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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 34-35/2006)

Kultur- oder "Kreativwirtschaft": Was ist das eigentlich?


Andreas Joh. Wiesand
Inhalt

Einleitung

Eine neue "kreative Klasse"?

"Kulturwirtschaft" oder "Creative Industries"?

Akademische und politische Hypotheken

Wer sind die "Kreativen"?

"Kulturwirtschaftsberichte" - Brücken zwischen Politik, Kultur und Ökonomie

Einige zentrale Ergebnisse der Berichte

Empfehlungen - nicht nur für die Schublade

Ein Vorschlag zur Diskussion: der "Kreativsektor"

Wer sind die "Kreativen"?
Im Rahmen dieses kurzen Überblicks können wir die unterschiedlichen Bedeutungen und Ambivalenzen der Begriffe "Kultur" und "Kreativität" nicht ausführlich diskutieren. Selbst wenn, anthropologisch gesehen, Kultur die meisten menschlichen Ausdrucksformen, Wertesysteme und sogar institutionellen Gebilde umfasst, so sollten wir doch zunächst versuchen, von einer stärker praxisbezogenen Definition auszugehen, wie sie inzwischen in Europa gebräuchlich ist, und die man vielleicht auf die Formel bringen könnte: "Kultur & Medien PLUS". Diese müsste die Künste, die Medien einschließlich ihrer neuesten Entwicklungen und natürlich das kulturelle Erbe umfassen, und zwar ohne qualitative Vorbewertung (etwa im Sinne von "Hoch-" oder "Unterhaltungskultur").[13] Mit dieser Definition könnten dann auch alle beruflichen Tätigkeiten in öffentlichen, privaten und freigemeinnützigen Betrieben oder Einrichtungen erfasst und, je nach Fragestellung, auch wieder unterschieden werden.

Der Begriff "Kreativität" kann ähnlich eingegrenzt werden; er würde freilich - und tut es tatsächlich - auch auf jede Form komplexer Innovation oder intellektueller Flexibilität passen, ob auf den Schauplätzen der Wissenschaft oder des Geschäftslebens. Im Rahmen unserer Begriffsklärung ist jedoch die Frage relevant, ob es gerechtfertigt ist - wie derzeit zum Beispiel in einem Salzburger Entwicklungskonzept vorgeschlagen[14] -, die Kunst und damit die Künstlerinnen und Künstler gänzlich aus dem Kontext einer "Kreativwirtschaft" auszublenden. Traditionelle Anschauungen, nach denen sie es sind, die quasi in ihrer Person die Ressource Kreativität in einer Gesellschaft verkörpern,[15] werden hier auf den Kopf gestellt: Wenn nur noch Designer, Management-Berater oder Werbeleute das Attribut von "Kreativen" für sich beanspruchen (dürfen), wären in der Tat die schlimmsten Befürchtungen der Gegner allzu enger Verbindungen zwischen Kultur und Wirtschaft eingelöst - und die Kreativität auf die Bereitstellung eines funktionalen oder erlebnisträchtigen Ambientes reduziert.

Eigentlich ist doch kaum zu übersehen, dass künstlerische Arbeitsergebnisse heute, vermittelt nicht zuletzt über das Design, ständig in Wirtschaftszweige aller Art einfließen und oft geradezu als Motor für Innovationen und auch technische Neuerungen gelten können. Einige Beobachter meinen, dass nur die Künste, die Wissenschaft und die Technologie gemeinsam die Basis für Kreativität, Erneuerung und Produktivität in jeder Gesellschaft bilden konnten; andere sehen eine besonders innovative Rolle bei Medienkünstlern, seitdem neue Informations- und Kommunikationstechnologien es ihnen erlaubten, nichtlineare, interaktive und netzwerkartige Formen der Kommunikation zu erforschen.[16] Stephen Wilson weist darauf hin, dass die Macht der künstlerischen Arbeit in einem frühen Stadium einer neuen Technologie teilweise auf dem kulturellen Akt beruht, "sie für die eigene kreative Produktion und Kommentierung in Besitz zu nehmen. So erinnert etwa die frühe Geschichte der Computergrafik und -animation in mancher Hinsicht an die Verhältnisse bei der Entwicklung der Fotografie und des Kinos."[17]

Die Politik, aber auch multinationale Firmen der Kultur- und Medienwirtschaft beginnen, diese potenzielle Macht der künstlerischen Forschung und Produktivität zu erkennen: "Technologie beeinflusst Musik und Musik beeinflusst Technologie. Der beste Beweis dafür ist der iPod" - so der Chef des Warner-Konzerns, Edgar Bronfman, auf einer Tagung in Aspen im Jahr 2005.

Die so Gepriesenen sind da oft bescheidener. So weist der Schriftsteller Salman Rushdie (in der F.A.Z. vom 16. Juli 2005) zwar darauf hin, dass Bücher und ihre Autoren durchaus die Macht hätten, "Liebe oder Hass" zu erzeugen, legt gleichzeitig aber Wert auf die Feststellung, dass es die Leser sind, welche die Wahrheit einer literarischen Aussage in ihren Köpfen und Herzen erfahren, das Buch also selber individuell fertig stellen müssen.
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10. Februar 2012
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Kulturwirtschaft
Editorial
Kulturwirtschaft und Raumentwicklung Essay
Kultur- oder "Kreativwirtschaft": Was ist das eigentlich?
Daten und Fakten zur Kulturwirtschaft
Kulturberufe und Kulturwirtschaft - Gegensatz oder Symbiose?
Strukturwandel durch Kulturwirtschaft
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