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Informationen zur politischen Bildung (Heft 269)

Lebenssituation ethnischer Minderheiten


Rainer Geißler
Inhalt

Einleitung

Europaweite Parallelen

Deutsche Ausländerpolitik

Von der Abkehr zur Akzeptanz

Vielfältige Unterschiede

Sozioökonomische Lage

Soziale Integration

Perspektiven

Sozioökonomische Lage
Die angeworbenen Arbeitskräfte wurden seinerzeit für einfache, meist un- und angelernte Tätigkeiten benötigt. Arbeitsmigranten rückten daher überwiegend in die unterste Ebene der deutschen Schichtungshierarchie ein, die deutsche Gesellschaft wurde - anders als in klassischen Einwanderungsländern wie USA, Kanada oder Australien - durch die Zuwanderer "unterschichtet".
Die Daten des sozioökonomischen Panels zeigen, dass die Ausländer aus den wichtigsten Anwerbestaaten (Türkei, Ex-Jugoslawien, Italien, Griechenland, Spanien) ihre Situation etwas verbessern konnten. Waren 1984 noch 70 Prozent als un- oder angelernte Arbeiter beschäftigt, so waren es 2000 nur noch 52 Prozent. Stattdessen dringen sie stärker in die mittleren und auch höheren Ebenen des Dienstleistungssektors vor: 2000 waren immerhin 20 Prozent als mittlere oder höhere Angestellte tätig - im Vergleich zu drei Prozent im Jahre 1984.
Insbesondere die zweite Generation konnte ihre Lage verbessern. 1997 waren nur noch 22 Prozent als Un- oder Angelernte tätig, 22 Prozent als einfache Angestellte und 35 Prozent hatten den Aufstieg in mittlere oder höhere Angestelltenpositionen geschafft. Im Vergleich zu den deutschen Erwerbstätigen ist jedoch auch die zweite Generation - und erst recht die Elterngeneration - erheblich häufiger in Positionen mit niedrigen Qualifikationsanforderungen beschäftigt.
Während die Zahl der Selbstständigen unter den Deutschen stagniert, beschreiten seit den 1980er-Jahren immer mehr Arbeitsmigranten den Weg in die wirtschaftliche Selbstständigkeit; ein ausländischer Mittelstand entsteht. Der Mikrozensus weist für 2002 274000 von Ausländern geführte Betriebe aus, wobei die Existenzgründer immer häufiger aus der so genannten Nischenökonomie (zum Beispiel Lebensmittelgeschäfte, Imbissbuden oder Änderungsschneidereien) heraustreten. Im Jahr 2000 waren in jedem dieser Betriebe durchschnittlich drei weitere Mitarbeiter beschäftigt. Gehörten 1970 erst 1,6 Prozent der Ausländer zu den Selbstständigen, so waren es 2002 bereits neun Prozent - ein Wert, der schon fast dem Selbstständigenanteil unter der deutschen Erwerbsbevölkerung (zehn Prozent) entspricht.
Ausländische Erwerbstätige verrichten überproportional häufig belastende und gefährliche Arbeiten. Da sie auch überdurchschnittlich in krisenanfälligen Branchen beschäftigt sind (schrumpfendes produzierendes Gewerbe, Stahl und Bau) und dort zusätzlich noch in den besonders bedrohten Positionen mit niedrigen Qualifikationsanforderungen, ist ihr Risiko, den Arbeitsplatz zu verlieren und in der Folge unter die Armutsgrenze zu geraten, besonders hoch. Seit den 1990er-Jahren liegt ihre Arbeitslosenrate in der Regel um etwa 80 Prozent über derjenigen der westdeutschen Erwerbstätigen, zeitweise auch um das Doppelte; so waren im Februar 2003 in den alten Ländern 20 Prozent der ausländischen Erwerbstätigen arbeitslos im Vergleich zu zehn Prozent der westdeutschen. Ende 2003 waren 617000 Ausländer auf Sozialhilfe angewiesen; der Anteil der Sozialhilfeempfänger war unter ihnen mit 8,4 Prozent erheblich höher als unter den Deutschen mit 2,9 Prozent.
Die ethnischen Minderheiten sind trotz aller Gemeinsamkeiten, die ihre Randständigkeit ausmachen, sehr facettenreiche Gruppen mit unterschiedlichen Lebensbedingungen. So sind die Angehörigen aus den Gesellschaften der Europäischen Union - wie Italiener, Griechen, Spanier, Portugiesen - in der deutschen Bevölkerung besser akzeptiert als Minderheiten aus anderen Herkunftsländern. Eine besondere Problemgruppen stellen die knapp zwei Millionen Türken dar. Sie verrichten nicht nur besonders häufig schwere und belastende Arbeiten und erleben als Moslems einen intensiven Kulturkonflikt, sondern sie unterliegen auch spezifischen Isolationstendenzen und ziehen als äußerlich auffällige Minderheit die Antipathien der ausländerfeindlichen Teile der deutschen Bevölkerung in besonderem Maße auf sich.
Eine Untersuchung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen aus dem Jahre 1998 kommt zu dem Ergebnis, dass Ausländer auf dem Arbeitsmarkt kaum mit deutschen Arbeitskräften konkurrieren, "die Zuwanderer [...] üben [...] Tätigkeiten aus, für die nicht ausreichend einheimische Arbeitskräfte zur Verfügung stehen". Das RWI hat auch die finanziellen Folgen der Zuwanderungen für die öffentliche Hand einer genaueren Analyse unterzogen. Belastungen bringen - neben verschiedenen speziellen Kosten wie Eingliederungsbeihilfen oder Leistungen für Asylbewerber - die hohen Arbeitslosenraten unter den Ausländern mit sich; die Auszahlung der Arbeitslosenversicherung an Ausländer überstieg die von diesen geleisteten Beitragszahlungen in den 1990er-Jahren um schätzungsweise zehn bis 15 Milliarden DM jährlich.
Diesen Belastungen standen jedoch - wegen des niedrigeren Durchschnittsalters der ausländischen Bevölkerung - erhebliche Entlastungen bei der Krankenversicherung und vor allem bei der Rentenversicherung gegenüber. Ausländer zahlten circa zehn Milliarden DM jährlich mehr an Beiträgen in die Gesetzliche Krankenversicherung ein, als sie an Aufwendungen für Krankheiten erhielten. Und von den Beiträgen an die Gesetzliche Rentenversicherung brachten Ausländer circa acht Prozent auf, während sie nur zwei bis drei Prozent der ausgezahlten Renten empfingen.
Unter dem Strich waren die zugewanderten Ausländer für den deutschen Steuerzahler ein Gewinn. Da sie deutlich mehr an Steuern und Versicherungsbeiträgen einzahlten, als sie an Leistungen von der öffentlichen Hand und von den Versicherungen erhielten, wurde - so die Analyse des RWI - "die deutsche Bevölkerung pro Jahr und Kopf um circa 400 DM entlastet, was betragsmäßig in etwa dem Solidarzuschlag der Einkommensteuer entspricht." Die Rechnung über die finanziellen Folgen der Zuwanderung hängt stark von der Arbeitslosenrate und der Altersstruktur der ethnischen Minderheiten ab und wird anders aussehen, wenn sich Arbeitslosigkeit oder Durchschnittsalter dieser Gruppen verändern.
Erwähnenswert ist des Weiteren, dass die zahlreichen ausländischen Betriebe eine erhebliche Zahl von Arbeitsplätzen bereitstellen und sich auch an der Berufsausbildung beteiligen. Nach einer Untersuchung des Essener Zentrums für Türkeistudien brachten allein die etwa 47000 türkischen Firmen des Jahres 1997 202000 Arbeitsplätze hervor, und 70 Prozent von ihnen waren bereit, Lehrlinge auszubilden. Laut Mikrozensus waren 2002 insgesamt mehr als eine Million Erwerbstätige an Arbeitsplätzen tätig, die Ausländer geschaffen haben.
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10. Februar 2012
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Inhalt
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Sozialer Wandel in Deutschland
Editorial
Struktur und Entwicklung der Bevölkerung
Materielle Lebensbedingungen
Rolle der Eliten in der Gesellschaft
Armut in der Wohlstandsgesellschaft
Lebenssituation ethnischer Minderheiten
Bildungsexpansion und Bildungschancen
Geschlechtsspezifische Ungleichheit
Modernisierung
Facetten der modernen Sozialstruktur
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