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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 31/2008)
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Corporate-Citizenship- Forschung in Deutschland |

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Judith Polterauer
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Charakteristika der Forschungslandschaft |
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Öffentliche Diskussion als Bezugspunkt empirischer Untersuchungen. Kennzeichnend für diese ersten wissenschaftlichen Arbeiten über CC und CSR ist die starke Orientierung an den von der öffentlichen Diskussion geprägten Argumenten und Themen. So wird im wissenschaftlichen Kontext in der Regel auf zwei Definitionsangebote zurückgegriffen, die aus der Praxis stammen: Arbeitsdefinitionen von CC beziehen sich häufig auf das frühe Definitionsangebot von Westebbe/Logan, das 1995 aus Erfahrungen in der Kommunikationspraxis vorgelegt wurde. Im Diskussionskontext von CSR nehmen zahlreiche Autoren auf das von der EU im Grünbuch formulierte Konzeptverständnis Bezug.
Diese Nähe von wissenschaftlicher und öffentlicher Diskussion zeigt sich auch in den ersten (häufig zitierten) Studien, die das Ausmaß und die Beschaffenheit des Engagements von Unternehmen in Deutschland wiedergeben. Deren Auftraggeber sind vor allem gesellschaftspolitische Akteure, etwa die Initiative Soziale Marktwirtschaft. Um den Stand der Forschung in Deutschland einschätzen zu können wurde im Rahmen des Projekts "Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen in Deutschland" eine sekundäranalytische Recherche von sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten durchgeführt. Einbezogen wurden Texte mit wissenschaftlichem Anspruch, die zum Themenbereich "gesellschaftliches Engagement von Unternehmen" zwischen 1985 und Juni 2007 in Deutschland publiziert worden sind.
Innovative Ansätze an den Rändern der Forschungsdisziplinen. Arbeiten zum Thema CC/CSR lassen sich nur schwer den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen zuordnen. Erklärt man wie Rudolph Speth Corporate Citizenship als Möglichkeit der Ausgestaltung der Public Affairs eines Unternehmens, bewegt sich die Argumentation zwischen politologischen und betriebswirtschaftlichen Beobachtungen. Speth beschreibt CC als Konsequenz der verminderten Zufriedenheit von Unternehmen mit der Interessenvertretung durch die etablierten Verbände, so dass Unternehmen jeweils eigene "Public-Affairs"-Strategien entwickeln. Auch Arbeiten zu Kommunikationsleistungen von CC bewegen sich typischerweise an den Rändern der Disziplinen von Betriebswirtschaftslehre und Kommunikationswissenschaft.
Nicht so erstaunlich, aber dennoch bemerkenswert ist, dass insbesondere in den Forschungsbereichen, die sich als derartige Überschneidungsbereiche institutionalisiert haben, eine intensive Diskussion zum Thema stattfindet. Dies ist zum einen die Wirtschafts- und Unternehmensethik, zum anderen der Bereich der Nachhaltigkeitsforschung und der Ökologischen Managementforschung. Auch in Spezialbereichen anderer Disziplinen wie der Geographie (Regionalforschung), der Psychologie (v. a. im Bereich Wirtschafts-, Arbeits- und Organisationspsychologie), "Technik und Bildung", der Kommunikationswissenschaft und der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte wird das Thema unter verschiedenen Gesichtspunkten bearbeitet. In der Regel wird hier jedoch nicht auf die Begriffe CC und CSR zurückgegriffen. Dies mag ein (weiterer) Grund dafür sein, dass sich die wissenschaftlichen Debatten bisher größtenteils gegenseitig nicht wahrnehmen.
Mangel volkswirtschaftlicher Beiträge. Besonders auffällig bei der Betrachtung des wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsstands ist das Fehlen volkswirtschaftlicher Publikationen. Trotz der thematischen Anknüpfungsmöglichkeiten makroökonomischer Fragestellungen an das Thema - als Beispiele seien die Analyse von Ressourcenflüssen zwischen Unternehmen und unterschiedlichen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen und Bereichen (Schule, Kultur) genannt oder auch wirtschaftspolitische Überlegungen zur gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt - konnten nur zwei Diskussionspapiere als Beitrag für die Volkswirtschaftslehre ausfindig gemacht werden.
Strategisches Management und Unternehmensführung in der Betriebswirtschaftslehre. In der Betriebswirtschaftslehre wird CC/CSR einerseits als übergeordnetes Thema der Unternehmensführung bzw. der Corporate Governance mit Bezug zu verschiedenen Stakeholdern, andererseits als strategisches Managementinstrument diskutiert. Im strategischen Management wird nach den Marktvorteilen eines engagierten bzw. verantwortlichen Unternehmens gefragt. Die beiden grundsätzlich unterschiedlichen Erklärungsansätze, market-based-view und ressource-based-view, finden sich auch in den Arbeiten zu CC/CSR wieder. Im ersten Fall wird argumentiert, dass der Reputationsgewinn eines engagierten Unternehmens Marktbarrieren für die Konkurrenten darstellt; in der zweiten Lesart wird der Wettbewerbsvorteil durch eine vorteilhafte Ressourcenkombination erklärt. Sozialkompetenzen, die sich Beschäftigte im Rahmen eines Mitarbeiterengagements aneignen, oder Netzwerke, die durch das Unternehmensengagement mit Vereinen entstehen, werden als solche Ressourcen interpretiert. Mit Fragen der Corporate Governance bzw. der Unternehmensführung beschäftigen sich einige Beiträge, welche die Umsetzung verantwortlichen Unternehmensverhaltens diskutieren. Im Mittelpunkt stehen hier Anreiz- und Kontrollmechanismen für eine Verbindung von gesellschaftlichen und unternehmerischen Interessen.
Fokus Global Governance in den Sozialwissenschaften. In den Sozialwissenschaften liegt der Fokus der CC/CSR-Forschung auf der internationalen bzw. der globalen Ebene von gesellschaftlicher Steuerung. Vor allem der von Kofi Annan initiierte United Nations Global Compact dient als Ausgangspunkt und Referenz für die politikwissenschaftliche Diskussion. Im Zentrum dieser Analysen steht das Handeln von global agierenden Unternehmen in Regionen und Bereichen, in denen der staatliche Regulierungsspielraum eingeschränkt ist. Das dadurch entstehende "Governance-Vakuum" wird am Beispiel von Konfliktprävention und -bearbeitung und von Etablierung, Umsetzung und Kontrolle von Sozialstandards in Entwicklungsländern problematisiert. Dieser globale Fokus überrascht, weil in der individuellen Engagementforschung die Bedeutung der Region als Hauptengagementraum betont wird. Auch in den vorliegenden empirischen Studien zum Unternehmensengagement zeichnet sich ein starker Fokus der Aktivitäten im lokalen und regionalen Raum ab.
Erste soziologische Problembeschreibungen. Verschiedene theoretische Ansätze aus der Soziologie werden als erste Erklärungsversuche der Entstehung der gesellschaftlichen Phänomene CC und CSR verwendet. Ein theoretisches Primat hat sich dafür, das ist angesichts der jungen Diskussion nicht verwunderlich, bisher nicht etabliert. Als eine mögliche Erklärung für die Entstehung von CC/CSR wird der Druck von Nichtregierungsorganisationen gegenüber international agierenden Konzernen erwogen. Diesem Druck begegnen Unternehmen mit einer Strategie der Entkopplung von Handeln und Kommunikation oder durch die Erstellung eines kollektiven CSR-Deutungsmusters, das umfassende unternehmerische Verantwortungsübernahme suggeriert. Einen anderen Blickwinkel nehmen konzeptionelle Überlegungen ein, die CC/CSR als denjenigen Zustand verstehen, in dem ökonomische und gesellschaftliche Anforderungen im Gleichgewicht stehen.
Mehrdimensionalität der Diskussion: Empirisches Phänomen und konzeptionelle Idee der modernen Unternehmensrolle. An dieser Übersicht zu den Deutungsangeboten von CC und CSR wird ein Spezifikum der Debatte deutlich, das nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in der Forschung Verwirrung stiftet: Viele Debatten über die Relevanz und Legitimität der Diskussion um CC/CSR sind durch eine Vermischung von zwei Ebenen gekennzeichnet. Einerseits werden CC/CSR bzw. deren kommunikative Verbreitung als empirisches Phänomen betrachtet. Andererseits dienen sie als Konzept, das - ähnlich dem Bürgergesellschaftsbegriff - die (positive bzw. good) gewünschte gesellschaftliche Rolle von Unternehmen in der Moderne widerspiegelt. So dient im argumentativen Streit der empirisch nachweisbare Mangel an positivem gesellschaftlichem Engagement, der sich in Korruptionsaffären, oder der Ausbeutung von Kindern in Produktionsbetrieben zeigt, als Argument dafür, CC/CSR sei an sich eine neoliberale oder sozialromantisierende Utopie und in der unternehmerischen Praxis vor allem als "Greenwashing" zu verstehen. In der (Sozial-)Wissenschaft zeichnet sich diese Argumentation oftmals bereits im Forschungsdesign oder den Forschungsfragen ab, wenn Unternehmensengagement hinsichtlich seines Beitrags zum Ausgleich von sozialer Ungleichheit betrachtet wird. Obwohl diese Fragestellung ohne Zweifel hohe Relevanz besitzt und empirisch sowie theoretisch differenzierter Antworten bedarf, wird dabei der Blick auf CC/CSR als Phänomen einer Anfangssituation gesellschaftlichen Wandels verstellt. |
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10. Februar 2012
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Dossier |
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Wirtschaft
Wirtschaftliche Grundkenntnisse sind so wichtig wie das kleine 1x1. Das Dossier liefert Hintergründe und Themenbeiträge zu den wichtigsten aktuellen Wirtschaftsdebatten. |
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Schriftenreihe |
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Fegefeuer des Marktes
Kapitalismuskritik ist en vogue, vom linken Politiker bis zum Konzernchef. Elf namhafte Autoren formulieren in diesem Band ihre Gedanken zur Zukunft des Kapitalismus. |
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