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Informationen zur politischen Bildung (Heft 269)
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Facetten der modernen Sozialstruktur |

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Rainer Geißler
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Die Schichtungsanalyse kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Sie wurde von Theodor Geiger - einem von den Nationalsozialisten nach Skandinavien vertriebenen Klassiker der deutschen Soziologie - in Auseinandersetzung mit der Marx'schen Klassentheorie in den 1930er-Jahren entwickelt und wird heute noch in modernisierten Varianten eingesetzt. Schichtungsanalytiker untergliedern die Bevölkerung nach "Schichten" - manche sprechen auch von "Klassen" in einer modernen, nichtmarxistischen Version - und beachten dabei Unterschiede in zwei Bereichen: Zu einer Schicht werden Menschen mit ähnlichen "äußeren" Lebensbedingungen sowie ähnlichen "inneren", "psychischen" Merkmalen zusammengefasst.
Zu den äußeren Lebensbedingungen gehören insbesondere die Berufsposition, Einkommen und Besitz, das Qualifikationsniveau sowie Einfluss und Sozialprestige. Häufig orientieren sich Schichteinteilungen an der Berufsposition, weil damit die anderen Schichtkriterien tendenziell verknüpft sind. So setzen hohe Berufspositionen in der Regel eine gute Qualifikation voraus und ermöglichen vergleichsweise hohe Einkommen, hohes Sozialprestige und großen Einfluss.
Die Schichtanalyse geht davon aus, dass Menschen in ähnlichen Lebensbedingungen ähnliche Lebenserfahrungen machen und dass die "äußere Lebenslage" daher einen gewissen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung und auf das Verhalten der Menschen ausübt. Man nimmt an, dass sich schichttypische Mentalitäten und Lebensstile, ein schichttypischer Habitus herausbilden. Dabei wird nicht unterstellt, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt bzw. dass die "äußeren" Lebensbedingungen die "inneren" Merkmale und Verhaltensweisen festlegen. Aber es wird empirisch überprüft, in welchen Bereichen und wie stark innere und äußere Strukturen zusammenhängen. Eine weitere wichtige Grundannahme ist, dass das Zusammenwirken von schichttypischen Lebensbedingungen und schichttypischen Mentalitäten und Verhaltensweisen schichttypische Lebenschancen zur Folge hat; Schichten unterscheiden sich in der Regel auch durch typische Privilegien und Benachteiligungen.
Schichtmodelle
Die Versuche, in den 1950er- und 1960er-Jahren, die komplexen realen Strukturen zu wesentlichen Grundmustern zu vereinfachen, haben zu unterschiedlichen Schicht- und Klassenmodellen und zu widersprüchlichen Vorstellungen über die Sozialstruktur geführt. Das Konzept der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" des Soziologen Helmut Schelsky ging davon aus, dass die kollektiven Auf- und Abstiegsprozesse in einer hochmobilen Gesellschaft die Klassen und Schichten aufgelöst und zu einer sozialen Nivellierung in der gesellschaftlichen Mitte geführt haben. Ralf Dahrendorf wies dagegen auf die nach wie vor bestehenden Mobilitätsbarrieren hin und setzte der Nivellierungsthese sein "Hausmodell" der sozialen Schichtung entgegen, in dem er sieben Klassen und Schichten unterschied:
Die Spitze der Gesellschaft bilden die Eliten. Im Obergeschoss residieren nebeneinander die bürokratischen Helfer der Eliten, die Dienstklasse, "insbesondere nichttechnische Verwaltungsangestellte aller Ränge", sowie der alte Mittelstand der Selbstständigen. Im Hauptgeschoss wohnen die große Arbeiterschicht und der falsche Mittelstand der einfachen Dienstleistungsberufe, dessen soziale Stellung sich nicht von derjenigen der Arbeiter unterscheidet, der sich jedoch seinem Selbstverständnis nach "fälschlicherweise" zur Mittelschicht zählt. Die Arbeiterelite (hier Meister und Vorarbeiter) hat sich dagegen nach oben hin vom Rest der Arbeiterschaft abgesetzt. Der Keller des Hauses ist bevölkert von der Unterschicht der "Dauererwerbslosen, Unsteten, Rückfallkriminellen, Halbanalphabeten u.a.", die zuweilen als "Bodensatz der Gesellschaft", als "sozial Verachtete" oder auch als "Lumpenproletariat" bezeichnet werden.
Ein modernisiertes Hausmodell für die soziale Schichtung der westdeutschen Bevölkerung im Jahr 2000 orientiert sich an dem von Dahrendorf erkannten Grundmuster, zieht jedoch einige weitere Differenzierungslinien ein und berücksichtigt auch einige Umschichtungen. Der alte Mittelstand ist kleiner geworden und in zwei Teile getrennt - in den "bürgerlichen" Mittelstand von Handwerkern und Dienstleistern und die stark dezimierte Bauernschaft. Deutlich gewachsen sind die Dienstleistungsschichten (Angestellte und Beamte) im mittleren und höheren Bereich.
Geschrumpft ist dagegen die untere Schicht der ausführenden Dienstleister sowie insbesondere die Arbeiterschaft, die in Facharbeiter einerseits und Un- und Angelernte andererseits untergliedert ist. Dahrendorf hatte Meister und Vorarbeiter zur Arbeiterelite zusammengefasst. Eine neuere Studie (Weber-Menges 2003) belegt jedoch, dass die Vorarbeiter den Facharbeitern erheblich näher stehen als den Meistern; daher wurde die Arbeiterelite auf die kleine Gruppe der Meister reduziert. Hinzugekommen ist ein "Anbau" für die "ausländischen" Schichten. Die Unterbringung der "Ausländer" neben dem Haus der Deutschen signalisiert, dass diese neuen Schichten sozioökonomisch und soziokulturell nicht voll in die Kerngesellschaft integriert sind. Seit den 1980er-Jahren hat sich über den beiden ausländischen Arbeiterschichten auch ein ausländischer Mittelstand (Selbstständige, mittlere und höhere Dienstleister) entwickelt.
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Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig.
Um Missverständnissen bei der Interpretation von Schichtmodellen vorzubeugen, müssen vier Besonderheiten der Schichten in modernen Sozialstrukturen beachtet werden:
- Die eingezeichneten Linien im Modell bedeuten nicht, dass Schichten scharf voneinander abgegrenzt sind. Scharfe Abstufungen dieser Art existieren in ständischen Gesellschaften oder im Kastensystem; in modernen Sozialstrukturen dagegen weisen Schichten keine klaren Grenzen auf, sie gehen vielmehr ineinander über und überlappen sich zunehmend.
- Es gibt eine langfristige historische Tendenz zur Differenzierung und Auflockerung der Schichtstruktur: Die Zusammenhänge zwischen äußeren Lebensbedingungen einerseits und Mentalitäten und Verhaltensweisen andererseits lockern sich in einigen Bereichen auf; schichttypische und schichtunspezifische Verhaltensweisen existieren nebeneinander. So sind zum Beispiel die Minimalformen politischer Teilnahme wie die Beteiligung an Bundestagswahlen weitgehend unabhängig von Schichtzugehörigkeit, während das Engagement in Parteien oder Bürgerinitiativen deutlich schichttypisch variiert: In höheren Schichten ist es erheblich stärker ausgeprägt als in unteren Schichten. Auch die Parteipräferenzen unterscheiden sich, wie der Soziologe Walter Müller in einer Studie aus dem Jahr 1998 nachwies, weiterhin deutlich schichttypisch.
- Schichttypische Unterschiede sind im Zeitalter des Massenkonsums manchmal nicht "auf den ersten Blick" an der lebensweltlichen Oberfläche zu beobachten, sie müssen erst durch sozialwissenschaftliche Studien sichtbar gemacht werden. So steht zum Beispiel heute in den Wohnungen aller Schichten das sofort wahrnehmbare Farbfernsehgerät, aber die Art, wie es genutzt wird, welche Sendungen gesehen werden, ist nach wie vor schichttypisch unterschiedlich.
- Schließlich sind die Schichten durch soziale Mobilität durchlässiger geworden. Menschen wechseln häufiger von einer Schicht in eine andere; auch die Chancen, sozial aufzusteigen, haben zugenommen. Die Etagen und Räume im modernen Haus der sozialen Schichtung sind nicht streng gegeneinander abgeschottet, sondern Durch- und Übergänge ermöglichen häufiger als früher "offenes Wohnen".
Bisher fehlt es an einem Versuch, ein differenziertes Schichtungsmodell für Ostdeutschland zu entwerfen. Ein einfaches Drei-Schichten-Modell, das lediglich die subjektive Schichteinstufung als Kriterium heranzieht, macht Ost-West-Unterschiede deutlich. Die Auswertung des repräsentativen Wohlfahrtssurveys durch die Sozialstrukturforscher Roland Habich und Heinz-Herbert Noll zeigt, dass sich Westdeutschland schon seit langem als "Mittelschichtengesellschaft" versteht - 2002 stufte sich eine Mehrheit von 61 Prozent in die Mittelschicht ein, nur 25 Prozent sahen sich als Angehörige der Arbeiterschicht. Ostdeutschland dagegen war bis vor kurzem von seinem Selbstverständnis her weiterhin eine Arbeitergesellschaft.
Noch 2001 ordnete sich eine Mehrheit von 52 Prozent der Unter- und Arbeiterschicht zu und nur 45 Prozent der Mittelschicht. Vermutlich wirkt in den neuen Ländern noch die sozialistische Arbeiterideologie nach, eventuell spielt bei der niedrigeren Selbsteinstufung der Ostdeutschen auch das verminderte, aber weiterhin bestehende Lebensstandarddefizit gegenüber dem Westen eine Rolle, das überdimensioniert wahrgenommen wird. Erst seit 2001 setzte ein beschleunigter Wandel hin zu einer Mittelschichtgesellschaft ein.
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10. Februar 2012
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Zahlen und Fakten |
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Die soziale Situation in Deutschland
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