Volksrepublik China
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Kurze Geschichte der Volksrepublik China


2.3.2006
Kollektiv erfahrene historische Traumata prägen die chinesische Gesellschaft. Auch Maos opferreiche Experimente und die Anfänge der Reformpolitik haben die Chinesen vor große Prüfungen gestellt.

Undatiertes Foto des chinesischen kommunistischen Führers Mao Tse-tung, winkend. Mao war als Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas (1943–1976), als Vorsitzender der Zentralen Volksregierung (1949–1954) sowie als Staatspräsident der Volksrepublik China (1954–1959) der führende Politiker der Volksrepublik China im 20. Jahrhundert.Mao Zedong, Begründer der Volksrepublik China, gleichzeitig ihr "großer Vorsitzender". Bis zum heutigen Tag wird Mao in China wie ein Heiliger verehrt. (© AP)

Historische Belastungen



Chinas Gegenwart ist durch historische Erfahrungen und Hypotheken belastet, die die innerchinesische Diskussion und das Handeln der politischen Akteure auf vielfältige Weise beeinflussen. Ein tieferes Verständnis der modernen Probleme Chinas ist kaum möglich, ohne diese historischen Voraussetzungen zu berücksichtigen.

Eine Entwicklung mit besonders weit reichenden Folgen stellt das starke Bevölkerungswachstum dar. Begünstigt durch landwirtschaftliche Neuerungen und lange Perioden inneren und äußeren Friedens setzte es Mitte des 18. Jahrhunderts ein und wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts nur zeitweilig durch blutige Aufstandsbewegungen, Versorgungskrisen und Epidemien unterbrochen. Seit Errichtung der Volksrepublik China stieg die Bevölkerungszahl aufgrund einer insgesamt verbesserten Gesundheits- und Nahrungsmittelversorgung von rund 500 Millionen auf heute 1,3 Milliarden Menschen an. Die gewaltige Bevölkerungszahl stellt die Regierenden vor vielfältige Probleme im Hinblick auf landwirtschaftliche Produktion, städtische Ballungsräume, Umweltzerstörungen und soziale Stabilität und fordert eine politische Gegensteuerung heraus. Die vielfach wegen ihrer Härte kritisierte Ein-Kind-Politik der chinesischen Regierung seit 1979 ist eine direkte Folge dieses Problems.

Ein anderer häufig unterschätzter psychologischer Faktor in Gesellschaft und Politik Chinas ist die kollektive Erfahrung der westlichen und japanischen Überlegenheit in politisch-militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Serie von Kriegsniederlagen, erzwungenen "Ungleichen Verträgen" sowie der Errichtung ausländischer "Pacht-/Schutzgebiete" und Kolonial-"Konzessionen" zeigte. Dies trug seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu einem anhaltend gestörten und für politische Manipulationen anfälligen Nationalbewusstsein in weiten Teilen der Bevölkerung bei. Das traditionelle Selbstbild vom "Reich der Mitte" als dem kulturellen und politischen Zentrum der Welt wurde zerstört. Im Verhältnis zum Westen und zu Japan hat dies Spuren hinterlassen, die bis heute die chinesische Außenpolitik beeinflussen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum es erklärtes Ziel der seit 1978 betriebenen wirtschaftlichen ModernisierungChinas ist, die "umfassende nationale Stärke" des Landes zu mehren und China als führende Nation in Weltpolitik und Weltwirtschaft zu etablieren.

Ein historisch bedingtes Trauma erwuchs auch aus der Erfahrung wiederkehrender Zusammenbrüche der politischen Ordnung, die allein im 20. Jahrhundert mehrfach Hungersnöte, Gewaltexzesse und gravierende wirtschaftliche Rückschläge nach sich zogen. Die japanische Besetzung Nordostchinas 1931 (Errichtung des japanischen Marionettenregimes "Mandschukuo") und der 1937 ausgebrochene, bis 1945 dauernde offene Krieg gegen die japanischen Invasoren verheerten das Land. Der anschließende Bürgerkrieg zwischen den kommunistischen Streitkräften unter Mao Zedong und der von Chiang Kaishek geführten nationalchinesischen Regierung 1945 bis 1949 verlängerte die Leiden der Bevölkerung um weitere Jahre. 1949 musste Chiang Kaishek mit den ihm verbliebenen Truppen auf die Insel Taiwan fliehen, wo er eine "Republik China" gründete, die bis heute Gegenstand diplomatischer und militärischer Spannungen ist. Und nach Errichtung der kommunistischen Herrschaft (1949) führten radikale Entwicklungsexperimente und Massenkampagnen wie insbesondere der "Große Sprung nach vorn" 1958 bis 1960 und die "Kulturrevolution" 1966 bis 1976 (siehe S. 72f.) zu schweren wirtschaftlichen Einbrüchen. Vor diesem Hintergrund prägt die Furcht vor einem Zusammenbruch der inneren Stabilität und Ordnung nicht nur die politische Führung, sondern auch besonders die ältere Bevölkerung.

Quellentext

Jahrhundert der Demütigungen

[...] Es war ein seltsames Tauschgeschäft, das die Engländer den Chinesen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts anboten. Die Engländer wollten unbedingt Tee in China kaufen, waren aber nicht bereit in Silber und indischer Baumwolle zu zahlen, sondern mit Opium, das die britische Kolonialverwaltung in Indien anbauen ließ.
Einige Jahre machten die Chinesen diesen Tauschhandel mit. Doch der Konsum der Droge breitete sich immer mehr aus und machte den Außenhandel und Teile der Bevölkerung abhängig. China musste immer größere Mengen seines Silbers für das Opium hergeben. Rund sechs Millionen Chinesen rauchten in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts Opium und wurden süchtig. 1838 beschloss die chinesische Regierung, diesem Treiben nicht länger zuzuschauen, und startete eine Anti-Opium-Kampagne.
Geleitet wurde sie von Lin Zexu, einem der erfahrensten Beamten des Reiches. Er reiste nach Guangzhou, dem Zentrum des Opium-Handels, ließ britische Händler verhaften und zwang sie im Juni 1839 zur Herausgabe ihrer Opium-Vorräte. Widerwillig gaben die Händler nach. Demonstrativ ließ Lin 20 000 Kisten Opium verbrennen - eine ungeheure Provokation für die Engländer und der Startschuss zum ersten Opium-Krieg: Die Briten - damals auf dem Höhepunkt ihrer imperialen Macht - schickten eine Seestreitmacht mit 4000 Soldaten nach Fernost. Sie erreichte im Juni 1840 Guangzhou. Es kam zu Gefechten entlang der chinesischen Küste bis vor die Tore Beijings. Das chinesische Militär hatte den überlegenen Briten wenig entgegenzusetzen und musste kapitulieren.
Ende August 1842 wurde der Friedensvertrag von Nanjing unterschrieben [...]. China musste fünf Häfen (Guangzhou, Xiamen, Fuzhou, Ningbo und Shanghai) für die Briten öffnen. Außerdem bekam Großbritannien die kleine Insel Hongkong.
Mit dem Vertrag von Nanjing begann für China ein »Jahrhundert der Demütigungen«, wie es der Hamburger China-Experte Oskar Weggel bezeichnete. Über hundert Jahre bis zum Ende des Chinesisch-Japanischen Krieges 1945 musste sich das einst so stolze China immer wieder fremden Mächten beugen.
Im Gefolge des verlorenen Opium-Krieges und der deutlich gewordenen militärischen Schwäche Chinas setzten sich auch die anderen Europäer, die Amerikaner und die Japaner an Chinas Küste fest. Selbst die Deutschen mischten phasenweise mit und nahmen Anfang des 20. Jahrhunderts die Hafenstadt Qingdao ein.
Immer wieder gab es Kriege, immer wieder erlitten die Chinesen Niederlagen. Besonders demütigend war für sie der Krieg gegen die Japaner 1894/95. Im Frieden von Shimonoseki mussten die Chinesen einige Gebiete abtreten und eine hohe Kriegsentschädigung zahlen. Noch viel schlimmer war der Gesichtsverlust: Das aufstrebende Japan hatte zum ersten Mal die Chinesen besiegt, und China war nicht mehr die alles dominierende Nation Asiens.
Während sich die Westmächte in China - auch nach der Ausrufung der Republik anno 1912 - festsetzten und dort auf exterritorialen Gebieten ihren Geschäften nachgingen, wuchs Japan zum Erzfeind der Chinesen heran. Das wirtschaftlich erstarkende Japan hatte es auf die Rohstoffe der Mandschurei abgesehen, besetzte diesen Teil Chinas und errichtete dort 1931 einen Vasallenstaat - das Kaiserreich Mandschukuo - mit eigener Flagge, Nationalhymne, Armee und dem letzten Kaiser Puyi. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Japan das restliche China angreifen würde. Ein Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke in der Nähe Beijings lieferte den nötigen Vorwand. Am 7. Juli 1937 begann dort der Chinesisch-Japanische Krieg. Relativ schnell eroberten die Japaner strategisch wichtige Städte wie Shanghai, Nanjing und Guangzhou. Die Nationalregierung [...] unter Chiang Kaishek verlor fast jede Schlacht. Erfolgreicher waren die Widerstandstruppen der Kommunisten. Doch erst als die Alliierten - allen voran die USA- den Chinesen zu Hilfe kamen, wendete sich das Blatt. Im August 1945 kapitulierte Japan.
Als China befreit war, hatte es zwischen 15 und 20 Millionen militärische wie zivile Opfer zu beklagen. Doch wer sollte das geschundene Land regieren? Die Guomindang oder die Kommunisten? Chiang Kaishek oder Mao Zedong?
Es kam zum Bürgerkrieg. Drei Millionen Guomindang-Soldaten standen einer Million kommunistischer Kämpfer gegenüber, die [...] die Guomindang immer weiter zurückdrängten, bis diese schließlich auf die Insel Taiwan flüchten mussten. [...]
Am 1. Oktober 1949 verkündete die Führung der Kommunistischen Partei die Gründung der Volksrepublik China. Neuer Herrscher war Mao Zedong. [...]

Wolfgang Hirn, Herausforderung China, Frankfurt/M. 2005, S. 21ff.





 

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