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Informationen zur politischen Bildung (Heft 261)
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Kampf um die Republik 1919-1923 |

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Reinhard Sturm
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Die durch Zinszahlung und Schuldentilgung bereits angespannte Haushaltslage wurde durch die Produktionsausfälle im Ruhrgebiet und die Unterstützung der Ausgesperrten und Ausgewiesenen enorm verschärft. Dieser Kostenlawine, die aus ordentlichen Haushaltsmitteln nicht mehr finanziert werden konnte, versuchte die Regierung mit immer höheren Krediten der Reichsbank und durch immer häufigere Betätigung der Notenpresse Herr zu werden.
Die bereits galoppierende Inflation wurde ab Juni 1923 zu einer Hyperinflation. Die Geldmenge stieg ins Astronomische: Das Giralgeld wuchs auf 500 Trillionen Mark, das umlaufende Bargeld auf fast dieselbe Summe. Zusätzlich gaben Gemeinden und Großbetriebe "Notgeld" in Höhe von 200 Trillionen Mark aus. 300 Papierfabriken und 150 Druckereien waren mit der Herstellung von Banknoten beschäftigt. Die Kaufkraft der deutschen Währung sank ins Bodenlose, der Dollar-Kurs stieg steil an; es wurden Reichsbanknoten mit immer höherem Nennwert ausgegeben. Die anhaltende Flucht in den Dollar, in Sachwerte und Immobilien beschleunigte sich.
Den sprunghaften Preissteigerungen in immer kürzeren Abständen hinkten die Löhne hinterher. Schließlich verlor das Geld seine Funktion als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel: Statt Bargeld wurden überall Naturalien (beispielsweise Lebensmittel, Zigaretten, Kohle) verlangt. Als der Einzelhandel dazu überging, seine Waren zu horten, kam es zu Hungerdemonstrationen und Plünderungen, im Berliner Scheunenviertel am 5./6. November sogar zu antisemitischen Ausschreitungen.
Gewinner der Inflation waren die Schuldner, die ihre Verpflichtungen schlagartig mit wertlosem Geld zurückzahlen konnten - vor allem Bauern, die ihre Schulden aus der Vorkriegszeit abschüttelten, und der Staat, der seine Kriegsanleihen bei den Bürgern ablöste. Ferner profitierten Mieter, Pächter und besonders Exportunternehmer, deren Kosten sich nicht nur mit fortschreitender Geldentwertung verringerten, sondern die auch für ihre Produkte im Ausland harte Dollars erhielten. So war es dem devisenstarken Großunternehmer und DVP-Reichstagsabgeordneten Hugo Stinnes schon 1920 bis 1922 gelungen, mit Krediten Eigentumsanteile an mehr als 1600 Betrieben zusammenzukaufen (Siemens-Rhein-Elbe-Schuckert-Union). Sein Geschäftspartner Friedrich Flick, ebenfalls DVP-Mitglied, erwarb durch geschickte Börsenspekulationen Industrieanteile im Werte von 100 Millionen GM.
Verlierer waren die Gläubiger, die für "gutes" verliehenes Geld jetzt wertloses zurückerhielten, ebenso die Bezieher fester Geldeinkommen (Arbeitnehmer, Rentner, Vermieter, Verpächter), mit denen man immer weniger kaufen konnte, und die Besitzer von Sparguthaben.
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Quellentext
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Der Mittelstand erlebt die Inflation Aus den Erinnerungen des Schriftstellers Rudolf Pörtner (geb. 1912)
Ich will nicht verschweigen, dass wir zunächst Nutznießer der fürchterlichen Geldvernichtung waren. Das Ehepaar Pörtner hatte sich 1922 kurzfristig entschlossen, ein im Entstehen begriffenes Haus in der Melberger Kronprinzenstraße, auf der Westseite von Bad Oeynhausen, zu kaufen. Kostenpunkt: 800000 Mark. Als wir am 1. April 1923 einzogen, war das ein Betrag, der selbst sensible Gemüter nicht mehr zu beunruhigen vermochte. Ein Griff in die Westentasche genügte, alle Verbindlichkeiten einschließlich der hypothekarischen Eintragungen aus der Welt zu schaffen.
Leider war das Haus erst halb fertig, als wir es übernahmen: halb fertig, miserabel gebaut, aus Altmaterialien zusammengeschustert. Inzwischen arbeiteten die Handwerker nur noch gegen Naturalien. Damit konnten wir natürlich nicht dienen und das Geld, das Vater ausbezahlt bekam, zuletzt zweimal täglich, reichte gerade für das nackte Leben. Noch im hohen Alter hat er häufig von dem defekten Ofenrohr in der Küche (also unserem Lebensraum) erzählt, aus dessen Löchern und Ritzen ein bronchien- und schleimhautfeindlicher Rauch quoll, ohne dass wir die Möglichkeit gehabt hätten, dem Übelstand abzuhelfen. Es gab ja keine Ofenknie und wenn, dann nicht für die lächerlichen Milliardenscheine, die acht Tage nach Erscheinen nicht einmal mehr das Papier wert waren, aus dem sie bestanden.
Was die Ablösung der homöopathisch ausgedünnten Währung durch die Rentenmark im November 1923 bedeutete, lässt sich heute nicht mehr ermessen. Es war, als wenn ein Ertrinkender, in einer Springflut von Papiergeld fast schon versunken, plötzlich Boden unter den Füßen verspürt hätte. Als mein Vater mit dem ersten wertbeständigen Zahlungsmittel heimkehrte, traten wir wie zur Besichtigung einer säkularen Kostbarkeit an, und es verschlug uns fast den Atem, als wir die erste Rentenmark zunächst beäugen, dann sogar wie eine wundertätige Reliquie in die Hand nehmen durften.
Die Stöße übrig gebliebenen Inflationsgeldes haben wir dann genutzt, die getünchten Wände unserer wenig einladenden Toilettenanlage zu tapezieren, unseren Lokus, mit Verlaub zu sagen, in ein Billionenkabinett zu verwandeln. Die Hauptattraktion war eine aus Millionenscheinen montierte Zahl mit sechsunddreißig Nullen, die in Worten auszudrücken uns nie gelungen ist. Wir hätten schon einen Astronomen zurate ziehen müssen.
Rudolf Pörtner (Hg.), Alltag in der Weimarer Republik. Erinnerungen an eine unruhige Zeit, Düsseldorf 1990, S. 360 f.
Aus den Erinnerungen des Buchautors Curt Riess (geb. 1902)
[...] Diejenigen aber, die alles verloren, waren in der großen Mehrheit. Was uns persönlich anging - mein Vater begriff erst, woran er war, als er feststellen musste, dass die Rechnung für 3,20 Meter Tuch, aus dem ein Anzug gemacht werden konnte, höher war als die Rechnung, die er einem Kunden für den Anzug ausstellen konnte. Von diesem Tag an fertigte er nur noch Anzüge gegen Dollar an. So blieb ihm sein Geschäft erhalten. Aber nicht jeder deutsche Kaufmann reagierte so schnell. Viele gingen zugrunde.
Und wie stand es um die so genannten kleinen Leute, die Gehaltsempfänger? Sie mussten am Ende des Monats feststellen, dass sie sich für den Lohn, den sie erhielten, so gut wie nichts mehr kaufen konnten. Um diesem Desaster abzuhelfen, wurde es zur Regel, dass Angestellte und Arbeiter nicht mehr monatlich bezahlt wurden, sondern wöchentlich, dann jeden dritten Tag, schließlich täglich. Dann sausten sie mit Erlaubnis der Geschäftsleitung oder auch der Betriebsleitung in die nahen Geschäfte und kauften ein. Und die Geschäftsinhaber brachten das eingenommene Geld so schnell wie möglich auf die Bank und kauften dafür, wenn irgend möglich, fremde Währungen, vor allem Dollar, Pfund oder Schweizer Franken.
Ich erinnere mich noch, wie grotesk die Zustände wurden, weil ich sie am eigenen Leib zu spüren bekam. Ich war krank geworden, und ich sollte zur Erholung in den "Weißen Hirsch", den damals noch feudalen Kurort oberhalb von Dresden. Mein Vater hatte mir für vierzehn Tage vierzehn Dollar mitgegeben, in Scheinen, die man in Mark umwechseln konnte. Er hatte mir eingeschärft, jeden Tag zu warten, bis der jeweils neue Dollarkurs verkündet wurde. Das war so um 15 Uhr.
Um 15 Uhr wechselte ich also einen Dollar und bekam dafür die entsprechende Marksumme und konnte die tägliche Pensionsrechnung bezahlen, auch die Straßenbahn nach Dresden, eine Karte für die Oper oder das Schauspielhaus und die Fahrt zurück. Und das alles für einen Dollar, wenn ich überhaupt den ganzen Dollar, will sagen die Unsummen an Mark, innerhalb von 24 Stunden ausgeben konnte.
[...] Natürlich erhöhte auch die Pension ihre Tagesrechnungen, die elektrische Straßenbahn ihre Gebühren, natürlich musste man auch für einen Platz im Opernhaus im Laufe von zwei Wochen mehr und mehr zahlen. Aber so schnell konnten die Behörden mit ihren Preisen gar nicht nachziehen, wie die Mark stürzte.
Freilich, ich war in einer bevorzugten Position. Wer konnte schon von Dollarscheinen leben?
Curt Riess, "Weltbühne Berlin" in: Rudolf Pörtner (Hg.), Alltag in der Weimarer Republik. Erinnerungen an eine unruhige Zeit, Düsseldorf 1990, S. 34 f.
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Währungsreform
Die seit November 1922 amtierende DVP-Zentrum-DDP-Regierung unter dem (parteilosen) Reichskanzler Wilhelm Cuno musste erkennen, dass der Kampf gegen die Ruhrbesetzung in den wirtschaftlichen Ruin führte; am 12. August 1923 trat sie zurück. Gustav Stresemann (DVP) bildete ein Kabinett der "Großen Koalition" (SPD - DDP - Z - DVP), verkündete am 26. September das Ende des passiven Widerstandes und leitete eine Währungsreform ein. Bei der am 15. November eingeführten "Rentenmark" (1 Rentenmark = 1 Billion Papiermark [das heißt Inflationsgeld] bei 4,2 Rentenmark für den Dollar) handelte es sich zwar um eine Übergangswährung, doch wurde sie rasch als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel akzeptiert. Außerdem schuf sie die Voraussetzung für konstruktive Reparationsverhandlungen. Am 30. August 1924 - unmittelbar vor In-Kraft-Treten des Dawes-Plans (siehe Seite 32) - erfolgte ihre Ablösung durch die goldgedeckte, im internationalen Zahlungsverkehr voll konvertierbare "Reichsmark". |
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19. März 2010
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Dossier |
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Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 55 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte? |
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Dossier: Deutsche Demokratie |
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Weitere bpb-Angebote zum Thema Demokratie
Demokratie bedeutet Herrschaft, die vom Volk ausgeht und durch das Volk in seinem Interesse ausgeübt wird. Die Einflussnahme der Bürger auf die Politik hat jedoch viele Facetten. |
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Aus Politik und Zeitgeschichte |
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1918/19
1918/19 waren Jahre des Umbruchs. Aber der Übergang von der Monarchie zur Republik prägte sich nicht nachhaltig im kollektiven Gedächtnis der Deutschen ein. Der Weimarer Republik fehlten entschlossene Demokraten – und Vertrauen in die Demokratie. |
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