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Informationen zur politischen Bildung (Heft 268)
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Von den Kolonien zur geeinten Nation |

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Jörg Nagler
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Zwischen 1815 und 1860 spielte die Baumwolle in der US-Wirtschaft eine dominierende Rolle. Die Südstaaten bauten sie an, der Nordosten (teilweise auch England) verarbeitete sie in seinen Manufakturen und Fabriken zu Kleidung und versorgte seinerseits den Süden mit Manufakturwaren, wobei dieser wiederum Nahrungsmittel aus dem Mittelwesten bezog. Reeder der Ostküste dominierten den Baumwolltransport nach England.
Zwischen 1840 und 1860 erlebte die US-amerikanische Industrie ein stetiges und in einigen Bereichen außerordentliches Wachstum. 1860 erreichten ihre Erzeugnisse erstmalig den Wert der landwirtschaftlichen Produktion. Die Auswirkungen der industriellen Revolution zeigten sich vor allem im Nordosten: Hier schritt die Industrialisierung schneller voran als in den anderen Regionen, und es bildete sich eine einflussreiche Klasse von Industriekapitalisten, die zunehmend erhebliches politisches Gewicht erhielt und zum Großteil aus Befürwortern von Hochzollpolitik und Protektionismus bestand. Einhergehend mit der raschen Industrialisierung war im Nordosten durch eine sehr gute Infrastruktur eine Industrieregion entstanden, in der die verschiedenen Produktionszweige effektiv miteinander verbunden waren. Der Urbanisierungsprozess, der gravierende politisch-soziale Veränderungen mit sich brachte, wurde dadurch erheblich beschleunigt.
Bis 1860 war dieser Prozess so fortgeschritten, dass 20 Prozent der Gesamtbevölkerung in Städten mit mehr als 2500 Einwohnern lebten, während es 1810 noch sechs Prozent gewesen waren. Im gleichen Zeitraum war auch ein Wandel in der Verteilung der Arbeitskräfte eingetreten: Es gingen inzwischen mehr als doppelt so viele Menschen nicht-landwirtschaftlicher Tätigkeit nach (45 statt 21 Prozent).
Eine wahre Revolution hatte im Transportwesen stattgefunden. Speziell der Ausbau der Eisenbahnwege trieb die Industrialisierung und die Erschließung von Binnenmärkten voran. Bereits 1860 hatten die USA ein größeres Schienennetz als alle anderen Länder der Welt zusammen.
Wirtschaftliche Ursachen
Die Folgen der Industrialisierung stellten sich für den Süden gänzlich anders dar. Allerdings erlebte er durch die immense Nachfrage nach Rohbaumwolle seitens Englands, Frankreichs und des eigenen amerikanischen Nordostens einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung. Vor allem die technische Vervollkommnung der Baumwollentkörnungsmaschine setzte die Arbeitskraft der Sklaven frei zur Kultivierung größerer Nutzflächen für den Baumwollanbau. Rasch breitete sich king cotton von den Küstenstaaten bis nach Texas aus. Um die Jahrhundertmitte, als die Südstaaten über 300000 Tonnen Rohbaumwolle produzierten, betrug der entsprechende Anteil der USA am Weltmarkt sieben Achtel. Da der Anbau in Monokultur den Boden nach einiger Zeit unfruchtbar werden ließ, schürte die Notwendigkeit der Erschließung neuer Bodenflächen das Verlangen nach Expansion. Dies hatte Folgen für die nationale Politik der Südstaaten.
Die Sklaverei stand zweifellos im Zentrum des Ringens zwischen Norden und Süden, aber sie war nicht die einzige Ursache des Nord-Süd-Gegensatzes. Vielmehr verbanden sich ökonomische, politisch-ideologische und kulturelle Faktoren zu einem Problemknäuel, das durch Ausgleichsbemühungen und Kompromisse letztlich nicht mehr entwirrt werden konnte. Im Norden befand sich seit den 1820er Jahren eine zunehmend komplexe und diversifizierte Wirtschaft, in der die Bedeutung des agrarischen Sektors allmählich zugunsten von Industrialisierung und Handel abnahm.
Expansion und Kommerzialisierung bestimmten auch das Bild des Südens, insbesondere des aufstrebenden Südwestens. Der Baumwollanbau, der hier als Monokultur vorherrschte, sorgte aber dafür, dass der Charakter der ganzen Region agrarisch blieb. Die Pflanzer dachten und handelten durchaus als Unternehmer. Sklaven waren für sie zugleich Arbeitskräfte und Kapital, eine "Ressource", die im Zuge des Baumwollbooms knapp und teuer wurde. Kulturell blieb der Süden stärker der Vergangenheit verhaftet. Weiße Südstaatler schlossen sich zunehmend enger zusammen, um ihre überlieferten Werte und Ideale zu verteidigen.
Der wirtschaftliche Interessengegensatz zwischen Nord und Süd zeigte sich auch in der Zollgesetzgebung. Der Norden, der bemüht war, seine Industrien vor der Flut der englischen Produkte zu schützen, trat für eine Schutzzollpolitik ein und verstand es, diese Art der Gesetzgebung auch im Kongress durchzusetzen. Die hohen Zölle benachteiligten jedoch eindeutig den exportorientierten Süden, der jetzt auf seine importierten Fertigwaren einen hohen Zoll zahlen oder sie im Nordosten relativ teuer erstehen musste.
Kontroverse um die Sklaverei
Zunächst schien der Nationalismus, der die junge Nation nach 1815 erfasste, regionale Unterschiede zu überbrücken. Je schneller die Vereinigten Staaten wuchsen, desto deutlicher erschienen jedoch die Verschiedenheiten und Interessenskonflikte der nördlichen und südlichen Regionen. Die Sklaverei bewirkte letztlich, dass diese Unterschiede zu einem unüberbrückbaren Gegensatz wurden, der sich in einem unerbittlichen Verschleißkrieg zwischen beiden Regionen entladen sollte.
Indessen sorgte das Verbot der Sklaverei nicht wie erhofft für deren Rückgang. Vielmehr wurde durch die weltweit steigende Nachfrage nach Baumwolle der Einsatz von Sklavenarbeit immer wichtiger, und der Wegfall neuer Sklavenimporte ließ sich durch den Ankauf von Sklaven aus dem "Oberen Süden", das heißt Virginia und Maryland, ausgleichen. Sie erhielten nun eine bessere medizinische Versorgung, und auch ganze Sklavenfamilien wurden jetzt geduldet, um den natürlichen Zuwachs der Sklavenpopulation zu erhöhen. Auf diese Weise gab es 1850 bereits 2,5 Millionen Sklaven im US-amerikanischen Süden, die zum überwiegenden Teil (1,8 Millionen) im Baumwollanbau, aber auch im Tabak-, Zucker- und Reisanbau beschäftigt waren. Allerdings besaß nur ein Viertel der weißen Bevölkerung im Süden Sklaven, das Gros in der Regel zwischen einem und zehn. Nur wenige Südstaatler entsprachen also dem Stereotyp der "Pflanzeraristokratie" mit Herrenhäusern und Hunderten von Sklaven, wie es in der Literatur über die Südstaaten ("Vom Winde verweht") zum Teil dargestellt wird.
Gegen das brutale Ausbeutungssystem der Sklaverei wandten sich immer mehr Gegner in den Nordstaaten, die so genannten Abolitionisten. Während diese Gruppe in den 1830er Jahren noch eine angefeindete Minderheit darstellte, erhielt sie bis zum Bürgerkrieg immer mehr Zulauf. Aus ihren Reihen wurde auch die organisierte Fluchthilfe unterstützt, die bis zum Bürgerkrieg mehr als 60000 Sklaven den Weg in die Freiheit ermöglichte.
Im Kontext des Abolitionismus entwickelte sich die erste amerikanische Frauenbewegung. Frauen besaßen einen starken Anteil bei der Gründung von abolitionistischen Zweigorganisationen und strebten bald auch Führungspositionen auf nationaler Ebene an, die ihnen aber vorerst noch verwehrt wurden. Als 1840 einer Gruppe von weiblichen Delegierten auf dem internationalen Anti-Sklaverei-Kongress in London der Zutritt verweigert wurde, mobilisierte dies viele Frauen in den Vereinigten Staaten. 1848 verabschiedete der erste Frauenrechts-Konvent in Seneca Falls, New York, eine Deklaration (Declaration of Sentiments), in der unter Bezugnahme auf die Unabhängigkeitserklärung festgestellt wurde, dass "alle Männer und Frauen gleich geboren sind". Auf der Konferenz wurde auch die Einführung des Wahlrechts für Frauen verlangt. Erfüllt wurde diese Forderung allerdings erst mit dem 19. Verfassungszusatz von 1920.
Die Südstaaten hielten die Abolitionisten für die Stimme des Nordens schlechthin und reagierten, indem sie das System der Sklaverei verteidigten und als einen integralen Bestandteil ihrer Kultur definierten: Anders als in der "Lohnsklaverei" des industrialisierten Nordens, wo Arbeiter unter in ihren Augen ebenfalls unwürdigen Bedingungen arbeiteten und in Elendsquartieren der Großstädte hausten, würden Sklaven im Süden humaner behandelt, da ihnen Nahrung garantiert werde sowie Unterkunft und medizinische Versorgung zustehe; außerdem wären Hochkulturen wie die der Griechen und Römer ohne Sklaverei undenkbar gewesen.
Seit der Amerikanischen Revolution gab es immer wieder Stimmen, die ein harmonisches Zusammenleben zwischen Weiß und Schwarz in den Vereinigten Staaten grundsätzlich für unmöglich hielten und daher für eine generelle "Rückführung" aller Schwarzen oder aber zumindest der freien Afroamerikaner nach Afrika plädierten. Die 1816 gegründete American Colonization Society kaufte zu diesem Zweck Land an der Westküste Afrikas und nannte es "Liberia". Zu Beginn des Bürgerkrieges lebten dort rund 12000 Afroamerikaner.
Zunehmende Polarisierung
Solange die Kontroverse über die moralisch-ethische Dimension der Sklaverei dort geführt wurde, wo diese bereits existierte, ließen sich die Unterschiede der Standpunkte politisch ausgleichen. Als es aber um die Ausweitung der peculiar institution, wie die Sklavenhaltung euphemistisch genannt wurde, auf die neu hinzugewonnenen Territorien ging, war dies trotz immer wieder neuer Kompromisse bald nicht mehr möglich. Ein solcher Kompromiss von 1850, der Fugitive Slave Act, wurde im Norden kontrovers diskutiert. Er sah vor, die Rückgabe in den Norden geflohener Sklaven zu erleichtern und die Strafen für Fluchthelfer zu verschärfen.
Nach einer neuen Kompromissformel im so genannten Kansas-Nebraska Act von 1854 sollte die Bevölkerung der Einzelstaaten über ihren Status selbst entscheiden und dies auch in Gebieten, die laut "Missouri-Kompromiss" von 1820 (der den Territorien nördlich des 36. Breitengrades mit Ausnahme von Missouri Sklaverei untersagte) für alle Zeiten sklavenfrei bleiben sollten. Damit war der Missouri-Kompromiss hinfällig geworden. Die Verabschiedung des Kansas-Nebraska-Gesetzes verschärfte die Spannungen zwischen Nord und Süd in einem solchen Maße, dass sie schließlich in der bewaffneten Auseinandersetzung beider Regionen endeten.
Das Gesetz löste politische Polarisierungen aus, die im Norden Auflösungserscheinungen bei den etablierten Parteien und neue politische Konstellationen hervorriefen. Die Whigs, deren nördlicher Flügel auf einer etwas reformfreudigeren Haltung in der Sklavereifrage bestand, verloren die Unterstützung im Süden, und die Partei zerfiel.
Im Norden führte der Widerstand gegen das Kansas-Nebraska-Gesetz zur Bildung der Republikanischen Partei. Ihre Zusammensetzung konnte kaum heterogener sein: Dissidierende Anti-Sklaverei-Demokraten, ehemalige Whigs, Abolitionisten, Temperenzler (sie traten für Mäßigkeit im Alkoholgenuss ein) und Nativisten (sie befürworteten eine restriktive Immigrationspolitik) einte primär das Ziel, die weitere Ausbreitung der Sklaverei zu verhindern. Mit Ausnahme der Abolitionisten waren diese Gruppierungen dabei wohlgemerkt nicht etwa für ihre Abschaffung in Gebieten, in denen sie bereits existierte. Es ging um die neuen Territorien, den noch "freien Boden". Bereits zwei Jahre nach dem Kansas-Nebraska Act beteiligten sich die Republikaner wohlorganisiert am Präsidentschaftswahlkampf, in dem ihr Kandidat, der mittlerweile zur Symbolfigur für die Erschließung des Westens gewordene John Charles Frémont, dem demokratischen Kandidaten James Buchanan (1857-1861) allerdings unterlag. Während die nationalen Parteien vor dem Kansas-Nebraska-Gesetz bemüht gewesen waren, innerparteiliche Kämpfe von nördlichen und südlichen Gruppen zu schlichten, demonstrierte das Wahlergebnis, dass ein Zweiparteiensystem mit einer politischen Polarisierung um die Sklavenfrage entstanden war. Die Demokraten gewannen ihre politische Stärke durch den Süden, die Republikaner die ihre durch den Norden.
Stärker als alle Parteipolitik trug ein Buch zur persönlichen Standortbestimmung und damit zur Verhärtung der Fronten zwischen Nord und Süd bei. "Onkel Toms Hütte" von Harriet Beecher Stowe schilderte eindringlich die Verwerflichkeit der Sklaverei und ihren negativen moralischen Einfluss auf die Gesellschaft und wurde gleich nach Erscheinen Anfang der 1850er Jahre zum Bestseller.
Die nachfolgenden Ereignisse sorgten für eine zunehmend spannungsgeladene, hoch emotionalisierte Krisenstimmung: Im "blutenden Kansas", wo zwischen Anhängern und Gegnern der Sklaverei um die Frage gerungen wurde, ob ihr Staat sklavenfrei werden sollte oder nicht, herrschten bereits bürgerkriegsähnliche Zustände. Die "Dred Scott"-Entscheidung des Obersten Gerichtshofes (Supreme Court) von 1857 bestimmte, dass Sklaven und freie Afroamerikaner keine US-amerikanischen Staatsbürger seien und daher nicht das Recht besäßen, vor einem Bundesgericht zu klagen. Darüber hinaus wurde dem Kongress die Kompetenz abgesprochen, über die Sklaverei in den Territorien zu entscheiden. Damit waren alle vorher getroffenen Kompromisse über die Sklaverei für verfassungswidrig erklärt worden. Im Norden verweigerten Sklavereigegner nun die Anerkennung des Obersten Gerichtes als letzte Instanz der Verfassungsinterpretation. 1859 sorgte der später zur Legende gewordene Versuch John Browns ("John Brown's Body ..."), in Harpers Ferry im heutigen West Virginia eine Sklavenrebellion zu entfachen, für Aufruhr und gesteigerte Unruhe. Zusätzlich zur Destabilisierung des politischen Klimas trugen die Wirtschaftskrise von 1857 und deren Nachwirkungen bei, die den Norden stärker betrafen als den Süden.
Die Wahl des Republikaners und erklärten Sklavereigegners Abraham Lincoln zum 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten im Jahre 1860 nahm der Süden nicht mehr hin - bereits zuvor hatten einige Südstaaten für den Fall eines Sieges der Republikaner mit Sezession, das heißt mit dem Austritt aus der Union, gedroht.
Bürgerkrieg
Anfang 1861 bildeten alle sieben Staaten des "Deep South" die "Confederate States of America" und signalisierten dem Norden am 12. April mit der Beschießung des bundeseigenen Forts Sumter im Hafen von Charleston, South Carolina, ihre Bereitschaft, für die Unabhängigkeit zu kämpfen. Lincoln reagierte mit dem Aufruf an die Unionsstaaten, 75000 Freiwillige zur Unterdrückung dieser "Rebellion" bereitzustellen. Die Südstaaten wie Arkansas, North Carolina, Tennessee (das 1863 jedoch zur Union zurückkehrte) und Virginia kamen dieser Aufforderung nicht nach und schlossen sich den Konföderierten an, die nun Jefferson Davis als ihren eigenen Präsidenten und Richmond in Virginia zur Hauptstadt ausriefen. Die "Grenzstaaten" Missouri, Kentucky, Maryland und Delaware - die ebenfalls Sklaverei praktizierten - verbündeten sich nach anfänglichem Zögern und inneren Auseinandersetzungen mit der Union. Somit standen dreiundzwanzig nördliche Einzelstaaten elf südlichen gegenüber.
Im Rückblick erscheint das Vorgehen der Südstaaten, gemessen an ihrer klaren Unterlegenheit und den gewaltigen Menschen- und Energiereserven des industriellen Nordens, erstaunlich. Allein der Vergleich der beiden Bevölkerungen - etwa 22 Millionen im Norden gegenüber neun Millionen im Süden, einschließlich der rund vier Millionen Sklaven - verdeutlicht die Diskrepanz. Noch wichtiger war das bei weitem überlegene nördliche Industriepotenzial mit viermal so vielen Fabriken und einer sehr gut ausgebauten Infrastruktur mit allein etwa doppelt so vielen Kilometern Eisenbahnnetz.
Kurzsichtige Südstaatenpolitiker vertrauten auf eine größere Kampfmoral ihrer Soldaten; andere erkannten zwar die ökonomische Überlegenheit des Nordens, waren aber der Ansicht, dass die europäischen Mächte auf Seiten des Südens eingreifen würden. Schließlich benötigten England und Frankreich die Rohbaumwolle und hätten gegebenenfalls Druck auf den Norden ausüben können, die Konföderation anzuerkennen. Tatsächlich gab es in diesen Staaten einflussreiche konservative Kreise, die eine Intervention zugunsten des Südens befürworteten. Ihre Motive resultierten einerseits aus einem gewissen Solidaritätsempfinden der Pflanzeraristokratie gegenüber und andererseits aus der Abneigung gegen das erfolgreiche demokratische System der USA. Die Strategie der Südstaaten ging jedoch nicht auf. England und Frankreich importierten Rohbaumwolle zunehmend aus Ägypten und Indien und blieben aus Furcht vor einer möglichen Verwicklung in den Krieg neutral.
Langfristig relevanter als die militärische Dimension des Krieges war für beide Seiten indessen ein kohärentes politisches Konzept, das ihrem Kampf die eigentliche Stärke verleihen konnte. Für die Südstaaten war dies einfach: Sie kämpften für ihre Unabhängigkeit, den Erhalt der Sklaverei und die Verteidigung ihres Territoriums. Der Norden dagegen stritt eher für ein Prinzip: für die Einheit der Nation - und erst später für die Abschaffung der Sklaverei. Doch Lincoln erkannte bald, dass sowohl an der nördlichen Heimatfront als auch im Ausland ein Krieg primär gegen die Sklaverei letztlich breitere Unterstützung finden würde.
Tatsächlich entwickelte dieser Konflikt eine solche Dynamik, dass sich Lincoln im September 1862 gezwungen sah, neben dem Erhalt der Union die Emanzipation der Sklaven als ein Kriegsziel zu bezeichnen, und in der "Emanzipationserklärung" alle Sklaven, deren Besitzer sich nach dem 1. Januar 1863 noch in Rebellion befinden sollten, für frei erklärte. Diese Proklamation transformierte den Krieg der Union gegen die Konföderation in einen Kampf für die Abschaffung der Sklaverei. Von der diplomatischen Perspektive aus betrachtet, zog sie auch einen endgültigen Schlussstrich unter noch mögliche Überlegungen Englands und Frankreichs, auf Seiten des Südens zu intervenieren, da die Öffentlichkeit beider Länder einen solchen Schritt nicht mehr mitgetragen hätte. Kampfbereitschaft und Moral der Unionsarmee dagegen stiegen nun merklich an, zumal für sie jetzt auch die Rekrutierung von Schwarzen eingeführt wurde.
Wiedereingliederung der Südstaaten
Im Sommer 1863 wurde bei Gettysburg in Pennsylvania drei Tage lang die größte Schlacht des Amerikanischen Bürgerkrieges geschlagen, die für die Südstaatenarmee unter General Robert E. Lee fatal endete und anschließend den Anlass zu Lincolns historischer "Gettysburg Address" bot. Im November 1864 wurde der Präsident für eine zweite Amtsperiode gewählt.
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Quellentext
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Lincolns Gettysburg-Rede vom 19. November 1863 Vor 87 Jahren gründeten unsere Väter auf diesem Kontinent einen Staat - in Freiheit gebildet und dem Gedanken geweiht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind.
Gegenwärtig führen wir einen großen Bürgerkrieg, in dem erwiesen werden wird, ob dieser Staat oder irgendein so gebildeter und solchen Gedanken geweihter Staat Bestand haben kann. Wir sind hier auf einem großen Schlachtfelde dieses Krieges versammelt. Wir sind hierher gekommen, einen Teil dieses Schlachtfeldes den Kämpfern als letzten Ruheplatz zu weihen, die hier ihr Leben hingaben, damit dieser Staat leben könne. Dies zu tun, ist nicht mehr als recht und billig.
Aber in weiterem Sinne können wir diesen Boden gar nicht weihen, heiligen oder segnen. Die tapferen Männer, Lebende und Tote, die hier gekämpft haben, gaben ihm eine Weihe, die weit darüber hinausgeht, was unsere Kraft hinzutun oder wegzunehmen vermag. Was wir hier sagen, wird die Welt wenig beachten und kaum lange in Erinnerung behalten; aber was jene taten, kann sie nie vergessen.
An uns, den Lebenden, ist es vielmehr, uns an dieser Stätte der von jenen schon so heldenmütig vorangebrachten Aufgabe zu weihen. An uns ist es vielmehr, uns an dieser Stätte den verbliebenen großen Aufgaben zu weihen, damit wir uns angesichts der ehrwürdigen Toten noch stärker als zuvor jener Sache hingeben, für die sie hier das höchste Maß an Opfer gegeben haben; damit wir uns feierlich geloben, dass sie nicht vergebens gefallen sein sollen, dass diese Nation unter Gottes Fügung zu neuer Freiheit geboren werde und dass die Herrschaft des Volkes durch das Volk und für das Volk nicht von dieser Erde verschwinde.
Herbert Schambeck u.a. (Hg.), Dokumente zur Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, Berlin 1993, S. 374 ff.
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Nordstaatengeneral William T. Shermans berüchtigter Zerstörungszug in den Süden, in dem 62000 Soldaten mit Plünderungen und Verwüstungen für eine ungeheure Demoralisierung sorgten, und zunehmende Versorgungsschwierigkeiten von Soldaten und Bevölkerung leiteten die endgültige Niederlage der Südstaaten ein. Am 9. April 1865 ergab sich General Lee seinem nördlichen Gegenspieler General Ulysses S. Grant, und die Südstaatenarmee kapitulierte. So endete der Sezessionskrieg, der mit 620000 Toten (360000 auf Seiten der Union, 260000 im Süden) den verlustreichsten Krieg in der Geschichte der Vereinigten Staaten darstellt.
Am 14. April 1865, fast auf den Tag genau vier Jahre nach Beginn des Krieges, fiel Abraham Lincoln bei einem Theaterbesuch in Washington, D.C. einem Attentat zum Opfer. Es war der erste Präsidentenmord der US-Geschichte. Der Attentäter, John Wilkes Booth, gehörte einer südstaatlichen Verschwörergruppe an, die führende Politiker des Nordens ermorden wollte, um so die Verleihung der Bürgerrechte an die befreiten Sklaven zu verhindern.
Der Sieg des Nordens hatte die Einheit der Nation bewahrt und vier Millionen Menschen aus der Sklaverei befreit. Die Phase von Wiederaufbau und Wiedereingliederung der Südstaaten von 1865 bis 1877, die so genannte Reconstruction, war der Beginn eines längerfristigen Prozesses, dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart hineinreichen: der Auseinandersetzung der US-amerikanischen Gesellschaft mit der Abschaffung der Sklaverei und der gesellschaftlichen Stellung, Emanzipation und Integration der befreiten Schwarzen.
Unter der Bedingung der Anerkennung des 13. Verfassungszusatzes, der im Dezember 1865 vom erstmalig wieder zusammengetretenen Kongress ratifiziert worden war und nun offiziell die Sklaverei in den Vereinigten Staaten verbot, wurden die Südstaaten zunächst wieder in die Union aufgenommen. An den Einzelstaatenverfassungen war jedoch abzulesen, wie ernst diese es mit Emanzipation und Rechten der befreiten Sklaven wirklich nahmen. Besonders in Staaten mit schwarzer Majorität wie South Carolina, Mississippi und Louisiana waren ihre Rechtsbeschränkungen durch die so genannten Black Codes sehr strikt und erinnerten zum Teil an den gerade abgeschafften Status der Sklaverei; so wurde zum Beispiel die freie Berufs- und Ortswahl eingeschränkt.
1868 setzte die Republikanische Partei schließlich den 14. Verfassungszusatz durch, der Afroamerikanern die Staatsbürgerschaft und Bürgerrechte zusicherte. Erst im 15. Amendment von 1870 wurde den Südstaaten grundsätzlich das Recht abgesprochen, das Wahlrecht aufgrund von "Rasse, Hautfarbe oder früherer Knechtschaft" zu beschränken. Frauen und Indianer waren von diesen Regelungen allerdings immer noch ausgeschlossen. Mit der Ratifikation des 14. und später auch des 15. Amendments wurden alle Südstaaten offiziell wieder der Union eingegliedert; dieser Prozess war Anfang 1871 abgeschlossen.
Parallel zu diesen politischen Maßnahmen gab es zwar Versuche, das Los der emanzipierten Sklaven zu verbessern, indem etwa den Freigelassenen ein Stück Land und ein Maulesel zur Verfügung gestellt wurden. Aber letztendlich gelang es den Südstaaten bis zum Abschluss der Reconstruction 1877, durch eine Vielfalt von Gesetzen und den Terror des weißen Geheimbundes Ku-Klux-Klan die Rechte und die Stellung von Afroamerikanern so zu beschneiden, dass sie Bürger zweiter Klasse waren. |
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20. März 2010
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