Depressionen sind auch als entgleiste Trauerprozesse zu begreifen. Der Verlust eines emotional bedeutsamen Objekts - das ist zumeist eine nahe stehende Person, kann aber auch eine Gruppe, Idee oder eben der Arbeitsplatz sein - muss durch einen Trauerprozess verarbeitet werden, der dem Ich zu einer neuen inneren Balance verhilft. Das ist eine gesunde, wünschenswerte und das Ich letztlich stärkende Reaktion auf einen Verlust. Häufig tritt aber an die Stelle dieser konstruktiven Trauerarbeit deren ungesunde pathologische Entgleisung: Statt die emotionale Besetzung des verlorenen Objektes aufzugeben, wird sie in verschiedenen Formen aufrechterhalten, die sich sogar als drei Teufelskreise selbst beständig verstärken:
Statt durch den Trauerprozess lernend mit der neuen Realität umzugehen, bleibt das Ich der verlorenen Realität und Beziehung verhaftet und wird dadurch geschwächt. In der depressiven Reaktion steht eine Krise des Selbstwertgefühls im Vordergrund, die sich in Apathie, Gefühllosigkeit, ausgeprägter Mattigkeit und Antriebsarmut zeigt. Sie führt zu einem beträchtlichen Verlust der Selbstachtung, und je mehr die Selbstachtung sinkt, desto stärker werden die genannten Reaktionen und desto schneller erfolgt das Absinken des Selbstwertgefühls. Genau das geschieht, wenn die Erwerbsarbeit als emotional hoch besetztes Objekt verloren wird. Enttäuschung und Kränkung beim Verlust des Arbeitsplatzes und besonders die Mechanismen individueller Schuldzuweisung lassen die Selbstachtung sinken und mindern die Antriebskräfte (erster Teufelskreis).
Verlustreaktionen sind häufig mit aggressiven Impulsen verbunden. Zumeist werden die heftigen aggressiven Impulse nicht ausgedrückt, sondern autoaggressiv abgewehrt: Selbstvorwürfe, Anschuldigungen, Nahrungsverweigerung, selbstverletzende Verhaltensweisen inklusive Sucht und Suizidalität sind die gut bekannten Folgen, die damit in Zusammenhang stehen und als Entgleisung normaler Trauerreaktion verstanden werden können. Wenn Aggressionen nach innen gewendet werden, erhöht diese Selbstdestruktion aber das generelle Wut-Potenzial und bringt dadurch neue Aggressionsphantasien mit sich (zweiter Teufelskreis). Im Falle des Arbeitsplatzverlustes liegen der Aggression widersprüchliche Gefühle zugrunde. Dieser Ambivalenzkonflikt hängt mit den Bedingungen zusammen, unter denen die Erwerbsarbeit aktuell erfolgte. Jede noch so interessante Arbeit befindet sich im Spannungsfeld zwischen Arbeitsleid und -lust, hat immer auch Momente von Entfremdung und Zwang. Dies gilt in besonderer Weise für die mitunter extrem belastenden Arbeitsbedingungen, die bei zeitlicher Befristung sehr hohe Ansprüche an die Kompetenz mit flexiblen Einsatzbedingungen verbinden. Die negativen, feindseligen gegen die Arbeitsbedingungen gerichteten Gefühle sind in der Überidentifikation unbewusst geblieben. Daher ist der Verlust des Arbeitsplatzes der herausragende Anlass, die Ambivalenz wahrzunehmen: Die aggressiven Anteile treten, vielleicht erstmalig, ins Bewusstsein und werden dann autoaggressiv gegen die eigene Person gewendet. Der zweite Teufelskreis verstärkt sich dadurch, dass die Aggressionen keinen Ausdruck finden, die generelle vorhandene innere Feindseligkeit wird stärker - der Arbeitslose befindet sich in einem sich selbst verstärkenden Wut-Kessel.
In einem dritten Schritt der depressiven Reaktion wird der Verlust durch Introjektion (seelische Einverleibung) des Objekts kompensiert (dritter Teufelskreis). Dieser Vorgang bringt vor allem wegen der ambivalenten, aggressiven Impulse neue Schwierigkeiten mit sich. Die häufigen Selbstanklagen der Depressiven gelten nicht nur sich selbst, sondern eben auch dem bösen, gehassten Anteil des (nunmehr introjizierten) Objektes, das jetzt als Teil des eigenen Ichs erlebt wird. "Der Schatten des Objekts fiel auf das Ich" - so beschrieb Sigmund Freud diesen mentalen Vorgang, der die Einschränkung vieler Ich-Leistungen, vor allem der angemessenen Realitätsprüfung, zur Folge hat.
Arbeitslosigkeit geht mit der Notwendigkeit einher, die emotionale Besetzung eines konkreten Arbeitsplatzes aufzugeben. Sie wird jedoch von einer weiteren, überaus realen Forderung begleitet, die daran erinnert, dass die Arbeitsidentität, die subjektive Bedeutung der Erwerbsarbeit, keinesfalls vollständig aufgegeben werden darf. Arbeitslose sollen ja ihre Verfügbarkeit gegenüber dem Arbeitsmarkt ständig unter Beweis stellen. Würde die emotionale Besetzung des Systems Erwerbsarbeit durch Trauerarbeit abgelöst, müssten sie sich mit dem Zustand der Nichtarbeit abfinden und zu "Aussteigern" werden oder sich im System der sozialen Hilfsdienste so geschickt wie möglich einrichten. Gerade junge Arbeitslose mit ihrer "Pluralisierung von Mustern der Lebensführung in der Arbeitslosigkeit" greifen gelegentlich zu diesen biografischen Ausstiegen, was sich unschwer in die soziologische Diskussion von der "Enttraditionalisierung der industriegesellschaftlichen Lebensformen" einfügen lässt. Bei allen Differenzierungen und Anpassungsleistungen wird aber doch durch die anhaltende Orientierung auf Erwerbsarbeit der Verlust des Arbeitsplatzes als Vorenthaltung einer wichtigen Option erlebt, die eben nicht beliebig ersetzbar ist. Die ambivalente Konfliktkonstellation, etwas aufgeben zu sollen, womit jedoch Gefahren verknüpft sind, bleibt also als problematische Struktur erhalten. Auch wenn die subjektive Realitätsprüfung selbst intakt ist, so stellt doch die gesellschaftliche Wirklichkeit für diese widersprüchlichen Ansprüche keine angemessenen Handlungsfelder bzw. Besetzungsmöglichkeiten zur Verfügung. Es besteht keine Chance, beiden Anforderungen gleichzeitig zu genügen: den Bezug auf Arbeit generell zu erhalten und dabei die spezifische Bindung an einen besonderen Arbeitsplatz aufzugeben. Der Arbeitslose darf, schon aus existenziellen Erwägungen, das Objekt nicht vollständig aufgeben. Dieses Verbot wird unterstützt durch die verinnerlichten gesellschaftlichen Wertvorstellungen, denen die Nicht-Arbeit noch in jeder Form verdächtig ist. Andererseits soll der Arbeitslose im Interesse des inneren Gleichgewichts, das die Preisgabe der Bindung fordert, um seelisches Leid abzuwenden, die Besetzung vom Objekt lösen. Für diesen Widerspruch gibt es keine Lösung, die Betroffenen werden in eine depressive Struktur geradezu hineingetrieben, die sich im dritten Teufelskreis durch Verinnerlichung des Objekts vollzieht.
Durch Introjektion findet sich ein Kompromiss, der aber den gesellschaftlichen Widerspruch ins Innere des Subjekts verlagert. Die aggressiven Impulse (die sich sowohl in symptomatisch-autoaggressiver Wendung als auch in der projektiven Verkehrung der Sündenbocksuche zeigen) können nun als feindselige Reaktionen verstanden werden, die ursprünglich den Arbeitsbedingungen galten und sich nun gegen den Arbeitslosen selbst richten. In der Maschinenanalogie wird diese Distanz zum eigenen Inneren ausgedrückt: Die Selbstwahrnehmung wird verdinglicht und objekthaft.
Der ins Subjekt genommene gesellschaftliche Widerspruch, der als depressive Reaktion auftritt, ist den realen Verhältnissen und ihrer Widersprüchlichkeit geschuldet: Die depressive Reaktion ist die folgerichtige Lösung des in der Arbeitslosigkeit aufgebrochenen Ambivalenzkonfliktes und darf keinesfalls zur individuellen Pathologie umgedeutet werden.
Internetverweis der Autorin:
http://www.sozpsych.uni-hannover.de/DFA/ |
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