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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 01-02/2005)

Biographik und Zeitgeschichte


Alexander Gallus
Inhalt

Einleitung

Biographisches Verlangen und Unbehagen

Britische und deutsche Erfahrungen

Leistungen und Kritik

Biographisches Verlangen und Unbehagen
Das anhaltende "biographische Verlangen" ging indes lange mit wissenschaftlichen Vorbehalten gegenüber dieser Gattung einher - vor allem in Deutschland, anders als in Großbritannien und den USA, wo die Biographie traditionell den Ruf einer Königsgattung genießt. Hierzulande stieß die biographische Methode bei Geschichtsforschern wegen des angeblich konservativ-historistischen Charakters und der behaupteten Theoriearmut auf Skepsis und löste eine Auseinandersetzung aus, die in den siebziger Jahren mit der Etablierung der "historischen Sozialwissenschaft" oder gar mit dem "Triumph der historischen Strukturanalyse" - so einer ihrer Kritiker - einen Höhepunkt erreichte.[2] Die Front verlief zwischen jenen, die Personen für den Gang der Zeiten als entscheidend betrachten, und jenen, die dafür abstrakte Kräfte und die "Durchschlagskraft von Kollektivphänomenen"[3] ins Feld führen. Für viele Politik- und Sozialwissenschaftler, die seit jeher stärker als Historiker Strukturen und Typologien betonen, hatte der biographische Zugang ohnehin etwas Anrüchiges an sich.

Es mag zutreffen, dass die "Abneigung gegen die Biographie" zu einem guten Teil der "schmerzlichen Einsicht" entstammt, so Klaus Harpprecht 1998 mit spitzer Feder, "dass sie in Gottes Namen auch Literatur ist: dass sie Gestaltung, Formkraft, Urteilswillen und vor allem Sprache verlangt - Talente, die der Schöpfer nicht im Übermaß auf die akademische Welt der Deutschen herabregnen ließ".[4] Dieser nicht ganz falsch diagnostizierte und keinesfalls zu vernachlässigende Missstand - schließlich befördert er eine Entfremdung von Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit[5] - ändert jedoch wenig an der Tatsache, dass die Biographie in der Zeitgeschichtsforschung und inzwischen selbst in Sozial- und Politikwissenschaften zunehmend salonfähig geworden ist.[6]

Wenn die Politologen auch längst ihre alten Vorbehalte gegenüber diesem Genre aufgegeben haben, so nimmt die Biographieforschung in ihrem Bereich doch weiterhin kaum mehr als einen randständigen Platz ein. Der Politikwissenschaftler Paul-Ludwig Weinacht beklagte, das gängige Dimensionen-Gefüge des Politischen spare personale Aspekte weitgehend aus. Die "general theories" der Disziplin, monierte er, seien "so abstrakt geworden, dass 'Personen` in ihnen nicht einmal als 'Spielsteine` darstellbar sind"[7]. Das politologische Dreieck aus polity (strukturelle Dimension), politics (prozessuale Dimension) und policy (inhaltliche Dimension der Politik) sei um die personale Dimension (politician/citizen) zu einem Viereck zu erweitern. Denn: "Politik muss Personen und Personengruppen in ihrem Mit- und Gegeneinander als Freund, Gegner, Feind zum Thema haben können, zumal sie sich in 'individuellen`, in 'emotional besetzten`, in 'sittlichen` Beziehungen vorfindet und das sowohl in den Grundeinheiten des politischen Prozesses (als Bürger) als auch insbesondere in den repräsentativen bzw. amtsgebundenen Formen (als Politiker oder Staatsmann)."[8]

Dagegen stellte Paul Erker 1993 in seinen Überlegungen zur "Zeitgeschichte als Sozialgeschichte" innerhalb der sozialhistorischen Forschung einen Trend zu einer "new biographical history" und einer "new elite history" fest.[9] Eine Einführung in die historische Sozialisationsforschung sprach wenig später sogar von einer "massiven Hinwendung zu Lebenslauf und Biographie als Forschungsgegenstand" in den empirischen Sozialwissenschaften während der letzten zwanzig Jahre.[10] Als Beleg hierfür können die 1976 gegründete Zeitschrift "Historical Social Research" des Kölner Zentrums für Historische Sozialforschung, das sich unter der Ägide von Heinrich Best und Wilhelm Heinz Schröder nicht zuletzt der "kollektiven Biographik" in Theorie und Praxis widmet, sowie das 1988 erstmals erschienene interdisziplinäre Organ "BIOS" dienen. Die Zeitschrift betrachtet sich als Forum, "in dem die qualitative, vor allem an Einzelfällen orientierte Biographieforschung und die quantitative, an Kohorten und Gruppen orientierte Lebenslaufforschung zu einem fruchtbaren Austausch gelangen". Sie will dazu beitragen, "eine Frontstellung zwischen den methodischen Ansätzen mit ihren wissenschaftstheoretischen Traditionen zu überwinden".[11]

Mittlerweile sind die Frontlinien aufgebrochen, schlagen - in der Geschichtswissenschaft allemal - "Intentionalisten" und "Strukturalisten" versöhnliche Töne an und suchen nach einer symbiotischen Verknüpfung beider Ansätze. Der Gedanke Heinrich von Treitschkes vom bewussten Willen handelnder Männer, der die Geschichte mache, gilt heute als ebenso naiv wie eine Position, die den Geschichtsverlauf getreu der marxistischen Lehre allein auf ökonomische Bewegungsgesetze zurückführt. Gleichwohl finden sich in biographischen Studien mit akademischem Anspruch noch häufig elaborierte, mehr oder weniger ertragreiche methodologische und theoretische Ausführungen, die einem "Unbehagen an der wissenschaftlichen Biographie"[12] Ausdruck verleihen.

Wie fruchtbar es sein kann, sich von der Fixierung auf einen methodischen Zugang oder ein geschichtstheoretisches Konzept zu verabschieden, belegte am Beispiel einer Einzelbiographie Ian Kershaw in eindrucksvoller Weise. Sein "Hitler" ist, gleichsam als gesellschaftsbiographisches Werk, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Versöhnung von Persönlichkeit, Gesellschaft und Struktur in der NS-Forschung.[13] Kershaw hat nach eigener Aussage einen Ansatz gewählt, der ihn "mehr auf die Erwartungen und Motivationen der deutschen Gesellschaft" blicken ließ "als auf Hitlers Persönlichkeit".[14] Seine Biographie Adolf Hitlers steht stellvertretend für einen historischen Zugriff, der unbefangener als bisher politik- und diplomatiegeschichtliche mit sozial- und strukturgeschichtlichen Ansätzen, Biographie mit den profound forces der Geschichte verbindet.

Kershaws von einem Methodenpluralismus getragene Arbeit, die eine personenbezogenemit einer gesellschaftlich-ökonomischen und einer politisch-ideologiegeschichtlichen Sichtweise in Einklang bringt, scheint den alten Streit zwischen "Strukturalisten" und "Personalisten" aufgehoben zu haben. In den Reaktionen auf sein Buch war nur noch wenig von den über viele Jahre hinweg heftig ausgetragenen intellektuellen und methodologischen Gefechten zu spüren, die um Nutzen, Grenzen und, wie es bisweilen schien, um Gefahren der Individualbiographie geführt worden ist.

Neben Kershaws Arbeit ist Ulrich Herberts Studie über Heydrichs Stellvertreter bei der Gestapo, Werner Best, hervorzuheben. Die Untersuchung des Lebenswegs fungiert hier als Sonde, um Zeitumstände, ideologische Denkmuster und die Funktionsweise von Herrschaftsstrukturen näher zu erforschen.[15] Außerdem ermöglicht es dieser Zugang, den Zusammenhang zwischen verschiedenen Epochen - nicht zuletzt der an Brüchen so reichen deutschen Zeitgeschichte - besser zu begreifen. Im Falle Bests sind dies das späte Kaiserreich und die Zeit des Ersten Weltkriegs, die Weimarer Republik und das "Dritte Reich" sowie die Bundesrepublik Deutschland. Der biographische Ansatz eröffnet in besonderem Maße Chancen, eine wesentliche Herausforderung der deutschen Gegenwartshistorie zu meistern, nämlich "die drei Zeitgeschichten des vereinigten Deutschland" - die Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg bis 1945, die bundesdeutsche und die DDR-Geschichte - "in ein Relationsgefüge zu bringen"[16].

Anders als bei der Individualbiographie gibt es über die Methodik der Kollektivbiographie, welche die Lebensläufe von - eindeutig definierbaren - sozialen oder politischen Gruppen schreibt und sich gleichfalls im Spannungsfeld von Struktur und Persönlichkeit bewegt, keine nennenswerten Kontroversen. Es mangelt an einer kritischen Bestandsaufnahme der bisherigen Forschung und einer Würdigung der Erfahrungen mit einer Methode, die nicht nur in der Soziologie (weniger der Politologie[17]), sondern auch in der Zeitgeschichtsforschung etabliert ist. Mittlerweile erscheint sie als ein derart selbstverständliches Instrument, dass diejenigen, die sich ihrer bedienen, meist auf ausführliche methodische Reflexionen verzichten.[18]

Der Aufsatz möchte im Folgenden die (zeit)historisch orientierte kollektive Biographik skizzieren. Im Hintergrund steht dabei die leitende Frage nach Nutzen und Grenzen des mittlerweile viel erprobten gruppenbiographischen Ansatzes. Nach einem Blick auf frühe britische Erfahrungen mit der Kollektivbiographie rückt die deutsche Entwicklung dieses Forschungsfeldes seit den siebziger Jahren in den Mittelpunkt der Betrachtung. Am Ende soll eine knappe Leistungsbilanz dieser Methode gezogen werden.
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10. Februar 2012
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Inhalt
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Zeitgeschichtsforschung
Editorial
Zwei deutsche Diktaturen im 20. Jahrhundert?Essay
Zwischen Abgrenzung und Verflechtung: deutsch-deutsche Geschichte nach 1945
Zeitgeschichte in Europa - oder europäische Zeitgeschichte?
Sowjetische Geschichte nach Stalin
Weltgeschichte als Geschichte der sich globalisierenden Welt
Biographik und Zeitgeschichte
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