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Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

Anfänge des modernen Fußballs


Franz-Josef Brüggemeier
Inhalt

Einleitung

Vorreiter Großbritannien

Entwicklungen in Deutschland

Zwischen Faszination und Ablehnung

Elemente des Fußballs

Elemente des Fußballs

Nation und Militär

Der Fußball war gerade in Deutschland von Beginn an durch politische Kontroversen bestimmt. Im Kaiserreich erfassten die Spannungen zwischen den Großmächten, insbesondere zwischen Deutschland und Großbritannien, auch den Fußball. Diejenigen, die sich um einen Ausgleich bemühten, wurden als "gehorsame Affen des Auslandes" bezeichnet, und der "Allgemeine Deutsche Sprachverein" forderte die Fußballspieler auf, keine englischen Ausdrücke zu benutzen. Entsprechende Forderungen wurden auch auf der Gründungsversammlung des DFB gestellt, bei dem sich zunehmend nationale Positionen durchsetzten. Dazu trugen auch die Bemühungen bei, die Wehrfähigkeit der männlichen Jugendlichen zu erhöhen, wofür Mannschaftssportarten wie der Fußball sich besonders zu eignen schienen. Dieser stelle, so eine Verbandsgeschichte 1908, "hohe Anforderungen an gewecktes und schlagfertiges Wesen: Umsicht und Mut, Geistesgegenwart und schnelle Auffassungsgabe werden stetig geübt und gesteigert. Wie zwei gerüstete Heere ziehen die Spielparteien auf dem Spielfeld gegeneinander zu Angriff und Verteidigung. Ein jeder hat den Platz, auf welchen er gestellt ist, mit dem Aufgebot aller körperlichen und geistigen Mittel und Kräfte zum Vorteil seiner Partei auszufüllen und alles zu tun, um seinen Leuten, seiner Farbe, den Sieg zu sichern.
Angesichts solcher Auffassungen überrascht es nicht, dass der DFB 1911 dem Jungdeutschlandbund beitrat, der die "Entartung der Jugend im allgemeinen, den Rückgang der Tauglichkeit unserer jungen Männer zum Heeresdienste" bekämpfen wollte und die Zukunft in einer "wehrhaft heranwachsenden Jugend" sah. Entsprechend hieß es 1914 in einem Buch über den Fußball: "Ein Fußballwettkampf hat Ähnlichkeit mit dem Krieg." Auch im Militär setzte sich die Auffassung durch, dieser Sport eigne sich besonders gut für Soldaten, da er sowohl Mannschaftsgeist wie auch Individualität fördere, Disziplin einübe und zusätzlich die Fähigkeit verlange, rasch auf neue Situationen zu reagieren - Fähigkeiten, die der moderne Krieg erfordere.
Solche Aussagen waren zu dieser Zeit nicht nur im deutschen Kaiserreich, sondern auch in anderen europäischen Ländern zu hören und belegen einen allgemeinen Trend zu Imperialismus und Militarismus. In Großbritannien etwa hat sich Robert Baden-Powell in diesem Sinne geäußert und entsprechend die Ziele der von ihm 1907 gegründeten Pfadfinderbewegung beschrieben.
Doch diese Entwicklungen blieben nicht ohne Widerspruch. So stieß der Beitritt des DFB zum Jungdeutschlandbund auf Kritik, insbesondere bei denjenigen, die im Sport weiterhin den "erfolgreichsten Förderer der Friedensidee" sahen. Ohnehin lässt sich kaum beurteilen, welche Auswirkungen die zitierten kriegerischen Aussagen hatten. Auch beim Fußball waren Zuschauer und Spieler wohl weniger an den flammenden Reden und patriotischen Verlautbarungen interessiert als an Spiel, sportlicher Anstrengung und Wettkampf. Die Jugendjahre von Sepp Herberger, dem späteren Trainer der Nationalmannschaft, sind dafür ein gutes Beispiel.

Anerkennung und Aufstieg

Josef, besser bekannt als Sepp, Herberger wurde am 28. März 1897 geboren und wuchs in einer Arbeiterkolonie in Mannheim auf. Als der Vater 1909 starb, verarmte die Familie über Nacht und wurde aus der Wohnung verwiesen. Der junge Herberger musste zum Familieneinkommen beitragen und deshalb 1911 die Schule verlassen, um zuerst als Maurer, dann als Fabrikarbeiter und später als Bürogehilfe Geld zu verdienen. Einen Teil seiner freien Zeit verbrachte er im Katholischen Jugendverein Mannheim, der - wie andere kirchliche Gruppen - Jugendliche durch die Möglichkeit ansprach, Fußball spielen zu können. Das galt auch für Herberger, dessen Begeisterung für diesen Sport mit einem außergewöhnlichen Talent verbunden war, auf das die umgebenden Vereine bald aufmerksam wurden. So wechselte Herberger 1913 zum SV Waldhof Mannheim, der ihn förderte und bereits mit 16 Jahren in der ersten Mannschaft aufstellte. 1916 wurde er zum Militärdienst eingezogen, aber wegen seines Talents als Fußballer erst im Jahr darauf zur Front versetzt und anschließend mehrfach für Spiele freigestellt, so dass er den Krieg unversehrt überstand.
Dieser Werdegang war etwas ungewöhnlich, doch er spiegelt exemplarisch die Gründe wider, die zur rasch wachsenden Beliebtheit des Fußballs geführt haben: Bei diesem Sport konnte jeder mitmachen, ohne festgefügte Rituale zu beachten oder aus bestimmten Schichten zu stammen. Wer zudem, wie Herberger, Talent bewies, konnte hohes Ansehen erlangen oder sogar sozial aufsteigen, sodass dieser Sport gerade innerhalb der damaligen Arbeiterschaft und bei anderen sozialen Gruppen, die neu entstanden und ihren Platz in der Gesellschaft noch finden mussten, zahlreiche Anhänger fand.
Die damalige Arbeiterbewegung hat den Beitritt von Arbeitern zu "bürgerlichen" Fußballvereinen als Verlust an Klassenbewusstsein beklagt. Empirische Belege für diese Behauptung gibt es jedoch nicht. Vielmehr spricht vieles dafür, dass die Arbeiter in den deutschen (und britischen) Industriegebieten, in denen der Fußball zahlreiche Anhänger besaß, politisch besonders aktiv waren. Zugleich jedoch hat die Klage der Arbeiterbewegung einen zutreffenden Kern. Denn Fußballvereine waren nicht zuletzt deshalb wichtig, weil sie Gemeinschaftserfahrungen und Identifikationsmöglichkeiten boten, die nicht politisch aufgeladen waren. Sie standen vielmehr (fast) allen offen und konnten Personen zusammenführen, die unterschiedlicher Herkunft waren und unterschiedliche Meinungen vertraten.

Spannung und Unterhaltung

Zusätzlich bot der Fußball noch etwas, was ebenfalls neuartig war und ein wichtiges Merkmal moderner Gesellschaften darstellt, über das wir bisher wenig wissen: Er bot Spannung. Heute wird diese Spannung im Alltag ganz selbstverständlich und in großer Vielfalt bereitgestellt: Kino und Fernsehen, Bücher, Sportereignisse oder die alltäglichen Nachrichten offerieren sie ebenso wie Hitparaden, Lotto- und Totospiele, Wahlergebnisse oder Bestsellerlisten. Diese Formen der Spannung und vor allem ihre große Verbreitung sind neuen Datums und erlebten in Deutschland erst um 1900 ihren Durchbruch. Zu dieser Zeit setzten sich Tageszeitungen durch, die in großer Auflage erschienen, aktuell berichteten und erschwinglich waren; sportliche Wettbewerbe wie Auto- und Fahrradrennen oder Boxwettkämpfe breiteten sich aus; die ersten Filme entstanden, und Fortsetzungs- sowie Kriminalromane erreichten ein breites Publikum. Hinzu kam der Fußball, der bis heute wesentlich von seiner Spannung lebt, über die Sepp Herberger einmal sagte: "Die Leute gehen in die Stadien, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht."
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10. Februar 2012
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Inhalt
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Fußball - mehr als ein Spiel
Editorial
Vom Randphänomen zum Massensport
Anfänge des modernen Fußballs
Entwicklung zum Volkssport
Juden im deutschen Fußball
Das "Fußballwunder" von 1954
Aufstieg des Frauenfußballs
Zuschauer, Fans und Hooligans
Geld und Spiele
Fußball weltweit
Daten zu den Teilnehmerländern der Fußball-WM 2006
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Schriftenreihe (Bd. 519)
Fußball unterm Hakenkreuz
Fußball unterm Hakenkreuz
Der Historiker Nils Havemann beschreibt in seiner Darstellung, mit welchen Mitteln es den Nationalsozialisten gelang, den vordergründig "unpolitischen" Volkssport Fußball zur Stabilisierung ihres Systems zu missbrauchen.
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