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Informationen zur politischen Bildung (Heft 268)
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Von den Kolonien zur geeinten Nation |

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Jörg Nagler
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Das Zeitalter der Entdeckungen und Erfindungen rückte die westliche Hemisphäre in den Interessenhorizont Europas und löste die europäische Expansion nach Übersee aus: Die spanische, französische wie auch die englische Krone entsandten Expeditionen zur Erschließung des nördlichen Teils der Neuen Welt und leiteten daraus in der Folge verschiedene Machtansprüche ab, die unweigerlich ein Konfliktpotenzial entstehen ließen. Im Jahre 1507 benannte der deutsche Kosmograph Martin Waldseemüller den neuen Kontinent nach dem florentinischen Seefahrer Amerigo Vespucci, bekannt durch seine Erkundungsfahrten an den Küsten Südamerikas zwischen 1499 und 1502.
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Quellentext
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Amerika wird getauft 1507 erschien eine Weltkarte, die sich zum unerwarteten Bestseller entwickelte: Innerhalb eines Jahres waren bereits 1000 Exemplare verkauft. Danach wurde sie massenhaft verkleinert
reproduziert. Ihr Autor, Martin Waldseemüller, hatte sie entworfen, nachdem er kurz zuvor die Berichte eines gewissen Amerigo Vespucci über dessen Reisen entlang der südamerikanischen Küste gelesen hatte.
Vespucci war ein glänzender Erzähler, auch wenn er seine eigene Rolle übertrieb und von seinen angeblich vier Reisen nur zwei bezeugt sind. Schon mit dem Titel seines Werkes "Mundus Novus" machte Vespucci deutlich, dass er der Meinung war, die Ufer einer neuen Welt erreicht zu haben. Damit war etwas Revolutionäres ausgesprochen: die Vorstellung von der Existenz eines vierten Kontinentes, die unmittelbar von Waldseemüller in seine Weltkarte integriert wurde. Als Leitfigur bürgten Ptolemäus und der vermeintliche Entdecker des neuen Kontinents, Vespucci, mit ihren Porträts über Waldseemüllers Karte für das neue Weltbild. Ptolemäus war für den eurasischen Kontinent zuständig. [...]
Revolutionär [...] war die Darstellung der Neuen Welt als eigener Kontinent. Ausdehnung und Gliederung Nordamerikas waren noch wenig bekannt, eine Wasserstraße trennt auf der Hauptkarte den Nord- vom Südteil. Auf der kleinen Halbkugel neben Vespuccis Porträt fehlt die Meerenge und unterstreicht damit, wie unsicher man sich noch bezüglich wichtiger Strukturen der Neuen Welt war. [...]
Etwa auf der Höhe Brasiliens notierte Waldseemüller den Namen des neuen Kontinents, den er nach dem vermeintlichen Entdecker vorschlug: "America". Die Begründung für die Benennung lieferte ein der Karte beigefügter Einführungstext. Der "Taufschein" für die neue Welt war ausgestellt. Der Name Amerika bürgerte sich rasch - zunächst für den südlichen Subkontinent - ein. Waldseemüller bereute seinen Vorschlag schon bald, als ihm klar wurde, dass Vespucci nicht der große Entdecker war, als welcher er zunächst erschienen war. In der nächsten Kartenausgabe von 1513 fehlte der Name "Amerika". Statt dessen war wieder unbestimmt von der "terra incognita" die Rede und Kolumbus wurde als Entdecker benannt. Aber es war zu spät. Mit der
berühmten Karte von 1507 hatte sich der neue Kontinent seinen Platz auf den Weltkarten erobert und für alle Zeiten seinen Namen bekommen.
Ingeborg Seltmann, "Vom Heilsplan zur Handelskarte", in: Praxis Geschichte, Januar 1/2000, S. 16 ff.
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Der spanische Entdecker Juan Ponce de Léon erforschte im Jahre 1513 die Ost- und Westküsten Floridas, und zwischen 1539 und 1543 erkundete sein Landsmann Hernando de Soto, Gouverneur von Kuba, das Land nördlich des Golfs von Mexiko; parallel dazu fand der Spanier Francisco de Coronado von Mexiko aus auf der vergeblichen Suche nach Goldvorkommen seinen Weg in das heutige New Mexico. Spanier waren es auch, die 1565 mit St. Augustine im Norden Floridas die erste dauerhafte Niederlassung auf dem Gebiet der zukünftigen Vereinigten Staaten gründeten.
Der spätere französische Besitzanspruch auf das Gebiet entlang des St. Lorenz-Golfes und des gleichnamigen Stromes bis in die Gegend von Québec und Montréal basierte indessen auf den drei Reisen des französischen Seefahrers Jacques Cartier zwischen 1534 und 1543. Die englischen Ansprüche auf Teile Nordamerikas leiteten sich von den Erkundungsfahrten des in englischen Diensten stehenden italienischen Seefahrers John Cabot (eigentlich Giovanni Caboto) ab, der 1497 zunächst die Küste Neufundlands und ein Jahr später auch Teile des nordamerikanischen Festlandes erforschte.
Die englischen Koloniegründungen in Nordamerika unterschieden sich grundlegend von denen Spaniens und Frankreichs in Mittel- und Südamerika. Während dort die jeweiligen Königshäuser die Eroberung der neuen Territorien veranlassten, organisierten und finanzierten, war die englische Krone an der Erschließung der Kolonien nur mittelbar beteiligt: Sie vergab lediglich Privilegien und Freibriefe (charters) an private Handelsgesellschaften, die eigenständig die Organisation der Besiedlung übernahmen. Damit entwickelte sich bei den Siedlern von Anfang an ein Gefühl der Selbstständigkeit. Verstärkt wurde es durch die kolonialen legislativen Zweikammersysteme, von Grundbesitzern und Steuerzahlern gewählte Selbstverwaltungsorgane, die aus Unterhäusern (assemblies) und Oberhäusern (senates) bestanden.
Die fast 150 Jahre währende "heilsame Vernachlässigung" (salutary neglect) durch das Mutterland England förderte den Impuls zur Loslösung und schließlich zur Unabhängigkeit kurz vor der Amerikanischen Revolution. Die dreizehn Kolonien, die sich dann von Georgia bis New Hampshire zu einem Bund zusammenschlossen, wiesen von Anbeginn höchst unterschiedliche regionale Besonderheiten auf und wurden bereits unter teilweise sehr unterschiedlichen Vorzeichen gegründet.
Süden
Virginia, die erste englische Kolonie, benannt nach der "jungfräulichen" englischen Königin Elisabeth I., wurde aus kommerziellen Interessen gegründet: Gold, Gewürze und der vermutete Zugang nach Indien mittels der legendären Nordwestpassage zogen Abenteurer, Kaufleute sowie Aktionäre der London Company an. Sie gaben dem in die Chesapeake Bay mündenden Fluss und der dort errichteten, ersten dauerhaften englischen Niederlassung in Nordamerika die Namen James River und Jamestown (1607). Das Überleben dieser Kolonie schien anfangs äußerst unsicher: Die Malaria führte zu außerordentlich hohen Sterblichkeitsraten, geeignete Exportprodukte fehlten, weder die vermuteten Goldvorkommen noch der Seeweg nach Indien ließen sich finden. Erst die Einführung des Tabakanbaus 1612 hatte gravierende Konsequenzen: Sie zog Kapital und Arbeitskräfte an, und auch der Anreiz privaten Landbesitzes verstärkte im Mutterland den Wunsch, in die Neue Welt auszuwandern.
Im Jahr 1619 landete in Jamestown ein holländisches Schiff mit zwanzig Afrikanern an Bord. Damit begann ein folgenschweres Kapitel der US-amerikanischen Historie, das bis in die Gegenwart durch ethnische Konflikte geprägt ist - die Geschichte des schwarzen Amerikas.
Zunächst waren diese und die danach folgenden Afrikaner in etwa den weißen Schuldknechten gleich gestellt, die die Vorbezahlung ihrer Schiffspassage in einem Zeitraum von vier bis sieben Jahren abdienen mussten. Neben ihnen gab es dann sehr bald auch verschleppte oder zwangsdeportierte Häftlinge aus England. Erst durch den wachsenden Arbeitskräftemangel setzte sich das institutionell verankerte System der Sklaverei durch, das im Mutterland England nicht existierte, die Erklärung eines Menschen zur Ware (chattel slavery). Schwarze Menschen galten als "biologisch minderwertig" und Weißen unterlegen. Etwaige moralische Skrupel suchten die Sklavenbesitzer durch Bibelzitate aus dem Alten Testament zu zerstreuen, in denen die Sklaverei als legitimiert erschien. Als gegen Ende des 17. Jahrhunderts vermehrt Sklaven aus Afrika in die Kolonien Virginia und Maryland gebracht wurden, war die Sklaverei mit all ihren Nebenaspekten dort fest verankert und rechtlich kodifiziert.
Um 1700 betrug die Anzahl der ansässigen Sklaven bereits 20000, was etwa zwanzig Prozent der dortigen Gesamtbevölkerung entsprach. Auch in den später gegründeten Carolinas (ab 1663) wurden zunehmend Sklaven als Arbeitskräfte eingesetzt, wobei South Carolina mit seinen großen Reisplantagen und mit seinem Ausfuhrhafen Charleston bald zu einer wirtschaftlich florierenden Kolonie wurde.
Die Gesellschaft dieser südlichen Kolonien, deren Population am Vorabend der Amerikanischen Revolution einschließlich ihrer Sklaven etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung der englischen Festlandskolonien ausmachte, war noch fest im Ständedenken verhaftet. Eine kleine Schicht von Großpflanzern gab den Ton an, allen voran die so genannte Virginia-Aristokratie, ein Netzwerk einflussreicher, gebildeter und vermögender Angehöriger der Oberschicht. Soziale Spannungen zwischen diesen Eliten und der weißen Mittel- und Unterschicht existierten zwar, kamen aber nur selten zum Ausbruch - nicht zuletzt durch die Präsenz der vielen Sklaven, die sich auf Sozialkonflikte innerhalb der weißen Bevölkerung eher mildernd auswirkte.
Neuengland
Bei der zeitlich anschließenden Besiedlung der nördlichen Kolonien Neuenglands (das Gebiet der heutigen Bundesstaaten Massachusetts, Connecticut, Rhode Island, New Hampshire, Vermont und Maine) standen anders als im Süden nicht vornehmlich wirtschaftliche, sondern religiöse und gesellschaftspolitische Motive im Vordergrund. 1620 setzten die so genannten Pilgerväter (Pilgrim Fathers), die England ihres Glaubens wegen hatten verlassen müssen, ihren Fuß auf den Boden von Cape Cod, der dem heutigen Boston in Massachusetts vorgelagerten Halbinsel. Noch an Bord ihres Schiffes Mayflower hatten 41 ihrer 101 Passagiere am 11. November jenes Jahres einen Vertrag geschlossen, der als Mayflower Compact in die Geschichte der USA einging und die Regierungsform ihrer künftigen Kolonie definierte. Er postulierte einen religiösen und politischen Selbstverantwortungsanspruch, der die Mitglieder "gemeinsam im Bund mit Gott" zum Zusammenhalt verpflichtete. Die pilgrims, eine Splittergruppe der Puritaner, jener kirchlichen und teilweise auch sozialen Protestbewegung innerhalb des englischen Protestantismus des 16. und 17. Jahrhunderts, wollten die Anglikanische Hochkirche (Church of England) von den etablierten Hierarchien und Riten "reinigen" und allein die Bibel als Grundlage menschlichen Handelns akzeptieren.
Gegenüber Andersdenkenden herrschte wenig Toleranz. Kirchenzugehörige galten als "Erwählte", und nur sie hatten ihrerseits Wahlrecht, eine Praxis, die bis 1691 aufrechterhalten wurde. Gleichwohl führten die Puritaner das politische Element der Selbstverwaltung einer jeden Siedlung (local self-government) und - in kirchlicher Hinsicht - jeder einzelnen Gemeinde (congregationalism) ein.
Die seit 1629 mit einem königlichen Freibrief ausgestattete Massachusetts Bay Company beauftragte den Puritaner John Winthrop (1588-1649) mit der Errichtung neuer Siedlungen. Er gründete unter anderem Boston in der Überzeugung, dass seine Kolonie für die weltweite Christenheit als "Neues Jerusalem" Vorbildcharakter bekommen würde. Diese Art von religiös und politisch unterlegtem Sendungsbewusstsein hatte im weiteren Verlaufe der Geschichte erheblichen Einfluss auf die Ausprägung einer spezifisch US-amerikanischen Identität. "Müßiggang" wurde als Sünde verdammt, und die religiöse Unterweisung, die der Aufrechterhaltung dieses strikten Regimes diente, stand im Mittelpunkt der bürgerlichen Bildung. Es entstanden viele entsprechend ausgerichtete Schulen, darunter auch das 1636 gegründete Harvard. Zutiefst von der Sündhaftigkeit des Menschen überzeugt, misstrauten die Puritaner aufgrund ihrer Erfahrungen in England generell der Macht, da Menschen ihres Erachtens unweigerlich zu deren Missbrauch und zu Korruption neigten. Daraus erklären sich die tiefsitzende amerikanische Skepsis gegenüber der Staatsmacht sowie die Betonung demokratischer Werte und der Rechte des Individuums.
Das Gebiet Neuenglands wurde zum Magneten für weitere puritanische Zuwanderungsströme aus England. Allein bis 1640 kamen 20000 in die Region der Massachusetts Bay. Anders als die Pilgerväter hielten sie wirtschaftlichen Erfolg für ein Zeichen der Gnade Gottes. Gepaart mit Ehrgeiz und Wohlstandsstreben führte diese Auffassung sehr rasch zur Prosperität. Es entstand ein puritanisches Gemeinwesen mit einer Staatskirche, die Andersdenkende und Dissidenten wie Roger Williams (1603-1683) und Anne Hutchinson (1591-1643) wiederum ins Exil trieb. Beide gründeten daraufhin 1636/38 die Kolonie Rhode Island, wo die strikte Trennung von Kirche und Staat eingeführt wurde. Das erste in der Neuen Welt begangene Erntedankfest (Thanksgiving) im Herbst 1621 sollte die Beziehung zwischen den Siedlern und der indianischen Urbevölkerung (Native Americans) festigen. Ihre angestrebte und öffentlich bekundete Harmonie war indessen nur von kurzer Dauer. Wie auch in Virginia kam es ab 1622 in Neuengland zu gewalttätigen Konfrontationen zwischen den europäischen Einwanderern und den indianischen Ureinwohnern, in deren Verlauf die Ureinwohner gänzlich ausgerottet wurden.
Mittelatlantik
Während die südlichen und neuenglischen Kolonien in religiöser, politischer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht zum überwiegenden Teil englisch geprägt waren, entwickelte sich seit den 1640er Jahren in den so genannten Mittelatlantik-Kolonien eine größere Vielfalt euroamerikanischen Kulturlebens, dominiert von Niederländern, Skandinaviern und Deutschen. So hatten erstere an den Flüssen von Hudson und Delaware Handelsstützpunkte errichtet, um mit den dort ansässigen Indianern einen lukrativen Pelzhandel zu betreiben. Auf diese Weise entstand die Kolonie "Neu-Niederlande" mit ihrem Seehafen Neu-Amsterdam auf der Insel Manhattan, welche die Niederländer den Indianern für 50 Gulden abgekauft hatten. Skandinavier prägten durch die Einführung der Blockhütte das typische architektonische Bild der Pionierzeit in dieser Region. Während des zweiten britisch-niederländischen Seekrieges (1664-1667) wurde das Gebiet dann von den Engländern erobert und dem Herzog von York, Bruder des englischen Königs Charles II., als Lehen übergeben: Aus Neu-Niederlande wurde New York und aus Neu-Amsterdam New York City.
Eine gänzlich andere Form der Koloniegründung stellte Pennsylvania dar, dessen weiträumiges Gebiet zwischen New York und Maryland die englische Krone 1681 dem Quäker William Penn als Lehen überließ. Die im 17. Jahrhundert in England gegründete Religionsgemeinschaft besaß eine ausgesprochen philanthropische Ausrichtung und hat sich im weiteren Verlauf der amerikanischen Geschichte in vielen Bereichen der Gesellschaft sozial engagiert.
Penn, der die Koloniegründung als "heiliges Experiment" betrachtete, gründete im Jahr darauf am Zusammenfluss von Delaware und Schuylkill River die Hauptstadt Philadelphia. Ihr schachbrettartig angelegtes Straßenmuster wurde zum Vorbild für die meisten US-amerikanischen Städte. Anders als die Puritaner glaubten Penn und seine Glaubensbrüder an "das Gute im Menschen" und hegten eine optimistische Zukunftserwartung, eine Sichtweise, die geistesgeschichtlich für die Vereinigten Staaten letztlich ebenso prägend wurde wie der puritanische Skeptizismus. Zur ersten Einwanderergeneration gehörten auch dreizehn deutsche Mennoniten-Familien aus Krefeld, die 1683 mit dem Schiff Concord unter der Leitung des Theologen Franz Daniel Pastorius in Pennsylvania eintrafen. Seitdem gab es eine kontinuierliche deutsche Einwanderung in diese Region. Am Vorabend der Amerikanischen Revolution betrug der deutsche Bevölkerungsanteil Pennsylvanias immerhin ein Drittel, in allen dreizehn Kolonien hingegen durchschnittlich rund zehn Prozent. Um 1700 wurde die gesamte Kolonialbevölkerung auf 250000 geschätzt. Mit rapider Wachstumstendenz verdoppelte sie sich nahezu alle zwanzig Jahre und belief sich 1760 auf 1,6 Millionen. Im Jahr der Unabhängigkeitserklärung (1776) war sie schließlich auf 2,5 Millionen (darunter 20 Prozent Sklaven) angewachsen.
Spannungen mit England
Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts dachten und fühlten die Kolonisten überwiegend englisch. Innerhalb von zwanzig Jahren sollte sich dies so fundamental ändern, dass sie zu "Amerikanern" wurden. Die Ursachen für diesen Prozess waren komplex und lagen sowohl in den Kolonien als auch im Mutterland.
Der so genannte French and Indian War (1754-1763), die amerikanische Variante des Siebenjährigen Krieges, in dem sich Franzosen und verschiedene Indianernationen gegen die Engländer verbündeten, begrenzte das französische Vordringen von Kanada in das Ohio-Tal. Das siegreiche britische Empire konnte 1763 im Frieden von Paris die Existenz des französischen Kolonialreiches in Nordamerika beenden. England versuchte danach, seine hohe Staatsverschuldung zumindest teilweise durch Steuern aus den nordamerikanischen Kolonien zu decken. Da die Sicherheit der englischen Siedler an den Siedlungsgrenzen - der frontier - durch vermehrte Übergriffe der Indianer zunehmend gefährdet wurde, entschloss sich London zur Entsendung von Schutztruppen nach Nordamerika. Allerdings war diese Stationierung mit erheblichen Kosten verbunden, die wiederum teilweise die Kolonisten tragen sollten. Ferner wurde in London beschlossen, einen Teil dieser Soldaten in privaten Haushalten einzuquartieren. Ein weiterer recht unpopulärer Schritt im Zusammenhang mit der Indianerpolitik war die Ausschließung des Gebietes jenseits der Appalachen von der weißen Besiedlung, wovon in England die endgültige Befriedung der Grenze zwischen Weißen und Indianern erhofft wurde.
Entscheidend für die weitere Entwicklung zwischen Kolonien und Mutterland wurde ein Wandel in der Vorstellung von imperialer Kontrolle. Nachdem England durch den Siebenjährigen Krieg seine nordamerikanischen Besitzungen nahezu verdoppelt hatte, vollzog es einen allmählichen Übergang vom kommerziellen zum territorialen Imperialismus. Es wollte die Kolonien nicht mehr nur aus Handelsperspektive regieren, sondern auch mit Blick auf ihre Bevölkerungsstärke und die damit einhergehenden potenziellen Finanzerträge.
Ein anderer gewichtiger Faktor für die zunehmende Spannung zwischen Mutterland und Kolonien wurde die Wirtschaftsrezession, die ab 1763 nach einem kurzen wirtschaftlichen Aufschwung in den Kolonien einsetzte. Ausgerechnet in dieser Zeit unternahm England den ersten Versuch, die Kolonien an den Verwaltungskosten zu beteiligen, und zwar mit dem so genannten Zuckergesetz von 1764. Es belegte bestimmte Genussmittel wie Wein, Kaffee, Zucker und Melasse mit Einfuhrzöllen, die erhebliche finanzielle Einbußen gerade der amerikanischen Alkoholbrennereien und verschiedener anderer Branchen befürchten ließen.
Gleichwohl war weniger der finanzielle Aspekt dieser Verfügung ausschlaggebend, als vielmehr die britische Absicht, die angekündigten Zölle nun tatsächlich einzuziehen. So bestand der größte Stein des Anstoßes für die Kolonisten schließlich in der Präambel des Gesetzes, die mit unmissverständlichen Worten die angestrebte Verstärkung der imperialen Kontrolle über die Kolonien betonte. Zu diesem Zeitpunkt offenbarten sich bereits deutlich unterschiedliche Auffassungen über die Art politischer Vertretung. Während in England nach wie vor die Ansicht herrschte, dass ein Parlamentsabgeordneter der Gesamtbevölkerung gegenüber Verantwortung trage, so vertraten die Kolonisten aufgrund ihrer gewachsenen Erfahrungen in den assemblies die Meinung, Volksvertreter seien direkt und ausschließlich ihren Wählern verpflichtet.
Streit um Stempelsteuer
Einen neuen Höhepunkt erreichte der koloniale Protest mit dem Stempelsteuergesetz von 1765, das eine direkte Steuer auf jedwede Art von Druckerzeugnissen, Reklame, juristische Dokumente und sogar Würfelspiele erhob. Zusätzlich sah es vor, zur Einziehung dieser Steuern in den Kolonien eine britische Bürokratie aufzubauen. Gerade dieser Punkt erregte die Gemüter besonders und wurde als Versuch Englands interpretiert, den Kolonisten seine Autorität aufzuzwingen. Kaufleute, Rechtsanwälte und Journalisten aus Boston, Philadelphia und New York, die besonders hart von der neuen Steuer betroffen waren, organisierten daraufhin einen wirkungsvollen Importboykott englischer Waren. Parallel dazu kam es aber auch schon zu spontanen Massendemonstrationen, in deren Verlauf britische Steuerbeamte geteert und gefedert wurden.
Die assembly von Virginia verabschiedete schließlich eine Resolution mit der Feststellung, dass nur eine repräsentative Versammlung der Kolonien das Recht beanspruchen könne, ihre Bürger zu besteuern. "No taxation without representation" (keine Besteuerung ohne politische Repräsentation) war das Motto des kolonialen Widerstandes. Eine "Anti-Stempelsteuergesetz-Versammlung", ein interkolonialer Kongress, der als erster Schritt zur Revolution angesehen werden kann, tagte im Oktober 1765 mit Vertretern aus neun Kolonien in New York.
Obwohl die englische Regierung danach bereit war, das umstrittene Steuergesetz außer Kraft zu setzen, hielt sie doch am einmal eingeschlagenen Weg fest. Aus einem Steuergesetz entbrannte so der fundamentale Konflikt zwischen den Kolonisten und dem Mutterland. Die eine Seite beharrte auf ihren in der Phase der "heilsamen Vernachlässigung" entwickelten politischen Rechten, die andere auf ihrem Vorhaben, die Kolonien fester in das Empire einzubinden und die Autorität des Königs und des Parlamentes durchzusetzen.
Weg in den Widerstand
So kam es bald zu erneuten Einfuhrzöllen zum Beispiel auf Farbe, Papier und Tee und 1770 im Verlauf einer Auseinandersetzung zwischen Kolonisten und britischen Soldaten zum so genannten Bostoner Massaker, bei dem fünf Zivilisten getötet wurden. Außer vom Teezoll traten die Engländer daraufhin von ihren Ansprüchen zurück, doch der gewachsene Unmut der Kolonialbevölkerung entlud sich schließlich in der so genannten Boston Tea Party im Dezember 1773, bei der als Indianer verkleidete
Kolonisten die wertvolle Teeladung dreier Schiffe in das Bostoner Hafenbecken kippten.
Gegen die angedrohten Strafmaßnahmen des Mutterlandes organisierte sich umgehend eine interkoloniale, gut koordinierte Widerstandsbewegung, die für September/Oktober 1774 den "Ersten Kontinentalkongress" in Philadelphia einberief, zu dem alle Kolonien Delegierte entsandten. Der Kongress beschloss die Einstellung des Handels zwischen den Kolonien und dem Mutterland. Auf diese Provokation hin erklärten König Georg III. und das englische Parlament im Februar 1775, dass sich die Kolonien nunmehr in einer offenen Rebellion gegen das Mutterland befänden. Die britische Truppenpräsenz wurde verstärkt und den Generälen befohlen, aufrührerische Kolonisten umgehend zur Rechenschaft zu ziehen. Diese ihrerseits begannen Milizen zu organisieren sowie Waffen und Munition zu sammeln. Nur wenige Wochen später, im April 1775, kam es bei Lexington und Concord in Massachusetts zu ersten militärischen Auseinandersetzungen zwischen Kolonisten und Engländern.
Im Mai 1775 trat der Zweite Kontinentalkongress in Philadelphia mit 65 Delegierten sämtlicher Kolonien zusammen. Er übernahm nunmehr Regierungsfunktion, ernannte den Pflanzer und Kriegsveteranen des French and Indian War George Washington aus Virginia zum Oberbefehlshaber der neu zu schaffenden amerikanischen Streitkräfte und rief umgehend den Verteidigungszustand aus. Es wurden neues Papiergeld gedruckt und diplomatische Beziehungen zu verschiedenen anderen Nationen aufgenommen. Eine Friedenspetition an den englischen König zeigte keine Wirkung. Georg III. proklamierte vielmehr im August 1775 den Zustand der offenen Kolonialrebellion und ließ im November eine See- und Handelsblockade errichten. Die Befürworter der Unabhängigkeit erhielten durch Thomas Paines Pamphlet "Common Sense" erheblichen Aufschwung. Paine vertrat darin die Ansicht, nur eine republikanische Staatsform könne die Kolonien vor der Tyrannei der unter Georg III. der Korruption verfallenen englischen Monarchie bewahren. Die Unabhängigkeit vom monarchischen Mutterland sei daher die einzig logische Schlussfolgerung. Der phänomenale Erfolg seiner Schrift zeigte die bereits gewachsene Politisierung breiter Schichten und dokumentierte, dass das amerikanische Unabhängigkeitsstreben zunehmend in eine Revolution einmündete. |
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14. März 2010
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