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Informationen zur politischen Bildung (Heft 269)
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Lebenssituation ethnischer Minderheiten |

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Rainer Geißler
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Ein wichtiger Gradmesser der sozialen Integration der ethnischen Minderheiten sind die Bildungs- und Ausbildungschancen der Jugendlichen. Im allgemein bildenden Schulwesen konnte die zweite Generation ihre Defizite deutlich vermindern. Verließen 1983 noch ein gutes Drittel der ausländischen Jugendlichen das deutsche Bildungssystem ohne Hauptschulabschluss, so hatte sich dieser Anteil bis 2002 auf 20 Prozent verringert (Deutsche neun Prozent). Auf der anderen Seite stieg der Anteil der Abiturientinnen und Abiturienten von 5,6 Prozent im Jahr 1985 auf zehn Prozent im Jahr 2002 (Deutsche: 24 Prozent) und der Anteil der jungen Ausländerinnen und Ausländer mit Realschulabschluss von 19 Prozent auf 29 Prozent (Deutsche: 42 Prozent). Beim Vergleich mit den Schulabschlussquoten von deutschen Jugendlichen ist zu beachten, dass Ausländerkinder viel häufiger aus sozial schwachen Familien stammen, für die auch innerhalb der deutschen Bevölkerung weiterhin erhebliche Bildungsbarrieren bestehen.
Die ersten Ergebnisse der international vergleichenden Pisa-Studie deuten auf erhebliche Mängel in der schulischen Sprachförderung für Zuwandererkinder hin: Der Rückstand in der Lesekompetenz, den Kinder aus fremdsprachigen Familien gegenüber Kindern aus Familien mit deutscher Sprache aufweisen, ist in Deutschland größer als in den meisten anderen Ländern mit vergleichbaren Zuwanderergruppen. So können Kinder aus Familien, in denen serbisch, kroatisch oder bosnisch bzw. türkisch oder kurdisch gesprochen wird, in Deutschland schlechter lesen als in Norwegen, Schweden, Österreich oder der Schweiz.
Bemerkenswert ist ein weiteres Ergebnis der PISA-Studie: Jugendliche mit Migrationshintergrund (beide Eltern im Ausland geboren, einschließlich Spätaussiedler) haben im Vergleich zu einheimischen Jugendlichen aus denselben Schichten schlechtere Chancen, eine Realschule oder ein Gymnasium zu besuchen. Nimmt man zusätzlich zur Schichtzugehörigkeit allerdings noch das Niveau der Deutschkenntnisse (hier in Form der Lesekompetenz) hinzu, dann zeigt sich im Vergleich mit deutschen Jugendlichen aus derselben Schicht mit derselben Lesekompetenz, dass sie häufiger weiterführende Schulen besuchen als diese deutschen Jugendlichen. In Migrantenfamilien ist also eine hohe Bildungsbereitschaft vorhanden, wenn die sprachlichen Voraussetzungen zum Bildungserfolg vorliegen.
Alarmierend sind die Hindernisse für junge Ausländer in der Berufsausbildung. Nach dem Bundesinstitut für Berufsbildung hatten im Jahr 2000 37,7 Prozent der zwanzig- bis neunundzwanzigjährigen Ausländerinnen und Ausländer keine abgeschlossene Berufsausbildung, bei den jungen Deutschen waren es 10,3 Prozent. Neben dem hohen Anteil von Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss gibt es zwei weitere wichtige Ursachen für die Nachteile von Migrantenkindern bei der Berufsausbildung: Einerseits existieren in zahlreichen Migrantenfamilien Fehleinschätzungen über den Wert einer gründlichen Berufsausbildung und der Wunsch nach schnellem Verdienst; andererseits stoßen ausländische Jugendliche bei deutschen Betrieben häufig auf Vorbehalte und auch im öffentlichen Dienst auf Einstellungshindernisse.
Hinweise auf eine zunehmende soziale Eingliederung der ethnischen Minderheiten geben die Verbesserung der deutschen Sprachkenntnisse sowie die kontinuierliche Zunahme der persönlichen Kontakte zwischen Deutschen und Ausländern. Das Mannheimer Zentrum für Umfragen (ZUMA) ermittelte, dass 1980 erst zwölf Prozent der Deutschen nachbarliche Kontakte zu Ausländern hatten und nur 15 Prozent Ausländerinnen und Ausländer zu ihren Freundes- und Bekanntenkreis zählten. 2000 waren diese Anteile auf 37 bzw. 49 Prozent angestiegen. Elf Prozent der achtzehn- bis vierundvierzigjährigen Westdeutschen lebten 1996 mit ausländischen Ehe- oder Lebenspartnern zusammen. Jede sechste Ehe, die im Jahr 2001 geschlossen wurde, war binational.
Andererseits machten die gewalttätigen Ausbrüche von Fremdenhass in den 1990er-Jahren in erschreckender Weise auf die Problemzonen der Integration aufmerksam. Für viele Angehörige der ethnischen Minderheiten bringen die fremdenfeindlichen Ressentiments bei Teilen der deutschen Bevölkerung erhebliche psychische Belastungen mit sich; fast alle Migranten Nordrhein-Westfalens - so die Unabhängige Kommission "Zuwanderung" - sahen im Jahr 2000 die Ausländerfeindlichkeit
als "wichtiges gesellschaftlich-politisches Problemfeld" an.
Zu den Klischees, die Vorurteile fördern, integrationshemmend wirken und Fremdenangst stimulieren, gehört auch das pauschale Bild vom "kriminellen Ausländer". Es ist in der Bevölkerung und in der Medienöffentlichkeit weit verbreitet und weckt Vorstellungen von einer besonders hohen kriminellen Belastung der ausländischen Erwerbstätigen, die nachweislich falsch sind.
Eine differenzierte Analyse der Polizeilichen Kriminalstatistik belegt, dass Arbeitsmigranten im Allgemeinen genauso gesetzestreu sind wie Deutsche. Den Zahlen, die das Bundeskriminalamt im Jahr 2002 veröffentlicht hat, lässt sich Folgendes entnehmen: Unter den polizeilich registrierten Tatverdächtigen des Jahres 2001 war die Kerngruppe der in Deutschland lebenden Ausländer - ausländische Arbeitnehmer, Selbstständige, Studierende und Schüler - lediglich mit 6,9 Prozent vertreten; das ist nicht etwa mehr, sondern sogar etwas weniger als ihr Anteil an der Wohnbevölkerung von circa 7,4 Prozent.
Verschiedene neuere kriminologische Studien zeigen jedoch auch, dass Teile der zweiten Generation in besonderem Maße gefährdet sind. Ausländische Schülerinnen und Schüler begehen häufiger Eigentums- und Gewaltdelikte als Deutsche, und unter den Häftlingen im Jugendstrafvollzug von Nordrhein-Westfalen sind die jungen Angehörigen der ausländischen Wohnbevölkerung um etwa
50 Prozent überrepräsentiert.
Die Ursachen der größeren kriminellen Gefährdung sind nicht in allen Einzelheiten geklärt. Sicher ist, dass die sozialen Integrationsdefizite - hohe Raten von Armut und Arbeitslosigkeit unter den Migrantenfamilien, überdurchschnittliche Ausbildungs- und Chancendefizite bei den Migrantenkindern - eine wichtige Rolle spielen. Und es gibt auch deutliche Hinweise darauf, dass die "Erfahrung der Ausgrenzung" in den 1990er-Jahren abweichende Reaktionen begünstigt hat. |
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10. Februar 2012
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Zahlen und Fakten |
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Die soziale Situation in Deutschland
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