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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 31/2008)
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Corporate-Citizenship- Forschung in Deutschland |

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Judith Polterauer
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Gesellschaftliches Unternehmensengagement ist den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften freilich nicht neu. Gemäß dem Zeitgeist der 1968er Jahre fragte bereits Friedhelm Nyssen nach dem Einfluss der Arbeitgeberverbände im Schulsystem. Drei Jahre später publizierten die Soziologieprofessorin und Adorno-Schülerin Helge Pross und ihr Forschungskollege Karl W. Boetticher ihre Untersuchungsergebnisse zur Rolle von Managern im gesellschaftlichen Demokratisierungsprozess. Auch hier ist die Analyse kritisch: Zwar werde politisches Verhalten nicht durch ökonomische Interessen determiniert. Gleichwohl bringe letzteres "besondere Denk- und Verhaltensneigungen" hervor: "Alle verfügbaren Unterlagen sprechen dafür, dass sie für ein konservatives Verständnis der Demokratie und für eine konservative Einstellung zur bestehenden Gesellschaftsverfassung prädisponieren." Michael Stitzel formulierte 1977 ganz ähnlich: "die Unternehmer, die von der Logik der Marktwirtschaft Motor der wirtschaftlichen Entwicklung sein sollen, (spielen) aus der gleichen Logik heraus im gesellschaftspolitischen Bereich eine beharrende, wandlungsnegierende Rolle (...). Die Rolle der Wandlungspromotoren fällt in einer Gesellschaft mit dezentraler Macht- und Interessenstruktur anderen Interessengruppen zu."
Während in den 1970er Jahren also keine gesellschaftliche Gestaltungsrolle von Managern und leitenden Angestellten im Sinne von (Corporate) Citizens erkannt werden konnte, entwickelte sich parallel dazu eine weitere Diskussion, deren Fokus auf "Sozialbilanzen" und der "gesellschaftsbezogenen Berichterstattung", also der Messung und Bewertung gesellschaftlicher Effekte durch Unternehmenshandeln, lag. Neben der thematischen Ausrichtung und der - weniger normativ-gesellschaftskritischen als deskriptiv-analytischen - Fragestellung verschob sich auch die Untersuchungseinheit. Statt einzelner Unternehmerpersonen standen Unternehmen als Organisationen im Blick. Mit Corporate Citizenship und Corporate Social Responsiblity ist heute ebenfalls das Unternehmen als Organisation der konzeptionelle Referenzpunkt.
Dieser Bezug zur Organisation spielt in zweierlei Hinsicht eine Rolle. Einerseits ist dort, wo Unternehmen von Kunden, politischen Entscheidungsträgern oder Nichtregierungsorganisationen als "good Corporate Citizens" wahrgenommen werden wollen, die Organisation und nicht eine einzelne Unternehmerperson die handelnde Einheit. Anderseits sind es auch Unternehmen, also meist über die Unternehmensmarke identifizierbare corporate actors, die von unterschiedlichen Seiten kritisiert werden. Dieser Organisationsbezug wird bisher kaum in konzeptionellen Überlegungen und noch weniger in der empirischen Forschung berücksichtigt.
Mit der Betonung des Organisationsphänomens ergibt sich ein zweites Merkmal der Konzepte CC und CSR, das sich besonders von den vorhergehenden Diskussionen abhebt: die Betonung der Legitimität von unternehmerischem Eigeninteresse (business case). Denn wenn eine profitorientierte Organisation eine gesellschaftliche Aufgabe oder Rolle erfüllen soll, so die Argumentation, darf diese zumindest nicht in direktem Widerspruch zu den ökonomischen Zielen stehen. Hier wird insbesondere eine Abgrenzung zu traditionellem Mäzenatentum oder philanthropischem Engagement vollzogen. Dieser in der Öffentlichkeit mit den Begriffen des win-win oder der Gleichzeitigkeit von business case und social case beworbene, scheinbar automatische Wirkungsmechanismus von CC oder CSR wird auch in der Forschung rezipiert, jedoch ohne dass dabei die Spannungsfelder zwischen den gesellschaftlichen und unternehmerischen Interessen diskutiert werden.
Ein weiterer Aspekt unterscheidet die aktuelle Diskussion von jenen der 1970er bis 1990er Jahre. Heute bestimmt die globalisierte Wirtschaft als entscheidende Rahmenbedingung die Debatte, der auf globaler Ebene weit weniger entwickelte politische und (zivil-)gesellschaftliche Strukturen gegenüberstehen. Der Handlungsraum und damit auch Verantwortungs- und Engagementraum von Unternehmen ist damit ungleich komplexer und differenzierter als noch vor wenigen Jahrzehnten. Vor diesem Hintergrund wird die Aufgabenverteilung zwischen staatlichen, zivilgesellschaftlichen und ökonomischen Akteuren verhandelt und die Rolle von Unternehmen mit den Begriffen CC und CSR umschrieben. |
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10. Februar 2012
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Dossier |
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