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Informationen zur politischen Bildung (Heft 257)
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Gesellschaftliche Strukturen |

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Joachim Betz
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Indien wird immer noch in erster Linie mit dem Begriff Armut assoziiert. In populären europäischen Vorstellungen über die sozialen Bedingungen in Indien nehmen absolute Armut und verbreitetes Elend einen breiten Raum ein. Bilder, die sich dabei aufdrängen, sind die überquellenden Slums in den Metropolen, bettelnde Menschen entlang der Hauptstraßen und auf den Straßen übernachtende Elendsgestalten; das Ganze nur mäßig gemildert durch die Tätigkeit humanitärer Organisationen bei mehr oder weniger ausgeprägtem Desinteresse der Regierung.
Diese Vorstellungen sind allenfalls teilweise korrekt. Richtig ist, daß Armut und extreme Armut in Indien immer noch Massencharakter haben. Bei Verwendung der üblichen Armutsindizes lebten 1990 287 Millionen Inderinnen und Inder in absoluter Armut, das waren immerhin 25 Prozent der Gesamtbevölkerung und ein gutes Drittel der weltweit Armen insgesamt. Damit stellt Indien (bzw. Südasien insgesamt) neben Schwarzafrika die Hauptarmutsregion der Erde dar. Jedoch ist die Zahl der absolut Armen seit den siebziger Jahren rückläufig, als Anteil an der Gesamtbevölkerung ist sie drastisch gefallen (1972/73: 51,5 Prozent). Und dies, obwohl das Wirtschaftswachstum 1970 bis 1985 relativ bescheiden blieb. Auch gemessen an den üblichen Sozialindikatoren, das heißt nicht nur gemessen am Bareinkommen, hat sich die Lage im genannten Zeitraum bei den ärmeren Schichten verbessert. Interessant ist auch, daß nach den verfügbaren Zahlen sich der immer noch höhere Anteil der Armen in ländlichen Regionen schneller verringert hat und nur noch wenig über jenem in der Stadt liegt, nach jüngsten Zahlen der Weltbank ist er sogar gleichauf.
Dennoch leben aufgrund der eher mäßigen Verstädterungsrate noch über drei Viertel der Armen auf dem Lande, das überdies auch bei den Sozialindikatoren deutlich benachteiligt erscheint. Arm auf dem Land sind vor allem die selbständigen Kleinbauern mit zu geringen Betriebsgrößen und die Landarbeiter. Letztere sind nach der Statistik zu zwei Dritteln arm, erstere zu 37 Prozent. Die Zahl der landlosen Landarbeiterfamilien hat in Indien seit den sechziger Jahren beträchtlich zugenommen. Sie sind vom Tagelohn abhängig und können sich weniger als früher auf traditionelle Sicherungen (innerhalb des Dorfes oder seitens der Großfamilie) verlassen. Die Anzahl der landwirtschaftlichen Klein- und Kleinstbetriebe ist durch Realteilung, Parzellierung und Landreformen sowie Landbesetzungen ohne Rechtstitel stark gewachsen. Das Ergebnis waren fallende Ertragskraft und die Aufteilung des Gemeindelandes, aus dem die Landlosen früher einen Teil ihrer Einkommen bestritten.
Die Mehrheit der städtischen Armen sind Gelegenheitsarbeiter oder Selbständige im informellen Sektor (also dem durch staatliche Auflagen oder Zuwendungen nicht geschützten Sektor, in dem sich Handelstreibende und Dienstleister konzentrieren). Entgegen verbreiteter Ansicht sind die Mitglieder städtischer Armutsfamilien nicht etwa arbeitslos, sondern in hohem Maße beschäftigt, allerdings in wenig produktiven Bereichen, die nur geringsten Lohn abwerfen. Es ist nicht überraschend, daß es einen engen Zusammenhang zwischen Armut und Familiengröße gibt: In der Klasse mit dem geringsten Einkommen lebten im Durchschnitt 5,7 Personen, in der der Höchstverdiener 3,1. Nicht überraschend ist auch, daß die Wahrscheinlichkeit, arm zu sein, in Indien mit weiblicher Geschlechtszugehörigkeit erheblich größer ist; eine Tatsache, die mit der gesellschaftlichen Stellung der Frau zusammenhängt (vgl. auch S. 19ff.).
Armut ist in Indien in starkem Maße regional konzentriert, eine Tendenz, die auch in der letzten Zeit nicht abgenommen hat: Besonders arme Regionen sind das Zentrum und der Osten des Landes (Bihar, Orissa, Uttar Pradesh, Madhya Pradesh), wenig betroffen ist der Westen und vor allem der Nordwesten (Panjab, Haryana, Himachal Pradesh). Armut herrscht besonders in jenen Staaten, die selbst rückständig sind und sich durch ein geringes Wirtschaftswachstum auszeichnen. Hauptursachen dafür waren schwach wachsende landwirtschaftliche Erträge und damit nur mäßig steigende Landarbeiterlöhne, geringe Rechtssicherheit der Pächter und eine vergleichsweise geringe Abwanderung der ländlichen Bevölkerung in die Städte bzw. prosperierenden Landesteile.
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Quellentext
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Subventionspolitik
"Ich kann wegen der Dürre nicht davon leben, was das Feld mir einbringt", klagt der Kleinbauer Bagarti. Er steht neben einem der kleinen Brunnen, die die Bauern der Region seit altersher zum Bewässern bauen. In nur drei bis sechs Meter Tiefe schwappt Grundwasser in dem engen Schacht von einem Meter Durchmesser - selbst im Winter, während der Trockenzeit. Aber das Wasserschöpfen ist mühsam. [...]
Ein Problem der Subventionspolitik, das überall in Indien herrscht: Die Gelder fließen in die falschen Taschen. Im Bundesstaat Maharaschtra benutzen zwei Prozent aller Bauern 70 Prozent der Be-wässerungsreserven. Es wird überwiegend auf Zuckerplantagen eingesetzt - eine der wasserintensivsten Anbauarten. Nicht genug damit: 73 Prozent dieser Plantagen befinden sich in Gegenden, die offiziell als "dürregefährdete Regionen" bezeichnet werden - und deshalb Anspruch auf besonders viel Zuschüsse des indischen Staats haben. Doch die meisten dieser Gebiete erhielten den Status dank politischem Einfluß, nicht weil der Regen ausbleibt, sagt Palagummi Sainath in seinem Buch Everybody loves a good drought ("Jeder liebt eine gute Dürre) und klagt an: "Wasser wird in Indien von den Reichen und Starken kontrolliert!" [...]
Die Folgen für Kleinbauern wie Bagarti: Ein nie endender Kreislauf der Verschuldung. Acht Monate arbeitete er mit seiner Frau in Raipur auf einer Farm. 6000 Rupien (etwa 206 Mark) brachten sie nach Hause. Ein Teil dieses Geldes mußte er für neues Saatgut ausgeben. Doch wenn wieder einmal die "Dürre" kommt, wenn der Regen nicht zur rechten Zeit fällt, steht er mangels Bewässerungsmöglichkeiten erneut vor dem Aus. Dabei hatte es vor einigen Wochen nicht so schlecht ausgesehen. Denn die Regierung hob den sogenannten Inter-Distrikt-Bann auf. Danach dürfen Bauern ihren Reis nicht außerhalb des eigenen Distrikts verkaufen. Ohne dieses Verbot würde der normale Marktmechanismus für besseres Einkommen sorgen. Denn wo Reis knapp wird, steigen die Preise. "Das war unmöglich", sagt in Khariar, einem verträumten 14000 Einwohner zählenden Städtchen in der Nähe von Bagartis Heimatdorf der 43jährige Suresh Agarwal, ein Reismühlenbesitzer. Er gilt als der reichste Mann des Kleinstädtchens und führt stolz den Goldschmuck vor, den er seiner Frau gekauft hatte. "Was wäre aus unseren Reismühlen geworden, wenn die Bauern woanders verkauft hätten?" Mit anderen Mühlenbesitzern wurde er in Bubaneshwar, der Hauptstadt des Bundesstaates Orissa, vorstellig. Die Landesregierung führte prompt den "Inter-Distrikt-Bann" wieder ein.
Frankfurter Rundschau vom 14. August 1997.
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10. Februar 2012
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