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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 39/2008)

Aus Vielen wird das Eins gefunden - wie Web 2.0 unsere Kommunikation verändert


Miriam Meckel
Inhalt

Einleitung

Die Netzwerkgesellschaft

Die Gesetze der Peer Production

Weblogs: Agenda Setting im Web 2.0

Social Networking: die Dynamik der Netzwerkkommunikation

Triangulärer Kommunikationsmodus

Social Networking: die Dynamik der Netzwerkkommunikation
Die weitgehend unkontrollierte und unsteuerbare Information und Kommunikation der Vielen scheint folglich ein wesentliches Attraktions- und Funktionskriterium der Netzwerkkommunikation zu sein. Das zeigt die Vielfalt der entsprechenden Angebote im Netz und ihre intensive Nutzung. In der Blogosphäre, aber auch auf vielen anderen Seiten im Internet tummeln sich Milliarden von Menschen, um sich selbst darzustellen, ihren Einstellungen und Meinungen Ausdruck zu verleihen und sie mit anderen zu teilen. Das geschieht in Weblogs ebenso wie auf anderen Plattformen und in anderen Formen des Web 2.0, die für den Einzelnen, für Communities, Unternehmen, Institutionen oder Parteien neue Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten bieten. Diese Plattformen und ihre Vernetzungs- und Kommunikationsangebote werden unter dem Begriff des Social Networking zusammengefasst. Social Networking Websites bieten Nutzern die Möglichkeit, sich in wechselnden virtuellen Communities zusammenzuschließen, indem sie individuelle Nutzerprofile einstellen und sich über verschiedene Kommunikationswege (E-Mail, Chat, Weblogs, Instant Messaging usw.) austauschen, um so Gleichgesinnte zu finden, mit denen sie sich über gemeinsame Interessen austauschen oder mit denen sie einfach kommunizieren können.

Im engeren Sinne zählen dazu vor allem Vernetzungsseiten wie friendster.com, myspace.com, facebook.com. Auf all diesen Seiten stellen die Nutzerinnen und Nutzer persönliche Profile ein, mit denen sie sich selbst sowie ihr Lebens- und Freundesumfeld darstellen. Zu diesen Profilen gehören detaillierte Angaben zur Person, zu persönlichen Vorlieben und individuellen Einstellungen. Auf fast allen Seiten lassen sich dann Fotos, Videos und sonstige Dateien hoch laden und einstellen, die das Bild der Person abrunden und für andere Menschen mit ähnlichen Profilen oder Interessen attraktiv sein sollen. Ziel der aktiven Nutzung dieser Websites ist es, sich mit Menschen zu verbinden, die ähnliche Interessen und Vorlieben haben, um eine virtuelle oder reale Bekanntschaft oder Freundschaft einzugehen, die oftmals nur für eine begrenzte Zeit angelegt ist. Da sich Menschen als soziale und kommunikative Wesen auf diesem Wege unkompliziert und mit globalem Zugriff vernetzen können, wächst die Attraktivität dieser Websites seit ihrem Start ungebremst. So hat Facebook beispielsweise mehr als 80 Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer weltweit. Die Seite steht auf Platz 6 der meist genutzten Websites weltweit und ist mit täglich mehr als 14 Millionen hoch geladenen Fotos die wichtigste und meistgenutzte Fotoseite im Internet.[15]

Besonders erfolgreich sind weiterhin die Videoportale, auf denen jeder Netznutzer Videos hoch laden und einstellen kann. Auf der Videoplattform Youtube werden täglich mehr als 100 Millionen Videos gezeigt und angeschaut. In jeder Minute werden etwa zehn Stunden neuen Videomaterials auf der Website eingestellt.[16] Das Entwicklungs- und Marktpotential hat auch Google erkannt und Youtube 2006 für rund 1,65 Milliarden US-Dollar gekauft.[17] Das Konzept der Selbstdarstellung im Netz, das Social Networking so attraktiv macht, entwickelt Youtube als audiovisuelle Plattform weiter und reflektiert es in seinem Unternehmensclaim "Broadcast Yourself".

Diese Angebote im Internet wachsen in quantitativer Hinsicht exponentiell und werden in qualitativer Hinsicht gerade für die jüngeren Generationen (aber nicht nur für sie!) von einer Verständigungs- zu einer Lebensform mit Veränderungspotential für die gesellschaftliche Kommunikation. Kommunikation beschleunigt sich: Ein einzelnes Posting in einem Weblog kann ausreichend sein, um eine Resonanzwelle auszulösen, die betroffene Organisationen oder Personen vor die Herausforderung stellt, schnell und adäquat zu reagieren. Der gezielte Angriff gegen eine Organisation und ihre Marke im Netz ("Brand Attack") oder gegen einzelne Nutzer ("virtuelles Mobbing") sind Bespiele für Gefahren dieser umfassenden und unkontrollierbaren Kommunikationsmöglichkeiten. Diese Beschleunigung lässt sich allerdings auch positiv nutzen. In der viralen Kommunikation[18] bietet die beschleunigte Informationsverbrei- tung im Netz auch die Möglichkeit, eine wichtige Information, eine neues Produkt oder ein Gerücht über die Plattformen des Social Networking in wenigen Stunden oder gar Minuten mehreren hundert Millionen Menschen zugänglich zu machen. So dauerte es beispielsweise keine dreieinhalb Minuten, bis das Gerücht, Apple werde ein eigenes Mobiltelefon auf den Markt bringen, sich seinen Weg durch die Netzwelt gebahnt hatte.[19] Ordnungen und Hierarchien verschwinden: In der Welt des Web 2.0 müssen wir uns daran gewöhnen, dass alte Ordnungen nicht mehr zählen, Hierarchien keine Bedeutung haben und Formen spontan durch dezentrale Vernetzung geprägt werden. Nach Ansicht des Internetphilosophen David Weinberger zählt jede Information und jedes digitale Etwas im Netz zur Kategorie "Verschiedenes".[20] Dadurch entsteht für den an die Ordnungsdimensionen der analogen Welt gewöhnten Menschen zunächst einmal Chaos, das es zu strukturieren gilt. Ein Beispiel: Wer eine CD kauft, wird sie vermutlich an eine bestimmte Stelle in sein Musikregal stellen. Die CD hat also einen Platz, der geografisch bestimmt ist und in der Regel mit einer thematischen Zuordnung, wie etwa der Musikrichtung, verbunden wird. In der digitalen Welt kann jedes Musikstück verschiedenen Klassifikationen zugehören: dem MP3-Musikarchiv ebenso wie den iTunes, der privaten Partyplaylist ebenso wie dem Musikordner, in dem die Stücke verwaltet werden, die man beruflich für die Vertonung von Hörspielen oder Fernsehbeiträgen braucht. Das Netz offeriert also zunächst einmal Chaos. Daraus kann wiederum Kreativität und Innovation erwachsen, wenn es den Anwendern gelingt, die (Un)Ordnung des Web zu verstehen und produktiv zu nutzen. Information wird zum kollektiven und kollaborativen Gut: Informationen sind im Web 2.0 ein gemeinschaftlich produziertes Gut, das dem Open-source-Prinzip unterliegt. Das bedeutet, jeder kann die Information mitgestalten, an ihrem Code mitschreiben, sie bewerten und weiterverbreiten. Diese kollektiven und kollaborativen Kommunikationsprozesse setzen zuweilen enorme Kreativität und Innovationen frei, indem Informationen mit anderen Informationen verbunden werden ("mash ups"), um etwas Neues, Unbekanntes hervorzubringen. So erlaubt beispielsweise die Microsoft-Software "Photosynth", aus beliebigen Fotos von einem Objekt, die von unterschiedlichen Nutzern aus unterschiedlichen Winkeln mit verschiedenen Objekti- ven gemacht wurden, eine dreidimensionale Ansicht des fotografierten Objekts zusammenzusetzen.[21] So können Fotografen aus aller Welt gemeinsam - und doch getrennt voneinander - dazu beitragen, ein 3-D-Bild des Trevi-Brunnens in Rom oder der Kathedrale Notre Dame in Paris im Netz zu generieren.
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10. Februar 2012
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Inhalt
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Neue Medien - Internet - Kommunikation
Editorial
Raumzeitliche Struktur im Internet
Globalisierung der Medien und transkulturelle Kommunikation
Aus Vielen wird das Eins gefunden - wie Web 2.0 unsere Kommunikation verändert
Perspektiven eines alternativen Internet
Internetnutzung von Migranten - ein Weg zur Integration?
Kinder und Jugendliche zwischen Virtualität und Realität
Psychische Folgen der Internetnutzung
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