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Informationen zur politischen Bildung (Heft 261)

Kampf um die Republik 1919-1923


Reinhard Sturm
Inhalt

Einleitung

Versailler Vertrag

Finanzpolitik und Wirtschaftsentwicklung

Politische Polarisierung

Rechtsradikalismus

Aufstände und Putschversuche

Reparationsprobleme

Deutsch-russisches Abkommen

Ruhrbesetzung

Hyperinflation

Diktatur in Bayern

Kommunistische Umsturzversuche

Hitler-Putsch

Separatistenbewegungen

Ablösung Stresemanns

Rechtsradikalismus
Im Zuge des Kriegsendes und der Revolution von 1918/19 entstand ein rechtsradikales Lager, das sich aus zahlreichen konkurrierenden Parteien und Organisationen zusammensetzte. Zwischen diesen bestand nur ein loser politischer Zusammenhang, hauptsächlich in Form häufiger Mehrfachmitgliedschaften. Die ideologischen Grenzen zwischen diesem offenen Rechtsradikalismus und dem besonders scharf ausgeprägten Nationalkonservatismus am rechten Rand der DNVP waren oft fließend.

Die Frühjahrsunruhen 1919 veranlassten überall in Deutschland Mittelständler und Bauern zur Bildung lokaler antirevolutionärer Selbstschutzverbände. Der Schwerpunkt dieser milizartigen, bewaffneten "Einwohnerwehren" lag in Bayern, wo sie mehr als 350000 Mitglieder hatten und zum Teil auch überregional organisiert waren. In den protestantischen Gebieten Bayerns arbeiteten sie mit dem als "Bayerische Mittelpartei" (BMP) auftretenden Landesverband der DNVP zusammen, in den katholischen Regionen mit der "Bayerischen Volkspartei" (BVP), die weit rechts vom Zentrum (ihrer früheren Mutterpartei) angesiedelt war und in Bayern politisch den Ton angab.

Gute Beziehungen besaßen BVP und BMP auch zu den diversen "deutschvölkischen" Geheimbünden, Gruppen, Kampfverbänden und Parteien. Deren Mitgliederschaft bestand hauptsächlich aus entlassenen Soldaten und Freikorpsleuten, die der Krieg sozial entwurzelt und moralisch verwildert hatte. Die deutschvölkische Szene war politisch wesentlich radikaler und trat bei weitem militanter auf als die überwiegend bürgerlichen Einwohnerwehren. Zum vorläufigen Kristallisationskern der aggressiven rechtsradikalen Strömungen entwickelte sich rasch - vor allem in Bayern - der "Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund" mit über 100000 Mitgliedern. Aber auch die "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" (NSDAP) machte unter ihrem rednerisch begabten Vorsitzenden Adolf Hitler, einem österreichischen Gelegenheitsarbeiter und dekorierten Frontsoldaten, bald über München hinaus von sich reden. Ende 1920 besaß sie bereits eine eigene Zeitung, den "Völkischen Beobachter", seit August 1921 auch einen eigenen Kampfverband, die "Sturmabteilung" (SA). Ende 1922 hatte die NSDAP etwa 10000 Mitglieder.

Aus der Sicht der deutschvölkischen Szene galt es KPD, USPD, MSPD, Gewerkschaften und bürgerliche Demokraten mit allen Mitteln zu bekämpfen, da sie angeblich die Schuld an allen Übeln trugen. Der Krieg sei das Werk einer "jüdischen Weltverschwörung" gewesen, Waffenstillstand und Friedensvertrag die Folge des "Dolchstoßes" und der Revolution. Die parlamentarische Demokratie hielten die Deutschvölkischen für etwas "Undeutsches", von den Siegern Aufgezwungenes. Die Weimarer Republik hieß bei ihnen nur "das System", ihre Repräsentanten beschimpften sie als "Novemberverbrecher". An die Stelle der Demokratie wollten sie einen starken Staat setzen, den sich nur wenige noch als Monarchie, die meisten dagegen als "Führerstaat" nach dem Vorbild des italienischen Faschismus unter Benito Mussolini vorstellten.

Antisemitismus

Der für die deutschvölkische Szene besonders charakteristische Antisemitismus (zum Beispiel wollte die NSDAP schon seit 1920 die deutschen Juden ausbürgern) hatte in Deutschland - wie in anderen Ländern auch - jahrhundertealte Wurzeln. Der christliche Antijudaismus beschuldigte das jüdische Volk unter Berufung auf die Bibel des "Gottesmordes" an Jesus Christus - die Verantwortung der Römer für seine Hinrichtung wurde ausgeblendet. Zum anderen gab es seit dem Mittelalter auch einen Hass gegen jüdische Geldverleiher, die ihre christlichen Schuldner angeblich durch Wucherzinsen ruinieren wollten. Dass die Christen selbst die Juden in den Bereich der Geldgeschäfte abgedrängt hatten, indem sie ihnen Landbesitz und Zunftmitgliedschaft verwehrten, blieb außer Betracht.

Dieser Antijudaismus verstärkte sich, seit sich auch Juden im Zuge ihrer staatsbürgerlichen Gleichstellung 1869 in Preußen und im Norddeutschen Bund, 1871 im Deutschen Reich - zumal unter den Bedingungen der wirtschaftlich chancenreichen Industrialisierung - als erfolgreiche Unternehmer und qualifizierte Freiberufler betätigten, was bei mittelständischen Verlierern des Modernisierungsprozesses und bei Studenten und Akademikern Neid und Konkurrenzangst auslöste. Im Gefolge der Wirtschaftskrise Mitte der 1870er Jahre ("Gründerkrach") verloren zahlreiche mittelständische Börsenspekulanten ihr Aktienkapital; man fragte verständlicherweise nach den Ursachen. Vor dem Hintergrund der schwer durchschaubaren wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenhänge der Hochindustrialisierung entstand die sachlich falsche, aber einfache und an vertraute Vorurteile anknüpfende Vorstellung, der Zusammenbruch zahlreicher Aktiengesellschaften sei zum Schaden der Christen von den an Börsen und in Banken tätigen Juden manipuliert worden.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Antijudaismus zum Antisemitismus. In ihm verbanden sich Bestrebungen, die Emanzipation der Juden rückgängig zu machen, und Proteste gegen die Moderne, für die die Juden sinnbildlich standen, mit international verbreiteten, pseudowissenschaftlichen Rassenlehren, die unter anderem auch die Juden für minderwertig erklärten und ihnen ausschließlich negative Eigenschaften zuschrieben. Den angeblichen Beweis für die absurde Behauptung einer jüdischen Weltverschwörung sollten schließlich die seit 1919 (nicht nur) in deutscher Sprache gedruckten "Protokolle der Weisen von Zion" liefern; dabei handelt es sich zweifelsfrei um eine antisemitische Fälschung, die gleichwohl in der deutschvölkischen Szene weite Verbreitung fand und auch in die NS-Ideologie einging.

Linksradikalismus

Bei der politischen Linken trieb die Enttäuschung über die stecken gebliebene Revolution die Radikalisierung voran. Unter der Dominanz ihres linken Flügels näherte sich die USPD den politischen Positionen der KPD an: Im Dezember 1919 propagierte auch sie die "Diktatur des Proletariats" und beharrte auf dem Rätesystem als Form der "Organisation der sozialistischen Gesellschaft". Durch die damit verbundene Fundamentalopposition gegen die Weimarer Republik blieb die Kluft zwischen USPD und MSPD vorerst unüberbrückbar.

Am 13. März 1920 verabschiedete die Nationalversammlung (die seit Ende September 1919 wieder im Berliner Reichstagsgebäude tagte) das Gesetz über die Betriebsräte. Es ging insofern über den Stinnes-Legien-Pakt deutlich hinaus, als es nicht nur in Betrieben mit mehr als 50, sondern schon mit mehr als 20 Beschäftigten den Betriebsräten der Arbeiter und Angestellten ein Mitspracherecht bei Einstellungen, Entlassungen und Arbeitsbedingungen einräumte. Gleichwohl folgten 40000 Demonstranten den Aufrufen von KPD und USPD zum "Kampf gegen das Betriebsrätegesetz, für das revolutionäre Rätesystem" und protestierten stundenlang vor dem Reichstag, der von der Berliner Sicherheitswehr geschützt wurde. Als die Polizisten den Eindruck gewannen, dass die Menge das Gebäude stürmen wollte, begannen sie zu schießen. 42 Menschen starben, 105 wurden verletzt. Reichspräsident Ebert verhängte den Ausnahmezustand; KPD- und USPD-Zeitungen wurden wochenlang verboten.

Diese verfehlte und außer Kontrolle geratene gemeinsame Aktion der beiden linksradikalen Parteien vertiefte den politischen Streit in der USPD. Noch im selben Jahr drängte der linke Flügel auf den Beitritt zur "Kommunistischen Internationale" (Komintern), dem von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) gesteuerten Dachverband der internationalen kommunistischen Parteien. Dadurch wurde eine Spaltung unvermeidlich. Im Dezember 1920 vereinigte sich die USPD-Linke mit der KPD, deren Mitgliederzahl dadurch sprunghaft anstieg. Im September 1922 schloss sich die Rumpf-USPD der MSPD an; die neue Partei nannte sich zunächst "Vereinigte Sozialdemokratische Partei Deutschlands" (VSPD), später wieder SPD. Künftig war das neu formierte linke Lager durch den Gegensatz zwischen revolutionärer KPD und reformorientierter SPD geprägt.
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10. Februar 2012
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