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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 39/2008)

Aus Vielen wird das Eins gefunden - wie Web 2.0 unsere Kommunikation verändert


Miriam Meckel
Inhalt

Einleitung

Die Netzwerkgesellschaft

Die Gesetze der Peer Production

Weblogs: Agenda Setting im Web 2.0

Social Networking: die Dynamik der Netzwerkkommunikation

Triangulärer Kommunikationsmodus

Die Netzwerkgesellschaft
Diese Veränderung durch die Vernetzung, die im Internet zwischen einer endlosen Zahl unterschiedlicher Knotenpunkte möglich ist und beispielsweise in der redaktionellen Nutzung des Netzes über Weblogs und andere Contentsysteme qua Verlinkung und Verweis funktioniert, bringt langfristig ein gewandeltes Gesellschaftsmodell hervor, das sich als eine Netzwerkgesellschaft beschreiben lässt. Diese steht für einen veränderten Zugriff auf Informationen, veränderte Wissensstrukturen und neue Kommunikationsstrategien: Lineare werden durch reflexive Strukturen ersetzt, Hierarchien weichen Netzwerken - und dies zum Nutzen aller. In einem Papier der RAND-Corporation über dezentralisierte Netzwerke wurden schon 1964 die Vorteile solch einer Vernetzung beschrieben, die auch derzeitige rapide gesellschaftliche Durchdringungen von Web 2.0-Angeboten erklärt:[3] Solch dezentrale Netzwerkstrukturen, aus denen das Internet - wie wir es heute kennen - entstand, wurden ursprünglich entwickelt, um militärischen Zwecken zu dienen und um im Ernstfall den Ausfall eines Netzteils durch andere Teile kompensieren zu können. Ein dezentrales Netzwerk kann schnell auf Veränderungen im Netzwerk reagieren und Datenströme umleiten. Diese Unsteuerbarkeit und Unangreifbarkeit macht auch im nichtmilitärischen Bereich den Reiz des Netzes aus: Sie erschwert es, Informations- und Kommunikationsströme zu beherrschen oder zu monopolisieren. Natürlich gibt es auch im Netz zeitweilig erfolgreiche Versuche der Zensur, etwa in der Volksrepublik China. Aber sie sind die Ausnahme und werden immer wieder durch clevere Nutzer durchkreuzt. Das Internet erschwert es dem Souverän wie nie zuvor in der Weltgeschichte, seinen Untertanen Kreativität zu verbieten. Wer kommunizieren will, kann dies tun, und wer ein Thema ins Netz einspeisen will, ist auf Dauer nicht daran zu hindern. Er oder sie findet immer einen Zugangs- und Knotenpunkt, über den die Information durchs Netz diffundieren kann. Diese Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten sind durch die Aktivierung der Nutzer über selbst produzierte Inhalte (user generated content) in einem weiteren wesentlichen Schritt egalisiert und damit demokratisiert worden.

Die Vernetzung ist damit weit mehr als eine technische Verbindung zwischen zahlreichen Computern überall auf unserer Welt. Sie stellt vielmehr eine neue Form der kommunikativen Selbstorganisation dar. Die ersten Ansätze dazu hatte bereits Web 1.0 gebracht, das als interaktive Plattform jedem Nutzer über eine IP-Adresse (Internet Protocol) ermöglichte, digitalisierte Informationen zu erhalten und mit anderen zu kommunizieren. Im Web 2.0 können die Nutzer diese Informationen neu zusammensetzen, mit anderen Nutzern teilen und gemeinsam etwas neues produzieren. Mit der durch technische Innovation ermöglichten Kapazitätserweiterung des Internets kann sich so auch das Verhältnis der Wenigen zu den Vielen ändern, und damit unsere ganze Gesellschaft.

Die Analogie zum Wirtschaftssystem drängt sich auf, weil es im neuen Netz um einen anderen Umgang mit Informationsgütern geht, die auf virtuellen Märkten angeboten werden, und zwar nicht mehr allein unter den Bedingungen der Regeln, die wir aus unserem analogen Wirtschaftssystem kennen. Darin unterscheiden wir bislang grundsätzlich zwei Organisationsmodi: das Unternehmen und den Markt. Beide wirken zusammen, wenn auch über unterschiedliche Koordinationsansätze. Unternehmen koordinieren Ressourcen (wie etwa Mitarbeiter, Kapital), was in der Regel durch eine hierarchische Ausgestaltung des Managements erfolgt. Märkte koordinieren Angebot und Nachfrage über den Preis. Web 2.0 bringt nun einen neuen Koordinationsmechanismus in Spiel: die Koordination über die Tauschwerte Aufmerksamkeit und Beachtung. Communities (virtuelle Gemeinschaften) koordinieren die Herstellung informations- und kommunikationsbasierter Güter in einem selbstorganisierenden und emergenten Prozess. Der Wert dieser Güter entsteht aus der ihnen in diesem kollektiven Prozess zugewiesenen Aufmerksamkeit. Sie sind nutzerbasiert und folgen dem Open-Source-Prinzip. Das bedeutet, jeder kann in den Herstellungsprozessen mittun, diese mitgestalten, den "Code" der Informationsgüter weiterschreiben. Yochai Benkler beschreibt die Netzwerkökonomie als "the rise of nonmarket production to much greater importance", in der "every (...) effort is available to anyone connected to the network, from anywhere, [which] has led to the emergence of coordinate effects, where the aggregate effect of individual action (...) produces the coordinate effect of a new and rich information environment".[4] Die neueren Entwicklungen der Netzwerkgesellschaft reichen über die Frage der Teilhabe an Märkten durch technische Anschlussfähigkeit weit hinaus: Es geht also um die Teilnahme am Herstellungsprozess dieser Informations- und Kommunikationsgüter in einer "culture of participation",[5] und damit um die Veränderungen der Kommunikationssoziologie und -ökonomie unserer Gesellschaft.
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10. Februar 2012
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Neue Medien - Internet - Kommunikation
Editorial
Raumzeitliche Struktur im Internet
Globalisierung der Medien und transkulturelle Kommunikation
Aus Vielen wird das Eins gefunden - wie Web 2.0 unsere Kommunikation verändert
Perspektiven eines alternativen Internet
Internetnutzung von Migranten - ein Weg zur Integration?
Kinder und Jugendliche zwischen Virtualität und Realität
Psychische Folgen der Internetnutzung
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