den Spielen, am Arbeitsplatz, in Kneipen oder in den Vereinsheimen. Hier konnten Männer Emotionen erfahren und ausleben, die ansonsten nicht, zumindest nicht in dieser Intensität, gestattet waren. Damit sind nicht so sehr die Krawalle und der Alkoholkonsum rund um Fußballspiele gemeint, die von Anfang an dazu gehörten. Interessanter waren Emotionen wie das bereits erwähnte Austoben auf dem Platz, die Exzesse, von denen Coubertin sprach, die Gefühle von Sieg oder Niederlage, die Äußerungen tiefer Trauer und größter Begeisterung, bis hin zu Tränender Freude oder Enttäuschung.
In den letzten Jahren ist vielfach die These vertreten worden, derartige Gefühlsäußerungen seien Männern - im Gegensatz zu Frauen - öffentlich nicht erlaubt gewesen. Das Beispiel des Fußballs lässt Zweifel daran aufkommen, denn es zeigt, dass Männer, zumindest in bestimmten Schichten, sehr wohl Gelegenheiten besaßen, Gefühle öffentlich auszudrücken. Dies stellten übrigens bereits Zeitgenossen fest: "Auf dem Felde des Sports ist es nicht lächerlich, leidenschaftlich zu sein und das Leben zu wagen, hier kann der Mensch sich austoben, seinen primitiven Gefühlen und Instinkten sich überlassen." Dies war ansonsten kaum gestattet, und deshalb bezeichnete der Autor dieser Zeilen aus dem Jahre 1909 den Sport als den größten "Luxus unserer Zeit". Seine Anhänger, so fuhr er fort, seien nur "selten noch zu etwas anderem zu gebrauchen, namentlich in gesellschaftlicher Beziehung". Sie verfolgten - mit anderen Worten - keine höheren Ziele und entzogen sich gesellschaftlichen Vorstellungen. Damit ist ein weiteres Element des Fußballs (und des modernen Sportes generell) angesprochen, nämlich die Möglichkeit, seine Emotionen auszuleben und sich zu engagieren, ohne dabei bestimmte Ziele zu verfolgen.
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10. Februar 2012
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Inhalt
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Fußball - mehr als ein Spiel
Editorial
Vom Randphänomen zum Massensport
Anfänge des modernen Fußballs
Entwicklung zum Volkssport
Juden im deutschen Fußball
Das "Fußballwunder" von 1954
Aufstieg des Frauenfußballs
Zuschauer, Fans und Hooligans
Geld und Spiele
Fußball weltweit
Daten zu den Teilnehmerländern der Fußball-WM 2006
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Schriftenreihe (Bd. 519)
Fußball unterm Hakenkreuz
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Der Historiker Nils Havemann beschreibt in seiner Darstellung, mit welchen Mitteln es den Nationalsozialisten gelang, den vordergründig "unpolitischen" Volkssport Fußball zur Stabilisierung ihres Systems zu missbrauchen.
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